Ein Plädoyer für den Dokumentarfilm im Fernsehen

Rede anlässlich der Verleihung des Eine-Welt-Filmpreises NRW in Köln

Von Sabine Rollberg

Am 11. September 2015 wurde im Kölner Forum Ludwig der Eine-Welt-Filmpreis NRW verliehen, den die Landesregierung Nordrhein-Westfalen jährlich vergibt. An diesem Abend wurden vier Dokumentarfilmer für ihre Arbeiten ausgezeichnet (siehe unten). Die Keynote bei der Veranstaltung hielt Sabine Rollberg in ihrer Funktion als Professorin an der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM). Dabei hielt sie ein nachdrückliches Plädoyer für die Pflege des Dokumentarfilms im Fernsehen. Wir dokumentieren im Folgenden die Rede im kompletten Wortlaut. • MK

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Vielleicht ist das heutige Datum für die Ausrichtung dieser Preisverleihung ja reiner Zufall, vielleicht auch nicht, denn der 11. September war ein Wendepunkt unserer Gefühle und unseres Denkens. Der heutige Tag vor 14 Jahren hat uns manche Unbeschwertheit genommen, unsere Offenheit gegenüber dem Unbekannten und Fremden eingeschränkt, unsere Reisen verkompliziert, viele Menschen hier verstehen nicht, was Menschen dort zu Selbstmordattentätern macht, und die meisten reagieren bei Nichtverstehen mit Ablehnung. Vielleicht ist es auch nicht zu verstehen, wieso Menschen zu so etwas fähig sind; mein Punkt ist, eine Lanze zu brechen für die Haltung des Verstehenwollens, für die Neugierde dem Fremden, Unbekannten gegenüber und für das Anliegen, Brücken des Verstehens immer wieder neu zu schlagen. Diese Brücken des gegenseitigen Verstehens, der Empathie, können Dokumentarfilme bauen. Ich werde darauf zurückkommen, denn das mir heute gestellte Thema ist der Dokumentarfilm.

Zuerst komme ich aber noch einmal auf das heutige Datum zurück. Ein 11. September war es auch, heute vor 41 Jahren, 1973, als der chilenische Präsident Salvador Allende gestürzt und in den Selbstmord getrieben wurde. Damals, so mein Eindruck, halfen die Medien der hiesigen Öffentlichkeit zu verstehen, was in Lateinamerika passierte, zu begreifen, warum die Realisierung einer Gesellschaft zwischen Kommunismus und Kapitalismus zerstört wurde. Eine Welle der Hilfsbereitschaft und Solidarität ging durch Europa, die Herzen waren offen für die vielen Flüchtlinge erst aus Chile, dann aus Argentinien und Uruguay, später aus den Ländern Mittelamerikas. Das damalige Engagement war durch die Haltung der Medien beflügelt. Es ist eine verbreitete Meinung, dass der heutigen Welle von Hilfsbereitschaft die Fernsehsender nur hinterhereilen.

Neue Gedanken, neue Ideen

Vielleicht sehe ich das mit einem verklärenden Blick, weil ich damals selbst jünger und engagierter war, es war auch eine Zeit, in der die Medienlandschaft anders war. Den Vorwurf der Nostalgie riskierend, erinnere ich an die 1970er und 1980er Jahre, denn vielleicht ist manche Idee von damals für die Reformbegeisterung, die gerade angesichts digitaler Zukunftsszenarien durch manchen öffentlich-rechtlichen Sender geht, doch eine Anregung für heute. Denn da gab es zur Hauptsendezeit um 20.15 Uhr jeden Sonntag eine Sendung – im WDR Fernsehen das „Auslandsstudio“ – mit dem außenpolitischen Thema der Woche, 45 Minuten lang, dabei viele entwicklungspolitische Fragen. Einmal pro Woche gab es den „Auslandsreporter“ und einmal im Monat „Treffpunkt Dritte Welt“, eine Auslandsshow, in der ein entwicklungspolitisches Thema öffentlich mit Experten diskutiert wurde, eingerahmt von dazu passender Musik und Literatur. Eine langlebige Reihe in der ARD hieß: „Zweimal Gambia“, „Zweimal Kenia“, „Zweimal Tansania“ usw.: Ein Reporter von hier und ein Regisseur aus Afrika versuchten das jeweilige Land filmisch einzufangen. Und für Heranwachsende wurde der „Kinderweltspiegel“ mit internationalen Themen produziert. All das klingt in unseren Ohren heute erstaunlich, angesichts der heutigen Fokussierung des WDR Fernsehens auf Nordrhein-Westfalen. Was hat sich geändert und warum?

Wenn ich heute mit Kollegen mit Programmverantwortung spreche, sagen sie: Wir, also meine Generation von Redakteuren, hätten damals vieles falsch gemacht, wir hätten über die Köpfe der Menschen hinweg gesendet, wir hätten unsere eigenen Interessen verfolgt und hätten nicht vor Augen gehabt, was die Zuschauer interessiert. Es sei nachgewiesen, dass sich die Menschen in Nordrhein-Westfalen in erster Linie für die Dinge im konkreten Umfeld ihrer Region interessierten, und außerdem sei das Interesse für Politik gering. Das wird mit Quoten und Untersuchungen über Zuschauer- und Zuhörerverhalten belegt. Man, vor allem frau, wolle abschalten beim Einschalten. Und die öffentlich-rechtlichen Sender hätten die Verpflichtung, diesem Wunsch des Publikums nachzukommen.

Gleichzeitig zu diesem Trend hin zu Regionalem und Unterhaltsamerem hat sich unsere Wirtschaft jedoch globalisiert, Arbeitsplätze und Produktionsstätten werden ins Ausland transferiert, Bundeskanzlerin Merkel ist wahrscheinlich vertrauter mit griechischen Wirtschaftsdaten als mit den eigenen, chinesische Börsenkurse gehören zur Lektüre im Sekundentakt der hiesigen Exportindustrie. Inzwischen kann auch niemand mehr sagen, dass der Krieg in Syrien oder der Konflikt in Afghanistan nichts mit uns zu tun hat, genauso ist es mit dem Ölabbau in Ecuador und und und... Auch in ihrem Privatleben wenden sich die Menschen der Welt zu. Im Sommer 2015 hat die Zahl der Fernreisen um weitere fünf Prozent zugenommen.

Auf einer Tagung des ‘Arbeitskreises öffentlich-rechtlicher Rundfunk’ zusammen mit dem Grimme-Institut und dem WDR-Rundfunkrat sagte der Verfassungsrechtler Professor Helge Rossen-Stadtfeld von der Bundeswehrhochschule in München, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk seiner eigentlichen Aufgabe nicht mehr nachkomme, wenn er fortfahre, bestehende Meinungen zu zementieren. Nach seinen Untersuchungen täten dies die meisten Programme, vor allem die zahlreichen Talkshows. Der Auftrag sei jedoch, um Menschen demokratiefähig zu machen, sie mit neuen Gedanken, neuen Ideen, anderen Sichtweisen zu konfrontieren und somit zur Meinungsbildung beizutragen, also nicht immer nur bestehende Meinungen zu bekräftigen, was permanent geschehe. Innerhalb der Rundfunkanstalten heißt das Credo jedoch seit einigen Jahren: Wir müssen die Zuschauer abholen. Früher lautete es: Wir müssen die Zuschauer in Welten entführen, die er noch nicht kennt. Ein Interview mit dem Gelehrten Navid Kermani in der „Zeit“ vom 20. August erinnerte mich daran, denn der Kölner Schriftsteller sagte: „Den Menschen dort abholen, wo er ist [...] – ein grauslicher, anbiedernder Gedanke, der zu einer ästhetischen Verarmung [...] sondergleichen geführt hat.“ Und er wünscht sich, herausgefordert, überwältigt, fasziniert und nicht eben immer nur bestätigt zu werden.

Wie die letzten Indianer Amerikas

Als Argument, warum das Programm so ist, wie es ist, wird gesagt, die Medienlandschaft habe sich geändert. Doch es ist nicht nur die Konkurrenz der privaten Sender, es ist nicht der Druck der Politik, die angeblich das Erreichen eines Quotenziels fordern, um relevant zu bleiben. Meine Vermutung ist, dass viele Medienmacher die Liebe zu den Inhalten der Liebe zu den Quoten und zum Sparen geopfert haben. Diese Haltung und Begeisterung für die Themen, für Filme und ihre Autoren ist in meiner Wahrnehmung in den Sendern und Redaktionen sogar verpönt, Engagement macht verdächtig. Der Mangel daran ist für mich ein Symptom der Verarmung des Systems. Opfer sind die Filmemacher, unter anderem die, die wir hier und heute auszeichnen. Sie brennen für ihre Geschichten. Nur so kann man durchhalten, Jahre an einem Thema zu arbeiten, Durst- und Hungerstrecken, Heimatlosigkeit und Asyl zu ertragen.

Schon Dokumentarfilmer, die sich mit Themen aus unserer Region oder mit deutschen Themen befassen, haben es schwer. Die AG Dok, die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm, hat veröffentlicht, dass zahlreiche Filmemacher unter Hartz-IV-Bedingungen leben müssen. Viel schwerer ist es für die, die sich fernen, fremden Ländern widmen, die Unterprivilegierten eine Stimme geben, mit Geduld und Langmut beobachten dort, wo Journalisten schon lange wieder abgezogen sind, als Anwälte gegen Menschenrechtsverletzungen in aller Welt.

Hazam Alhamwi, der heute ausgezeichnet wird, hat wegen seines Films seine Heimat, seine Familie verlassen müssen; er kann ihnen berichten, wie er die Situation nach seiner Ankunft in Berlin erlebt hat – der syrische Krieg war für ihn vorbei, aber ein anderer ebenfalls gnadenloser Kampf hatte begonnen.

Der Münchner Dokumentarfilmmacher Thomas Riedelsheimer schrieb: „Ich gehe soweit zu behaupten, dass uns die Gesellschaft brauchen muss, wie sie Künstler braucht. Uns Dokumentarfilmer, die sich trauen, unsicher zu sein, zu suchen, zu zweifeln, zu provozieren. Uns, die wir anderen wirklich begegnen wollen. Die sich die Suche nach ihrem eigenen Menschsein nicht leicht machen und die dafür bis an die Grenzen der Selbstausbeutung gehen. Ökonomisch, seelisch und körperlich. Es sind individuelle Wege, viele Schattierungen, die sich nicht leicht in Programmzeiten und Sendeschemata einfügen und die aus dem Fernsehalltag verdrängt wurden, wie die letzten Indianer Amerikas.“

Diesen Beruf des Filmemachers kann sich offenbar nur leisten, wer viel geerbt oder einen Lehrauftrag an einer Filmschule hat. Dass Filmemacher jammern, wenn ihre Fleischtöpfe entfallen, ist natürlich, es geht um ihre eigene Zunft. Es geht aber auch um uns. Vermisst der Zuschauer diesen Wegfall? Vermisst er Filme, die bewirkt haben, dass durch eine Vorführung vor der UN-Vollversammlung über 100 Länder sich dem internationalen Verbot von Kindersoldaten angeschlossen haben? „Lost Children“ von Ali Samadi und Oliver Stolz hat gezeigt, welche Schwierigkeiten junge Menschen haben, die aus den Klauen des ugandischen Söldnerführers Joseph Kony entkommen konnten, sich wieder in ihre Familien zu integrieren.

„Darwin’s Nightmare“ von Hubert Sauper hat einen Verbraucherboykott von Viktoriabarsch in Frankreich, Italien und Dänemark ausgelöst. Die Prozesse gegen die Macht der Fischimport-Mafia, die sich angesichts des Erfolgs des Films – er wurde für den Oscar-nominiert – juristisch gegen ihn wandte, musste der Autor jedoch alleine durchstehen. Die Sender, die sich mit seinen Preisen schmückten, standen dem Filmemacher bei den juristischen Auseinandersetzungen nicht zur Seite. Er hat dennoch vor Gericht gewonnen. Dokumentarfilme zu machen, ist ein Beruf, bei dem nur der Ruhm, aber selten das Risiko geteilt wird.

Schranken durchbrechen

Werden die Zuschauer solche Filme vermissen, wenn sie nicht mehr auf Arte oder andern Sendern laufen? Wenn wir von einem Dokumentarfilm berührt werden, dann sind wir nicht nur informiert, dann sind wir verändert. Was verliert eine Gesellschaft, die nicht mehr erfährt, wie der Regenwald im Yasuni-Nationalpark verschwindet oder die Tierwelt auf den Galapagos-Inseln vertrieben wird, oder der nicht mehr erleben darf, dass Politiker auch ganz anders sein können, indem sie dem uruguayischen Präsidenten Pepe Mujica bei der Arbeit zuschauen? Ein Präsident, der drei Viertel seines Gehalts in soziale Projekte gibt, nicht weil der ehemalige Tupamaro es nicht für sich bräuchte, sondern weil das seine Haltung ist. In Dokumentarfilmen geht es um Haltung und um Wahrhaftigkeit. Und beides braucht unsere Gesellschaft wie die Luft zum Atmen. Eine Gesellschaft, die sich rasant verändert und die von Bildern aus dem Netz überflutet wird, braucht Menschen, die Bilder sammeln und einordnen und aus der Unübersichtlichkeit der Welt einen Weg weisen. Sie wollen nicht belehren, sondern zeigen, sie treten nicht als Vor-, sondern als Querdenker auf, die uns Impulse, Denkanstöße und Orientierungshilfe geben. Sie holen den Zuschauer nicht ab, sie bringen ihn wohin, nämlich in neue Welten und Erfahrungsbereiche, sie öffnen Horizonte. Diese Themen sind nicht weit weg, sie betreffen uns!

Natürlich leugnet niemand die großen Herausforderungen und Probleme, mit denen das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland heute konfrontiert ist. Stagnierende Einnahmen, hohe Kosten für die Digitalisierung, Überalterung des Publikums, tiefgreifende Umstrukturierungsprozesse und erdrückende Pensionslasten. Da ist schmerzhaftes Sparen angesagt. Eine sehr gefährliche Situation, besonders wenn sie dazu führen würde, dass das Programm weiter ausblutet. Und blutleer wird es, wenn es noch weniger Dokumentarfilme gibt.

Dabei könnte der Dokumentarfilm den öffentlich-rechtlichen Sendern in dieser schwierigen Situation helfen! Es gibt so viele gute Filme, die im Moment mit Idealismus und Selbstausbeutung in Eigeninitiative finanziert werden, dass leicht viele Programmfelder gefüllt werden könnten, und zwar viel preiswerter als mit jeder Serie. Claas Danielsen, der bisherige Leiter des Leipziger Dokumentarfilmfestivals, hat ausgerechnet: „Die Kosten nur einer Folge einer 45-minütigen wöchentlichen fiktionalen Serie übersteigen das Jahresbudget eines wöchentlichen Dokumentarfilmplatzes deutlich. Drei Folgen so einer Serie dauern gut zwei Stunden und kosten schätzungsweise eine Million Euro. Nähme man diesen Betrag als Jahresbudget für einen Dok-Sendeplatz, entstünden 78 Stunden Programm für ein Millionenpublikum.“ Und dazu muss man die Wiederholungsmöglichkeiten und die lange Lebensdauer von Dokumentarfilmen addieren.

In diesem Sinne möchte ich nicht nur, wie schon gesagt, an die Liebe zu den Stoffen, vor allem den fernen, appellieren. Denn wir sind eine Welt. Der Dokumentarfilm soll nah an den Menschen und der Wirklichkeit sein. Viele Filmprojekte, die nicht in die Formatvorstellungen von Sendern mit ihren festgelegten Programmschemata passen, scheitern. Die meisten Fernsehmacher wollen immer dasselbe, von dem sie anhand der Quote wissen, dass es erfolgreich war – das wird reproduziert. Neues hat so wenig Chancen. Fernsehschaffende haben Angst und Angst erstickt Kreativität.

Man darf nicht an das Ergebnis denken, um ein Ergebnis zu erhalten. Wenn man danach sucht, blockiert man den kreativen Prozess. Es ist wichtig zu lernen, die Schranken, die uns umgeben, zu durchbrechen, zu lernen, uns von Hemmnissen zu befreien, die uns zurückhalten. So bauen wir die Brücken zu anderen Kulturen, erweitern Horizonte und öffnen die Herzen für die vielen Menschen, die nun zu uns strömen. Dies zu bewerkstelligen, halte ich für einen Kernauftrag öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Und ich weiß, dass die Preisträger sich mit und ohne Auftrag bereits darum verdient gemacht haben. Ihnen gilt mein Respekt, ihnen gelten meine Wünsche und meine Unterstützung, weiter durchzuhalten. •

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Die Preisträger des Eine-Welt-Film-Preises NRW 2015

• Der Eine-Welt-Filmpreis NRW wird von einer unabhängigen Jury im Rahmen des „Fernsehworkshops Entwicklungspolitik“ vergeben. Stifter des Preises ist das Ministerium für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien des Landes Nordrhein-Westfalen. Der Wettbewerb umfasst drei Auszeichnungen: den mit 5000 Euro dotierten ersten Preis, den mit 3000 Euro dotierten zweiten und den mit 1500 Euro dotierten dritten Preis. Mit dem Eine-Welt-Filmpreis NRW werden laut Statut die Arbeiten von Autorinnen und Autoren gewürdigt, deren Filme für Probleme in Ländern des Südens sensibilisieren, die aber auch Ansätze zur Veränderung aufzeigen und einen Perspektivenwechsel ermöglichen. Beim Wettbewerb 2015 ging der erste Preis an Ascan Breuer (Buch/Regie) und Victor Jaschke (Ko-Regie/Kamera) für die Dokumentation „Jakarta Disorder“. Den zweiten Preis erhielt Hazem Alhamwi (Buch/Regie) für seinen Film „Aus meinem syrischen Zimmer“. Mit dem dritten Preis wurde Carl Gierstorfer für „AIDS – Erbe der Kolonialzeit“ ausgezeichnet.

06.10.2015/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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