Cécile Wajsbrot: Sirenengesang (SR 2 Kulturradio)

So elegant wie irritierend

13.11.2015 •

Die homerische Ausdeutung der Sirenen, ihr Locken und das sichere Verderben desjenigen, der ihren Gesängen folgt, wäre schon ein gewichtiger, tragfähiger Stoff für eine moderne Version dieses Abschnitts der „Odyssee“ gewesen. Auch das Leben des in Frankreich geborenen, auf Deutsch schreibenden Dichters und Naturforschers Adelbert von Chamisso wäre Sujet für viele Sendungen. Die Schicksale der Flüchtlinge, die derzeit nach Europa drängen, werden in den nächsten Jahren ein gesellschaftliches Hauptthema sein. Sie werden Urkundensammlungen und Regale füllen – von digitalen Archiven ganz zu schweigen.

Cécile Wajsbrot, die als Tochter jüdischer Emigranten aus Polen 1954 in Paris geboren wurde, verbindet in ihrem 52-minütigen Hörspiel „Sirenengesang“ all diese vielen, jeweils in sich von großer Relevanz zeugenden Elemente zu einem literarisch anspruchsvollen Amalgam und fügt – wie so oft in ihren literarischen Arbeiten – Komponenten ihrer eigenen Biografie hinzu. Was sie in diesem zweisprachigen, deutsch-französischen Text zum Ausdruck bringen will, ist im Wesentlichen, dass man nicht im Seelenverkäufer übers Meer nach Deutschland gekommen sein muss, um sich heimatlos, im Exil zu fühlen. Das ist ebenso zutreffend wie banal. Ein Langgedicht – und als solches muss man „Sirenengesang“ lesen – trägt dieses Amalgam allemal. Tiefenschärfe der Problematik vermisst man hingegen. Das ist irritierend.

Cécile Wajsbrots Texte – wie schon ihre Hörspiele „Fleury, ein Dorf“ und „Im Park“ oder ihr Roman „Der Verrat“ – zeugen von ihrem literarischen Können. Manchen ihrer Romane wird ein glänzendes hermeneutisches Verfahren attestiert, wie etwa dem Roman „Mann und Frau den Mond betrachtend“. Auch hier sucht sich die zeitweise in Berlin lebende Autorin eine historische Figur – Caspar David Friedrich –, um die sie von ihr empfundene und erfundene Parallelen zur Gegenwart schlingt. Auch in „Sirenengesang“ wendet sie dieses Verfahren an, was durch die Häufung der Themen allerdings kaum zufriedenstellend gelingen kann. Überdies irritieren faktische Unschärfen. So ist in dem Text beispielsweise von der „Nord-Ost-Passage“ die Rede. Gemeint kann jedoch nur die „Nord-West-Passage“ sein. Der Zweimaster, auf dem Chamissos Entdeckungsreise unter dem Kapitän Otto von Kotzebue stattfand, war eine russische Brigg namens „Rurik“, nicht „Kurik“, wie es im Text heißt. Ob damit eine zaghafte Fiktionalisierung angedeutet ist – die jedoch völlig obsolet wäre – oder es sich schlicht um Fehler handelt, die vor der Produktion zu eliminieren gewesen wären, kann beim Hören nicht geklärt werden.

Solche Irritationen sind umso bedauerlicher, als es sich um eine Produktion mit unüberhörbarer Ambition handelt. Das poetische Potenzial und die übersetzerische Erfahrung der Autorin treffen in diesem Text aufeinander und werden so geschickt, ja elegant miteinander verbunden, dass ein bilingualer Hörer – oder doch einer, der des Französischen weit über das „Schulfranzösisch“ hinaus mächtig ist – sich gleichsam in einem einzigen Sprachraum zu befinden meint. Die Besetzung mit Anne Bennent (Erzählerin), Georges Claisse (Chamisso) und Matthias Habich (Schatten) trägt unter der Regie von Beatrix Ackers erheblich zum Hörgenuss bei – zumindest für die „Happy few“ der Zweisprachigen.

Der „Chor der Exilanten“ hat einen nicht unerheblichen Anteil an Text und Thematik. Leider ist er nicht chorisch, sondern nur mit zwei Stimmen umgesetzt worden, wobei vor allem Stephanie Schönfeld durch sehr gleichförmiges, quasi „ebenes“ Sprechen auffällt, im Widerspruch zu den bewussten Ondulationen des Textes. Ein Chor belastet das Budget mehr als zwei Nebenrollen, aber zu viel Sparsamkeit hat der Kunst noch nie auf die Sprünge geholfen.

Realisiert wurde die Produktion des Saarländischen Rundfunks (SR) in den Studios des WDR in Köln. Auf Nachfrage verlautete dazu, dass der SR Hörspiele sehr wohl in eigenen Studios produziere, dass im Fall von „Sirenengesang“ jedoch zunächst eine Koproduktion mit dem WDR angedacht gewesen, daraus jedoch nichts geworden sei. Soll man daraus schließen, dass solch ambitionierten Produktionen von der großen Kölner Rundfunk­anstalt keine Chancen eingeräumt werden – oder dass schlicht ein Planungsfehler Pate gestanden hat? Viele Fragen, wenig Fazit – außer dem, dass Cécile Wajsbrots neues Hörspiel eine Sache für Kenner ist, die Fähigkeiten der Autorin jedoch auch einer größeren Hörerschaft zugänglich gemacht werden sollten und könnten.

13.11.2015 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK