Agnieszka Lessmann: Monolog einer hässlichen Frau (SWR 2)

Die Stärke der Uneindeutigkeit

Auf das Oberflächliche, das äußere Erscheinungsbild fixiert zu sein, ist ein Vorwurf, den man heutzutage nicht mehr nur Personen hinsichtlich ihres zwischenmenschlichen Handelns machen kann. Denn seit der Etablierung des allseits bekannten Betriebssystems Microsoft steht die sogenannte Benutzeroberfläche im Fokus der für den Endkonsumenten wahrnehmbaren technischen Entwicklung. Mit dem Siegeszug der Touchscreen-Technologie von Smartphones und Tablets wurde der rein visuelle Charakter der Oberfläche gar noch um eine interaktive sinnliche Komponente erweitert – das berühmte Wischen.

Diese Entwicklung greift Agnieszka Lessmann in ihrer neuen Funkarbeit „Monolog einer hässlichen Frau“ auf. Es handelt sich dabei, wie schon der Titel verrät, um einen Hörspielmonolog, allerdings um einen ungewöhnlich innovativen. Zu verorten ist er im Genre der gesellschaftlichen Science Fiction. Erzählt wird, unterbrochen von Flashbacks, von der Erfinderin Marie (Agnes Mann). Sie befürchtet das Schlimmste, was die Auswirkungen des „Mariella-Spiegels“ betrifft, der neuesten von ihr entwickelten Benutzeroberflächentechnologie.

Marie sorgt sich, dass die durchoptimierte, komplett vernetzte und „smarte“ Welt, in der Lieferdrohnen die Arbeit von Paketboten übernommen haben, die in dieser Welt lebenden Individuen in die endgültige Vereinzelung verbannen könnte – falls der „Mariella-Spiegel“ tatsächlich auf den Markt gebracht werden sollte. Das Produkt besteht aus einem „modifizierten Spiegel“ und einem Nano-Chip. Augenscheinlichster Effekt dieser neuartigen Benutzeroberfläche ist, dass der Betrachter sein Abbild darin wie mit Photoshop bearbeitet erblickt.

Noch bevor der Hörer aber richtig in die technischen Details und die Entstehungsgeschichte des Spiegels eingeweiht wird, erfährt er, dass die Erfinderin ihr Werk bereits selbsttätig zerstört hat. Durch diesen destruktiven Akt der Hauptfigur wird von der Autorin der erzählerische Rahmen für das insgesamt 72-minütige Hörspiel geschaffen: Marie hat eine Stunde Zeit, die Gründe für die folgenreiche Vernichtung des „Mariella-Spiegels“ darzulegen, danach ist mit dem Auftauchen eines Security-Teams zu rechnen, das sie vermutlich für das Eigentumsdelikt zur Rechenschaft ziehen wird.

In dieser Stunde berichtet Marie von ihrer aus der Schulzeit stammenden Freundschaft zu Mariella (Jana Schulz). Im Gegensatz zu Marie wird Mariella den gängigen Schönheitsidealen gerecht. Und während Marie ein Schattendasein fristet, macht Mariella Karriere. Beide arbeiten später für einen schlicht „der Konzern“ genannten Giganten, der wohl in Google sein reales Vorbild hat. Auch hier hat Mariella vordergründig größeren Erfolg. Sie präsentiert die technischen Entwicklungen des Konzerns nach außen hin, obwohl es Marie ist, die die ansprechend designten und intelligenten Produkte entwickelt hat. Der „Mariella-Spiegel“ ist Maries geheimes Privatprojekt. Er erlaubt es dem Betrachter, die Welt durch die Augen der als Vorbild gewählten Person zu sehen und deren Gedanken zu denken.

Wie genau das gehen soll und was dabei eigentlich passiert, ist nicht ganz klar. Handelt es sich um eine funktechnische Form telepathischer Gedankenübertragung? Oder führt der Spiegel zu einer tiefgreifenden Persönlichkeitsveränderung beim Betrachter, in deren Folge man Stimmen zu hören beginnt? Das zur Klärung dieser Fragen wichtige Detail, ob der Nano-Chip des „Mariella-Spiegels“ beim Betrachter, beim „Idol“ oder doch im Spiegel selbst implantiert ist, wird nicht erläutert.

Diese Uneindeutigkeit erweist sich nun aber nicht als Mangel, sondern als Stärke des Stücks und ist für den experimentellen Charakter des Hörspielmonologs mitverantwortlich. Denn es ist im Fall von Mariella schwer zu sagen, wann oder ob überhaupt sie als Person zu hören ist oder es sich nicht um eine von Marie halluzinierte Stimme handelt.

Jedenfalls bekommt Mariella irgendwann Wind von der vielversprechenden Erfindung, während Marie genug davon hat, vorm Spiegel zu hocken und sich nicht selbst zu sehen. Zum Stimmungsumschwung trägt auch die behutsam erzählte potenzielle Beziehung zwischen einem der letzten Paketboten und Marie bei. Dieses zarte Pflänzchen der Liebe will Mariella nun zertrampeln, sollte Marie nicht den Spiegel herausrücken. In einer fatalistischen Entscheidung zertrümmert Marie schließlich den Spiegel.

Das unter der Regie von Alexander Schuhmacher beim SWR produzierte Stück (Redaktion: Ekkehard Skoruppa) setzt viele akustische Gimmicks ein und zeigt, dass Stimmverfremdungs-Tools nicht nur in der Popmusik, sondern auch im Hörspiel gut aufgehoben sind.

11.12.2015 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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