Ulla Lachauer: Die Moschee am Bahndamm – Muslimische Roma in Düsseldorf. Feature (Deutschlandfunk)

Mit größter Empathie Zugang gefunden

26.08.2015 •

26.08.2015 • Muslimische Roma sind in doppelter Weise markiert hierzulande: als Roma, als Muslime. Ulla Lachauer hat sie uns in ihrem Sitten- und Kunstgemälde über die „Moschee am Bahndamm“ so sympathisch vorgestellt, dass man sie danach gern selbst besuchen möchte. Ein Wagnis ist die Autorin eingegangen, das voll aufgegangen ist. Wir mögen das in Deutschland, wenn jemand Deutsch nicht so grammatisch korrekt spricht, wir mochten das schon beim Showmaster Rudi Carrell und bei der TV-Reporterin Franca Magnani; in diesem Deutschlandfunk-Feature aus der Reihe „Ortserkundungen“ mögen wir das beim Imam Imer Ajdini. Und er wird im O-Ton so gewinnend eingespielt: „In Skopje, ich komm von Hauptstadt, wo wir haben geleben oder wo war unsere Haus waren viele Mazedonier da. Das war sehr gut, wenn der Ostern bei den Christen kommt, dann haben wir bei unsere Haus Eier gemacht.“

Die Autorin hat hier mit der allergrößten Empathie Zugang gefunden. Die Moschee liegt in Düsseldorf-Lierenfeld, es gibt sie hier erst seit zwei Jahrzehnten. Und, wie es bei einfachen Gläubigen so ist und wie man es auf der Welt überall erleben kann: Manche Gemeindemitglieder, erzählt Lachauer, „sind auch dem Christengott zugetan“. Sie lieben das Osterfest und seine Bräuche. Sie feiern gar Mariä Himmelfahrt, besuchen am 15. August die heilige Jungfrau im Kölner Dom oder pilgern ins belgische Banneux wie einst nach Letnica, in den Marienwallfahrtsort im Kosovo, nahe der Grenze zu Mazedonien: „Ein fröhliches, Religionen verbindendes Volksfest.“ Im Prisma dieser sehr lebendigen Gemeinde, in der der Imam auf Romanes predigt, wird vieles erzählt über die Tragödie der Identifizierungen. Oder genauer gesagt: die Tragödie, wenn die Identifizierung zusammenbricht. In dem Gebiet, was wir heute Balkan nennen, gab es früher den Staat Jugoslawien, das Reich seines Gründers Tito. Dort waren damals erst einmal alle Jugoslawen. Später dann mussten sie sich für etwas anderes entscheiden. Zigeuner waren sie, in Deutschland durften sie auch das nicht mehr sein, weil es eine politische Korrektheit gibt, die das Wort verbietet, das auf dem Balkan noch im Gebrauch ist.

In der Düsseldorfer Moschee erlebt die Autorin Aufbruch: Schulung, Professionalisierung, sie möchte sagen „Re-Islamisierung“. Wäre das Wort nicht schon belastet, hier würde er gut passen: In dem wörtlichen Sinne, „dass Muslime ihren Glauben wiederfinden“. Der Imam sei im Deutschen kein Held, aber ein Meister des gesungenen Gebets. Die Autorin gesteht, von den arabesken Rezitationen ergriffen zu sein, die durch ihre Träume wandern – ebenso wie der Zug, der wie ein Tonus rectus durch das Feature zieht – immer wieder unterbrechen Zuggeräusche die Gebete, Gesänge und Meditationen in der Roma-Moschee.

Sami Demailovski, ein Mitarbeiter der Moschee, sagt über die Frage der Identifizierung: „Ich bin ’nen Mensch, der aus Jugoslawien stammt, der nach Deutschland gekommen ist, der sich mit dieser Kultur auch identifiziert. Ich bin auch ein Osmane“ – wie alle, die aus diesem Balkan kommen, immer noch irgendwie Osmanen sind. Und er sagt: „Ich bin ein Düsseldorfer. Ich bin ein Fortuna Fan. Und ich bin ein Europäer. Ich bin so vieles.“ Dass man auf das eine reduziert wird, auf die Ethnie Roma, findet er „nicht okay“. Und er interpretiert das klug: Man will ihn damit, mit der ethnischen Zugehörigkeit, verletzen, weil man denke, „Roma sein, Zigeuner sein, wie man früher gesagt hat“, sei „was Negatives“. Ein anderer, Kamber Rustemowski, ist Geschäftsmann, muss auch noch aus der Defensive sprechen: „Wir zahlen unsere Steuer, wir haben Familien. Wir sind sesshaft. Wir haben Häuser. Wir haben Geschäfte. Wir haben ein soziales Leben, wo wir integriert sind. Warum sollen wir uns dafür schämen?“

In der Moschee hört die Autorin bei ihren Besuchen Geschichten aus einer Welt, „die sozial äußerst heterogen war“. Es gab die Schmiede, die Pferdehändler und die Nachfahren der Kenefci, die in der Vergangenheit die Latrinen leerten. Aber jetzt gibt es eine große Vielfalt. Es gibt auch nicht mehr die eine Sprache, sondern mehrere Dialekte. Die muslimischen Roma kommen von weit her nach Düsseldorf in ihre einzige Moschee, die eine enorme Bindekraft hat. Der Imam ist die große Autorität. Die vielen Berichte in den Medien über Roma aus Rumänien, die als Menschen geschildert werden, die betteln, stehlen und Schlimmeres tun, beunruhigen die Düsseldorfer Roma-Gemeinde. Und dann die allgemeine Angst vor den Muslimen: erst der 11. September 2001, dann im Januar 2015 in Paris der Anschlag auf die Redaktion der Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“. Ulla Lachauer fasst zusammen: „Ein muslimischer Rom zu sein, ist in diesen Tagen so ziemlich das Schwierigste, was man sich vorstellen kann.“

26.08.2015 – Rupert Neudeck