Gertrude Stein: Geld. In der Funkbearbeitung von Ulrike Haage (Deutschlandfunk)

Fund in Freiburg

12.02.2016 •

„Wenn das Geld im Kasten springt, die Seele in den Himmel springt.“ Das soll anno 1514 jemand gesagt haben, der mit aller Inbrunst auch dagegen gekämpft hat, dass Menschen – verkürzt gesagt – durch Geld korrumpiert werden. Es war Martin Luther. Gertrude Stein hingegen, eine der bemerkenswertesten amerikanischen Autorinnen, hat kein eschatologisches Interesse an Geld. Es gehört für sie nicht zu den „letzten Dingen“, erscheint ihr aber als vielfältiges, schillerndes Phänomen, dem sie sich in einer Reihe von kürzeren Texten gewidmet hat. Man kann davon ausgehen, dass sie alle 1936 in loser Reihenfolge in der vielgelesenen Publikumszeitschrift „Saturday Evening Post“ erschienen sind, so wie auch Arbeiten von Ray Bradbury, William Saroyan und John Steinbeck. Beste Umgebung also.

„Brotarbeiten“ seien diese Texte gewesen, sagt Ulrike Haage, die sie unter dem Titel „Geld“ für eine 40-minütige Deutschlandfunk-Produktion bearbeitet hat. Aber gleichzeitig seien sie für Gertrude Stein auch eine Herausforderung gewesen, diesem nicht zuletzt in einem hochindustrialisierten und geldaffinen Land wie den USA so wichtigen Thema literarischer zu begegnen, als es bis dahin der Fall war.

Steins Texte fand die Bearbeiterin in einer Freiburger Buchhandlung, ein Zufallsfund, der jedoch eine Initialzündung bei der Klangkünstlerin und Komponistin auslöste. Viel Sekundärliteratur zum Thema Geld habe sie gelesen, erläutert Ulrike Haage in einem aufschlussreichen Gespräch mit Sabine Küchler, der Hörspielchefin des Deutschlandfunks. Auch mit Bankern habe sie gesprochen, so Haage, sich dann aber auf die eigene Musikalität dieser Artikel konzentriert, um einen Rhythmus zu finden, mit dem sie kompositorisch auf die „Leitmotivik“ Geld vor allem inhaltlich reagieren konnte.

Zusätzlich hat Haage Texte von Aesop (Fabeln) und aus Shakespeares Drama „Timon von Athen“ mit einbezogen, die – zusammen mit den Texten von Gertrude Stein – von Dörte Lyssewski, Bernhard Schütz und Gerd Wameling interessant timbriert gesprochen werden. Der Einfall, mit zwei Flügeln zu arbeiten, ist für die Komponistin, die auch Pianistin ist, zweifellos nicht ungewöhnlich. Sinnvoll und sozusagen ergiebig ist er auf jeden Fall. Der eine Flügel bleibt im Originalzustand und wird so von Ulrike Haage gespielt. Der andere jedoch ist mit Geldstücken aller Art ‘bespickt’. Daraus ergibt sich ein dynamisiertes, ungewöhnliches und manchmal auch amüsantes Klangbild. Wenn man es durch das Gespräch zwischen Haage und Küchler nicht besser wüsste, könnte man denken, Roulette oder Carillon – also Glockenspiel – seien mit von der Partie gewesen.

Ein sehr spezieller Humor bis hin zum Sarkasmus begleitet den Text (Übersetzung: Michael Mundhenk) an vielen Stellen. Das führt zu Aperçus wie: „Gib uns Käufer in Menge, die uns unsere Waren abnehmen, die guten wie die schlechten. Führe uns nicht in das Zuchthaus, sondern befreie uns von dem Bankrott und verleihe uns ewige Renten.“

Im politischen Diskurs ist Gertrude Stein ökonomisch eindrucksvoll bewandert und lapidar im Ausdruck. Den Unterschied zwischen Individuum und Regierung macht sie kurzerhand an folgendem schlagenden Beispiel fest: „Wenn man Geld verdient und jeden Tag Geld ausgibt, dann kennt man den Unterschied zwischen einer Million und drei. Wenn man aber über Geld abstimmt, dann gibt es keinen richtigen Unterschied zwischen einer Million und drei.“ ‘Wie wahr!’, kann man da der großen Experimentalistin, Lyrikerin und Essayistin nur nach­rufen. Wie die Engländerin Virginia Woolf zählt die Amerikanerin Gertrude Stein (1873 in Allegheny im US-Bundesstaat Pennsylvania geboren, 1946 in Paris gestorben) zu den bedeutendsten Autorinnen der klassischen literarischen Moderne. In ihren Werken hat sie sich oft über sprachliche und literarische Konventionen hinweggesetzt, was ihr bei Kritik und Leserschaft meist wenig Sympathie eintrug. Legendär wurde das Zitat „A rose is a rose is a rose is a rose“ aus ihrem Gedicht von 1913 mit dem doppeldeutigen Titel „Sacred Emily“.

Zweifellos ist Ulrike Haage mit dem Gesamtwerk von Gertrude Stein hinreichend vertraut und so ist es ihr gelungen, diese kleinen textlichen Preziosen aufzufinden und ihren Stellenwert zu erkennen. Die Klangkomposition voller Witz, Musikalität und Intelligenz wirft ein klingendes Blitzlicht aufs Geld, ohne das nichts geht und das bekanntlich die Welt regiert – „Money makes the world go round“, wie es im Musical „Cabaret“ heißt.

12.02.2016 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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