Olympia-Sender Eurosport

ARD und ZDF verlieren überraschend die Übertragungsrechte

Von Dietrich Leder
07.07.2015 •

Die am 29. Juni bekannt gegebene Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees, die Übertragungsrechte an den Olympischen Spielen der Jahre 2018 bis 2024 an den paneuropäischen Privatsender Eurosport zu vergeben, der seit dem vorigen Jahr zu 100 Prozent der US-amerikanischen Senderfamilie von Discovery gehört (vgl. FK-Heft Nr. 4/14), sorgte für einiges Aufsehen. Denn seit fast 60 Jahren, also seit den Sommerspielen 1956 in Australien, berichten von den Olympischen Spielen vor allem die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ARD und ZDF, die nun leer ausgehen. In ihren Programmen war seit den Live-Übertragungen per Satellit aus Mexiko 1968 und den Spielen 1972 in München Olympia qualitativ wie quantitativ stets ein absoluter Höhepunkt. Wollen sie ab 2018 weiter dabei sein, müssen sie nun bei der Muttergesellschaft Discovery Sublizenzen lösen, was sicherlich bei den Sportarten mit der höchsten Zuschauerattraktion (Leichtathletik, Mannschaftswettbewerbe) schwer oder besonders teuer werden dürfte.

Konkret betrifft der Vertrag des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) mit Eurosport/Discovery die Winterspiele von 2018 in Pyeongchang (Südkorea) und von 2022, die derzeit noch nicht vergeben sind, sowie die Sommerspiele von 2020 in Tokio (Japan) und von 2024, um die derzeit unter anderem einige europäische Städte rivalisieren, darunter Hamburg. Für ARD und ZDF, die auf die überraschende IOC-Entscheidung mit verhaltenem Ärger reagierten, könnte also der Verlust noch schwerer wiegen, sollte die Hansestadt den Zuschlag für die Sommerspiele 2024 erhalten. Olympia im eigenen Land und die beiden größten öffentlich-rechtlichen Sender nicht mit dabei – eine Vorstellung, die für viele Intendanten bis vor wenigen Tagen noch nicht einmal als schlechter Witz denkbar gewesen wäre.

Eine Investition in Höhe von 1,3 Mrd Euro

Die nächsten Sommerspiele in der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro könnten somit bis auf weiteres den Abschied von ARD und ZDF vom olympischen Sport bedeuten. Für diese Rechte – die nicht mehr wie zuvor zentral von der europäischen Rundfunkunion EBU erworben worden waren – hatten die beiden öffentlich-rechtlichen Sender zusammen mit den Rechten an den Winterspielen im vorigen Jahr im russischen Sotschi rund 110 Mio Euro gezahlt. Der Rechtedeal blieb auf diese beiden Spiele begrenzt. Anders machten es etwa die BBC oder France 2, die damals auch die Rechte an den Winterspielen 2018 und den Sommerspielen 2020 erwarben, weshalb Eurosport in Großbritannien und in Frankreich (sowie generell in Russland) seine neuen Rechte nicht entsprechend verwerten kann.

Ob sich die hohe Investition von 1,3 Mrd Euro für Eurosport rechnet, selbst wenn man etwaige Einnahmen aus den Sublizenzen abzieht? Sicher nicht direkt. Mit ihrer hohen Investition will die US-Muttergesellschaft Discovery ihre europäische Tochter besser positionieren. Eurosport soll in Zukunft seinem Namen alle Ehren machen, also als die erste Adresse für Sport aller Art gelten. Noch gilt der Sender in Deutschland mit einem durchschnittlichen Marktanteil von 0,6 Prozent (2014) als randständig. Doch bei besonderen Ereignissen, von denen der Spartensender exklusiv berichtete wie zuletzt beispielsweise von den French Open im Tennis, errang er schon größere Aufmerksamkeit. Was auch an der Professionalität der Berichterstattung lag: Übertrug Eurosport beispielsweise gemeinsam mit ARD oder ZDF von einem Sportereignis, dann konnte es durchaus sein, dass man den Privatsender dem jeweiligen öffentlichen-rechtlichen Programm vorzog, weil die Kommentare bei Eurosport sachlicher und sachkundiger ausfielen. Das war zuletzt etwa beim Viertelfinale der Frauenfußball-WM in Kanada zwischen Deutschland und Frankreich der Fall, als ZDF-Kommentator Norbert Galeske mit seinem Geschwätz („in diesem zweiten Teil der zweiten Verlängerung“) die Zuschauer geradezu in die Arme von Eurosport trieb.

Dass ARD und ZDF, die ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky als „Olympia-Sender“ tituliert, sicher anders als Eurosport auch kritisch über die Länder berichteten, in denen die Spiele jeweils stattfanden, können sie sich zu Recht anrechnen lassen. Doch das hat, mit Verlaub, nichts mit den Sportrechten zu tun, sondern ist Teil der journalistischen Pflichten öffentlich-rechtlicher Programme. Ebenso absurd erscheint die Reaktion von Balkausky und anderen Vertretern des öffentlich-rechtlichen Systems, die vorsichtig durchblicken ließen, dass man dann in Zukunft von Sportübertragungen von olympischen Sportarten im Programm womöglich Abstand nehmen werde. Als wenn Programmplanung nach dem Prinzip von Kindergartenstreitereien betrieben würde! Und umgekehrt: Sollten ARD und ZDF in den vergangenen Jahren von ihnen heute unwichtig erscheinenden Sportarten wie Rudern oder Ringen nur deshalb berichtet haben, um beim Nationalen Olympischen Komitee (NOK) gute Stimmung für die Olympia-Rechte zu erzeugen? Als wenn Programmplanung nur strategische Rechteziele verfolgte!

Schneller handeln, als Medienjuristen sich das vorstellen können

Selbstverständlich kann man über den US-Konzern Discovery und seine Absichten im Sportjournalismus Zweifel hegen, hatte die Firma doch einst einen Radrennmannschaft finanziert, zu der auch Lance Armstrong gehörte, der heute des Dopings überführt ist. Doch solche Nähe zu gedopten Radsportlern und deren Rennställen pflegte einst auch die ARD, als sie exklusive Verträge mit dem Team Telekom und dessen Star Jan Ullrich abschloss und dabei sogar als Sponsor mit von der Partie war, was nach den bitteren Erfahrungen damit heutzutage nicht mehr vorstellbar ist (vgl. hierzu u.a. FK-Hefte Nr. 5/98, 11/01, 36/06 und 38/06). Selbst der von juristischer Seite erhobene Einwand, dass Discovery mit Eurosport die Norm des deutschen Rundfunkstaatsvertrags nicht erfüllen könne, für mindestens zwei Drittel aller Zuschauer in Deutschland frei empfangbar zu sein, dürfte nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. Zum einen durch Sublizenzen für ARD und ZDF, zum anderen durch die Öffnung von derzeit nur gegen Abogebühren zugänglichen Kanälen auf Pay-TV-Plattformen und Internet-Seiten wäre dies unschwer zu ändern. Hier werden Discovery und Eurosport, wenn es nötig ist, schneller und pragmatischer handeln, als Medienjuristen sich das vorstellen können.

Das IOC mit seinem deutschen Vorsitzenden Thomas Bach verfolgt mit der jetzigen Rechtevergabe auch das langfristige Ziel eines eigenen Olympia-Kanals. Discovery und Eurosport sollen dazu die Plattform bieten. Ein solcher Kanal ist die Lieblingsidee aller Verbandsfunktionäre, weil sich damit noch mehr Geld erlösen ließe. In der Wirklichkeit haben sich solche Verbandssender aber noch nie als erfolgreich erwiesen.

Auf der anderen Seite ist der Einfluss der Sender auf die Sportverbände mittlerweile sehr groß. Mit dem Geld dieser Sender sind nicht zuletzt Fußballfunktionäre bestochen worden, um die Vergabe von Großereignissen an bestimmte Länder und Orte zu erzwingen. Auch das IOC ist nicht frei von Korruption. Ob die Olympischen Sommerspiele 2024 nun in Paris, Rom oder Hamburg stattfinden, dürfte Eurosport im Übrigen egal sein. Nur die amerikanische Ostküstenstadt Boston, ein weiterer Kandidat, dürfte für den paneuropäischen Sender weniger attraktiv erscheinen. An Boston indes dürfte NBC-Universal ein großes Interesse haben. Der US-Medienkonzern hatte – der Vertrag wurde bereits 2011 abgeschlossen – für ein identisches Olympia-Rechtepaket 4,4 Mrd Dollar gezahlt (vgl. FK-Heft Nr. 24/11). Weshalb vermutlich eher Boston und nicht eine europäische Stadt den Zuschlag für 2024 erhalten wird. NBC-Universal hat übrigens im Mai vorigen Jahres die Verlängerung der bestehenden Olympia-Übertragungsrechte bis zum, Jahr 2032 mit dem IOC ausgehandelt. Das Medienunternehmen zahlt dafür 7,65 Mrd Dollar (vgl. FK-Heft Nr. 20/14).

07.07.2015/MK