Werner Cee: KLIMA|ANLAGE (Deutschlandradio Kultur)

Sonifikationsarbeit

16.10.2015 •

Auf dem Gebiet der Sonifikation, der Verklanglichung von Daten, ergründen Künstler und Wissenschaftler gemeinsam die Vorteile von akustischen Darstellungsformen bei der Vermittlung gewisser Forschungsergebnisse. Denn menschliches Sehen kann sich nur auf einen Punkt konzentrieren und Diagramme, Graphen und Karten, animiert oder stillstehend, stoßen schnell an ihre Grenzen. Dem abstrakten Gegenstand der Klimaentwicklung in den vergangenen und kommenden Jahrzehnten widmet sich die neue Klangkunstarbeit „KLIMA|ANLAGE“ von Werner Cee. Die Absicht dahinter ist es, die Frage ‘Wie klingt das Klima?’ zu beantworten.

Während bei der Sonifikation zur Erzeugung informationshaltiger Klangbilder üblicherweise synthetische Klänge eingesetzt werden, sind es in „KLIMA|ANLAGE“ physische Klangerzeuger. Die geräuschvolle Performance von Klimadaten ist keine bloße Software, ihr liegt eine Klanginstallation zugrunde. Zu belauschen und zu besichtigen war diese erstmals vom 17. bis 25. September im Deutschlandradio-Funkhaus in Berlin. Die von Marcus Gammel geleitete Klangkunstabteilung des Senders hat diese innovative Arbeit gemeinsam mit dem Institut für elektronische Musik und Akustik (IEM) Graz und dem interdisziplinären Forschungscluster Cognitive Interaction Technology (CITEC) Bielefeld produziert. An der Umsetzung der Arbeit waren die Sonifikationsforscher Kathi Vogt und Hanns Holger Rutz vom IEM und Thomas Hermann vom CITEC beteiligt.

Bei der Vernissage am 17. September brachten Werner Cee und Sukandar Kartadinata, der die Steuerung der von Cee speziell entwickelten Instrumente programmiert hat, die Klanginstallation zum Klingen. Sie bespielten die diversen Klangerzeuger direkt, ohne diese mit Daten anzusteuern, und testeten das künstlerische Klangpotenzial der Anlage frei aus. Ein Vortrag über die Komplexität von Klima und Klimamodellen von Jobst Heitzig vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung vervollständigte das Programm.

Der Mitschnitt des Vortrags und längere Ausschnitte aus der Performance bildeten zusammen mit dem 15-minütigen Feature „Klima-Signale“ von Esther Schelander die Ursendung „KLIMA|ANLAGE“ im Programm von Deutschlandradio Kultur in der Nacht vom 24. auf den 25. September. Esther Schelander begleitete den rund dreijährigen Entstehungsprozess der Sonifikationsarbeit und bringt ihn in „Klima-Signale“ dem Hörer nahe. Von der ersten Idee Werner Cees und der Zusammenführung der Beteiligten durch Marcus Gammel folgt man dem Making-of bis zur fertig aufgebauten Anlage, deren Funktionsweise erläutert und vorgeführt wird.

Als Datenmaterial für „KLIMA|ANLAGE“ dient ein Klimamodell, das von einer mittleren Treibhausgas-Emission des Menschen ausgeht. Hieraus werden Datenströme für insgesamt zwölf Regionen der Erde aufbereitet, die den Zeitraum von 1950 bis 2100 abbilden – einem Jahr in der Wirklichkeit entsprechen sechs Sekunden Wiedergabezeit. Diese Datenströme bespielen die Instrumentenanlage. Ein Instrument bzw. eine Instrumentengruppe repräsentiert einen Parameter des Modells. Für den Niederschlag sind sechs digital gesteuerte Tropfer an einem Gerüst befestigt. Wassertropfen fallen auf Bleche, in Becken oder auf den Boden – je dichter die Folge, desto mehr Niederschlag. Hitze vermittelt sich über das sprichwörtliche Flirren, der Parameter Temperatur wird über drei entsprechend tönende, teils perlenbehangene Donnerbleche umgesetzt.

Den Wert der Sonneneinstrahlung bringt einem ein Tetrachord nahe. Bei niedriger Intensität schwingt nur die tiefste seiner vier Stahlsaiten, mit steigender Intensität erklingen nach und nach auch die höheren. Wenn die Strahlungsbilanz sich verändert, etwa wenn durch den Treibhauseffekt zunehmend mehr Infrarotstrahlung auf der Erde verbleibt, verstimmt sich die tiefste Saite nach oben. Ein leises Piepen – der einzig synthetische Klang – vermittelt über seine Frequenz die Entwicklung der Treibhausgaskonzentration. Lautmalerische Qualitäten weist der von zwei Plattenspielern mit Marmorplatten repräsentierte Wind auf.

Vom ästhetischen und informativen Gehalt der wissenschaftlich-künstlerischen Installation kann sich jeder selbst überzeugen. Denn die aus Feature, Performance und Vortrag bestehende Sendung ist online weiterhin nachzuhören. Außerdem begleitet die Web-Seite „klima-anlage.org“ das Projekt und im Rahmen der Veranstaltung „Formate des Politischen“ wird die Installation im November in Berlin im Haus der Bundespressekonferenz erneut aufgebaut und bespielt.

16.10.2015 – Rafik Will/MK

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