Sarah Schreier: Ich dachte, in Europa stirbt man nie (RBB Kulturradio)

Flucht und Migration

22.01.2016 •

22.01.2016 • Im ersten Quartal des neuen Jahres sendet das Kulturradio des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) im Rahmen seines Themenschwerpunkts „Beweg-Gründe“ Produktionen, „die sich den Themen Vertreibung, Flucht und Exil widmen“, wie der Sender auf seiner Website informiert. Den Auftakt dieser Reihe bildete die Ursendung des Hörspiels „Ich dachte, in Europa stirbt man nie“. Idee und Konzept hierfür stammen von Sarah Schreier, Regie führte der erfahrene Hörspielmacher und -regisseur Alfred Behrens.

Im Untertitel des dokumentarisch geprägten Stücks klingt bereits an, was in der knapp einstündigen Produktion zu hören ist: „Stimmen von sechs Menschen aus Syrien, Afghanistan, Serbien, Angola und Nigeria“. Unter Wahrung ihrer Anonymität erzählen sie sehr persönliche Geschichten von den Ursachen ihrer Flucht, von den oft lebensgefährlichen Wegen und von ihrem Leben und Aufenthaltsstatus in Deutschland. Da Geflüchtete öffentlich immer häufiger als eine abstrakte, unbestimmt bedrohliche Menschenmasse wahrgenommen werden, ist der Ansatz sehr wichtig, konkrete Individuen aus dieser ‘Masse’ zu Wort kommen zu lassen.

Zu den sechs Geflüchteten hatte Sarah Schreier Kontakt aufgebaut. Sie traf sich mit ihnen schließlich an einem Wochenende im Oktober vergangenen Jahres in Berlin im Haus des Rundfunks, wo im Studio T5 die Aufnahmen entstanden. Innerhalb des großen Studios wurde hierfür mit Stellwänden eine Art Zelt als zusätzlicher psychischer wie auch schalltechnischer Schutzraum geschaffen.

Nach dem von Sarah Schreier erarbeiteten Konzept dienten von den Sprechern mitgebrachte Gegenstände als Ausgangspunkt für die einzelnen Geschichten. So berichtet etwa eine aus Nigeria stammende Sängerin anhand einer Spielzeugpuppe von ihrer kleinen Tochter, die sie durch die Flucht vor der bevorstehenden Genitalverstümmelung bewahrt hat. Eine Getränkedose erinnert einen aus Angola stammenden Mann an seine Jugend, in der er regelmäßig mit seinen Freunden Fußball spielte – aus Ballmangel mit den zweckentfremdeten Blechbüchsen. Ein Sternenprojektor wiederum gibt einer aus Syrien vor dem Bürgerkrieg geflohenen Frau in ihrer Wohnung die zum Einschlafen nötige Ruhe.

So ergeben sich über diese Gegenstände, die den Anstoß bilden, die diversen Berichte. Und es ist dabei sehr angenehm, dass Sarah Schreier den Erzählenden nicht abverlangt hat, dogmatisch am jeweiligen Gegenstand ‘kleben’ bleiben zu müssen. So kommt der Hörer ausgehend von der vertrauten alltäglichen Dinglichkeit mit krassen und bewegenden Schicksalen in Berührung und erfährt etwa aus erster Hand von der Todesgefahr, die ein junger syrischer Kurde und ein Afghane beim Überqueren des Ägäischen Meeres durchstanden haben. Besonders bedrückend auch die Schilderung eines serbischen Roma-Mannes von einem rassistischen Übergriff auf ihn durch serbische Nationalisten. Mit seinen Papieren fühlt er sich in Deutschland als Bürger zweiter Klasse; bald wird er wohl wieder in das seit dem vorletzten Jahr als sicheres Herkunftsland eingestufte Serbien abgeschoben, wo er jedoch täglicher Diskriminierung ausgesetzt ist und um seine körperliche Unversehrtheit bangen muss.

Das Hörspiel zielt in erster Linie auf die Empathie-Fähigkeit des Hörers, allerdings nicht unter Ausblendung der Rationalität. Von der Machart her erinnert das Stück an Ulrike Müllers im November vorigen Jahres mit dem Deutschen Hörspielpreis der ARD ausgezeichnete RBB-Stück „Das Projekt bin ich“ (vgl. MK-Meldung und FK-Kritik), in dem Schauspieler von ihrem prekären Arbeitsleben berichteten. Die Stücke ähneln sich in der authentischen Verschmelzung von Sprecher und ‘Rolle’. In beiden Fällen sind die Sprecher auch die eigentlichen Autoren. Hier wie dort wurde zudem im Schnitt eine lebendige Interaktion der Stimmen erzeugt. Die Produktion „Ich dachte, in Europa stirbt man nie“ zeigt sich allerdings durch den dezenten Einsatz von Soundeffekten und Musik noch ein wenig radioaffiner.

Zur Auseinandersetzung mit Flucht und Migration fällt positiv auf, dass Geflüchtete hier Gelegenheit haben, ihre Geschichte mit der eigenen Stimme zu erzählen und dabei nicht als Betrachtungsobjekt zu dienen. Hinter jeder der sechs Geschichten steht ein reales Schicksal, offene Enden einzelner Erzählungen stehen also auch stellvertretend für rechtlich ungewisse Aufenthaltssituationen. Die bedrückende Wirkung wird aber vom motivierenden Appell an die Menschlichkeit wettgemacht. Ein starker Beginn des Hörspieljahres beim RBB.

22.01.2016 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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