Sibylle Berg: Und jetzt: Die Welt! Oder: Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen (MDR Figaro)

Coverversionen vorauseilenden Leidens

Das Hörspiel beginnt vor dem Hörspiel, bevor der erste Ton erklungen und der erste Satz gesagt ist. Es beginnt im Horizont seiner Erwartungshaltungen, in dem Resonanzraum des Koproduzenten – des Hörers. Der Medientheoretiker Rudolf Arnheim hat schon in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts den Rundfunk als Hörkunst beschrieben und Stefan Kanis hat Sibylle Bergs Theatertext „Und jetzt: Die Welt! Oder: Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ für den Raum zwischen den Ohren inszeniert. Jenen Innenraum, in dem sich Perzeption und Rezeption verschränken, den Raum, in dem man hört, was sich nicht im Hörraum abspielt. Dabei geht es nicht um jenen inneren Bühnenraum, den das ‘Alte Hörspiel’ postulierte, sondern um die Überlagerung von bereits Gehörten mit neu zu Hörendem – kurz, es geht um Coverversionen.

„Gerne viel Musik“, so lautet eine Regieanweisung für ihr Stück, dem die Autorin zudem diese Inszenierungsanweisung beigegeben hat: „Ein Text von Frau Berg für eine Person und mehrere Stimmen. Oder anders.“ Schon ihre 1998 auf CD erschienene Lesung von „Sex II“ hatte Sibylle Berg mit einem „Booktrack“ mit Musik von Philip Boa bis Rammstein versehen. In Stefan Kanis’ 55-minütiger Hörspielfassung des Theatertextes „Und jetzt: Die Welt!“ ist es die Schauspielerin und Sängerin Marina Frenk, die den vier Figuren ihre Stimme(n) gibt und die mit Songs von Udo Jürgens bis Ton Steine Scherben, von Grauzone bis Chinawomen, von Fanny van Dannen bis Rainald Grebe die Geschichten um vier Frauen illustriert. Durch die sparsam begleitete Solostimme von Marina Frenk erzeugt das Wiedererkennen und Nichtwiedererkennen, das Wiederentdecken und Neuentdecken eine besondere Spannung – eine Suchbewegung, die auch die Figuren des Hörspiels Stücks (Gemma, Minna, Lina und die Erzählerin) in Atem hält. Songs, die man nicht erkennt, sind wahrscheinlich von Marina Frenk selbst, die auch Sängerin der Ostperanto-Folkjazz-Band Kapelsky ist und deren Gesang man gerne länger zuhören würde.

Die Figuren in Sibylle Bergs hörspielästhetisch eindrucksvollem Stück, Insassen einer WG der Generation Provisorium, alle so etwa Mitte 20, haben früher als Mädchengang kleinere Jungs verprügelt. Jetzt, zwischen BWL-Studium und Zumba-Fitness-Ertüchtigung, synthetisieren sie „illegales Viagra-Zeug“ und träumen von der Liebe: „Hört das auf, irgendwann, dieses Rumgeleide? Mit Ü40?“, fragen sie sich, während sie heteronormative Besitzansprüche ablehnen. „‘Heteronormativ’ ist das Wort der Saison, letztes Jahr war es ‘authentisch’ und im Jahr zuvor ‘nachhaltig’“, spottet Sibylle Berg über die Leerformeln aktueller Diskurse, die letztendlich doch nur in der individuellen Entscheidungsgewalt kulminieren, „zu bloggen und relevante Konsumentscheidungen zu treffen“. Schleichkatzenkaffee und urban knitting bekommen nebenbei ebenfalls ihr Fett weg, wie auch die Ironie als Lebensweise überhaupt.

Die Lage „an einem verregneten Abend am Ende des Wachstums“ ist – wie immer – hoffnungslos, aber nicht ernst. Sibylle Bergs Pointen blitzen vor einer grau kolorierten Verzweiflung auf, während im Keller gefesselt und geknebelt Paul vegetiert, wohl der Vater der Erzählerin. Doch dessen Einkerkerung hat nicht zur eigentlich beabsichtigten Selbstbefreiung der Mutter geführt, sondern ist genauso vergeblich geblieben wie alle anderen Anstrengungen, die die Vier zu ihrer Lebensbewältigung unternehmen. Eine Diagnose, die bei Sibylle Berg aber nie ins Larmoyante oder Denunziatorische abkippt, denn dazu mag sie ihre Figuren zu sehr.

Was beim Hören von Coverversionen entsteht, ergibt sich aus dem aktuell Gesungenen und der Erinnerung an das Original, nämlich die Überblendung beider zu einem neuen Dritten im aktuellen Kontext. Diese Form der Zuhörkunst ist natürlich nicht auf die Musik beschränkt, sondern funktioniert auch bei Texten. Der durch seine Interpunktion mit Doppelpunkt und Ausrufungszeichen einen verheißungsvollen Aufbruch suggerierende Titel „Und jetzt: Die Welt!“ evoziert natürlich die prägende Zeile eines Nazi-Liedes, die in zwei Varianten überliefert ist: „Denn heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt“ vs. „Denn heute, da hört uns Deutschland und morgen die ganze Welt.“

Außerdem mag man an den ins Ungewisse zielenden Titel des Hörspiels „Und dann“ von Wolfram Höll denken (vgl. FK-Kritik hier). Sibylle Berg und Wolfram Höll trennen 24 Jahre, das ist fast eine Autorengeneration. Gemeinsam haben sie ihre ostdeutsche Herkunft und ihre Wahlheimat, die Schweiz. Jene Schweiz, deren Zentralbank bis zum 15. Januar 2015 zäh ihre Währung verteidigt hat und jetzt auch den unregulierten Kräften der Weltfinanzmärkte ausgesetzt ist. Davon konnte Sibylle Berg beim Verfassen ihres Textes 2013 noch nichts wissen, aber ihre Figuren zelebrieren schon mal das vorauseilende Leiden unter dem sogenannten Draußen, das sich in ihre Lebensentwürfe eingeschrieben hat. Sie wird ihnen weder gehören noch auf sie hören, die Welt da draußen.

18.09.2015 – Jochen Meißner/MK