Uri Schneider: Jude. Deutscher. Ein Problem? (ARD/SWR)

Auf der Suche nach der Identität

26.09.2016 •

„An allem sind die Juden Schuld“, textete der Komponist und Kabarettist Friedrich Hollaender in seinem satirischen Gassenhauer schon 1931. Wie ist das heute? Uri Schneider hat für seinen 45-minütigen ARD-Film Juden in Deutschland befragt und ist auf ganz unterschiedliche Erfahrungen gestoßen. Auch auf mannigfache Formen des Umgangs mit der eigenen Religion, mit der Geschichte der Vorfahren in Deutschland, mit Mitbürgern. Er traf zufriedene deutsche Juden und Glaubensgenossen aus Israel, die gerne nach Deutschland gekommen waren, trotz des Bewusstseins, was Deutsche ihren Großeltern angetan hatten. Aber er begegnete auch Juden, die verprügelt worden sind, die unter den Anschlägen auf jüdische Einrichtungen leiden. Und schließlich jenen, die sich in Projekten um Verständigung bemühen.

So unterschiedlich die Protagonisten ihre Erfahrungen schilderten, so schillernd bleibt das Bild, das die Dokumentation beim Zuschauer hinterlässt, weiß er doch nicht, ob auch nur eine der Aussagen irgendwie repräsentativ sein kann für das Bekenntnis zum jüdischen Glauben im Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Und die Folgen daraus. Kann es wirklich sein, dass die „Anomalität das Normale“ ist, wie es Julius H. Schoeps, Professor für europäisch-jüdische Geschichte, eingangs formuliert, um dann festzustellen, dass „der Antisemitismus kollektiver integraler Bestandteil der deutschen Kultur“ sei?

Synagogen, jüdische Schulen und Museen gleichen Sicherheitstrakten mit schusssicheren Türen und Fenstern inklusive ständiger Polizeibewachung. Ein Indiz. Doch da gibt es auf der anderen Seite das jüdische „Café Gordon“ in Berlin, in dem Doron Eisenmann und Nir Ivenitzki exquisiten Kaffee anbieten und keinerlei Spannung zwischen Muslimen, Juden und Deutschen zu verspüren meinen.

Aber wir lernen auch Rabbi Daniel Alter kennen, der im Beisein seiner siebenjährigen Tochter brutal zusammengeschlagen wurde, als er mit Kippa, der jüdischen Kopfbedeckung, durch Berlin ging. Er spricht von „No-go-Areas“ in Berlin, in denen Juden sich nicht frei bewegen könnten. Später erfahren die Zuschauer, dass der Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Wuppertal seinen Mitgliedern rät, in der Öffentlichkeit die Kippa zu meiden, um nicht Gefahr zu laufen, bedroht, beschimpft oder geschlagen zu werden. Andere Erfahrungen wiederum macht der Rabbinatsstudent Armin Langer, der mit anderen in Neukölln – angeblich eine der Berliner „No-go-Areas“ – die Initiative „Salaam-Schalom“ gegründet hat, in der Juden und Muslime (oder anders gesagt: Israelis und Palästinenser) versuchen, einander zu verstehen – indem sie etwa gegenseitig das Freitagsgebet in der Moschee oder den Gottesdienst in der Synagoge besuchen und Gemeinsamkeiten wie die Waschung vor dem Gebet entdecken.

Wir lernen Mirna Funk kennen, die mit ihrem Debütroman „Winternähe“ und ihrer scharfen Beobachtung des ganz alltäglichen Judenhasses angeblich den deutschen Literaturbetrieb aufgemischt hat. Da ist Sacha Stawski, der mit seiner Webseite „Honestly Concerned“ alltäglichen Antisemitismus aufzeigt und einen kritischen Blick wirft auf das, so seine These, oft verzerrte Israelbild in Deutschland, nicht zuletzt in den Medien, in denen gerne bekannte Klischees wiederholt würden. Wobei nicht immer zwischen Israel als Staat in seinem Handeln und den Menschen jüdischen Glaubens unterschieden werde, so Stawskis Vorwurf.

Und schließlich ist da Leonid Goldberg, der vor 40 Jahren aus Moskau über Israel nach Deutschland kam. Heute leitet er die jüdische Gemeinde von Wuppertal, deren Synagoge 2014 Ziel eines Brandanschlags von Palästinensern wurde. Keiner der drei festgenommenen und verurteilten Täter habe ein Zeichen der Reue gezeigt oder eine Entschuldigung ausgesprochen. Dann verlässt die Dokumentation Deutschland, um Goldbergs Besuch bei seinem Sohn Gabriel in Paris zu begleiten. Gabriel ist mit einer jungen französischen Jüdin verheiratet. In Frankreich, so erzählt das Paar, gebe es nach den jüngsten Terroranschlägen einen Massenexodus französischer Juden nach Israel.

„Jude. Deutscher. Ein Problem?“ ist eine Dokumentation, die nicht eindeutig Partei ergreift, sondern dem Zuschauer erlaubt, sich auf der Basis der Einzelschicksale selbst ein Urteil zu bilden. Was angesichts der Vielfalt des Erzählten nicht einfach fällt. Doch eines verbindet alle Protagonisten: Sie sind auf der Suche nach ihrer Identität als Juden in der als schwierig empfundenen Heimat Deutschland. Hervorzuheben ist bei dem Film der Verzicht auf die sonst so modischen Spielszenen. Stattdessen wählt Uri Schneider eindrucksvolle, manchmal auch übertrieben düstere Animationen in Schwarzweiß von Jörn Peper.

26.09.2016 – Martin Thull/MK