Noam Brusilovsky: Woran man einen Juden erkennen kann. Eine Untersuchung (Deutschlandfunk)

Dekonstruktion von Klischees

26.09.2016 • Es ist noch nicht allzu lange her, da wurden im aufgeklärten Abendland antisemitische Klischees in den Rang einer Wissenschaft erhoben. Schon vor der Nazi-Zeit wurde ‘gelehrt’, wie Juden aussehen – oder besser gesagt: auszusehen haben. Denn um Juden dem Schema der ‘Rassenkunde‘ unterordnen zu können, musste aus der ethnisch so diversen Weltreligion des Judentums eine homogene ‘Rasse’ gemacht werden. In dieser antisemitischen Ideologie entstand – evidenzfrei, dafür aber normativ – das pseudowissenschaftliche Stereotyp des jüdischen Körpers. Mit diesem bösmeinenden Phantasiekonstrukt setzt sich Noam Brusilovsky in einem Hörspiel „Woran man einen Juden erkennen kann“ auseinander.

Das Stück basiert auf Brusilovskys gleichnamiger Theaterarbeit aus dem Jahr 2015 und entstand aus dem Kooperationsprojekt des Deutschlandfunks (DLF) und der in Berlin ansässigen Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Wie auch die anderen Hörspiele aus dieser Zusammenarbeit wurde „Woran man einen Juden erkennen kann. Eine Untersuchung“ mit der früheren langjährigen DLF-Hörspielchefin Elisabeth Panknin als Mentorin entwickelt. Regie führte der Autor selbst.

In der knapp 45-minütigen Hörcollage trifft der Hörer auf zwei Ebenen. Eine besteht in der Vergegenwärtigung der alten Klischees. Beispielhaft hierfür kann die immer wieder zitierte antisemitische Erzählung „Der operierte Jud’“ von Oskar Panizza herangezogen werden. Hier macht Panizza einen Juden namens Itzig Faitel Stern zum Betrachtungsgegenstand des nicht-jüdischen Ich-Erzählers. Die Geschichte handelt von der durch den Erzähler empfohlenen Operation Sterns, durch die die als negativ beschriebenen körperlichen Eigenschaften eliminiert werden und so eine Assimilierung an den ‘germanischen Körper’ erfolgen soll. Genussvoll beschreibt Panizza die schmerzhaften medizinischen Prozeduren, die am Ende doch fruchtlos bleiben. Panizza zeigt sich als Antisemit und zieht das Fazit, ein Jude bleibe immer ein Jude.

Auf der anderen Ebene des Stücks nehmen sich sechs jüdische Schauspieler – Dor Aloni, Nico Delpy, Jaron Löwenberg, Eve Slatner, Deleila Piasko und Joey Zimmermann – diese Klischees vor, um sie mit ihren eigenen Körpern abzugleichen. Und was kommt heraus bei dieser Untersuchung (hier erklärt sich auch der Untertitel des Hörspiels)? Ein Schauspieler findet nach eigener Einschätzung einige Übereinstimmungen, ein anderer nur wenige, noch ein anderer gar keine. Interessant ist neben der hier über Erzählung vermittelten, sehr unterschiedlichen Körperlichkeit mit den Angaben zum Aussehen der Schauspieler auch, was sie über die religiösen und kulturellen Aspekte ihrer jüdischen Identität zu berichten haben. Zum jüdischen Körper ‘an sich’ sagt einer der Befragten schließlich, dass es ihn nicht gebe.

Von dieser Tatsachenfeststellung wird in Brusilovskys Stück „Woran man einen Juden erkennen kann“ der Bogen gespannt zur Beschäftigung mit der antisemitischen Paranoia, dass sich Juden nicht zu erkennen geben, dass sie sich ‘verbergen’ würden – ein Topos, der auch in modernen Verschwörungstheorien beliebt ist.

Das Hörspiel hat allerdings auch komische Aspekte. Einer davon besteht etwa in der Form, wie die antisemitischen Thesen präsentiert werden. Hier stehen die Aneignung und das Vorführen im Zentrum und verfehlen ihre humorvolle Wirkung nicht. Die düstere Metaebene dabei ist, so schwingt zwischen den Zeilen mit, dass nach dem Holocaust eine Beschäftigung mit dieser Ideologie weitgehend ausblieb – zugunsten der Verdrängung. Das Hörspiel „Woran man einen Juden erkennen kann“ stellt diese Themen jedoch mutig zur Diskussion und ist ein wunderbares Stück zur Dekonstruktion von Klischees.

26.09.2016 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 23/2018

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