Manipuliert. Mit Sascha Lobo (ZDFneo/ZDF)

Der digitale Bauernfänger

08.06.2017 •

Das Internet und die sozialen Netzwerke, so scheint es, haben auch eine neue Wut- und Hasskultur entstehen lassen. Dies hat unter anderem damit zu tun, dass Affekte erzeugt werden, die auf einer unterschwelligen Manipulation basieren, die den Mediennutzern weitgehend verborgen bleibt. Wer sich bei seiner politischen Meinungsbildung vorwiegend auf Portale wie Facebook stützt, dem werden dank trickreicher Algorithmen tendenziell nur genehme Informationen zugespielt. Abweichende Meinungen werden somit immer seltener zur Kenntnis genommen. Experten bezeichnen eine solche selektive Nutzung des Internets als „Filterblase“ bzw. als „Echokammer“ – weil hier nur die Stimmen laut werden, die die eigene vorgefertigte Meinung widerspiegeln.

Da das weltweite Netz trotzdem eine sinnvolle Erfindung ist, ergibt sich das Problem, wie man es nutzen kann, ohne von ihm manipuliert zu werden. Diese Frage stellt der Internet-Experte und Blogger Sascha Lobo in der ambitionierten einstündigen ZDFneo-Sendung „Manipuliert“ (Produktion: Doclights). Unter seiner Leitung erklärten sich acht geladene Kandidaten bereit, ihr Online-Nutzungsverhalten im Rahmen einer Art Quizshow auf den Prüfstand zu stellen. Zum Warmwerden wurden den Studiogästen banale Bilder von Früchten präsentiert, zu denen sie per Knopfdruck eine Meinung kundtun sollten: Mag ich das Bild oder mag ich es nicht?

Der Psychotest hat einen doppelten Boden, denn die präsentierten Motive waren dem Anschein nach von vorangegangenen Betrachtern bereits bewertet bzw., wie es im Facebook-Jargon heißt, „geliked“ worden. So verwunderte es nicht, dass die Mehrheit der Probanden im Studio, das sich übrigens im ehemaligen DDR-Rundfunkgebäude befand, ihre eigene Meinung nach der Mehrheit der „Likes“ richtete. Der Mensch, so eine in der Sendung demonstrierte These, neige dazu, sich wie ein Herdentier zu verhalten. Mit dem Triumph eines Zauberkünstlers, dem ein verblüffender Trick gelungen ist, klärte Sascha Lobo seine Kandidaten nun darüber auf, dass die den Bildmotiven zugeordneten Bewertungen alle manipuliert waren. Damit war zugleich die persönliche Meinung der Teilnehmer gesteuert.

Das harmlose Beispiel diente dem Moderator als Paradigma, um zu veranschaulichen, wie es im Internet zur Manipulation der politischen Meinungsbildung kommt. So bringt es beispielsweise die rechtspopulistische Partei AfD, obwohl sie kaum 25.000 Mitglieder zählt, bei Facebook auf stattliche 321.000 Likes – also auf mehr als SPD und CDU zusammen. Diese beiden Parteien kommen insgesamt nur auf 270.000 Likes, obwohl sie zusammengerechnet mehr als eine Million Mitglieder haben. Aufgrund mangelnder Transparenz, so ein Zwischenfazit der Sendung, spiegeln soziale Netzwerke zuweilen falsche Mehrheitsverhältnisse wider, denen ahnungslose Nutzer aufgrund ihres Herdentriebs bedenkenlos folgen.

Im nächsten Schritt versuchte Lobo zu demonstrieren, welche Hassreden aufgrund solcher fiktiven Mehrheiten verbreitet werden. Dazu bezog er sich auf einen Skandal, über den er allerdings verschwieg, dass er zum Beispiel auch bereits in der ARD-„Tagesschau“ oder im Medienmagazin „Zapp“ des NDR Fernsehens aufgegriffen worden war. Es ging um ein Foto, auf dem zu sehen ist, wie eine Gruppe indischer Frauen sich neugierig und erstaunt über einen kleinen blonden Jungen beugt. Das Bild war von der erzkonservativen CDU-Politikerin Erika Steinbach Ende Februar 2016 bei Twitter gepostet worden und sie hatte es dabei mit dem provokativen Slogan versehen: „Deutschland im Jahr 2030“.

Um zu verdeutlichen, welche Auswirkungen Filterblasen und Echokammern in der alltäglichen Wirklichkeit haben, hatte Sascha Lobo sich nun für einen in der Sendung eingespielten Beitrag von der Kamera begleiten lassen, während er dieses Foto auf der Straße mal politisch linken und mal rechten Demonstranten zeigte. Während die Ersteren es als Indiz für multikulturelle Vielfalt interpretierten, sahen diejenigen, die in rechten Echokammern leben, das Foto als Sinnbild für die drohende Überfremdung Deutschlands.

Als besonderer Clou wurde nun gezeigt, wie einer der Kandidaten, der als umtriebiger AfD-Blogger geoutet wurde, freimütig einräumte, er stelle pro Tag bis zu hundert solcher Botschaften ins Netz. Ein politischer Austausch mit diesem Mann fand in der Sendung nicht wirklich statt. Er diente hier als lebendiger Beweis dafür, wie „einzelne aktive User gefühlte Mehrheiten generieren können“. Dementsprechend verkündete Sascha Lobo die zentrale Pointe der Sendung: „Die rechten Parteien haben sehr viel besser verstanden, wie das Netz funktioniert.“

Das Internet als Forum für trickreiche Rechtspopulisten, die aufrechten Bürgern Sand in die Augen streuen? Hinter dieser Grundthese kann man ebenso ein Fragezeichen notieren wie hinter der Machart der ganzen Sendung. So ist „Manipuliert“ eine Fernsehsendung, genauer gesagt: ein sogenanntes Social-Factual-Format, welches das digitale Medium Internet mit analogen, fernsehspezifischen Bildern zu erklären versucht. Um beispielsweise zu zeigen, wie der Herdentrieb funktioniert, wurde ein schwarzweißer Einspielfilm mit Ausschnitten aus einer US-amerikanischen TV-Produktion aus den 1950er Jahren gezeigt, ein Vorbild für das auch hierzulande populäre Format der „Versteckten Kamera“. Zu sehen war ein Mann, der nicht ahnt, dass alle um ihn herum im Fahrstuhl Schauspieler sind. Diese Darsteller vollführen in dem Aufzug synchron sinnlose Gesten, die der hilflose Mann, um nicht aus der Reihe zu tanzen, beschämt nachahmt.

Mit dem hier verbildlichten Herdentrieb, der ganz ohne Internet funktioniert, verstrickte Sascha Lobo sich in nur einen von zahlreichen Widersprüchen. Auch die modische Beschreibung der sozialen Netzwerke als Filterblasen wird obsolet, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Medienkonsumenten sehr wohl auch schon im prädigitalen Zeitalter Inhalte selektiv nach Weltanschauung, Geschmack oder Bequemlichkeit auswählten. Wer sich beispielsweise nur durch die linksliberale „taz“ informiert, wird seine dadurch erworbene Weltsicht wohl kaum einer Korrektur durch eine parallele Lektüre der rechten Springer-Presse unterziehen.

Die Sendung „Manipuliert“ vermittelte dennoch einige Denkanstöße, wenngleich nicht jedes hier vorgebrachte Argument taufrisch war. Über den sozialen Hintergrund der Kandidaten, deren Mediennutzungsverhalten durchleuchtet wurde, hätte man gern mehr erfahren. Das Grundproblem: Die Tendenz zu Überzeichnung des Internets erinnert stark an jene Debatten über Gewaltdarstellung, der in den 1980er Jahren und später nach Etablierung des Privatfernsehens in den 1990er Jahren nachgesagt wurde, sie würde Mediennutzer desensibilisieren und die Menschen würden folglich Gewalt als probates Mittel zur Konfliktlösung akzeptieren.

Sascha Lobos nur scheinbar differenzierte Erklärung des Internets haut in dieselbe Kerbe. Gemäß seiner These werden Nutzer von sozialen Netzwerken zu passiven Opfern einer Manipulation erklärt – wobei Manipulation hier auf problematisch eindimensionale Weise mit Rechtspopulismus kurzgeschlossen wird. Diese These nützt vor allem Sascha Lobo selbst, der sich trotz einiger durchaus interessanter Anregungen in der Sendung letztlich als digitaler Bauernfänger gerierte. Durch sein Outfit, das einen rotgefärbten Irokesenschnitt mit einem Anzug paart, tritt der Mann, der auch als „Spiegel-Online“-Kolumnist tätig ist und früher einmal Werbetexter war, seit längerem als sein eigenes Logo auf. Seine These, das Internet fungiere als manipulatives Sprachrohr für Rechtspopulisten, kommt somit wie ein Pop-up daher, das die vermittelte Information mit einer Werbung für seine eigene Marke kontaminiert. So ist Sascha Lobo, obwohl er dem linken politischen Spektrum zuzurechnen ist, am Ende doch ein Teil jener Problematik der Manipulation, vor der er zu warnen scheint.

(Die Sendung „Manipuliert“ ist weiterhin in der ZDF-Mediathek zum Anschauen abrufbar und am Samstag, 10. Juni, um 16.15 Uhr noch einmal bei ZDFneo zu sehen.)

08.06.2017 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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