Gita Ekberg: Fußball brutal. Wenn der Schiri zum Freiwild wird (ARD/NDR)

Vielschichtig und eindringlich

17.04.2015 •

17.04.2015 • Beleidigungen und Ausschreitungen gegen Fußballschiedsrichter? Wie unwillkürlich kommen bei diesem Thema Jugenderinnerungen hoch, als man beim Spiel des heimischen Vereins von der Tribüne aus dem Mann in Schwarz nach einer vermeintlichen Fehlentscheidung zurief, er sei wohl blind, und hinzufügte: „Schiedsrichter, Telefon!“ In Gita Ekbergs Dokumentation zu diesem Thema geht es nicht nur um verbale Entgleisungen, sondern vor allem um brutale körperliche Angriffe auf Referees.

Thomas Kahle, einer von 75.000 Schiedsrichtern hierzulande im Amateurfußball, weiß davon zu berichten. Mit Tränen in den Augen erzählt er vor der Kamera, wie er einen Treter nach einem besonders rüden Foul vom Platz stellen wollte. Die rote Karte konnte er dem Spieler, der über Erfahrungen im Kampfsport verfügte, aber gar nicht mehr zeigen, weil er von ihm mit einem gezielten Hieb auf den Kehlkopf besinnungslos geschlagen wurde. Nach Einschätzung der Ärzte hätte diese Attacke tödlich enden können. Ein Einzelfall?

Die ARD-Dokumentation problematisiert einen bedenkenswerten Trend: Dem zufolge habe solche körperlichen Angriffe von Spielern gegen Schiedsrichter drastisch zugenommen. Einen Fall von Totschlag wie in den Niederlanden, wo im Dezember 2012 ein Schiedsrichterassistent von drei 16-jährigen Amateurspielern so schwer verletzt wurde, dass er im Krankenhaus starb, gab es in Deutschland glücklicherweise noch nicht. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hebt unterdessen hervor: „Die tatsächliche Quote bei Gewaltvorfällen liegt nach bisherigen Erkenntnissen bei weniger als einem Vorfall pro 1000 Spiele.“ Gleichwohl handle es sich um „ein wichtiges Thema“, gab der DFB am Abend des 7. April und damit wenige Stunden vor der Ausstrahlung der Dokumentation auf seiner Internet-Seite bekannt.

Anlass für diese Reaktion des DFB war ein Hinweis der ARD auf den Film in ihrem Web-Angebot. In der Ankündigung – wie auch in der Dokumentation – ist die Rede von einem „Spielabbruch in der 20. Minute nach Körperverletzung gegen den Schiedsrichter“; das sei ein „ganz normaler Satz aus einem Spielbericht (Verbandsliga)“. Dass dies der Normalzustand sei, dagegen verwahrte man sich nun beim DFB energisch. Der Verband kritisierte, die ARD werbe „reißerisch und diffamierend für die Sendung“. Es sei bedauerlich, dass die ARD so auf ihren Film hinweise, bei dem sie auf eine gute Einschaltquote hoffen dürfe. Die erreichte die Dokumentation von Gita Ekberg dann auch, vor allem weil sie im Anschluss an die Live-Übertragung des DFB-Pokal-Viertelfinalspiels zwischen Borussia Dortmund und der TSG 1899 Hoffenheim im Ersten ausgestrahlt wurde. Da die Begegnung in die Verlängerung ging (in der Dortmund das entscheidende Tor zum 3:2-Sieg erzielte), begann der Film 40 Minuten später als geplant. Zu mitternächtlicher Stunde sahen „Fußball brutal. Wenn der Schiri zum Freiwild wird“ noch 2,01 Mio Zuschauer, was einem hohen Marktanteil von 17,4 Prozent entsprach.

In Gita Ekbergs Film kommen nicht nur betroffene Spielleiter, Vertreter von lokalen Kreissportgerichten und eine Kriminologin zu Wort. Die Autorin geht zudem der interessanten Frage nach, warum derartige Ausschreitungen in der Berichterstattung totgeschwiegen werden. Das hängt auch damit zusammen, dass angegriffene Schiedsrichter einen Maulkorb erhalten. Dazu gibt Carsten Byernetzki, Sprecher des Hamburger Fußball-Verbandes (HFV), vor der Kamera eine denkwürdige Erklärung ab. Konkreter Anlass ist der Fall eines 17-jährigen Schiedsrichters, der von einem Spieler gewürgt und niedergeschlagen wurde. Vor Gericht wurde der Täter lediglich zur Zahlung eines geringen Schmerzensgeldes verurteilt.

Der Film beleuchtet das Gerichtsverfahren, nach dessen Abschluss dem Opfer von Vertretern des HFV verboten wurde, sich vor der Kamera zu dem Vorfall zu äußern. Durch diese Maßnahme, so sagte Byernetzki in der Dokumentation, wolle man vermeiden, dass der Name eines Schiedsrichters in die Öffentlichkeit gelange. Käme es dazu, würde dies „einen Rattenschwanz“ nach sich ziehen. Der Name, so die fragwürdige Begründung, würde dann „über Jahre hinweg von den Medien immer wieder angefragt“.

Die Sichtweise des Verbandsvertreters, es handle sich praktisch um Einzelfälle und die Schiedsrichter müssten vor Medien und nicht vor Spielern geschützt werden, passt nicht ganz zu den Erkenntnissen von Thaya Vester. Die Kriminologin, die 2013 die wissenschaftliche Studie „Zielscheibe Schiedsrichter“ erstellt hat, verweist in dem Film auf eine Befragung von über 2600 Schiedsrichtern aus Baden-Württemberg. 40 Prozent von ihnen hätte angegeben, schon mindestens einmal bedroht worden zu sein. 17 Prozent seien tätlich angegriffen worden. Schiedsrichter aus den als besonders brutal geltenden Celler Kreisligen sorgten im vorigen Jahr – ausnahmsweise – für Schlagzeilen: Sie reagierten auf die Übergriffe mit einem zweiwöchentlichen Streik, worüber Medien dann berichteten.

In ihrer Dokumentation zeigt Gita Ekberg nicht nur, wie Trainer und Spielerbetreuer mit Präventivmaßnehmen und Anti-Gewalt-Training gegen offenbar schon ritualisierte Ausschreitungen angehen. Sie packt auch ein heißes Eisen an, wenn Dieter Westermann, ehrenamtlicher Schiedsrichter und Vorsitzender beim Kreissportgericht Celle, im Film erklärt: „Auffallend ist, dass wir bei der Anzahl der Verfahren viele Spieler mit Migrationshintergrund haben.“ Dieser wichtige Aspekt wird im Film leider nicht weiter vertieft. Immerhin hebt die 45-minütige Dokumentation hervor, dass die Vereine eine nicht zu unterschätzende Integrationsarbeit leisten.

Auch formal setzt der Film durch den Wechsel von Reportage-Elementen und Experten-Analysen Akzente. Wenn in einer Sequenz der Schiedsrichter mutterseelenallein auf dem Rasengrün steht und aus einem Spielberichtsbogen vorliest, wie sein Vater beschimpft, seine Mutter als „Hure“ und er selbst als „Arschgesicht“ beleidigt wurde, dann ist das von eindringlicher Intensität. Besonnen ist der zurückhaltende Einsatz von Amateur-Handyvideos, auf denen Tumulte nicht bis ins blutige Detail ausgestellt werden: „Fußball brutal. Wenn der Schiri zum Freiwild wird“ (Produktion: TV News Kontor) ist alles andere als Krawallfernsehen. Der vielschichtige Beitrag zückt symbolisch die gelbe Karte und stößt damit eine wichtige Diskussion an.

17.04.2015 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 23/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren