Werner Cee: I Misteri – Eine italienische Fieldrecording-Oper. Teil 1 der Hörtrilogie „Tod und Frühling“ (SWR 2)

Klanginferno und Glaubensrausch

15.04.2016 •

Sizilien, so kann man von Sizilianern hören, sei keine Insel. Es sei ein Kontinent. Wer Sizilien abseits von Touristenbussen und Fremdenführern bereist, mag sich tatsächlich gelegentlich als eine Art moderner Odysseus vorkommen, so vielfältig sind die Eindrücke, so schroff die Gegensätze, so verführerisch ist der morbide Charme verfallender Gebäude, das Motorengebrüll der Städte, die Kunst vieler Epochen und Kulturen, das verbreitete Elend der Lokalpolitik.

So muss es auch der Komponist und vielfach ausgezeichnete Klangkünstler Werner Cee (unter anderem Prix Italia 2010) empfunden haben, als er sich nach Trapani an die Westküste Siziliens aufmachte, um dort in einem umfangreichen Produktionsprozess Aufnahmen der „Misteri“ zu machen, wie dort die Karfreitagsprozession genannt wird.

Seit 400 Jahren zieht sich diese hochemotionale, religiös berauschte Feier Jahr für Jahr zum Gedenken an den Leidensweg Jesu Christi durch die Straßen der Hafenstadt. Sie beginnt am Nachmittag des Karfreitags an der Chiesa delle Anime Sante del Purgatorio und endet dort wieder nach langen, erschöpfenden 24 Stunden. Gesänge und blechern scheppernde Blasmusik – es ist wie ein wildes Klanginferno – begleiten den Glaubenstaumel, der überdies von vielen eigens dazu angereisten Touristen bestaunt und begafft wird.

Gefesselt von diesem akustischen und auch optischen Spektakel hat Werner Cee eine Trilogie mit dem Titel „Tod und Frühling“ entwickelt, deren erster Teil das „I Misteri“ betitelte Stück ausmacht. Die Gliederung verbirgt die „Fieldrecording-Oper“ genannte Klangkomposition mit intensiven, eindringlichen Clustern, die aufdringlich wirken könnten, würde man sich als Hörer nicht die Farborgien und den Schmerzensrausch der in der Prozession mitziehenden Gläubigen gleichsam dazu denken.

Werner Cee strukturiert die Klangfülle durch Auszüge aus Goethes Melodram „Proserpina“ und aus den Metamorphosen des Ovid. Dort wird Ceres besungen, die Göttin der Fruchtbarkeit und mythologische Mutter der Proserpina. Selbst in der Übersetzung sind Ovids Verse noch reine Musik:

 „Ceres teilte zuerst mit gebogenem Pfluge die Schollen,
  Gab Feldfrüchte den Ländern zuerst und mildere Nahrung,
  Ceres gebührt mein Sang.
  O, dass ich vermöchte der Göttin
  würdig zu singen ein Lied…“

Werner Cee legt allerdings eine reine Prosaübersetzung zugrunde, vermutlich aus dem künstlerischen Bedürfnis, den ‘hohen Ton’ seiner Arbeit nicht noch weiter zu überhöhen und damit weit über ein dem heutigen literarischen Geschmack entsprechendes Maß hinauszugehen.

Den Aufnahmen aus Trapani fügt Cee O-Töne aus Palermo hinzu, die während der alljährlichen Feierlichkeiten zum Lob der Schutzpatronin der sizilianischen Hauptstadt seit fast 500 Jahren abgehalten werden. Auch hier schwanken Gläubige, die schwere Holzstatuen tragen, begleitet von scheppernden Trauermärschen durch die Stadt. Ekstatische Klageschreie setzen immer wieder ohrenbetäubend ein. Alles ist hier enthalten, was den innersten Kern Siziliens und seiner Menschen ausmacht: Eine Jahrtausende alte, gewaltbeherrschte Geschichte von Eroberung, architektonischer Blüte, grausamem Pesttod und Mafiaschlächtern, von arabischer Kultur, kunstvoller Lyrik und hochtheatralischer Opernkunst bis zu leicht konsumierbaren Krimis, die zu internationalen Beststellern wurden.

Die Sinnlichkeit des Inselkontinents und etwa der Früchte, die dem Mythos nach Ceres der Insel und ihren Bewohnern gebracht hatte – Zitrusfrüchte und den Granatapfel mit seiner hohen Symbolik –, kann die 52-minütige Produktion, so kunstvoll sie ausgefallen ist, allenfalls andeuten. Was Klangkunst zu leisten vermag, hat Werner Cee mit all seiner Erfahrung und künstlerischen Sensibilität eingesetzt. Doch Farbe, Wärme, Licht und Duft muss der Hörer imaginieren. Musikalisch und radiophon ansprechbaren Menschen wird das allerdings nicht schwerfallen. Fortgesetzt wurde Werner Cees „Tod-und-Frühling“-Trilogie bei SWR 2 am 3. April mit dem Feature „La Matanza“ (14.05 Uhr) und am 5. April mit der klangkünstlerischen Pastorale „Die Rückkehr der Proserpina“ (23.03 Uhr).

15.04.2016 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK