Digitale Verantwortung

Alte Fragen neu gestellt: Die Verbindung von Digitalisierung und Ethik

Von Timotheus Höttges

Timotheus Höttges, geb. am 18. September 1962 in Solingen, ist seit 2014 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom AG (Bonn). Anlässlich der Tagung „Digitale Transformation: Zur Zukunft der Gesellschaft“, die am 19. Februar 2016 in Köln vom „Cologne Center for Ethics, Rights, Economics and Social Sciences of Health” veranstaltet wurde, hielt Höttges eine Rede zur digitalen Verantwortung. Auf dieser Rede basiert der im Folgenden abgedruckte Text. In seinen Ausführungen wirbt Höttges für einen offenen Umgang mit der Digitalisierung, die er als „größtes Geschenk“ für die heutige Generation sieht. Gleichzeitig warnt er vor der Entstehung digitaler Monopole und schlägt stattdessen das Model digitaler Solidargemeinschaften vor, für die ein verantwortungsvolles Miteinander definiert werden müsse. Als wichtige Regelungsfelder sieht Höttges Datenschutz, Cybersicherheit, digitale Teilhabe und digitale Bildung. • MK

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„Wer könnte etwas dagegen haben?“ Diese Frage hat Mark Zuckerberg gestellt, als er seine Pläne präsentierte, Indien mit freiem Zugang zu Facebook zu versorgen. Er konnte gar nicht verstehen, dass es ein Problem sein könnte, Menschen, die bislang überhaupt keinen Zugang zum Internet haben, zumindest Facebook anzubieten. Wo doch wenig immer noch mehr ist als nichts. Und vielleicht hat er sogar Recht. Auf einem freien Markt müsste es selbstverständlich sein, Kunden Zugang zum eigenen Produkt zu ermöglichen, ohne dass jemand verlangt, auch den Zugang zum Produkt der Wettbewerber sicherzustellen.

Andererseits hat sich Mark Zuckerberg vermutlich nicht intensiv mit Gatekeeper-Theorien auseinandergesetzt. Und mit der Tatsache, dass die Ansprüche der Gesellschaft an das Internet und die Digitalisierung weiterreichen als die Ideen eines Menschen, der Gutes will, aber dessen Internet-Zugang de facto eine Werbeoberfläche ist, die auf Basis der Nutzerdaten vermarktet wird. Und dass inzwischen ein großes Unbehagen herrscht, wenn große Internet-Konzerne das Internet quasi unter sich aufteilen.

Nicht ganz grundlos montierte die Zeitschrift „The Economist“ Zuckerbergs Konterfei kürzlich in die Statue eines römischen Imperators und titelte „Imperial Ambitions“: Apple, Google, Amazon und Facebook sind heute mehr wert, als alle Dax-30-Unternehmen zusammen. Die Marktkapitalisierung dieser „großen Vier“ entspricht der gesamten Volkswirtschaft von Kanada. Google und Apple könnten mit ihren Barbeständen Bayer, SAP und Daimler aufkaufen. Facebook hat 1,6 Milliarden „Mitglieder“. Die katholische Kirche hat 1,1 Milliarden.

Mathias Döpfner hat das herrschende Unbehagen in einem anderen Zusammenhang einmal so formuliert: „Wir haben Angst vor Google.“ Ich selbst teile diese Angst nicht. Schon gar nicht, wenn sie als pars pro toto nicht einem einzelnen Unternehmen gilt, sondern der technologischen Entwicklung insgesamt. Denn für mich sind die Digitalisierung und das Internet die größten Geschenke, die der heutigen Generation gegeben wurden. Weil sie neue Teilhabe versprechen. Neue Technologien, die das Leben von Menschen vereinfachen werden. Neuen Wohlstand und Wohlfahrt.

Darum ist mir wichtig, dass wir der Digitalisierung positiv begegnen. Dass wir sie nicht als Bedrohung definieren, sondern als Chance. Sonst, so fürchte ich, findet der Wohlstand der Zukunft in Asien und Nordamerika statt. Nicht hier bei uns in Europa. Und damit womöglich nicht dort, wo Digitalisierung und Verantwortung eine fruchtbare Verbindung eingehen können.

Man muss beides zusammendenken. Und darum teile ich, bei allem Optimismus, zugleich auch bestehende Sorgen und Bedenken. Bei der Digitalisierung geht es eben auch um die Grundfesten unserer freiheitlichen Gesellschaft. Es geht um die Zukunft der europäischen Wirtschaft. Nicht zuletzt geht es um uns. Als Individuen und als Gesellschaft.

Die Digitalisierung umfasst bereits heute fast alle Lebensbereiche. Darum macht es Sinn, dass wir uns über Regeln verständigen. Viele Aspekte sind dabei wichtig und diskussionswürdig. Dieser Text erhebt also keinesfalls den Anspruch auf Vollständigkeit. Stattdessen soll es hier um einen kleinen Ausschnitt gehen, der diese vier Punkte umfasst:

• Angst und Pessimismus vernebeln den klaren Blick. Ein Rückgriff auf die Geschichte kann helfen, das Phänomen Digitalisierung einzuordnen, um realistische und angemessene Antworten zu finden.

• Die Digitalisierung wird momentan vor allem durch Internet-Konzerne aus dem Silicon Valley dominiert. Wenn wir über digitale Verantwortung sprechen, müssen wir deren „Denke“ (englisch: „Mindset“) begreifen. Und dann eine eigene Haltung entwickeln.

• Dabei hilft, sich über das eigene Menschenbild bewusst zu werden. Das Menschenbild, das ich vertrete, ist ein positives.

• Datenschutz, Cyber-Sicherheit, digitale Teilhabe und Bildung sind die Felder, zu denen wir uns schon heute konkret Gedanken machen und entsprechend handeln sollten. Die Deutsche Telekom nimmt hier bereits digitale Verantwortung wahr.

1. Back to the Future

„Die digitale Revolution ist vorbei.“ Diese etwas steile These hat der Medienwissenschaftler Nicholas Negroponte schon 1998 in der Zeitschrift „Wired“ aufgestellt. Er leugnet nicht, dass die Digitalisierung immer neue Technologien und Produkte hervorbringen wird. Aber er stellt klar, dass digital schon längst normal ist. Die wirklich überraschenden Veränderungen – sagt Negroponte – liegen nicht nur in der Technologie. Sondern darin, „wie wir gemeinsam unser Leben auf diesem Planeten gestalten“.

Negroponte lenkt den Blick also auf eine soziologische Betrachtung der mit der Digitalisierung verbundenen Auswirkungen. Seine Aussage bewahrt uns letztlich davor, in falschen Kategorien zu diskutieren. Es geht bei der Digitalisierung eben nicht nur um Ökonomie. Um neue Arbeitsplätze und neuen Wohlstand. Um Joint Ventures und Kooperationen auf der einen oder Monopole und Kartelle auf der anderen Seite. Es geht nicht nur um die Freiheit von Märkten. Es geht immer auch um die Freiheit von Menschen.

Gleichzeitig hilft Negropontes Diagnose dabei, die Digitalisierung nicht zu überhöhen. Natürlich ist die Kraft der Digitalisierung anders, vielleicht sogar umfassender als die anderer Technologiesprünge. Andererseits jedoch hat es ähnliche Sprünge immer wieder gegeben. Das Rad. Den Buchdruck. Die Dampfmaschine.

Was bei diesen Technologiesprüngen mit dem Menschen passiert, hat Marshall McLuhan in einem sehr plastischen Modell zu erklären versucht, das vielleicht etwas in die Jahre gekommen, aber immer noch sehr anschaulich ist. Ihm zufolge sind neue Technologien „Erweiterungen des Menschen“. Sobald der Mensch an physische Grenzen gerate, so McLuhan sinngemäß, amputiere er sozusagen das überforderte Körperteil und ersetze es durch eine leistungsfähigere Technik. Das Rad ist demnach eine Erweiterung der Beine. Der Buchdruck ist eine Erweiterung der Hand. Der Computer und das Internet sind eine Erweiterung des zentralen Nervensystems.

Bei jeder dieser Erweiterungen gerate der Mensch zunächst in einen Schockzustand, konstatiert McLuhan. Die Amputation werde nur durch Narkotisierung bewältigt. Der Mensch ist also zunächst wie betäubt. Doch in dem Maß, wie die Technik Einfluss nehme auf den Menschen, nehme auch die Fähigkeit des Menschen zu, die neue Technik als Erweiterung seiner selbst zu begreifen. Um sie dann im zweiten Schritt als solche sinnvoll einzusetzen. Es gilt die alte Weisheit: Die Zeit heilt alle Wunden.

So betrachtet stellt also auch die Digitalisierung nicht alles auf den Kopf. Sie ist lediglich eine neue Erweiterung des Menschen. Sie stellt Fragen. Manche sind neu. Aber bei genauem Hinsehen stellt man fest, dass die Digitalisierung an vielen Punkten lediglich alte Fragen neu stellt. Und das beruhigt, weil wir uns dann auch bei der Beantwortung dieser Fragen auf Konzepte stützen können, die wir kennen. Es handelt sich also in vielen Punkten um ein ethisches „Back to the future“, wie man an entsprechenden Beispielen schnell feststellt.

So würden wohl viele Menschen der These zustimmen, dass durch die Nutzung von Smartphones die direkte Begegnung von Mensch zu Mensch leidet und damit auch soziale Interaktion, weil man auf das Handy achtet und nicht auf die andere oder den anderen. Das zufällige Gespräch, die zufällige Begegnung etwa in der Bahn, entfallen. Dies aber wäre ein Vorwurf, den man ebenso der guten alten Zeitung machen könnte und tatsächlich auch gemacht hat, schaut man sich beispielsweise die bekannte historische Aufnahme an, auf der in einem Zugabteil lauter zeitunglesende Menschen zu sehen sind.

Ebenso wie die pädagogische Kritik an Videokonsolen letztlich ein historischer Wiedergänger der Kritik am Radio ist. So finden sich in den Archiven Zeitungsartikel, in denen bemängelt wird, Kinder verbrächten die Zeit nur noch vor dem Weltempfänger, anstatt im Freien „Räuber und Gendarm“ zu spielen. Beim Aufkommen des Tonfilms wurde gewarnt, er sei kitschig, einseitig und gleichbedeutend mit inhaltlicher Verflachung. Zumindest letzteren Vorwurf müssen sich immer wieder auch Online-Medien und Blogs anhören.

Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen. Zu der weit verbreiteten Aussage, der Mensch gerate durch ständige Erreichbarkeit unter krankmachenden Stress, sei augenzwinkernd auf ein Interview verwiesen, das die „Frankfurter Rundschau“ mit dem Psychiater Manfred Lütz geführt hat. Auf die Frage, ob die Arbeitswelt durch „Erreichbarkeit rund um die Uhr“ nicht belastender geworden sei, antwortete er: „Im Dreißigjährigen Krieg waren die Leute rund um die Uhr für die Schweden erreichbar. Das war viel unangenehmer.“

Nur am Rande sei erwähnt: Wir bei der Telekom nehmen das Thema und die Problemlage ständiger Erreichbarkeit durchaus ernst. In unserem Weihnachtswerbespot im vergangenen Jahr haben wir sogar dafür geworben, das Handy mal auszustellen. Für einen Telekommunikationsanbieter eine wohl einmalige Forderung.

Ich behaupte also nicht, dass wir nicht über die gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung reden müssten. Ich warne aber vor einem intellektuellen und kulturellen Fundamentalpessimismus.

Der Mensch ist anpassungsfähig. Und Technik ist ambivalent. Schon der Speer wurde erfunden, damit der Steinzeitmensch Hasen jagen und einfacher überleben konnte. Und nicht, damit die Römer über die Italiker herfallen. Ein Gemetzel, das andererseits ein Ausgangspunkt des modernen Staatswesens in Europa gewesen ist. In Technikfolge-Debatten ist der Mensch also nicht erst seit der Entdeckung der Kernspaltung geübt. Und jedes Mal ist es auch gelungen, Regeln zu finden und Technologien einzuhegen. Dass Regeln missachtet und gebrochen werden, gehört dabei wohl zu unserem Wesen. Leider. Aber auch das bedeutet eben nicht, dass man auf Regeln verzichten müsste.

2. Modelle der Internet-Giganten

Wenn wir über digitale Verantwortung sprechen, also die Technikfolge-Debatte unserer Zeit führen, hilft es, sich mit der Mentalität zu befassen, die der Entwicklung der neuen Technologien oft maßgeblich zugrunde liegt. Vor wenigen Wochen hat Rob Nail, der Leiter der im Silicon Valley ansässigen Singularity University, bei der Telekom einen Vortrag gehalten. Vier Dinge sind dabei deutlich geworden:

• Im Valley gilt die Devise, dass alles, was technisch möglich ist, auch gemacht wird.

• Die Menschen im Valley glauben an die ständige Selbstoptimierung des Menschen. Genauer: an den Homo ludens. Ein Mensch also, der spielerisch ein bestimmtes Verhalten lernt. Etwa weil ihn eine App dafür belohnt, 10.000 Schritte am Tag zu gehen. Ein Verhalten, das später institutionell verfestigt wird. Etwa dadurch, dass es verhaltensabhängige Versicherungstarife gibt.

• Getrieben sind die Kreativen des Valleys von dem Willen, die Welt zu verbessern. Was den Menschen betrifft, zeichnet sie zudem ein grenzenloser Optimismus aus.

• Die Menschen im Valley denken in ganz großen Linien. Bei der Frage, wonach wir uns als Telekom bei neuen Geschäftsfeldern leiten lassen sollten, war die Antwort von Rob Nail: „Beeinflussen Sie das Leben von mindestens einer Milliarde Menschen. Und zwar positiv.“

Ich gebe zu, dass ich den Menschen im Valley und der sogenannten digitalen Bohème – ob nun in Tel Aviv, Südkorea oder anderswo – ihren guten Willen abnehme. Und mich begeistert die Innovationskraft, mit der dort Dinge entstehen, die einen hohen Nutzen haben. Ich wünsche mir mehr davon für Europa. Und ich kenne viele der bekannten Unternehmer und Kreativen persönlich. Ob Mark Zuckerberg, ob Eric Schmidt von Google oder Jeff Bezos von Amazon.

Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass genau diese Menschen eine „Realität“ digitaler Marktmonopole (mit) geschaffen haben. Und daran, dass diese Monopole sich, wie die Medienwissenschaftlerin Shoshana Zuboff in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ richtig bemerkt hat, auf Monopole im Bereich von Rechten verlagert haben: „Von Rechten auf Privatsphäre und von Rechten an der Realität.“ Und dass genau aus diesem Grund viele Menschen auf die Frage „Wer könnte etwas dagegen haben?“ zu Recht mit „Ich!“ antworten. Der Hintergrund dieses Unbehagens liegt auch im Funktionieren der Internet-Ökonomie begründet. Dieses Prinzip habe ich bei den Medientagen München (vgl. FK-Heft Nr. 45/14) einmal so zu erklären versucht:

„Die Internet-Unternehmen schaffen – in der Regel kostenlose – Dienste, die vor allem darauf ausgelegt sind, möglichst schnell möglichst groß zu werden. Die Breite der Nutzerbasis sorgt dafür, dass schnell viele Nutzerdaten anfallen. Diese werden in der Regel durch Werbung, aber auch durch Weiterverkauf zu Geld gemacht. Außerdem werden sie dazu genutzt, das eigene Produkt zu verbessern. Im nächsten Schritt findet dann ein ‘Lock-in’ der Kunden statt; der Wechsel zu anderen Anbietern wird erschwert. Klassisches Beispiel ist die iTunes-Bibliothek oder der Kindle. Haben Sie einmal versucht, die Inhalte von einem auf ein anderes System zu übertragen? Das geht entweder gar nicht – oder gar nicht so einfach. Ausgerechnet bei denen, bei denen sonst alles so einfach ist. Im letzten Schritt werden die Kundendaten dazu genutzt, auf Basis der Vorlieben der Kunden neue Produkte anzubieten. Die Internet-Unternehmen bauen Inseln, die den Kunden das Paradies vorgaukeln. […] Die Inseln wachsen, die Welt wird kleiner. Und wenn auf diesen Inseln auch noch jeder Schritt überwacht wird, sind sie genau betrachtet eher Alcatraz als Paradies.“

Wenn Google sagt, „Don’t be evil“, dann definieren sie letztlich selbst, was böse ist. Man kann das als Vorteil sehen, wenn man dem Unternehmen eine ethisch-moralische Überlegenheit zuschreibt. Was übrigens nicht vollkommen abwegig ist, wenn man bedenkt, dass zum Beispiel nicht alle Länder, in denen Google operiert, gefestigte Demokratien sind.

Was aber wäre, wenn eine solche ethisch-moralische Überlegenheit nicht existierte? Oder wenn sie abhanden käme? Weil das System, das man geschaffen hat, einen irgendwann selbst beherrscht? Dabei geht es mir gar nicht um Google oder irgendein anderes Unternehmen. Und schon gar nicht geht es mir um einzelne Personen. Aber um ein Gefühl für die Risiken zu bekommen, reicht es schon, den 2013 erschienenen Bestseller „The Circle“ von Dave Eggers zu lesen. In diesem Roman geht es um ein Unternehmen, das auf Basis von Daten das allumfassende Betriebssystem des Lebens schafft. Der Wert des Menschen wird danach bemessen, wie viel er für dieses System erbringt. Das Ergebnis ist ein totalitäres Regime, dessen Mantra – Transparenz – keine Privatheit mehr zulässt.

Ein Regime, das anders als der Europäische Gerichtshof das Recht auf Vergessenwerden nicht kennt. Ein Regime, in dem deshalb jede Vergangenheit zugleich Gegenwart ist – und daher der ständigen Bewertung unterliegt. Das Rechtsstaatsprinzip der Resozialisierung wird ausgehebelt. Der daraus entstehende Konformitätsdruck zerquetscht jede Individualität. Und damit jede Freiheit.

Darum geht Europa den richtigen Weg, wenn es die Daten seiner Bürger schützt. Wenn es zum Beispiel eine Datenschutzgrundverordnung erlässt, an die sich alle halten müssen, die hier tätig werden.

Doch auch hier gilt die Ambivalenz. Daten sind eine Demokratiefrage. Und oft eine Menschenrechtsfrage. Sie sind aber auch eine Wettbewerbsfrage. Die Nutzung von Daten generell zu verbieten oder massiv zu erschweren, wäre der falsche Weg. Auf Daten basiert neuer Wohlstand. Europa darf darum nicht der Illusion unterliegen, es könne seinen bisherigen Erfolg dadurch sichern, dass man sich vom Rest der Welt abschottet.

3. Menschenbild

Natürlich wollen wir nicht, dass uns die Konzerne des Valleys bevormunden. Wir wollen auch nicht, dass uns Apps bevormunden. Wir sollten aber auch nicht wollen, dass eine Elite von Bildungsbürgern der vermeintlich unwissenden Mehrheit diktiert, was gut für sie sei.

Die Aufgabe, die sich uns stellt, kann nicht Bevormundung sein, sondern vielmehr Aufklärung und Wissensvermittlung. Aktuell habe ich die Befürchtung, dass durch die Art, wie wir die Debatte über die Auswirkungen der Digitalisierung führen, nicht nur Wohlstand verhindert wird, sondern auch Wohlfahrt. Wir in Europa haben vor „Big Data“ ja schon allein deshalb Angst, weil darin das Wort „Big“ vorkommt. Das führt zu Auswüchsen, die man wohlwollend als paradox bezeichnen könnte, wie folgendes Beispiel zeigt:

Ein Freund von mir ist Arzt. Er hat mir gesagt, er könne die durch Krankenhauskeime entstehende Mortalität erheblich senken, wenn er auswerten dürfte, welcher Patient mit welcher Krankheit wann in welchem Zimmer mit welchen anderen Patienten gelegen hat. Wie er medikamentiert worden ist und wann und wie oft mit welchen Putzmitteln das Zimmer gereinigt wurde. Das aber dürfe er nicht. Polemisch könnte man sagen: Datenschutz gefährdet Menschenleben.

Es gibt weitere Beispiele für diese Widersprüche. Und ich glaube, all diese in meinen Augen schizophrenen Regeln sind Folge eines bei uns tief verankerten Menschenbildes, nach dem der Mensch dem Menschen ein Wolf ist. Mit dieser Idee des „homo homini lupus“ sollten wir uns aber nicht abfinden. Auch wenn die historische und persönliche Erfahrung durchaus dafür spricht, dass der Mensch dem Menschen sehr oft ein Wolf ist. Dass natürlich Freiheit missbraucht wird. Das zeigen etwa die Hasskommentare bei Facebook, die mit Meinungsfreiheit eben nichts zu tun haben. (Ganz abgesehen davon, dass Artikel 5 des Grund­gesetzes schon im zweiten Absatz den ersten eingrenzt.) Das zeigen die täglichen Shitstorms, denen jede Diskursethik fehlt. Das zeigen die vielen Hackerangriffe, die täglich weltweit stattfinden. Allein auf das Netz der Telekom 800.000 pro Tag. Und das zeigen natürlich die Überwachungsskandale der vergangenen Zeit, Stichwort: NSA.

Aber dieses Menschenbild des Wolfes zugrunde zu legen, heißt leider auch, der Freiheit des Einzelnen keinen Raum zu lassen. Denn wer den Mensch als Wolf sieht und Menschen als Rudel, wird sich konsequenterweise für einen starken Staat, für starke Regeln, für starke Einschränkungen des Individuums aussprechen müssen. (Thomas Hobbes, der unter Rückgriff auf Plautus den Wolfsvergleich geprägt hat, war nicht umsonst ein Vertreter des Absolutismus.) Das alles verhindert Fortschritt, Innovation, Wohlstand und – ohne pathetisch klingen zu wollen – eine bessere Zukunft.

Für mich ist der Mensch dem Menschen ein Mensch. Er ist manchmal Homo sapiens, manchmal Homo oeconomicus. Mal Homo ludens und dann wieder Homo sociologicus. Er ist all das. Er ist, wie Albert Schweitzer es ausgedrückt hat, „Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“. Dieses Menschenbild billigt dem Menschen Freiheiten zu. Selbstbestimmung, Entwicklungsmöglichkeit und Anpassungsfähigkeit. Es unterscheidet sich aber von einem zu optimistischen oder gar naiven Menschenbild, weil es Grenzen aufzeigt. Es denkt den und die anderen Menschen, ja, sogar anderes Leben mit. Den Satz „Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen“ hört man oft, auch Reinhard Kardinal Marx hat ihn in einem Text zur digital-medialen Entwicklung (siehe Publikation in der MK) als Überschrift verwendet. Sein Satz ist auch richtig. Eine Ethik, auch eine digitale, zielt aber nicht nur auf das Individuum, sondern auch auf das Miteinander.

Dazu passen einige Sätze aus dem Manifest, das sich die Telekom gegeben hat und aus dem ich daher zitieren möchte. Dort steht: „Es liegt in unserer Natur: Wir brauchen den Austausch mit anderen Menschen, um uns zu entwickeln. Teilen ist Nähe. Deshalb teilen wir, was uns wichtig ist, mit denen, die uns wichtig sind.“

Ich glaube, darum geht es. Das Miteinander zu definieren. Uns darüber zu verständigen, wie und was wir mit anderen teilen. Denn so wie wir in unseren Sozialsystemen eine Solidargemeinschaft eingehen, könnten wir auch mit Daten und digitalen Diensten Solidargemeinschaften bilden.

Gleichzeitig darf diese Solidargemeinschaft aber nie derart ausufern, dass sie die Freiheit des Einzelnen zu sehr einschränkt, wie es in „The Circle“ beschrieben ist. Das bedeutet, dass diese Solidargemeinschaft auch menschliche Schwächen aushält. Dass sie keinen absoluten Selbstoptimierungsanspruch an den Einzelnen formuliert. Dass sie empfiehlt und nicht vorschreibt. Dass sie ermöglicht, statt zu zwingen. Dass sie also im Kern akzeptiert, dass der Mensch eben nicht nur rational ist, sondern auch emotional. Dass er zudem nicht perfekt ist. Und dass gerade die damit verbundenen Schwächen ihn unterscheiden von den Maschinen, die uns in dem, was wir Denken nennen, vielleicht schon bald überlegen sein werden. Und dass allzeitige Perfektion weder individuell noch gesellschaftlich betrachtet ein Wert an sich ist: Aus Fehlern können wir lernen – dazu sollten wir bereit sein. Und: Wer maßt sich angesichts der „Wechselfälle der Geschichte“ schon an, in einer Langzeitperspektive wirklich determinieren zu können, was eine „Fehlentwicklung“ ist.

Was sich die Menschen im Silicon Valley vorstellen, ist tatsächlich das „Global Village“. Das globale Dorf. Doch dieses idyllische Bild täuscht darüber hinweg, dass Dörfer nicht nur Sinnbilder sind für friedliches Miteinander. Sondern auch – wie McLuhan festgestellt hat – für Anpassungsdruck. Dafür, dass jeder von jedem fast alles weiß. Dafür, dass Menschen, die sich der Dorfgemeinschaft entziehen wollen, im Extremfall ausgegrenzt werden. Dafür, dass Andersartigkeit ein Problem sein kann.

Der Gegenentwurf innerhalb unserer „Turing Galaxy“ ist vielleicht die „Globale Stadt“. Ein Ort des Zusammenlebens in Gemeinschaft. Ein Ort aber, der neben Nähe und Transparenz auch Distanz und Privatheit ermöglicht. Und der vor allem jedem die Freiheit lässt, selbst zu entscheiden, an welchen Stellen er sich für welche Variante entscheidet. Um Missverständnisse zu vermeiden: Der Ort dieser „Globalen Stadt“ kann und muss natürlich auch das „Land“ sein, das digitalen Zugang braucht.

4. Regelfelder

Das alles ist leicht gesagt, aber schwer umgesetzt. Und es ist nur der Anfang. Denn, um auf Negroponte zurückzukommen: Die Digitalisierung wird unser ganzes Leben prägen – Arbeit und Bildung, Gesundheit, Konsum, menschliche Beziehungen.

Jenseits individueller Fragestellungen wie „Gelten Menschenrechte auch für künstliche Intelligenz?“ oder „Wie viel Transhumanismus akzeptieren wir?“ gibt es in meinen Augen Themen, bei denen wir die Debatte heute schon sehr dezidiert und grundsätzlich führen können. Ich kann die einzelnen Punkte hier nicht ausführen, aber zumindest anreißen:

Datenschutz

       Wie gezeigt: Daten sind der Rohstoff der Digitalisierung. Die wesentlichen Fragen, die die Digitalisierung an uns stellt, sind darum eng mit dem Umgang mit den Daten verbunden. Wem gehören Sie? Wer darf sie zu welchen Zwecken nutzen? Dürfen sie weitergegeben und weiterverarbeitet werden?

       Die Deutsche Telekom ist hier klar: Wir befürworten die Nutzung von Daten. Wir wissen aus der Geschichte, dass die wesentliche Wertschöpfung und damit Wohlstand dort entstehen, wo der Rohstoff veredelt wird. Wir müssen darum verhindern, in Europa zur Datenkolonie zu werden. Deshalb müssen wir gleiche Regeln für alle schaffen. Mit einer Daten-Anonymisierung und Daten-Pseudonymisierung haben wir Instrumente, mit denen wir zugleich ein hohes Datenschutzniveau wahren können. Außerdem sollte Transparenz vor allem für Unternehmen gelten. Der Kunde muss die Möglichkeit haben, einer Nutzung seiner Daten zu widersprechen.

Cybersicherheit

       Die Zahl der Cyberattacken nimmt zu, ebenso die Komplexität. Diese Entwicklung erfordert weiterhin und zunehmend intelligente Analysemethoden und Abwehrkonzepte – speziell zugeschnittene Angriffe benötigen ausgeklügelte Reaktionsmuster. Und es stellen sich neue Fragen: Wie viel Sicherheit muss in einem System implementiert sein, damit es überhaupt eingesetzt werden darf? Wer ist für Sicherheitsmängel verantwortlich?

      Die Telekom setzt auf die sogenannte „Security by Design“. Das bedeutet: Schon in der Entwicklung des Produkts haben Sicherheitsfragen eine wichtige Bedeutung. Zudem setzt die Telekom auf Transparenz. Wir werben zum Beispiel dafür, dass Unternehmen Hackerangriffe nicht geheimhalten, sondern anderen Unternehmen bekannt machen, damit solche Angriffe gemeinsam analysiert und bekämpft werden können. In unserer vernetzten Welt ist Sicherheit eine Gemeinschaftsaufgabe. Deshalb passt es zur Partnerstrategie der Telekom, mit den besten Technologieanbietern Lösungen und Produkte zu entwickeln, die wir in Deutschland und aus unseren Rechenzentren heraus betreiben – nach strengen deutschen Datenschutzrichtlinien.

Digitale Teilhabe

       Der digitale Raum ist eine Verlängerung des physischen Raums. Soziale Interaktion, Bildung, Arbeit, Wirtschaft – all das findet inzwischen zu einem großen Teil im Netz statt. Darum ist eine Spaltung zwischen Onlinern und Offlinern zugleich eine soziale Spaltung, weil sie Teilhabe behindert.

       Die Telekom investiert durch ihren Netzausbau in die digitale Teilhabe. Mehr als vier Milliarden Euro allein in Deutschland in diesem Jahr, um die Bevölkerung flächendeckend mit der Bandbreite zu versorgen, die notwendig ist. Es geht eben nicht nur um Spitzengeschwindigkeiten an einzelnen Hotspots oder in Ballungsräumen, sondern es geht darum, Bandbreite in die Fläche zu bekommen. Das ist unser Kerngeschäft. Damit verdienen wir unser Geld.

Bildung

       „Programmiere oder werde programmiert“, so lautet ein berühmtes Zitat des Medientheoretikers Douglas Rushkoff. Die Theorie dahinter ist, dass nur, wer selbst programmieren kann, in der Lage ist, zu verstehen, wie die digitale Welt funktioniert. Und damit auch in der Lage ist, die digitale Welt aktiv mitzugestalten.

      Die Telekom setzt sich seit langem dafür ein, dass Programmieren als „Fremdsprache“ (in Wahrheit ist sie eher eine Methodik) auf den Lehrplan gehört. Aber ich glaube, damit ist es nicht getan. Denn Code ist nie neutral, sondern er verfolgt eine Absicht, ob nun eine politische oder einer wirtschaftliche. Es gehört daher auch das Thema „Digitale Ethik“ auf die Lehrpläne in Schulen und vor allem Universitäten. Die von verschiedenen Wissenschaftlern ins Gespräch gebrachte „digitale Staatsbürgerkunde“ scheint mir sinnvoll. Es geht eben nicht nur darum, die Technik als solche zu beherrschen, sondern auch darum, Technikfolgen abschätzen zu können. So, wie es Sicherheit by Design gibt, müsste es eigentlich auch Ethik by Design geben.

Und damit komme ich noch einmal zurück auf die Ausgangsfrage: „Wer könnte etwas dagegen haben?“ Denn diese Frage hat nicht nur Mark Zuckerberg gestellt. Sondern implizit stellen viele im Valley und anderswo diese Frage, wenn sie der Welt eine Technologie schenken, die – wie Rob Nail es gesagt hat – das Leben von mindestens einer Milliarde Menschen positiv beeinflussen soll. Ich glaube, diese Frage ist nicht die Folge von Naivität. Oder von knallharten Geschäfts­interessen. Sondern vielleicht auch ein Ergebnis mangelnder Rückkopplung. Man versteht eben wirklich nicht, wo das Problem liegen könnte.

Ein Unternehmen wie die Deutsche Telekom ist vermutlich gesellschaftlich wesentlich stärker verankert als viele Konzerne des Valleys, die mit ihren Mitarbeitern regelrecht in einer eigenen Welt leben. Ich treffe in Bonn Menschen in der Nachbarschaft, im Sportverein und natürlich im Unternehmen. Ich treffe Politiker in Berlin und anderswo. Ich treffe Gewerkschafter. Und auch mit meinen schärfsten Kritikern aus der sogenannten Netz-Community habe ich schon Podiumsdiskussionen geführt.

Die Telekom ist ein Weltkonzern. Aber wenn wir ausbilden. Wenn wir einstellen oder einen Standort schließen. Wenn wir weiterbilden oder Flüchtlingen helfen. Wenn wir unser Netz ausbauen. Oder wenn wir es nicht täten: Dann sind wir ganz lokal.

Ich bin überzeugt, dass digitale Verantwortung auch aus diesem System der Checks and Balances erwächst. Aus der Bereitschaft zum Austausch und damit der Nähe zu verschiedenen Meinungen. Und aus der Nähe zu den direkten Folgen unseres Handelns. Klar ist jedoch auch: Regionale und nationale Lösungen werden einer globalen Technik kaum ein Regelwerk aufzwingen können.

Die erste Aufgabe ist es darum, einen breiten Diskurs zu führen über die lebensverändernden Dimensionen der Digitalisierung. Daraus muss eine zivilgesellschaftliche Vision entstehen, wie die Digitalisierung lebensfreundlich eingesetzt werden kann. Und wir müssen diese Vision auch denen nahebringen, die sie bislang nicht teilen. Dazu dient, dass die Telekom in diesem Jahr immer wieder Experten aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft zu Wort kommen lassen wird. In unserem Intranet, auf YouTube, auf Konferenzen. Überall dort, wo Menschen real oder digital zusammenkommen. Unser Ansatz lautet: „Wir müssen reden.“ Wir sind erreichbar unter #digitalduty.

Nichts ist unbeherrschbar, auch nicht die Digitalisierung. Wir sind kein Spielball. Sondern wir sind das, was wir sein wollen. Wer sich vor wenigen Jahren dafür eingesetzt hat, Hasskommentare bei Facebook zu löschen, musste sich vorhalten lassen, das Internet nicht verstanden zu haben. Heute sehen wir, dass es nicht nur zwingend notwendig ist, gegen Hasskommentare vorzugehen, sondern dass es auch geht. Es ist eine Frage des Wollens und des Aufbaus von Kompetenzen. Und vielleicht auch eine Frage des notwendigen Drucks, den man aufbauen muss, um „Bewegung“ zu erzeugen.

Wir werden also auch den neuen, digitalen Lebensraum gestalten können, der längst verschmolzen ist mit der analogen Welt. Und darum muss auch eine digitale Ethik mehr kennen als 0 und 1. Sie kann keine Aneinanderreihung kategorischer Imperative sein. Sondern digitale Ethik ist ein ständiges Ausbalancieren. Sie ist eine Definition des Verhältnisses zwischen Menschen und zwischen Mensch und Maschine. Ein Ausloten zwischen den Ansprüchen, die der Einzelne an die Gesellschaft hat und die umgekehrt die Gesellschaft an den Einzelnen stellt.

Und dabei können wir auf eine Ethik zurückgreifen, für die wir in unserer Geschichte immer wieder gekämpft haben. Sie lässt sich in einem Satz zusammenfassen. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Die digitale Würde muss es auch sein. Wer könnte etwas dagegen haben?

09.05.2016/MK

Print-Ausgabe 25-26/2017

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