Laura Tirandaz: Choco Bé (SR 2 Kulturradio/Deutschlandradio Kultur)

Eine Geschichte aus Französisch-Guyana

02.10.2015 •

Die frankophilen Hörspiele des Saarländischen Rundfunks (SR) machen den deutschen Hörer jetzt schon seit Jahrzehnten immer wieder mit hierzulande unbekannten französisch schreibenden Autorinnen und Autoren aus vielen Ländern bekannt. Diesem singulären Engagement ist eine große Anzahl interessanter Hörstücke, auch in Form von Theateradaptionen, zuzuschreiben – wie aktuell das Hörspiel „Choco Bé“ der 1982 in Französisch-Guyana geborenen Laura Tirandaz, die seit vielen Jahren in Frankreich lebt, eine Schauspielausbildung in Grenoble und das Institut für kreatives Schreiben (ENSATT) in Lyon absolviert hat. Für die Arbeit an „Choco Bé“ hatte sie ein Schreibstipendium erhalten, 2012 wurde das Hörspiel von France Culture gesendet. In der Übersetzung von Frank Weigand wurde das Stück jetzt als Koproduktion des SR (federführend) und des Deutschland­radios Kultur realisiert.

Im Prolog zitiert die Autorin eine Notiz aus einer Zeitung ihres Heimatlandes: „Unweit des Rotlichtviertels richtete ein bewaffneter Mann, nachdem er seine Frau und seine Kinder aus dem Haus gejagt hatte, die Waffe gegen sich selbst. Die Polizei sucht noch nach Erklärungen für diese Tat.“ Der Amokläufer ist der titelgebende Choco Bè, er lebte von 1971 bis 2002. Die Quelle der literarischen Inspiration ist jedoch nicht die Introduktion zu einem Krimi; vielmehr facettiert der Subtext das ethnografische Panorama einer Gesellschaft, die bis heute vom Kolonialismus, Rassismus und Machismo geprägt ist.

Laura Tirandaz erzählt in der linearen Handlung, die nur wenige Tage umfasst, eine Familiengeschichte aus Saint-Lauren im überseeischen Département Französisch-Guyana. Choco Bé, Schwarzer, Analphabet, ist im Rotlichtviertel der Stadt aufgewachsen, seine Mutter war eine Prostituierte, seinen Erzeuger kennt er nicht. Jetzt ist er verheiratet und Vater zweier kleiner Kinder. Als Automechaniker in seiner häuslichen Garage und „krummer Geschäftemacher“ kann er kaum die Haushaltskosten finanzieren, aber er gefällt sich als Beau in seinem schmucken Oldtimer und verführt Schulmädchen wie vor Jahren auch seine Frau; beider Promiskuität kollidiert nicht mit der öffentlichen Moral. Vor einigen Jahren hat ihn ein von der Autorin nicht detailliert beschriebenes Geschehen in seinem Lebensnerv getroffen und ihn existenziell orientierungslos gemacht. Wahrscheinlich von einer verirrten Kugel ist er in einem Duell getroffen und verletzt worden, der Schütze wurde verurteilt und inhaftiert. Chocos Frau berichtet über das Trauma ihres Mannes: Er werde jedes Jahr verrückt, wenn die Regenzeit näherkomme, er warte darauf, Rache zu nehmen. Choco selbst sieht das differenzierter und sinnt nicht auf Vergeltung, denn er hat eine vage Ahnung: „Eine Kugel quält mich, aber es hätte auch etwas anderes sein können.“ Der transzendental Heimatlose ist bereit, sich in sein Schicksal zu fügen.

Dann erfährt Choco, sein Duellant, ein Goldwäscher, sei aus der Haft entlassen worden, und kurz darauf kommt es zu einem Showdown, dessen Einzelheiten der Hörspieltext jedoch nicht mitteilt. Lapidar wird von Choco gesagt, die Leiche des Goldwäschers sei am Flussufer gefunden worden, und Choco gesteht auch, dass er den Mann bis in den Urwald verfolgt, dann aber die Spuren verloren habe. Das Ende Chocos ist aus dem Prolog bekannt.

Regisseur Martin Zylka hat die realistischen Dialogszenen, insgesamt 24, mehr als nur zäsuriert von Thom Kublis elektronischen Kompositionen, mit einem gut besetzten Sprecher-Ensemble (unter anderem mit Hans Löw als Choco) überzeugender realisiert als jene Passagen, in denen er die Dialogstimmen mit deren inneren Stimmen undifferenziert vermischt. Dieses kleine Defizit korrespondiert mit lückenhaften Erzähldetails, die nicht mit ästhetisch legitimierten Aussparungen zu erklären sind. Doch auch dieses Manko kann das spannende Hörvergnügen kaum beeinträchtigen. Im SR 2 Kulturradio erfolgte am 27. September die 73-minütige Erstausstrahlung des Stücks. Das koproduzierende Deutschlandradio Kultur strahlt am 14. Oktober um 21.30 Uhr eine auf rund eine Stunde gekürzte Fassung von „Choco Bé“ aus.

02.10.2015 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK

Print-Ausgabe 15/2020

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren