Wiederkehr des Verdrängten

Arte und der WDR verweigern die Ausstrahlung eines Films über Antisemitismus

Von Manfred Riepe
10.06.2017 •

10.06.2017 • Dass der deutsch-französische Sender Arte und der Westdeutsche Rundfunk (WDR) es abgelehnt haben, den von den beiden Sendern beauftragten Dokumentarfilm „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ auszustrahlen, hat eine heftige Diskussion ausgelöst. Die Sender stehen dabei in der Kritik. Nicht zuletzt auch deshalb, weil der Film von Joachim Schroeder und Sophie Hafner bisher nicht öffentlich zu sehen war, sind Argumente über den Inhalt und die Machart des Werks selbst bislang kaum in die Diskussion eingeflossen. Eine Sichtung der 90-minütigen Produktion schafft daher erst die Voraussetzung dafür, um die Problematik der von Arte und dem WDR bis dato verweigerten Ausstrahlung (Stand: 10. Juni 2017) sachlich einzuschätzen. Es gab intern die Gelegenheit, den Film anzuschauen. Worum also geht es in diesem Dokumentarfilm? Und wie ist er gemacht?

Es geht um Antisemitismus, der – so sollte man meinen – ein Phänomen der Vergangenheit ist. Abgesehen von fanatischen Holocaust-Leugnern und Rechtspopulisten scheint es in aufgeklärten Gesellschaften wie Deutschland und Frankreich keinen systematisch verbreiteten Judenhass mehr zu geben. Schroeder und Hafner zeigen, dass das so nicht stimmt. Ihr dicht argumentierendes und trotzdem unangestrengtes Roadmovie, das Juden, Araber, Palästinenser, Franzosen und Deutsche in Berlin, Paris, Zürich, Jerusalem, Ramallah, Gaza und der im Westjordanland gelegenen israelischen Siedlung Ariel zu Wort kommen lässt, führt vor Augen, dass antisemitische Tendenzen nach wie vor Verbreitung finden. Und zwar nicht nur am braunen Rand. Beispielsweise werden, camoufliert als Israel-Kritik, antisemitische Tendenzen zum Teil auch in einem links-grünen, sozialdemokratisch-protestantischen Milieu gehegt.

Vielschichtige Argumentation

Um diese nicht eben populäre These zu untermauern, argumentiert der Film vielschichtig. Zu Beginn wird eine Ansprache aus dem Europa-Parlament zitiert, in der Palästinenserpräsident Mahmud Abbas unter dem Applaus der Europa-Abgeordneten den Jahrhunderte alten Mythos der Vergiftung palästinensischer Brunnen durch die Juden erneuert. Mit dem Ende der israelischen Besatzung, so der Tenor bei Abbas, werde der weltweite Terror enden. Martin Schulz, inzwischen SPD-Kanzlerkandidat und damals EU-Parlamentspräsident, nannte diese Ansprache „eine inspirierende Rede“.

Wie diese Art der unter anderem von Abbas verbreiteten Propaganda, wirkt, fächern die beiden Filmemacher fein ziseliert auf. Eine Menschenrechtsbeauftragte der Partei Die Linke beklagt sich vor der Kamera, die Israelis würden mit ihren Abwässern das gesamte Mittelmeer verunreinigen. Eine Frau auf dem Evangelischen Kirchentag, die ihrem Selbstverständnis nach keine Antisemitin ist, spricht mit Tränen in den Augen darüber, wie die Israelis palästinensische Kinder quälen würden. Der Film schält heraus, dass solche Reaktionen Formen eines chiffrierten Antisemitismus seien, bei dem der alte Judenhass in neuen Sprachregelungen und verschobenen Affektlagen wiederkehrt. Beispielhaft gezeigt werden junge Menschen, die so aussehen, als würden sie irgendwo in einem Berliner Start-up-Betrieb arbeiten. Vieldeutig raunen sie etwas von der jüdischen Weltverschwörung. Streiflichter auf die Pop-Kultur, bei denen zahlreiche prominente Rapper ebenso wie Bryan Adams und sogar Roger Waters von Pink Floyd sich anti-israelisch äußern, zeigen, wie ‘hip’ diese moderne Art des Antizionismus geworden ist.

Dabei macht der nuanciert argumentierende Film es sich nicht leicht. Um herauszuarbeiten, warum Rechtspopulisten, linke Aktivisten und radikale Muslime sich im Anti-Israelismus treffen, werfen die Autoren einen kritischen Blick auf jene BDS-Bewegung (BDS steht für: „Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“), die mit dem gezielten Embargo israelischer Produkte das Land wirtschaftlich isolieren will. Obwohl diese Bewegung in der unsäglichen Tradition des nationalsozialistischen Aufrufs „Kauft nicht bei Juden!“ steht, sehen ihre Vertreter sich moralisch im Recht. Israel ist in ihren Augen ein Schurkenstaat, der die Araber im Westjordanland und im Gazastreifen schlimmer terrorisiere als das südafrikanische Apartheitsregime einst die Schwarzen.

Eine womöglich verhängnisvolle These

Dieses problematische Bild, so ein medienkritischer Exkurs, wird zementiert durch die massive Subvention israelfeindlicher Organisationen. Um die dabei transportierten Mythen in Frage zu stellen, bildet das Herzstück des Films eine reportageartige Reise nach Palästina. „Niemand weltweit“, so heißt es im Off-Kommentar, „bekommt pro Kopf mehr Geld als die 4,6 Millionen Palästinenser an der Westbank und in Gaza.“ Der Film zeigt, dass mit diesen Subventionen korrupte Mitglieder der Führungsriege der islamischen Palästinenserorganisation Hamas Luxusmoscheen errichten, derweil es den Menschen auf der Straße an allem fehlt. Ein gewisses Auskommen haben jene geschätzten 30.000 Palästinenser, die in 900 israelischen Betrieben beschäftigt sind. Der BDS-Boykott, so eine bittere Pointe, gefährdet gerade die Arbeitsplätze jener Palästinenser, denen eigentlich geholfen werden soll.

Abgerundet wird der Film durch einen Blick auf die Situation in den Pariser Banlieues. Im Gespräch mit Sammy Ghozlan, einem pensionierten Polizisten, wird verdeutlicht, dass die meisten Terroranschläge in Frankreich – von der Erschießung der „Charlie-Hebdo“-Redakteure über das Massaker im Bataclan-Konzertsaal (in dem auch jüdische Veranstaltungen stattfinden) bis hin zur Ermordung des Juden Ilan Halimi im Jahr 2006 – antisemitische Wurzeln haben. Wenn man heute von den Banlieues als „verlorene Territorien spricht“, so eine weitere Grundthese, gehe es darum, „den Islamisten das Feld überlassen zu haben“.

Diese These, die in einem komplexen Gesamtzusammenhang steht, scheint dem Film zum Verhängnis geworden sein. Denn die Entscheidungsträger von Arte und WDR, der beiden Sender, die diese ambitionierte Produktion mit 170.000 Euro finanzierten, lehnen die Ausstrahlung von „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ (Preview Productions) bislang ab. Vorgeschützt werden formale Gründe. Der Film liefere nicht wie abgesprochen eine Übersicht zur Judenfeindlichkeit in ganz Europa. Er sei nicht „ergebnisoffen“ und gewisse journalistische Standards würden nicht eingehalten. In einer Stellungnahme des WDR vom 8. Juni hieß es: „Beispielsweise wird ohne Quellenangabe angeführt, dass ‘seriösen Schätzungen zufolge EU, europäische Regierungen, europäische Kirchen sowie von der EU mitfinanzierte UN-Organisationen jährlich 100 Millionen Euro Steuergelder an politische NGOs’ [= Nichtstaatliche Organisationen; MR] überweisen, die ‘überwiegend israelfeindliche Kampagnen betreiben’.“

Unbequeme Wahrheiten

Obwohl diese und anderen Zahlen in dem Film, so Autor Joachim Schroeder, belegt und dokumentiert seien, werde seitens des WDR trotzdem geprüft, „ob die Dokumentation den journalistischen Standards und Programmgrundsätzen des WDR“ entspreche. Um diese Argumentation zu stützen, wird mit Sabine Rollberg, die als Arte-Beauftragte des WDR den Film ohne Beanstandung abgenommen hatte, nun eine verdiente Journalistin quasi als Bauernopfer öffentlich an den Pranger gestellt. Die rein formal argumentierende Ablehnung des Films überzeugt indes nicht. Selbst wenn im Detail Zahlen korrigiert werden müssten, wäre davon die Grundaussage dieses Dokumentarfilms nicht betroffen. Es hat den Anschein, als wären die Entscheidungsträger der zuständigen Sendeanstalten ziemlich überfordert.

Dazu, warum Arte die Ausstrahlung verweigerte, schrieb Elisa Makowski am 19. Mai 2017 in „epd medien“ in einem längeren Artikel über den Fall, dass Marco Nassivera, Arte-Direktor der Hauptabteilung ‘Information’, darauf hingewiesen habe, dass es sich hier um ein sensibles Thema handele und die französische Abteilung des Senders eingezwängt sei zwischen islamischer und jüdischer Lobby. Im Gegensatz zur routinierten Berichterstattung über Antisemitismus, die in den Medien ein Selbstläufer zu sein scheint, bringt dieser Film auf eine unerwartet präzise Weise unbequeme Wahrheiten im Sinne einer Wiederkehr des Verdrängten ans Licht. Landläufige Deutungshoheiten, die den Islam und die Palästinenser mit einer multikulturellen Betroffenheitskultur in Schutz nehmen, werden von den beiden Autoren in Frage gestellt.

Der Film – der trotz kritischer Anmerkungen in Zusammenhang mit seinem Thema etwa zu Aktivitäten der evangelischen Kirche in keiner Weise ‘antiprotestantisch’ ist – macht es sich nicht einfach: Er bezieht eine immense Fülle von Aspekten aufeinander, die gemäß den gegenwärtigen Sprachregelungen der Berichterstattung sonst immer nur isoliert betrachtet werden. Selbst wenn man als Zuschauer nicht mit jedem einzelnen Argumentationsschritt übereinstimmen sollte, muss man doch den mutigen Entwurf dieses lebendig gemachten und kurzweiligen Dokumentarfilms anerkennen. Diskutieren kann man danach immer noch – allerdings nur, wenn man ihn auch ausstrahlt.

10.06.2017/MK
Zuerst verweigerten Arte und der WDR die Ausstrahlung, dann, am 21. Juni 2017, wurde der Film aber doch von den Sendern ausgestrahlt, allerdings in einer kommentierten Fassung, was ein einmaliger Vorgang war Foto: Screenshot