Die Demokratie braucht neue Bilder

Über die Notwendigkeit von politischen Dokumentationen und Reportagen im Fernsehen

Von Torsten Körner
19.05.2017 •

19.05.2017 • Ist eigentlich das Fernsehen daran Schuld, dass die Politikverdrossenheit des Bürgers wächst? Kann es sein, dass es das Fernsehen versäumt, über Politik so zu berichten, dass es vom Zuschauer als tua res agitur verstanden wird? Wenn das so wäre, woran könnte das liegen? Fernsehen ist stets auf der Suche nach Authentizität, sehnt sich nach Drama, nach Emotion und nach Körpern, die diese Geschichten transportieren. Hat Politik keinen Körper? Keine Geschichte?

Die Geschichte der westlichen Demokratien scheint eine Geschichte der Entkörperlichung der Politik zu sein, wobei die Bundesrepublik nach dem „Dritten Reich“ sicherlich noch einmal einen Sonderfall darstellt. Hat Politik heutzutage eigentlich noch einen Körper? Es geht nicht um den Politiker, der an Krebs erkrankt, der sich zur Unzeit im Swimmingpool zeigt oder aufputschende Drogen nimmt, nein, es geht um die leibliche Repräsentation der Macht. Gibt es sie? Und darf es sie überhaupt geben in einer nachmetaphysischen Diskursdemokratie, in der alle Kraft vom Wort ausgehen soll, vom Argument?

Früher war der Körper des Königs selbst ein Politikum, leibhaftige und somit wahrhaftige Macht, die durch höfische Machtschauspiele verabsolutiert wurde. In unserer heutigen Demokratie hingegen darf kein Glanz sein, sondern ein Volksvertreter-Grau, denn der Volksvertreter hat einen Körper, der nicht mehr sprechen soll, schließlich ist er vom Volk und nicht von Gott gewählt.

Eine Körperstudie von Spitzenpolitikern

In den letzten Wochen gab es einige Sendungen zu sehen, mit denen man über solche Fragen nachdenken konnte und die ahnen lassen, dass wir mehr solcher Dokumentationen, Reportagen oder auch Interviews brauchen, um unser Interesse an der Demokratie wachzuhalten. Stephan Lambys Dokumentation „Nervöse Republik. Ein Jahr Deutschland“ (ARD/NDR/RBB; 19.4.17) war auch eine Körperstudie von Spitzenpolitikern. Frauke Petry (AfD) wringt ihre Hände, als gelte es Blut loszuwerden, Bundesinnenmister Thomas de Maizière (CDU) futtert Haribo, um die mahlenden Kiefer zu beruhigen, der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht wird eine Protest-Torte ins Gesicht geworfen, CDU-Generalsekretär Peter Tauber und sein SPD-Pendant Katarina Barley wirken wie aus dem Ei gepellte Tatdrangmenschen, denen die Haut zu straff auf den Leib gespannt ist, zerrissen zwischen den Aufgaben Attacke und Analyse, permanent umspielt vom digitalen Stimmungsdruck der Republik. All das war in Lambys Film zu sehen, der sich am atmosphärischen Panorama eines ganzen Landes versuchte. Politik, auch das eine Aussage des Films, setzt den Körpern zu, zwingt sie dazu, Konflikte habituell und performativ zu dolmetschen.

Viel lokaler hingegen war der Fokus von Klaus Sterns eindrücklicher Reportage „Der Bürgermeister-Macher“ (ZDF; 9.5.17) über einen Spin-Doctor in der Provinz. In dem Film aus der Reihe „37°“ wird gezeigt, wie ein Berater Politiker entwirft, wie er deren Bürgermeister-Körper inszeniert, ins Bild setzt, wie er Rhetorik und Performance schult. Gerade hier, vor Ort, in der Provinz, wurde deutlich, dass der Bürger auch mit der Körperpräsenz gewonnen wird, mit dem Körper, der Kompetenz anbietet und Energie, dem Körper, der aber auch eine Geschichte hat, ein Narrativ, das keinesfalls inszeniert wirken darf, höchstens professionell gemanagt.

Und schließlich Reinhold Beckmanns thematische Reportage „Frauen und die Macht“ (ARD/NDR; 9.5.17), in der er Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD), die rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende Julia Klöckner und wiederum Sahra Wagenknecht nach ihren Karrieren befragt. Beckmann, der routinierte Fahrensmann politischer Intimitätsplauderei, stellte auch Fragen der Körperlichkeit und bot explizite Körperbilder an, etwa dann, wenn er mit Julia Klöckner Rennrad fährt und die Kamera die beiden zwischen Klöckners heimatlichen Weinbergen zeigt. Alle drei Politikerinnen inszenieren sich offen, nahbar und privat, bleiben aber doch sehr zugeknöpft, diskret. Die privatesten Einblicke gestattet noch Manuela Schwesig, die auch ihren Mann sprechen lässt, während Wagenknecht und Klöckner vorsichtig autobiografische Versatzstücke zu einer Leistungs- und Aufstiegsgeschichte zusammensetzen, die sich sehen lassen kann, die aber auch nicht zu viel Einblick gewähren soll. Jeder Satz ein Grab der Spontaneität.

Ja, wir brauchen definitiv mehr solcher Fernsehstücke, wir brauchen mehr Fernsehen, das versucht, die Verbindung von Biografie und Standpunkt, von Körper und Aufgabe, von Macht und Erosion, von politischer Leidenschaft und Leiden, von parteipolitischem Zwang und individueller Freiheit und von politischer und persönlicher Konstitution einzufangen. In den politischen Talkshows, die wir haben, wird das Politische zu oft zum situativen Knallpulver zerrieben – wer hat das beste Bild, den lautesten Beifall, wer wird Sieger in der Augenblicksarena?

Weniger Erregungsmodus, mehr Erörterungsmodus! Es braucht mehr Formate, auch Langzeitformate, die das Politische als Marathonlauf zeigen, die die Dramen hinter den oftmals so phrasenhaften Diskursen anschaulich machen. Tatsächlich sind ja die Volksvertreter, blickt man auf ihr Leistungspensum, die wahren Actionhelden des Landes, da dürfte ein bisschen mehr Action auch in den politischen Dokumentationen und Reportagen schon sein. Das meint nicht Blut, Schweiß und Tränen, zumindest dann nicht, wenn es darum ginge, den Körper des Politikers zu skandalisieren. Vielmehr ginge es darum, zu zeigen, vor welcher Aufgabe Politiker stehen, wenn sie Stimmungen und Forderungen von Millionen repräsentieren sollen. Wo darf ein Politiker sein Ich zum Ihr machen? Mit welcher Sprache wird er dem Volk und mit welcher Sprache dem Problem gerecht?

Flüchtlinge und das Charisma der Politik

Tatsächlich braucht Demokratie mehr Bilder, die das Abstrakte des parlamentarischen Betriebs und seiner Themen anschaulich machen. Gibt es keine Bilder für das europäische Drama? Wie ließen sich die Konflikte des Deutschen Bundestags spannungsvoller erzählen? Warum haben die öffentlich-rechtlichen Sender eine verdienstvolle Interviewreihe wie „Jung & Naiv“, die Tilo Jung via YouTube anbietet, nicht selbst entwickelt oder den Moderator mit seiner Sendung nicht längst an sich gebunden? Wo bleiben neue politische Interviewformate, die den in die Jahre gekommenen, aber unsterblichen Wunsch nach einem neuen Günter-Gaus-Format einlösen?

Es ist erstaunlich, dass es ausgerechnet die Flüchtlinge sind, die Deutschland darin erinnert haben, dass Politik charismatisch sein kann und einen Stellvertreterkörper braucht, durch den bestimmte Werte und Ideen aufscheinen. Ausgerechnet Angela Merkel, die Anti-Charismatikerin, die Politikerin, über deren Streicheleinheiten für das Flüchtlingsmädchen Reem sich das Netz Mitte 2015 so hysterisch erregte, ausgerechnet diese so entkörperlichte Politikerin wird nun als Hoffnungsbild von den Flüchtlingen selbst in die Welt geschickt. Die Selfies mit der Kanzlerin zeugen auch von der tiefen Sehnsucht nach einer Welt, in der der Mensch Politik nicht fürchten, sondern sich auf sie und ihre Helden verlassen kann.

Die Bundesrepublik braucht bessere Bilder, um die Demokratie nicht zu verlernen. Der aufflammende Populismus, der derzeit überall beklagt wird, ist nichts anderes als der Wunsch, im Zentrum der Macht wieder Menschen zu sehen, die nicht als Repräsentationsroboter, sondern als authentische Volksvertreter begriffen werden können. Es geht um den Glanz der Fürsorge, der auffindbar sein muss: in den Körpern, in der Sprache und in Symbolen.

19.05.2017/MK