Michaela Melián: Electric Ladyland (Bayern 2)

Wunderbare molekulare Lyrik

20.03.2016 •

Cytosin, Guanin, Adenin und Thymin lauten die Namen der vier Nukleinbasen, die das mole­kulare Alphabet der Desoxyribonukleinsäure (DNS) bilden. Betrachtet man die DNS (englisch: DNA, wegen „Acid“ für „Säure“) als Text, was sie ja streng genommen auch ist, kann man in einem dort codierten Gen durchaus eine Art dadaistischer Lyrik mit verborgenem Sinn sehen. Genau das zu tun, dazu entschloss sich Michaela Melián, die 1956 geborene Musikerin, Künstlerin und Professorin für zeitbezogene Medien an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg.

Meliáns vom Bayerischen Rundfunk (BR) produziertes Hörspiel „Electric Ladyland“, bei dem sie auch selbst Regie führte, beginnt mit der Rezitation vom Transkript des Gens für den Östrogen-Rezeptor, also einer scheinbar wahllosen Abfolge der Buchstaben C, G, A und T (also der Anfangsbuchstaben der Nukleinbasen). Über den Informationsgehalt und Ursprung dieser im Verlauf des rund einstündigen Stücks immer wieder hervorscheinenden Textebene wird der Hörer jedoch bald aufgeklärt – und schon befindet er sich im Bedeutungsgeflecht von „Electric Ladyland“: Es geht um die Konstruktion von Weiblichkeit, um die Parallelen von digitaler und biologischer Codierung, um Frankensteins Monster, Androiden und Cyborgs und um die potenzielle Eigenständigkeit des Handeln und Denkens beim Menschen und im Fall künstlicher Intelligenz.

Den zu ihrem neuen Hörstück passenden Titel hat Michaela Melián beim 1968 erschienenen gleichnamigen Studioalbum der berühmten Band The Jimi Hendrix Experience gefunden und entliehen. Auf musikalischer und inhaltlicher Ebene kommt die Inspiration von Jacques Offenbachs 1881 posthum in Paris uraufgeführter Opéra fantastique „Les Contes d’Hoffmann“ („Hoffmanns Erzählungen“), speziell vom zweiten Akt. Darin ist der Schriftsteller E.T.A. Hoffmann fiktionale Figur in einer Handlung, die auf der 1816 von der historischen Person E.T.A. Hoffmann veröffentlichten Geschichte „Der Sandmann“ basiert. Bereits in dieser Erzählung taucht die Automatenpuppe Olympia auf und entfaltet für den Protagonisten einen unwiderstehlichen Reiz. Und auch in Offen­bachs Oper ist Hoffmann als Handlungsträger dem Reiz von Olympia und ihrer mit bezaubernder Perfektion vorgebrachten „Bravourarie“ hoffnungslos verfallen.

Für ihre Komposition zu „Electric Ladyland“ hat Michaela Melián unter anderem diese „Bravourarie“ (Gesang: Maximiliane Reichart) und einen Walzer aus „Les Contes d’Hoffmann“ adaptiert. Hauptbearbeitungsmerkmal ist dabei eine extreme Verlangsamung der Spielgeschwindigkeit; die Abspielzeit der Ursprungsstücke wird gedehnt und aus der fröhlichen Opern- entsteht eine faszinierend unheilschwangere Hörspielmusik (Violine: Ruth May). Bedrohlichkeit vermittelt auch der Rhythmus des ständig anwesenden, tonlos bedienten Blasebalgs eines Akkordeons – ein automatisiertes Atmen im Hintergrund ist zu hören. Der weibliche Androide Olympia ist jedoch seinerseits nicht lebendig und kann nur „Ach!“ sagen, wie das fragmentarisch zitierte Libretto bezeugt (Chor: Miriam von Aufschnaiter, Anton Winstel, Antonia Wirth, Moritz Zehner).

Für die einschlägigen literarischen Bezüge zu lebendig werdenden Albtraumwesen sowie zum utopischen Potenzial der Verschmelzung von Mensch und Maschine sorgt Melián mit Zitaten und Bezügen von Mary Shelleys „Frankenstein“ bis hin zu Donna Haraways Essay „Ein Manifest für Cyborgs“. In Kombination mit dem gelegentlich zu hörenden ‘Gen-Gedicht’ und anderen Texten entsteht so ein grazil gewobenes Wort-Musik-Geflecht (Sprecher: Christos Davidopoulos, Juno Meinecke, Damian Rebgetz, Steven Scharf). Der emotional entspannende und gleichzeitig melan­cholisch stimmende Höreindruck wird auf vernunftmäßiger Ebene durch Anspielungen auf schon bestehende und langsam aufkommende gesellschaftspolitische Debatten ergänzt.

Mit „Electric Ladyland“ ist auch eine seit dem 8. März im Münchner Lenbachhaus zu sehende Ausstellung von Michaela Melián überschrieben. Hierin setzt sich die Künstlerin mit der „Olympia-Thematik“ in Zeichnungen und multimedialen Installationen auseinander. Einen Eindruck von den imposanten Wandzeichnungen kann man auf der Internetseite des Bayerischen Rundfunks erhaschen, wo sich auch reichlich Hintergrundinformationen zu dem Hörspiel befinden, das dort auch zum Anhören abgerufen werden kann.

Mit ihrem bezugreichen Hörspiel bringt Michaela Melián das schwierige Kunststück fertig, Synergieeffekte aus dem Wechselspiel der jeweils starken Musik- und Textebene herauszudestillieren. „Electric Ladyland“ ist ein wunderbares, ein herausragendes Stück des bisherigen Hörspieljahrgangs, das die musikhistorische Würdigung Offenbachs mit aktuellen Diskussionen um künstliche Intelligenz und die maschinelle Erweiterung des Menschen verknüpft und Bezug nimmt auf die Gleichberechtigungs- und Sexismusdebatte.

20.03.2016 – Rafik Will/MK