Fanpost

Einige zutiefst unernste Gedanken angesichts von „Heute-Journal“ und „Tagesthemen“

Von Justus Hashagen

12.04.2016 • Ich weiß, dass man heute beyond ist, auf alle Fälle crazy, wenn man sich als Fan von „Heute-Journal“ und „Tagesthemen“ outet. Doch ich bekenne mich dazu. Am liebsten sehe ich beide sogar direkt hintereinander. Nach Sonnenuntergang sind sie mein abendlicher Like-Event. Ich versäume sie nur, wenn ich meine Bronchitis habe.

Wenn Sie nun fragen, woran das liegt, dass ich diese beiden Sendungen so mag, dann sind es nicht die Beiträge. Viele sind austauschbar, manche nichtssagend. Auf die meisten könnte ich völlig verzichten. Was ich like, sind die Moderatorinnen und Moderatoren. Meinetwegen auch umgekehrt. Sie stehen bei mir im Fokus. Anders als die meisten Inhalte sind sie nämlich sehr speziell. Jeder ist irgendwie ein Individuum mit einer unique selling proposition.

Bei Caren Miosga zum Beispiel ist es dieser stechende Blick, bevor sie den ersten Satz spricht. Vermutlich will sie damit Politiker erschrecken. Mir sagt sie damit: Hör gut zu, mein Freund, jetzt kannst du noch was lernen! Bei Marietta Slomka ist es dagegen der mädchen-märchenhafte Ton, in den sie die Fakten wickelt. Er macht sie unverwechselbar aufregend. Ich könnte ihr stundenlang zuhören.

So säuselnd um gut Wetter bitten

Und was hat Thomas Roth, was mir zum Beispiel völlig abgeht? Keiner kann so säuselnd bei Claudia Kleinert um gut Wetter bitten wie er. Danach sieht er immer zehn Jahre jünger aus. Was für eine vorbehaltlose Offenheit! Was für eine Lust am Hoch! Und umgekehrt. Dieses Beispiel zeigt übrigens, dass früher wirklich nicht alles besser war. Oder glaubt jemand im Ernst, dass Hajo Friedrichs das auch nur annähernd so gebracht hätte? Oder kann man sich Wolf von Lojewski als säuselnden Turtler vorstellen? Und zwar am Ende des Tages? Oder Ulrich Wickert zu Beginn einer geruhsamen Nacht?

Auch Claus Kleber lässt sich mit Thomas Roth kaum vergleichen. Zwar hat auch er einen leicht (ober)schwäbischen Akzent, weil ja alles bei ihm ein bisschen ober ist. Aber ob man ihn nun hasst oder liebt (wie ich) – Claus nuschelt nicht. Er springt regelrecht in die Sendung. Er sagt nicht nur Guten Abend, sondern Guten Aband, was so viel heißen soll wie: Leute! Geschichte wird gemacht. Und zwar hier und jetzt. Also, alle mal herhören! Auch die Art, wie Claus Gundula in die Sendung reinzieht, mit dieser kleinen liebevollen Überheblichkeit, macht ihm so leicht keiner nach. Da merkt man, was Christian Sievers fehlt. Der macht so gar nichts von sich her. Der nimmt sich nicht richtig wichtig. Aber er ist lernfähig. Endlich ist es auch aus ihm herausgebrochen, dieser moderate Schrei: Was für ein Tag! Sievers hat noch Potenzial, Luft nach oben! Er kann sich optimieren. Dazu muss er nur seine Hausaufgaben machen und jeden Tag neu auf den Prüfstand.

Apropos Claus und Gundula. Sie müssen zugeben: Ein Dreamteam! Es ist schwer cool, wie Claus den Stab an sie weitergibt. Meistens, indem er sagt: Und nun zur Wirtschaft, die hat Gundula, was auch immer sie sonst noch hat. Und sie spielt dann meistens dieselbe wunderbare kleine Szene, dreht den Kopf zur Seite, hinein ins Frankfurter Parkett, auf dem der Kollege Frank Bethmann wartet, der offenbar von dort heimlich zugeschaut hat. Ihn fragt sie, die kühle Blonde, lakonisch wie der alte Tacitus: Was bewegt die Börse? Frank, wie ist die Stimmung? Der zögert mit seiner Analyse keine Sekunde: Der Dax hat heute einen Satz gemacht, hat aber zum Börsenschluss wieder ins Minus gedreht. Während ich noch überlege, was oder wer da gedreht hat, schiebt Frank seine Expertise nach: Das ist nicht untypisch für den Dax. So ist er nun mal. Das versteht jeder, ebenso wie bei Anja Kohl, die für ihre gehechelten Hauptsätze längst einen Grimme-Preis verdient hätte. Frank Bethmann, danke, sagt Gudula mit einer leisen Schärfe im Ton, so, als wollte sie sagen: Frank, mach keine Sachen! Lass das dem Dax nicht durch!

Alles Politische ins Internet outsourcen

Was ich bei den Moderatoren total gut finde, ist, dass sie sich alle mit den Redakteuren und Korrespondenten duzen. Ich selbst bin in diesem Sinne kein großer Duzer. Umso mehr gefällt es mir bei anderen. Es macht sie nicht nur exklusiv, es weist sie aus als die Mitglieder dieser verschworenen Fernsehgemeinschaft, die auf jede Schulter klopft, die gerade frei ist. Man mag sich. Man vertraut sich. Und man zeigt das auch ganz offen. Wo gibt es das sonst noch in dieser kalten Welt von heute? Da, Tatsache, denke ich gerührt an Walter Cronkite und Dan Rather.

Viel hilft dem Moderator ein unversemmelter Anfang. Besonders gelungen finde ich, wenn er oder sie oder eben eher doch er dynamisch-sympathisch geradezu ruft: Guten Aband! Bitte nicht böse sein! Auch mir tut es leid, dass Sie fast eine Stunde warten mussten, aber die Kollegen von der Unterhaltung waren ja so gut drauf, dass Sie das sicher verzeihen. Was für eine warme Welle an Empathie! Was für eine Geste des Verstehens! Wer will da noch übelnehmen! Moderatoren, das lernen wir dabei, sind sich für nichts zu schade, oder, wie es in einem großen Drehbuch heißt: Wahre Liebe ekelt sich vor nichts. Moderatoren halten was aus. Sie wackeln nicht. Sie lassen mich merken, wenn sie die Beiträge zur Tagespolitik nur senden, weil sie müssen. Sie überstehen auch noch das dümmste Interview mit einem Lächeln, das aus der Tiefe ihrer Kompetenz heraufsteigt. Sie lassen mich nicht allein mit diesem schalen Geschmack im Auge, weil ich kaum was verstanden habe, sondern sagen einfach noch mal, was ich gerade hätte sehen können. Oder sie dispatchen mich einfach rüber auf heute.de.

Das ist übrigens irgendwie halbherzig. Meinetwegen müsste es dazu gar nicht kommen, man könnte doch die politischen Stücke komplett ins Internet outsourcen. Sie sind doch nur der Schnee von morgen und viel zu kompliziert. Dann bliebe auch mehr Zeit für diese superauthentischen Beiträge mit den echten Passanteninterviews mit den eingeblendeten Namen. Da sagt der eine so und der andere so und ein dritter wieder so wie der erste. Und wissen Sie was: Unter den Dreien ist immer einer, bei dem ich spontan sagen möchte: Da ich bin ganz nah bei Ihnen! Wenn ich diese Menschen wie du und ich sehe, habe ich das Gefühl, ja, du bist in dieser Gesellschaft angekommen.

Ohne Politik bliebe übrigens auch mehr Zeit für den Sport. Für die vielen FIFA-Spots über Fairness oder die UEFA-Spots „against racism“ und die DFB-Spots über die Ehrenamtlichen. Die muss man heute mühsam in Halbzeitpausen von Live-Fußballspielen unterbringen. Dabei fällt mir ein, dass man eigentlich auch in News-Shows ein Gewinnspiel platzieren könnte. Zu raten gäbe es jede Menge.

Moderatoren trauen sich was. Deshalb kommen sie rüber. Das schätze ich an ihnen. Denken Sie nur an die Live-Interviews, die meistens so heiß sind, dass sie zur Abkühlung schon vor der Sendung aufgezeichnet werden müssen. Was ich auch sehr überzeugend finde, ist, wenn der Hauptmoderator dem Nebenmoderator (ich weiß leider nicht, wie der Fachausdruck heißt, second unit?) das Wort erteilt. Und anschließend ganz einfach Danke! sagt, obwohl der ja nur seinen Job erledigt hat. Durch dieses Danke! bekommt die Sendung einen moralischen Überschuss, eine kommunikative Struktur. Es entsteht diese Mischung aus Kontingenz und Déjà-vu, aus der sich entwickelt, was heute so selten ist: Heimat. Heimat auch für mich.

Getragen von Service-Gedanken

Gute Moderatoren sind immer auch Sprachschöpfer. Sie weiten die deutsche Sprache durch Neuworte aus, die sie ständig wiederholen. Als Beispiele nenne ich Augenhöhe, Hingucker, hierzulande und Herangehensweise. Neuschöpfungen sind auch liefern, befüllen, abstrafen und einpreisen, dazuhin gut aufgestellt sein und sich positionieren. Dieses Vokabular schafft eine Vertrautheit, die ihresgleichen sucht und wohl nie findet.

Ein Highlight einer jeden News-Show sind die Dialoge zwischen Moderator und Korrespondent. Erst sagt der Moderator: In Zimbabwe stehen die Dinge nicht zum Besten. Dann schaltet er nach Zimbabwe und fragt: Wie sieht es in Zimbabwe aus, lieber Tom? Tom faltet die Stirn und sagt dann mit Entschiedenheit: In Zimbabwe stehen die Dinge nicht zum Besten. Dafür bedankt sich der Moderator unverzüglich und nennt das, damit der Zuschauer weiß, was da eben gelaufen ist, eine Einschätzung oder auch eine Hintergrundinformation. Dann ruft er fürsorglich Tom noch zu, er solle auf sich aufpassen.

Kritiker haben immer was zu nöhlen, sie finden das natürlich mal wieder zu knapp. Ich sehe das anders. Wenn es um Zimbabwe nicht gut steht, dann brauche ich dafür doch keine halbe Stunde, um zu zeigen, weshalb und warum. Dann sage ich das einfach. Dazu muss man allerdings den Mut haben. Und wenn der Moderator den hat, dann denke ich: Umso besser, vier Augen können nicht irren!

Gegen Ende der Sendung kommt der Moderator oft als Ganzkörper ins Bild. Wieder jeder Zoll der Kollege, sagt er dann zum Beispiel: Und nun für alle, die das Gute schätzen, ein kleiner Hinweis von mir auf einen großen Film für Sie, den es nun im Anschluss an diese Nachrichtensendung gibt, den Sie sich auf keinen Fall entgehen lassen dürfen. Die Kollegen verfolgen das Schicksal eines Mannes, der erst den Kopf und dann noch sein ganzes Geld verloren hat. Das Tolle an dem Film ist seine Herangehensweise, die Art, wie er sich positioniert.

Einen Moment denke ich, es könnte sich da um Werbung handeln. Aber selbst wenn – es wäre doch für einen guten Zweck! Wenn der Moderator sich dafür nicht zu schade ist, warum soll ich es dann schade finden? Und während ich noch grüble, höre ich mit einem halben Ohr, wie Claus sagt: Das war’s auch schon für heute, und Gundula sagt nicht etwa auch noch Gute Nacht, sondern etwas an, was wiederum Claus zu einem kleinen, netten Abbinder provoziert, den man aber nicht mehr versteht, weil schon der Wettermann ins Bild tänzelnd sagt Hallo, liebe Zuschauer! und ohne Pause von einem Hoch und zwei Tiefs berichtet, durch die es ab morgen einen Mix aus Sonne und Wolken, Schnee und Regen geben werde, die alle vier, wohin auch immer, jeder so gut er könne, unterwegs seien, manche auch zu zweit. Und klar und unmissverständlich fügt er hinzu: Es gibt Wind aus wechselnden Richtungen. Und Temperaturen zwischen minus und plus zehn Grad. Was für ein Tempo!

Und vor der dann folgenden Reportage „Der Mann ohne Kopf“ gibt es dann, getragen vom Service-Gedanken, noch vier völlig unmoderierte Programmtrailer. Schon deshalb sind sie mir zuwider.

Ein Wort noch zur Frage des Geldes. Oft frage ich mich, ob Moderatoren wirklich verdienen, was sie verdienen. Wäre es nämlich so, dann müssten sie nicht fortgesetzt außerhalb des Fernsehens moderieren, um sich mühsam ein bisschen was dazu verdienen. Das Fernsehen schmeißt so viel Geld aus dem Fenster heraus. Warum zweigt man nicht einen Teil davon für die Moderatoren ab? Ihrer Verdienste wegen! Dann müsste Uli Wickert nicht nach seiner Pensionierung noch Krimis schreiben und Tom Buhrow hätte nicht WDR-Intendant werden müssen und würde heute als „Tagesthemen“-Moderator noch einen der schönsten Berufe haben, die ich mir denken kann. Und Claus könnte vielleicht sogar drei Wochen mehr im Jahr...

12.04.2016/MK