„Ihr lügt ja alle“

Beobachtungen zum Wandel im Verhältnis zwischen Medien und Öffentlichkeit

Von Dieter Anschlag

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09.03.2016 • Die Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands (GKP) veranstaltete am 2. November 2015 in München ein Symposium zum Thema „Der Klick zum Kick: Journalistische Ethik im digitalen Zeitalter“. Als einer der Referenten hielt auf der Tagung MK-Chefredakteur Dieter Anschlag den folgenden, für den Abdruck leicht überarbeiteten Vortrag mit dem Titel „‘Ihr lügt ja alle!’ Beobachtungen zum Wandel zwischen Medien und Öffentlichkeit“. • MK

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VORBEMERKUNG

Was sind heute die Medien? Und wer ist die Öffentlichkeit? Lange galten ja die publizistischen Medien als Kern der Öffentlichkeit, sie waren die veröffentlichte Meinung. Nicht zu verwechseln mit dem problematischen Begriff von der „öffentlichen Meinung“. So wie ich es für das Thema dieses Symposium verstanden habe, ist mit Medien das System der etablierten Medien gemeint, also der professionelle und privilegierte Journalismus, auf welchen Wegen auch immer er verbreitet wird.

Dieser von großen Teilen mittlerweile als paternalistisch empfundene Journalismus sieht sich, weil es heute durch den gigantischen kommunikationstechnischen Umbruch via Internet ohne große Kosten möglich ist, einer – allerdings weiterhin dispersen – neuen Öffentlichkeit gegen­über, die sich, über die Möglichkeiten der sogenannten sozialen Medien, immer stärker selbst äußert und damit eine offenbar emanzipiertere Position einnimmt. Diese Öffentlichkeit ist zugleich auch jeder Einzelne, der früher, weil ihm die entsprechenden Möglichkeiten fehlten, von der massenmedialen, publizistischen Mitwirkung ferngehalten wurde – von den „Leserbriefen“ einmal abgesehen.

Im Grunde geht es also um das Verhältnis zwischen etablierten Medien, die in der Regel auch ein Verkaufsprodukt sind, und elektronisch geäußerten privaten, unabhängigen Meinungen und Nachrichten, die dem etablierten System gegenüberstehen, aber eben auch so etwas wie eine Medienmeinung, eine öffentliche Meinung sind. Und es geht darum, wie die Rezipienten, die Leser, Hörer, Zuschauer oder einfach User, wie sie heute genannt werden, unter diesen neuen, diesen veränderten Bedingungen mit den medialen Angeboten des Absenders, des Kommunikators umgehen.

Das ist der – hier nur kurz skizzierte – Hintergrund für die folgenden Beobachtungen und durchaus unvollendeten Überlegungen, die ich zu dem Thema angestellt habe, das die Überschrift dieses Textes vorgibt, die nicht von mir stammt, sondern vom Veranstalter des Symposiums formuliert wurde. Insbesondere der Haupttitel ließ sich als zugespitzte Assoziationsanregung verstehen, soll dabei aber in seiner Zuspitzung das Thema der Veranstaltung vereinnahmend den Kick zum Zuhörenwollen (und hier nun: zum Lesenwollen) bringen.

MIKROMEDIENIMPERIEN

Der Online-Leser, der Klicker, der soziale Netzwerker baut sich sein eigenes kleines Medienimperium und glaubt die Welt in der Tasche zu haben. Das könnte ein Schritt zur Mündigkeit sein, zur Selbstaufklärung, wenn man es optimistisch sieht. Allerdings entgleiten diese Mikromedienimperien, sie haben die Tendenz, sich für absolut zu halten. Paradox genug kehrt dadurch ein feudalistisches Element zurück, was längst aus der Öffentlichkeit verbannt zu sein schien: Jürgen Habermas hatte in seiner politikwissenschaftlichen Habilitationsschrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962) beschrieben, wie bürgerliche Medien die Bürgerlichkeit begründeten, erst eine gültige Öffentlichkeit schufen und die feudalistischen Öffentlichkeitskulturen ablösten. Nun jedoch kehrt ein feudales Element zurück: Jeder Blogger ein Fürst, jeder User ein Sonnenkönig. Verquer genug, dass viele dieser kleinen Könige sich der Rhetorik der Revolution bedienen, wenn sie sagen:

Ihr da oben lügt, wir hier unten wissen’s wirklich. Wir haben die Welt in den Händen, weil wir sie gegoogelt haben, weil wir selbst recherchiert haben, weil wir näher dran sind, weil ihr nicht länger Wissensprivilegierte seid. Wir sind keine Journalisten, wir sind die Bürger, die wissen. Wir wissen, dass die Journalisten uns, unser Wissen verhindern wollen. Aber jetzt ist unsere Mündigkeit eure Ohnmacht, ist die Auflösung eurer Existenz. Die Wahrheit steckt nicht in der Struktur, im hegemonialen Online-Portal, das nur von Journalisten betrieben wird, das Wissen steckt in mir, in uns, in unseren Klick-Aktivitäten, die die Welt beschreiben, wie sie wirklich ist, wir setzen uns die Welt selbst zusammen, aus vielen kleinen Puzzleteilchen, wir gehen auf schmalen Pfaden, die nicht jeder kennt, wir haben Freunde, die haben Freunde, deren Freunde wissen, wie es läuft. Wir sind authentisch.

Die Klicker, die Inhaber der Mikromedienimperien, sie glauben stets, mit der Summe ihrer Klicks hinter die Bilder und Berichte der etablierten Medien zu blicken, übersehen dabei aber geflissentlich und fahrlässig, dass sie selbst nur Medien sind, Medien nutzen, bedienen, herstellen. Es gibt eine uralte Sehnsucht der Menschen, hinter die Bilder zu schauen und die wirkliche Wirklichkeit zu entdecken. Dieses Bedürfnis scheint jetzt endlich am heimischen Computer gestillt werden zu können, man klickt im Internet das, was das eigene schon bestehende Weltbild bestärkt, man klickt eher weniger das, was einem falsch und fremd vorkommt, man will sich selbst bestätigen und verwechselt sich selbst mit der Welt. Das Ganze geht dann auch in die andere Richtung: Man veröffentlicht, postet, bloggt das, was das eigene Weltbild bestärkt und die anderen ja angeblich nicht schreiben, und setzt dem das Eigene entgegen. Was natürlich nicht illegitim ist. Denn die legacy media, wie es inzwischen im angelsächsischen Sprachraum heißt, machen es mit ihren offenkundigen Interessenverflechtungen auch nicht immer einfach, sie zu verteidigen.

INTERNET ODER DIE GESCHICHTE DER GARAGENKIDS

Die Geschichte des Internets ist, obwohl das Internet längst von großen Servern beherrscht wird – die Jaron Lanier „Sirenenserver“ nennt –, eine Geschichte der Garagenkids. Jemand bastelt und frickelt etwas zusammen und, schwups, schon ist er berühmt und das Medienimperium ist gigantisch.

Im Kleinen versucht das Publikum diese Erfolgsgeschichten zu wiederholen, aus dem Nichts zum Alles. Längst sind die Garagenkids die wahren Monopolisten geworden, für die die bekannten amerikanischen Namen stehen, Google, Apple, Facebook & Co.; doch ihnen hängt seltsamerweise noch immer die Aura des Aufbegehrens, des jungen Start-ups an. Mythen. Warum misstraut man diesen Monopolisten nicht stärker? Stattdessen misstraut man eher noch mehr den etablierten Medien, die wahlweise als „Staatsmedien“ („Staatsrundfunk“) oder als – der Verunglimpfungsbegriff der Stunde – „Lügenpresse“ wahrgenommen werden. Diesen Medien gegenüber wird der User nun zum Goliath, der keine Schleuder mehr braucht, sondern mit Klicks attackiert, mit Kommentaren, mit Likes oder Dislikes, mit Shitstorms oder mit Trollverhalten. Die Struktur der etablierten Medien an sich wird als lügenhaft, als Schein wahrgenommen. Der Korrespondent, der Moderator, der Experte, der Redakteur, der Journalist – sie alle sind Verdachtsfiguren, weil sie ja vom System bezahlt werden, auf der Payroll stehen.

Die Klicks und Kicks im Internet sind stärker emotionsgebunden und wenn man mit einem Algorithmus genau untersuchen würde, wer wann und warum welchen Artikel anklickt, dann würde man vermutlich herausfinden, dass wir allesamt auf emotionale Gratifikation hoffen, auf emotionalen Kitzel. Alles wird weltweit zugriffsbereit, was früher verborgen war. Was bildlos war, erhält jetzt ein Bild, eine Schlagzeile, ein Handyvideo, einen kleinen Netzauftritt, geeignet zum emotionalen Verzehr, der nächste Aufreger biegt um die Ecke, das System füttert einen permanenten Alarmismus, eben die „nervöse Zone“ – ist das glaubwürdiger?

SPEED-ZUGRIFF: KLICK AN KLICK

In der digitalen Ära verschmelzen Information und Entertainment stärker als jemals zuvor. Ob über Smartphone, Tablet oder PC – der User vernetzt seine Routinen, er lädt seine privaten Fotos ins Netz, er teilt bei Facebook oder Twitter, er ist rund um die Uhr erreichbar, er unterhält digitale Archive, er holt sich die Fernsehserien mit Netflix ins Haus und ins Gemüt.

Der Mensch selbst wird zur digitalen Schnittstelle, eine mediale Ermächtigungserfahrung mit paradoxen Effekten: Das Subjekt erfährt sich als selbstmächtiger als früher und zugleich als ohnmächtiger als früher, denn jeder ist bald mit jedem verbunden, und wenn das Netz weg ist, ist ein Teil des Selbst weg.

Wenn es aber gut läuft, läuft es gut, dann reiht sich Klick an Klick und die Welt rückt dem Subjekt ziemlich dicht auf die Pelle, auf die Haut, obwohl doch immer digitale Distanzen dazwischenliegen. Das digitale Subjekt ist ständig auf der Suche nach Authentizitätserfahrungen im Netz und stellt dabei fest, dass genau das immer schwieriger wird, denn wo alle authentisch sein wollen, ist es bald niemand mehr.

Die subjektiven Authentizitätserfahrungen, die subjektive Objektivität und die Objektivität der Nachrichtenmedien passen immer weniger zusammen, denn – der User selbst ist die Nachricht. Auch deshalb glauben immer mehr Menschen mit Blick auf die Medien, die Anderen: „Ihr lügt ja alle.“ Denn wenn der Mensch, der User, der digitale Nutzer sich selbst als die eigentliche Nachricht begreift, sich und seine eigenen Wünsche, dann fällt es schwer, die Nachrichten der anderen zu akzeptieren. „Ihr lügt doch alle! Was hat das mit mir zu tun?“ Die digitalen Identitäten laden dazu ein, das eigene Gefühl mit Geschichte, die eigene Wunschlandschaft mit der Welt und das Eigeninteresse mit Politik zu verwechseln. Selbstbezogenheit, Selbstverliebtheit, Eitelkeit verstellen den Blick. Das Internet, dieses Allroundmedium mit dem Wissen und dem Kommerz der Welt, dieses „Übermedium“ (Lutz Hachmeister), dessen Folgen, weil es noch so jung ist, strukturell noch gar nicht abzuschätzen sind, es ist auch der wahre Jahrmarkt der Eitelkeiten.

Wir befinden uns in einer digitalen Erregungsarena, Empörungsarena, wo die Themen wie Boliden durch die Arena brausen. Und der Schwarm der Leser und User folgt. Denn was zählt ist: der Schwarm, die Masse der Klickenden. Eben noch war diese Enthauptung akut, plötzlich ist es jener tote Flüchtlingsjunge am Strand; da stürzt ein Flugzeug ab, plötzlich entkommen zwei Tiger aus einem Zoo, töten zwei Menschen und werden erschossen; eine Granate explodiert, ein Selbstmordattentäter sprengt sich in die Luft, Messer werden gezückt, ein Showmaster wird des Kindesmissbrauchs überführt. Themen werden nicht mehr diskutiert und analysiert, sie werden erlitten, empfunden, gehypt – alles mit dem Ziel, dem User durch den Klick den Kick zu geben.

Die Verlage, die Anbieter, die Online-Medien werden, sofern sie der Marktlogik folgen, immer wieder die Themen auflegen, die hohe Klickzahlen haben. Somit ist grundsätzlich und mehr denn je die Tendenz zur Boulevardisierung der Themen gegeben. Viel vom selben statt viel Verschiedenes, more of the same statt Vielfalt.

Der Online-Leser, der Online-User nimmt sich für die Lektüre eines Online-Artikels weniger Zeit als die Papierleser, der User will Kürze, Prägnanz, Dynamik – entsprechend werden die Artikel konzipiert. Doch einige und nicht die wenigsten Themen widersetzen sich einem solchen Speed-Zugriff. Und: Die Klick-Logik nivelliert die Relevanz der Themen. Alles zählt, alles ist gleich wichtig.

GEFAHREN DER HYPERINFORMATION

Der digitale User erfährt, erleidet, sucht den permanenten Informationsbeschuss, der User befindet sich stets in den Zonen der Hyperinformation – das bringt Gefahren mit sich, natürlich. Sie zu benennen, ist fast schon, als trüge man Eulen nach Athen, doch man soll nicht müde werden, bestimmte Eulen nach Athen zu tragen, deshalb seien Gefahren der Hyperinformation an dieser Stelle noch einmal benannt:

• das Bewirken des gegenteiligen Effekts, das heißt, aufgrund von Überinformation entsteht ein Informationsdesinteresse;

• das Verwechseln von Information mit Wissen und Bildung;

• Informationssucht, die immer stärkere Dosen an (Pseudo-)Information benötigt, um das eigene Aufmerksamkeitslevel zu halten, Stichwort: Informationsjunkies;

• der wachsende Eindruck, Informationen seien Fiktionen;

• der Eindruck, Informationen stünden stets im Dienst des Konsumenten, also des Adressaten, obwohl sie in Wirklichkeit nur dem an ökonomischem Profit interessierten Absender dienen;

• Informationen werden absichtsvoll so bearbeitet, dass sie Gefühl und Aufmerksamkeit erregen;

• Informationen, die kein Erregungspotenzial besitzen, werden aussortiert; und schließlich;

• Informationen verdichten sich nicht, sondern sie zersetzen sich wechselseitig.

JOURNALISMUS HEUTE

Inzwischen kann man den Ansehensverlust von Journalisten fast vergleichen mit dem Ansehensverlust von Bankern und Konzernvorständen. Es gibt einen Bedeutungsverlust traditioneller Medienunternehmen gegenüber den neue Wissens- und Datenkonzernen wie Google, Apple, Facebook – die Namen fielen schon – oder Amazon, Netflix, Ebay, Twitter, um die Liste fortzusetzen. Und es gibt eine wachsende US-Dominanz gegenüber den nationalen Medienkulturen, eine tendenzielle Dominanz von Distribution und Aggregierung gegenüber Inhalteproduktion und Journalistik, die nunmehr funktional als „Content“ betrachtet wird. Es gibt ein entsprechend verändertes Mediennutzerverhalten, ein radikal geändertes. Was also tun? Nur drei Wörter, aber eine schwierige Frage. Also:

• Journalismus heute muss sich, will er überleben, vom Konformitätsdruck der internetspezifischen Kommunikation absetzen und differenzierende Weltbetrachtungen vorlegen. „Das Netz“ hat paradoxerweise die Tendenz, Meinungen „gleichzuschalten“, schwer haben es hingegen Meinungen und Ansichten, die ungewöhnlich sind, die abweichen oder komplexe Haltungen einnehmen, die Nische sind und nicht Mainstream.

• Journalismus heute muss wider die „Agonie des Realen“ (Baudrillard) arbeiten, das heißt gegen den Trend, gegen die Entwicklung, dass die Hyperinformation alles Reale verwandelt ins irgendwie Digitale, ins weit Entfernte, ins Virtuelle. Journalismus muss die Lust auf Wirklichkeiten schüren, so sehr das „Wirkliche“ auch umstritten sein mag.

• Journalismus muss die Netzexplosionen auch relativieren können, Shitstorms in ihrer Bedeutungslosigkeit oder Bedeutung deuten, er muss der meinungsfreudigen Aggression vieler Netzwerker mit fundierter Sachlichkeit begegnen.

• Journalismus heute muss den feudalistischen Tendenzen im Netz entgegenwirken, muss den Absolutheitsansprüchen der einzelnen digitalen Wölfe ebenso etwas entgegensetzen wie auch auf der anderen Seite dem digitalen Neo-Kapitalismus. Allianzen zwischen Springer und Facebook tragen dazu eher nicht bei.

• Journalismus heute muss die Zeit neu erfinden, die Zeit stillstellen, zeigen, dass die permanente Dynamik, die forcierte Info-Raserei nirgendwohin führt, Journalismus muss abbremsen. Sicher, der Journalismus ist ganz wesentlich eine Tätigkeit, die von der Technik beeinflusst wird, die wiederum die Aktualität ermöglicht. Dies ist eine unabänderliche Grundlage des journalistischen Berufs und dies zu negieren, wäre irrealistisch. Technischer Fortschritt lässt sich bekanntlich nicht zurückschrauben. Früher waren Druckerpresse und Telegrafie technische Instrumente des Journalismus, heute ist es das Internet. Das eine wie das andere hat für informationelle Beschleunigung gesorgt – und Aktualität ist ja nichts Negatives. Ist es ein Widerspruch, wenn nun an dieser Stelle Entschleunigung gepredigt wird? Sagen wir es so: Manche Widersprüche muss man auch aushalten.

• Journalismus muss, in diesem Zeitalter des rasenden Stillstands, am Gestern, Heute und Morgen arbeiten und nicht dem betäubten Augenblick zuarbeiten; es gilt nicht, die Sensation des Moments zu schaffen, das Klick-Abenteuer, vielmehr gilt es, die Menschen an ihre verschiedenen Zeitverhaftungen, ihre historischen Standorte zu erinnern.

• Journalismus heute muss mehr denn je die Spreu vom Weizen trennen, das Wichtige vom Unwichtigen, das Substanzielle vom Banalen, das Ethische vom Unethischen. Das klingt vielleicht ein wenig nach Anti-Journalismus, ist aber vielleicht die Aufgabe des Journalismus der Zukunft.

• Journalismus heute muss dem Autor die Möglichkeit geben, Autor zu sein, Stimme, wiedererkennbarer Sound, Geist.

• Der homo digitalis neigt zur Weltfresserei, Weltvöllerei, er schlägt sich ohne Unterlass den Kopf und Magen voll mit Weltbild und Weltbild, gleichzeitig macht er kaum noch reale Erfahrungen, die diesen Welthunger stillen, diesen Erfahrungshunger. Guter Journalismus bringt die Welt in die Reichweite des Lesers, ohne gleichzeitig das Verlangen nach noch mehr Weltfresserei zu wecken.

Hans Joachim Friedrichs wusste, was guten Journalismus ausmacht: „Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein.“ Der digitale Erregungs- und Empörungsjournalismus hingegen gräbt sich selbst das Wasser ab, wenn er zwischen sich und dem Gegenstand nicht mehr unterscheidet, wenn er emotionale Beteiligung verlangt oder Applaus, statt Anstrengung und Analyse. Guter Journalismus baut darauf, dass der Leser oder Hörer oder Zuschauer oder von mir aus auch der User mitarbeitet und mitvollzieht, dass er sich selbst eine Meinung, eine Haltung bilden will. Guter Journalismus befähigt seine Kunden zum Selbstdenken. Strategien zur Emotionalisierung des Kunden sollte der Journalismus vermeiden, sie behindern eher den Zugang zu komplexen Weltbildern.

09.03.2016/MK

Print-Ausgabe 25-26/2018

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