Ulrike Edschmid: Das Verschwinden des Philip S. (RBB Kulturradio)

Radikalisierung ohne Umkehr

28.12.2015 •

Wie sich der Vorfall am Abend des 9. Mai 1975 auf einem Parkplatz in Köln genau zugetragen hat, wird vermutlich nie mehr genau zu erfahren sein. Er endete mit dem Tod von zwei Menschen. Zwei weitere Personen wurden sehr schwer verletzt. Einer der beiden Toten war der junge Unternehmersohn und Filmemacher Werner Sauber, 1947 in Zürich geboren, der aus geordneten und sehr wohlhabenden Verhältnissen 1967 nach Berlin aufgebrochen war, um sich eine eigene Identität von Bedeutsamkeit und Gewicht zu schaffen. Am Ende wurde er als Terrorist gesucht.

Um das Hörspiel „Das Verschwinden des Philip S.“ und die Programmintention zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass die späten sechziger Jahre von vielen jungen Leuten (überwiegend aus den sogenannten gehobenen sozialen Schichten) als Jahre eines gesellschaftlichen Aufbruchs verstanden wurden. Für sie war es die Zeit der Anti-Vietnamkrieg-Demonstrationen, der Lebensentwürfe in kollektiven Zusammenhängen, des Miteinanders in großen Wohnungen (weil billig) oder in Industriebauten (weil leerstehend und sehr billig), der Opposition gegenüber allem Herkömmlichen, der konspirativen politischen Aktionen und der „Kinderläden“. Dies alles im Sinne der idealistischen Idee von einer neuen Freiheit des Individuums, von Visionen eines neuen Verständnisses von Gesellschaft.

Die Autorin Ulrike Edschmid, 1940 in Berlin geboren, hatte Werner Sauber in dieser Zeit kennengelernt, nachdem sich ihr Ehemann von ihr und ihrem gemeinsamen kleinen Sohn getrennt hatte. Werner Sauber nannte sich erst später, im Zuge seiner eigenen biografischen Neuerfindung, Philip. Er war erst Anfang 20 und zeigte einen ausgeprägten Hang zu auffallender und nicht ganz preiswerter Kleidung. Die junge Filmstudentin Ulrike verliebte sich in ihn. Er war ihrem Sohn ein Vater und unterstützte beide mit der damals noch bezahlten Apanage seiner Eltern. Ein Familienmensch, so schien es.

Ricarda Bethkes Hörspielbearbeitung des „Roman“ genannten Erinnerungsberichts „Das Verschwinden des Philip S.“, 2013 im Suhrkamp-Verlag erschienen, berücksichtigt diesen Teil des Textes zwar, richtet den Fokus aber auf den Weg, den Philip aus der Geborgenheit hin zur Gewalt genommen hat. Die Regie von Nikolai von Koslowski unterstützt diese Intention und gibt dem Original eine für den heutigen Hörer durchaus plausible Erscheinungsform.

Von der Genrebezeichnung des Originaltextes („Roman“) lässt sich die Regie nicht irreführen. Nikolai von Koslowski geht, im Gegenteil, vom dokumentarischen Kern der Geschichte aus und setzt auf die Ästhetik des Doku-Dramas, verschlankt sie zur Kunstform des Features. Ausschnitte aus Reporterberichten der damaligen Sender SFB und RIAS, etwa anlässlich der Schah-Demonstration in West-Berlin (1967), wechseln mit Ausschnitten aus Gerichtsverhandlungen, aus denen unter anderem der Verteidiger Heinrich Hannover zu hören ist, und mit Erklärungen des damaligen Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger (CDU). All diese O-Töne vermitteln einen Eindruck der aufgeheizten Stimmung dieser Zeit; allerdings sind nicht alle Stimmen ohne Manuskript erkennbar und können nicht so klar zugeordnet werden, wie es die Technik des Features verlangen würde. Die Tatsache, dass es sich bei dieser Produktion um die Bearbeitung eines „Romans“ handelt, mag über diese Unschärfen hinweghelfen. Collagen von Schlagwörtern („Alte Nazis!“, „Alles hängt mit allem zusammen“ und ähnliches) verdichten das Klima des knapp einstündigen Stücks, ohne dabei die Narration aus dem Blickpunkt zu verlieren.

Der gestalterische Ansatz, die Formstrenge des Features geben dem Text zusätzlich Bindung. Musikalische ‘Untermalungen’ einzelner, wenn auch seltener Liebesszenen (leises Summen, Melismen einer Frauenstimme) fallen in diesem Umfeld sorgfältig gewählter Stilmittel doch als etwas brav und künstlich auf. Mag damit auch ein bewusster Kontrast zu den politischen Szenen intendiert gewesen sein, so beeinträchtigt es doch partiell die politische Brisanz des Stücks. Beherrschend bleibt der Eindruck, dass Ulrike Edschmids Buch in dieser Radiofassung ein Kapitel in der noch nicht in ihren Widersprüchen und Verästelungen begriffenen Geschichte des Terrorismus im Deutschland der späten sechziger Jahre aufschlägt. Die damaligen Geschehnisse um Philip S., die Ungereimtheiten in Zusammenhang mit seinem Tod – Sauber wurde durch einen Schuss in den Rücken getötet – machen auch nach fast 50 Jahren klar, dass noch keineswegs alles aufgearbeitet ist, was in diesen Jahren des Krawalls bis hin zum Terror passierte.

Die Frage nach dem Warum, wie es dazu kommen konnte, dass einzelne Menschen in eine Radikalisierung ohne Umkehr gerieten, kann auch der Versuch der Spurensuche und Erklärung durch Ulrike Edschmid nicht klären. In der Nachzeichnung ihres damaligen Geliebten Philip S. (alias Werner Sauber) gelingt es ihr mit Unterstützung der klaren, unaufgeregten Regie Nikolaus von Koslowskis und des hervorragenden Sprechers Matthias Ponnier, die Lebensexperimente und Träume vieler Einzelner in jener Zeit wieder wachzurufen.

28.12.2015 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK