Alice Munro: Manche Frauen (NDR Kultur/SWR 2)

Dem Gestus folgend

24.07.2015 •

Man täusche sich nicht: Auch eine Kurzgeschichte, eine Short Story für das Hörspiel zu adaptieren und einzurichten, kann es in sich haben. Das gilt auch für die kleine, muntere und schlanke Erzählung „Manche Frauen“ („Some Women“) von Alice Munro, die 2013 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde.

Die facettenreiche Erzählung über ein hochkomplexes „Mehrgenerationenhaus“ in einer kanadischen Kleinstadt fordert bereits vom Leser volle Konzentration und Aufmerksamkeit, denn über die Verknüpfungen von Jung und Alt, von Kranken und Gesunden, von Stiefmüttern und pflegendem Personal wird in meisterlichen lakonischen Verschränkungen und Schürzungen berichtet – und das alles zunächst aus der Perspektive der 13-jährigen Erzählerin, die im Verlauf der Erzählzeit auch reifen und „altern“ wird, denn zu Beginn heißt es kurz und bündig: „Es verwundert mich manchmal, wie alt ich bin“, und im Finale ist dann zu lesen: „Ich wurde erwachsen und alt.“

Der Regisseur und Theaterfachmann Jean-Claude Kuner richtete die Erzählung für den Funk ein. Er tat dies außergewöhnlich sorgfältig; dem Gestus der Vorlage folgend legte er das Stück mehrschichtig an. Kuner führte dabei auch selbst die Regie. So entwickelte er für die Adaption eine raffinierte Doppelperspektive für die Erzählerin, die er ganz kess (oft simultan) mit zwei völlig unterschiedlichen Stimmen besetzte. Einmal mit der ehrwürdigen und rauchzarten Stimme der Nadja Tiller am Mikrofon und dann war da als jugendliche, naive und neugierige Beobachterin der Upper-Class-Behausung Marina Frenk vom Gorki-Theater in Berlin zu hören mit ihren wunderbaren Intonationen und Modulationen jugendlicher Unbefangenheit. Das war ein genialer Regie- und Bearbeitungsschachzug, der die Komplexität der familiären Verschränkungen und Verstrickungen im Domizil luzid aufschlüsselte.

Ganz andere Fragen warfen die musikalischen Einschübe und Akzente des Komponisten Dmitri Kourliandski auf. Vielleicht wurde hier das Monochord angeschlagen, vielleicht wurden auch am Steg einer Violine Töne und Dissonanzen entlockt. Es war dabei dem Zuhörer keineswegs eingängig, wie dieser fernöstlich anmutende Klangteppich in Beziehung zu den erzählten Lebensentwürfen stehen sollte. Nun, es war dies zumindest eine musikalische Versuchsanordnung, die nichts untermalte, sondern eher Klangmuster evozierte, die auch schmerzen, ja, reizen konnten – möglicherweise feine akustische Nadelstiche, wie sie Alice Munro in ihrer Erzählung anzudeuten scheint. Wie auch immer: Dieses erste Hörspiel von Alice Munro, auch als Bearbeitung, verdient Aufmerksamkeit und darf sich ruhig im Repertoire der Hörspielsendungen einnisten.

„Manche Frauen“ (Übersetzung aus dem Englischen: Heidi Zerning) ist eine Gemeinschaftsproduktion von NDR (federführend), SWR und HR. Das rund 55-minütige Stück wurde im Juli von NDR Kultur und SWR 2 ausgestrahlt; wann es bei HR 2 Kultur zu hören sein wird, steht noch nicht fest.

24.07.2015 – Christian Hörburger/MK

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