Wirt sucht Liebe. Kuppelshow mit Brigitte Nielsen (RTL 2)

Wär’ doch wirklich nicht nötig gewesen

15.09.2016 •

Die Spannung, die der Privatsender RTL 2 da an diesem Donnerstagabend aufzubauen versuchte, war schwer zu ertragen. Vor den Werbepausen des neuen Show-Formats „Wirt sucht Liebe“ – es sind drei an der Zahl – schwadroniert es jedes Mal im Off: Brigitte Nielsen (ja, die Brigitte Nielsen!) werde gleich mit Georg, dem einsamen Gastronomen und Solotänzer aus der fränkischen Schweiz, „auf Tuchfühlung“ gehen. Und dann ist im Trailer, der ja Lust auf mehr machen soll, zu sehen, wie Georg dem, wie er bewundernd sagt, „Weltstar“ schamlos eine vom Ohr herunterbaumelnde Kirsche abbeißt, auf dass die angeknabberte Diva jauchzt: „Ja, Baby!“ Ob’s noch schamloser geht? Getreu dem neuen Senderslogan „Zeig mir mehr“?

Es ist zu befürchten. Denn das, was RTL 2 zeigte, war nur der Auftakt zu einer Reihe, in der die sich früher mit Haudrauf-Kerlen wie Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone herumschlagende Hollywood-Amazone sich einer, O-Ton Nielsen, „Berufsgruppe widmet, die es wirklich nicht leicht hat, die große Liebe zu finden: dem Wirt“. Gastgeber zu sein, ergänzt der Off-Sprecher, heiße schließlich, „seine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen“, denn „berufliche Selbständigkeit und Nachtarbeit machen den Wirten das Privatleben schwer“. So gesehen erwächst der Brigitte (sie selbst spricht von sich gerne in der dritten Person) womöglich noch ein reiches Betätigungsfeld. Tag und Nacht arbeitende Polizisten, Ärzte, Journalisten – sind die nicht auch in gewisser Weise bedürftig? Aber gut. Wirte vor.

Brigitte Nielsens Kuppelformat lief zuvor in Österreich mit Arabella Kiesbauer beim Privatsender ATV – dort allerdings unter dem Namen „Wirt sucht Frau“. Hierzulande wollen sich RTL 2 bzw. die produzierende Firma Odeon Entertainment vom Namen her wohl etwas mehr vom RTL-Erfolgsformat „Bauer sucht Frau“ abgrenzen. Das große Vorbild ist indes nicht zu verleugnen. Elf Jahre in Folge schon überbringt Moderatorin Inka Bause in „Bauer sucht Frau“ (Produktion: Ufa Show & Factual) einsamen Landwirten „die ganz großen Gefühle“. Ein Ende der Bauern-Fängerei ist nicht in Sicht. Im Oktober folgt Staffel 12 und damit ein erneuter Anlauf zur ausgelassenen Alliteration. Zu Pfingsten wurden bereits, wie üblich, mit „Antonius, dem fröhlichen Ferkelzüchter“ und „Jörg, dem tätowierten Teilzeitbauern“ die neuen Landwirte vorgestellt und potenzielle Partnerinnen aufgerufen, sich beim Sender zu melden.

Nach diesem Muster hat es jetzt RTL 2 mit der Nielsen gemacht. Allerdings gab man sich dort weniger sprachliche Mühe: Über „Angelo, den italienischen Frauenschwarm“ und den „tierlieben Eugen vom Müritzsee“ geht das Können nicht hinaus. Im Frühjahr 2017, so der Senderplan, soll in den weiteren Folgen der Topf mit dem passenden Deckel zusammengebracht werden. Dann allerdings mit dem Wissen, dass sich das Publikum zumindest für den jetzigen Auftakt so sehr erwärmte wie für ein schal gezapftes Bier; die Pilotfolge sahen nur 390.000 Zuschauer in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen (Marktanteil: 4,2 Prozent).

Mit „Bauer-sucht-Frau“-Moderatorin Inka Bause teilt Brigitte Nielsen nicht nur die Vorliebe für eine platinierte, gelgestylte Kurzhaarfrisur, sondern auch ein unerschütterlich helles Gemüt. Im roten Bulli, dem sogenannten „Liebesmobil“, fährt die 1,85 Meter große, aus dem dänischen Rødovre stammende Dame durch die deutschen Lande, um die einsamen Herzen aufzusuchen. Paul Young muss dazu sein „Love is in the Air“ als unvermeidlichen Soundtrack liefern. Bei jedem Besuch, wirklich bei jedem, ist sie dermaßen aus dem Häuschen („Hallo, oh mein Gott, wie geht’s?“), dass sie sich mit ihrem stolzen Busen, der einst bekanntlich in der RTL-Doku „Aus alt mach neu – Brigitte Nielsen in der Promi-Beauty-Klinik“ restauriert wurde, über die Wirte wölbt, um sie zu busseln und zu umarmen, auf dass die sich nicht wehren können. Merkwürdigerweise trägt sie dabei die immergleiche Kleidung: blaue Bluse und Blue Jeans. Was geruchstechnisch (O-Ton Nielsen: „Ich bin ein ganz normales Mensch“) eigentlich nichts Gutes vermuten lässt.

RTL 2 findet, es könnte den fleißigen Männern zwischen Küche und Tresen niemand „eine bessere Starthilfe ins Glück geben als Liebesprofi Brigitte Nielsen“. Was erst einmal die Frage aufwirft, was die Nielsen als „Liebesprofi“ qualifiziert. Ihre sechs Ehen vielleicht? Man erfährt es nicht. Dafür legt sich die zweifache „Dschungelcamp“-Veteranin, die sich offenbar vor nichts Seichtem fürchtet, für ihre Gastwirte dermaßen sehr ins Zeug, wie es Kollegin Bause bei ihren Landwirten nie getan hat. Den „sympathischen Jungwirt Sebastian aus dem Allgäu“ preist Nielsen in ihrem unnachahmlichen dänischen Akzent an: „Du bist ein wunderbares Mensch. Also Leute, Supermann ist hier. Eine echte bayerische Supermann. Er ist wunderbar, süß, supernett und sexy.“ Das hatte was von türkischem Bazar. Aber gut, wenn’s hilft..?

Die Deutschen, das hatte die Dänin Nielsen übrigens ganz am Anfang von „Wirt sucht Liebe“ gesagt, „sind ganz weit vorne, wenn es ums Verkuppeln geht“. Und dann zählte sie auf: „Bauern, Millionäre, sexy Bachelors“. Es wäre wirklich nicht nötig gewesen, diese Reihe um Gastwirte zu ergänzen.

15.09.2016 – Senta Krasser/MK

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