Anne Weber: Regen. Reihe „Das Bibelprojekt“ (HR 2 Kultur)
 

Des Menschen Bosheit auf Erden

04.03.2016 •

Gewiss ist es unumstritten, dass der Bericht über die Sintflut (1. Buch Mose 7-8) zu den großartigsten und eindrucksvollsten Schilderungen des Alten Testaments gehört. Es war also auch unumstritten, dass dieses Weltuntergangsszenario in den Kodex der 21 Produktionen nach biblischen Motiven gehörte, den die Hörspieldramaturgie des Hessischen Rundfunks (HR) auf Anregung und unter Leitung von Ursula Ruppel seit Herbst 2014 unter dem Reihentitel „Das Bibelprojekt“ zusammenstellt (vgl. FK-Heft Nr. 51-52/14). Die Abfolge und inhaltliche Bestimmung der einzelnen Stücke scheint fast aleatorisch. Das Prinzip ist kein stringentes, sondern eher ein künstlerisch freischwebendes, was vielen Autoren und Regisseuren, Komponisten und Stilrichtungen Raum und Entfaltungsmöglichkeit lässt.

Einer der frühen Beiträge war „Hiob Gesicht Gottes“ von Thomas Harlan und Michael Farin mit dem eindrucksvollen Sprecher Blixa Bargeld (vgl. MK-Kritik). Klaus Reichert folgte im Dezember vorigen Jahres mit „Writing through Genesis“ als Hommage an die lautpoetischen Texte seines Freundes John Cage („Writing through Finnegans Wake“). Wie er wandte Reichert die elegant-komplizierte Technik des Mesostichons an (Reimbildung in der Mitte der Zeilen – statt, wie üblich, am Ende oder am Anfang). Die vertikale Mittellinie ergibt – in mehreren Sprachen – die ersten beiden Wörter der Bibel: „Im Anfang“. Zu Recht ist „Writing through Genesis“ im Dezember 2015 zum „Hörspiel des Monats“ gewählt worden (vgl. MK-Meldung).

Nun, im Februar 2016, folgt mit dem Hörspiel „Regen“ eine Variante der Weltenflut. Anne Weber, die in Paris lebende Autorin und Übersetzerin, konnte für den Text gewonnen werden. „Regen“ ist der bescheidene, unauffällig daherkommende Titel einer modernen, großstädtischen Paraphrase jenes Ereignisses, das zum Ende der Menschen hätte führen können. Gott, so heißt es im 1. Buch Mose, reute es, dass er den Menschen gemacht hatte, denn „er sah, dass des Menschen Bosheit groß war auf Erden“. Noah als Einziger wurde verschont. Er baute die Arche.

Anne Weber lässt sich von der Wucht des alttestamentarischen Textes nicht erdrücken. Ganz beiläufig positioniert sie in dem Hörspiel (einer Koproduktion des HR mit dem Deutschlandradio Kultur) ein junges Paar in einer schicken Wohnung oben über den Dächern von, so kann man vermuten, Paris. Die beiden sind nett miteinander, ein bisschen oberflächlich, ein bisschen zu trendy vielleicht, nicht böse, nicht feindselig zu sich und zu Fremden. Der unaufhörliche Regen führt dazu, dass Flüchtlinge aus tiefer gelegenen und bereits überschwemmten Wohnungen bei dem Paar Einlass begehren. Sie werden hereingelassen und das erweist sich als Geschenk, denn mittlerweile herrscht Stromausfall, doch die Asylanten, wie sie im Text genannt werden, bringen einen Gaskocher mit und kochen für alle. Solche Konstellationen kommen ein wenig einfältig daher, auch wenn sie plausibel erscheinen möchten.

Die Gewalt des Geschehens ist jedoch so stark, dass der Autorin im Rahmen eines weniger als einstündigen, ‘klassisch’ gearbeiteten Hörspiels (das Stück dauert 52 Minuten) nur wenig Raum bleibt, Dissonanzen zu entwickeln und feinere Töne zu entfalten. Daher entledigt sie sich der Zwänge des Dialogs, in dem die Handlung überwiegend angesiedelt ist, und weicht aus in einen Erzähltext, der ihre literarische Qualität besser belegen kann als das eher dahinplätschernde Zwiegespräch des jungen Paares.

Ein letztes Mal wird gegen Ende des Stücks, als die Sintflut nicht mehr aufhaltbar ist, ein Dia­log eingefügt, der jedoch die Rettungssituation in einer Plastikwanne („Arche“) auch hier nicht auf die sprachliche Ebene heben kann, auf der sich der Erzähltext bewegt. Es handelt sich bei diesem Hörspiel um die erste szenisch-dialogische Arbeit der Erzählerin Anne Weber, von der zuletzt „Ahnen. Ein Zeitreisetagebuch“ erschienen ist (2015). Es ist ein wenig schade, dass sich in ihrem Debüthörspiel die beiden Textsorten Prosa und Dialog nicht im Gleichgewicht befinden. Von Christine Nagel textadäquat zurückhaltend inszeniert, gewinnt die Produktion durch die kompositorische Grundierung des Saxophonisten Tobias Rüger, die hervorragende Sprecherin Corinna Kirchhoff und die sensible technische Realisation von André Bouchareb und Melanie Inden.

Die Wucht der biblischen Sintflut – zumal in der Übersetzung Martin Luthers – erreicht „Regen“ weder inhaltlich noch sprachlich. So vermessen will diese Variante eines der stärksten Bibelmotive aus vielen guten Gründen auch gar nicht sein. Aber man darf annehmen, dass mancher Hörer dieses Stücks sich wieder mit dem Original beschäftigt hat. Was nicht das schlechteste Ergebnis rundfunkpolitischer Kulturarbeit wäre. (Im Programm von Deutschlandradio Kultur wird „Regen“ am 13. April um 21.30 Uhr ausgestrahlt.

04.03.2016 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK