Rauswurf zum Erfolg

Ein Gespräch mit Jörg Grabosch, Geschäftsführer der TV‑Produktionsfirma Brainpool

Von Lutz Hachmeister
28.09.2016 •

Jörg Grabosch, geboren am 6. Juli 1962 im westfälischen Datteln, gilt als einer der kreativsten Produzenten von Unterhaltungsformaten im deutschen Fernsehen. Bevor er Ende November 1994 die Produktionsfirma Brainpool gründete, arbeitete er unter anderem als Autor und Realisator für den WDR, für „Stern TV“ (RTL/DCTP) und Deutsche Welle TV sowie als Chef vom Dienst bei RIAS TV. 1991 wurde er Chefredakteur des Hamburger Pay-TV-Senders Premiere, wo er 1200 Live-Sendungen des Interviewformats „0137“ produzierte, das unter anderem von Roger Willemsen und Sandra Maischberger moderiert wurde. Nach einem kurzen Zwischenstopp als Executive Producer der „RTL Nachtshow“ mit Thomas Koschwitz gründete er gemeinsam mit Martin Keß und Ralf Günther die Brainpool Development Consulting Production GmbH. Mit Formaten wie „Die Harald Schmidt Show“ (Sat 1/Sky), „Die Wochenshow“, „Ladykracher“ (jeweils Sat 1), „Stromberg“, „TV total“ oder „Schlag den Raab“ (jeweils Pro Sieben) etablierte sich die Produktionsgesellschaft als Spezialist für leichte Unterhaltung, machte Comedians wie Christoph-Maria Herbst, Anke Engelke, Bastian Pastewka, und nicht zuletzt Stefan Raab groß, fuhr zahlreiche Preise ein und veränderte die Fernsehlandschaft entscheidend. Das an dieser Stelle abgedruckte Gespräch mit Jörg Grabosch ist übernommen aus dem jüngst erschienenen „Jahrbuch Fernsehen 2016“. Das Gespräch mit Grabosch führte Lutz Hachmeister in dessen Brainpool-Büro in der Kölner Schanzenstraße. • MK

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Lutz Hachmeister: Am 21. April ist „The Artist Formerly Known As Prince“ gestorben – in einem Aufzug leblos aufgefunden. Das führt ja sehr zurück in die 1980er, 1990er Jahre. Sie haben einmal in einem Interview gesagt: „Diese 1990er Jahre hatte ich schon ganz gerne.“ Ist das eine nostalgische Sehnsucht nach einer im Rückblick einfacheren Lage oder hat es schlicht mit Ihrer Aufstiegsbiografie zu tun?

Jörg Grabosch: Das hat mehr mit der Biografie zu tun, ich bin ja eher kein Nostalgiker. Die beiden letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts waren natürlich für uns die wilden Zeiten. Als Anfang der 60er Geborener war man da so Mitte 20 oder Anfang 30. Und da ist natürlich am meisten passiert. Ich bin seinerzeit 1990 nach Berlin gegangen, zu RIAS TV, bin 1990/91 in der Stadt gewesen, die sich gerade politisch, geografisch massiv verändert hat. Das war natürlich eine sehr aufregende Zeit. Da habe ich auch Prince gesehen bei einem denkwürdigen Konzert. Das war, glaube ich, in der Deutschlandhalle, die es damals noch gab. Und dann gab’s danach noch als Aftershow ein Clubkonzert unter dem „Delphi“-Kino, in einem Jazzclub. Prince war schon ein sehr leidenschaftlicher Musiker. Wenn man nach einem stundenlangen Konzert zur Entspannung einfach noch mal ein kleines Clubkonzert hinterherspielt, dann weiß man, wie viel ihm die Musik bedeutet hat. Natürlich waren „Sign O’ the Times« und „When Doves Cry“ und „Purple Rain“ Meilensteine der Musikgeschichte. Die es aber wahrscheinlich für die heutige Generation auch so gibt. Wenn die sich in 20 Jahren zurückerinnern, ist dann halt David Guetta möglicherweise der Held oder Rihanna. Als wir in Essen an der Grugahalle standen und Eurythmics ganz toll fanden – diese Momente gibt’s für andere heute genauso, glaube ich. Das ist mehr eine Generationsfrage. Wobei die 1990er Jahre einfach durch diese politische Konstellation, dass da die Mauer aufging und auch das Privatfernsehen so richtig abhob, für uns als Medienschaffende natürlich extrem spannende Zeiten waren.

1992 war im Fernsehmarkt bei den Quoten zum ersten Mal RTL vorne, zumindest bei der damals berühmten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen.

Die ehemalige Experimentierplattform Drittes Programm

Ja, unvorstellbar für ARD und ZDF. So wie vor drei oder vier Jahren die YouTube-Stars ein Momentum für sich gefunden haben, das vielleicht für sie gleichbedeutend sein wird in der Rückschau, wie für uns die Öffnung des Privatfernsehmarktes – wo man einfach anfangen konnte, Sachen zu machen, die sich die Öffentlich-Rechtlichen erstaunlicherweise gar nicht so konsequent getraut haben. Die erste Late-Night-Show hatte eigentlich der WDR mit „Schmidteinander“, das war ja die klassische Letterman-Adaption.

Mit Herbert Feuerstein.

Aber der erste Sender, der das dann konsequent gemacht hat und sagte: ‘Ich mach das wirklich täglich’ – was ja ein nicht unwesentlicher Bestandteil einer Late-Night-Show ist –, das war dann eben Sat 1 und nicht der WDR. Schon komisch, dass sich die Privaten da oft mehr getraut haben. Wie mit „Saturday Night Live“ – also „RTL Samstag Nacht“.

Das hätte der WDR auch machen können.

Na klar hätte das der WDR auch machen können. Heute machen sie’s ein bisschen mit „Rebell Comedy“ – das ist eine verspätete moderne Variante von „Saturday Night Live“. Aber jetzt ist, glaube ich, der Zug, ehrlich gesagt, zumindest mal so weit abgefahren, dass es schwer wird, das noch einzuholen. Das sieht man ja: Die „Rebell Comedy“ beim WDR macht irgendwas um die zwei Prozent Marktanteil, also leider eher unter ‘ferner liefen’, obwohl ich das als ein gutes, modernes Ensemble-Comedy-Konzept empfinde. Und Carolin Kebekus mit „Pussy Terror TV“ ist ja schon quasi das Jüngste, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen auf der ehemaligen Experimentierplattform Drittes Programm zu bieten hat. Das war ja früher die Schmiede, wo Hape Kerkeling oder Götz Alsmann herkamen. Damals haben wir mit Götz ein Magazin gemacht, „Roxy – Das Magazin für den jungen Erwachsenen“, das lief nach der „Michael Braun Talkshow“, die auch eine Art Late Night war. Das lief im Dritten, da haben wir so crazy Stadtporträts gemacht, mit Helge Schneider und Christoph Schlingensief Mülheim an der Ruhr vorgestellt – das war für die damalige Zeit ein, ich würde mal sagen: ungewöhnliches Fernsehen. Und das ist eigentlich aus dem öffentlich-rechtlichen Sektor leider ziemlich verschwunden über die Jahre.

Es gibt jetzt ZDFneo und bald ein gemeinsames Online-Jugendangebot von ARD und ZDF.

Ja, da kommt’s jetzt ein bisschen wieder. Mit Böhmermann. Ich bin jetzt kein so großer Fan von Böhmermann, aber man muss den Effekt schon anerkennen, den das hat, das stimmt. Ausgerechnet das ZDF!

Wobei man immer ein bisschen das Gefühl hat: Es ist eine Randplatzierung, um das eigentliche Hauptprogramm clean zu halten. Also, man leistet sich das und im eigentlichen ZDF-Hauptprogramm wird weitergemacht wie ehedem. Das ist erstarrt.

Ja. Aber es passiert ja ohnehin nicht mehr so viel originär im Fernsehen. Bei vielem, gerade im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, hat man den Eindruck, es wird gemacht, damit bei YouTube die Flagge in den Mondstaub gesteckt wird. Also, der Effekt einer Sendung wie „Pussy Terror TV“ ist eigentlich, dass ein Video wie „Wie blöd du bist“ – also diese Sarah-Connor-Adaption/Verarsche über Pegida und AfD – inzwischen über 13 Millionen Mal geklickt wurde. Da freuen sich die Verantwortlichen zum Teil mehr drüber als über die Quote. Und Böhmermann, das muss man auch sagen, den sehen dort, wofür er eigentlich produziert wird, nämlich im Fernsehen, relativ wenige Leute. Aber der Wirbel entsteht eben durchs Netz. Das hat sich sehr geändert. Man muss tatsächlich sagen, dass die Innovationstreiber sehr vom Netz leben. Ich will nicht sagen, dass sie aus dem Netz kommen – auch, natürlich, die Y-Tittys dieser Welt, die immer noch, nachdem sie lange nicht mehr online aktiv sind, unter den Top Ten der meistgesehenen YouTube-Channels sind und viele Millionen Follower haben. Da ist so eine Gegenkultur entstanden, wo dann auf einmal Fernsehen ganz alt aussieht. Was nicht heißt, dass das qualitativ alles besser ist.

Wobei man sagen muss: Diese Milliarden an Produktionsbudgets, die ARD und ZDF zum Beispiel haben, die sind immer noch ein Wert. Damit kann und muss man ja etwas machen. Egal, wo es nachher gesehen und abgespielt wird.

Ja, Fernsehen ist nicht so tot, wie es mitunter totgeredet wird. Ich meine, das gucken schon noch viele Leute, und man merkt den Multiplikator-Effekt auch. Gut, das vollzieht sich dann eben übers Netz oder Facebook und Twitter, aber dass eine Böhmermannsche Schmähkritik zu einer Art Staatskrise führt, zeigt, dass die traditionellen Medien noch einen gewissen Effekt haben.

Es sagt aber auch viel über das politische System und über den Journalismus aus. Das wäre früher, glaube ich, von irgendeinem Partei-Pressesprecher behandelt worden. Und heute tritt die Kanzlerin vor die Kamera. Das ist schon eine seltsame Entwicklung.

Die Lokalzeitung und auch der WDR

Ja, das hat aber natürlich auch mit der gesamten Migrationsproblematik zu tun. Also meine Interpretation ist, und das ist auch ziemlich offensichtlich: Merkel hat versucht, durch das vorherige Distanzieren den Konflikt möglichst von sich wegzuhalten. Hat halt leider nicht funktioniert. Das macht aber diese Erdogan-Satire auch nicht besser. Ich meine, wenn man provoziert, dann muss man auch damit leben, dass man mal einen auf die Nase kriegt. Ich finde es ein bisschen komisch, dass sich jetzt Hunderte von Künstlern solidarisieren. Was ist passiert? Es gibt ein Gedicht, das geschmacklich zumindest mal grenzwertig ist. Es gibt eine Reaktion von jemandem, von dem man weiß, dass er nicht für demokratische Tugenden berühmt ist. So what? Dass damit jetzt die Schlagzeilen auf der ersten Seite tage-, wenn nicht gar wochenlang gefüllt sind und erst Prince sterben muss, um das abzulösen, das ist schon eine bittere Pointe.

Gehen wir noch einmal biografisch zurück: Sie sind 1962 in Datteln geboren...

...weil es in Oer-Erkenschwick kein Krankenhaus gab, ja. Ich bin kein Dattelner! Ich bin Oer-Erkenschwicker.

Wie Sönke Wortmann übrigens.

Ja, Sönke Wortmann ist auch Oer-Erkenschwicker. Ich glaube, auch Jens Lehmann hat zumindest mal bei der Spielvereinigung gespielt.

Gab es aus Ihrem Elternhaus heraus eine Prädisposition für das, was Sie später gemacht haben? Als Journalist und Produzent?

Für das Thema Medien? Nein, gar nicht. Wir sind, wie sich das gehört im Ruhr­gebiet, eine klassische Bergarbeiterfamilie. Mein Vater war noch Gruben-Elektriker. Ich bin der erste in der Familie, der nicht mehr unter Tage war, und ich glaube, ich war auch der erste, der Abitur gemacht hat. Und ich war ganz gut in der Schule, deshalb war es für meinen Vater zunächst mal nicht der erstrebenswerte Weg, den ich dann eingeschlagen habe, als ich gesagt habe, ich will Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft studieren. Ich hätte auch Medizin machen können, was ihm deutlich lieber gewesen wäre, oder zumindest mal Jura. Aber man muss sagen, ich bin da immer unterstützt worden. Wir hatten jetzt kein großes Geld und ohne Bafög wäre das alles nicht möglich gewesen – von daher bin ich auch ein Kind der sozialdemokratischen Bildungsförderung. Ich habe aber keine mediale Prädisposition, ganz im Gegenteil. Mein Vater ist aber immer noch jemand, der die Lokalzeitung liest, wo ich dann natürlich auch angefangen habe, bei der „WAZ“. Also, der einzige Bezug ist, dass er die Lokalzeitung noch wichtig genommen hat und auch den WDR mit seinen Lokal­berichterstattungen noch heute gerne guckt. Wo ich dann auch bei der „Aktuellen Stunde“ meine ersten Erfahrungen gesammelt habe. Insofern fand er die Medien, für die ich dann gearbeitet habe, noch relevant.

Und das Studium war in Köln?

Das Studium war in Köln, ja. TheFiFe – Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft. Nicht -schaften! Eine gemeinsame Disziplin sozusagen, die aus diesen drei Medienbereichen besteht. Eigentlich wollte ich zum Theater, natürlich. Ich hätte mir auch vorstellen können, Schauspieler zu werden. Mir war aber klar: Theaterwissenschaft – das wird nicht Schauspiel; aber vielleicht geht’s mal in Richtung Regie oder Intendanz. Heiner Müller war für mich der Held – nach wie vor natürlich ein beeindruckendes Werk und eine beeindruckende Persönlichkeit. Aber es hat sich dann natürlich entwickelt. Da ich vorher eben schon bei der „WAZ“ frei gearbeitet habe, hat es sich schnell in diesen Bereich Journalismus entwickelt. Aber auch unterstützt durch die Uni, wo wir am theater-, film- und fernsehwissenschaftlichen Institut eine medienpraktische Stelle hatten, wo ich studentische Hilfskraft wurde. Wir hatten dort einen Drei-Maschinen-U-Matic-Low-Band-Schnittplatz, auf dem die Studenten ihre Filmchen machen konnten, und ich hab die dann sozusagen angeleitet und ausgebildet – zusammen mit Konstantin von Ahlefeld übrigens, der auch wissenschaftliche Hilfskraft war. Wir haben den Studenten dort das Handwerkszeug beigebracht. Wir hatten diesen Schnittplatz, wir hatten Kameras...

Das mussten Sie aber vorher auch lernen...

Brian Eno hat auch mal ein Seminar gemacht

Ich musste das vorher auch lernen, ja. Ich konnte es schon ein bisschen, weil ich vorher parallel zum Studium auch frei als Kamera-Assi gejobbt habe. Aber das konnte man schnell lernen, das ist ja nicht so schwer. Wir hatten eine Dozentin, die für den Bereich verantwortlich war, Maria Vedder, eine Videokünstlerin. Wir hatten ganz illustre Dozenten: Brian Eno hat auch mal ein Seminar gemacht. Das war sehr gut. Und ich bin wirklich noch klassisch ausgebildet worden, ich habe nämlich den großen Projektionsschein, den man haben musste. Ich kann auch noch den Ernemann-35-Millimeter-Projektor mit dem Malteserkreuz bedienen. Und bei uns wurden die Filme natürlich immer kürzer, weil die Maschine sich immer irgendwann aufhängte und ein Stück Zelluloid aus dem Fellini wieder verschwunden war. Also, die Filme wurden immer mehr zu Kurzfilmen. Das war natürlich eine super Zeit. Und klar, im Studium ist ja nicht alles eins zu eins zielgerichtet, sondern dann ergeben sich Kontakte. Ich habe dann beim WDR-Hörfunk angefangen, denn einer der Dozenten, Uwe Schareck, machte da Hörspiele. Dann habe ich parallel bei der „Aktuellen Stunde“ angefangen, Lokalbeiträge zu machen. Dann kam „ZAK“, das war sozusagen die Avantgarde, aber auch „Hier und Heute unterwegs“. Ich habe da Reportagen gemacht. Viele Leute von dort sind auch heute noch im Geschäft: Andreas Zaik, heute der Chef von „Stern TV“; Friedrich Küppersbusch natürlich. Aber auch viele Leute bei uns von der Uni: Michaela Krützen ist in den wissenschaftlichen Bereich gegangen, als Professorin in München. Ute Biernat, die Chefin von Grundy, ist eine Studienkollegin von mir. Mechthild Holter dann, bei Players in der Agentenszene. Also, aus dem Studium sind viele Leute hervorgegangen, die heute in den Medien noch präsent sind.

Das ist interessant, ich habe Publizistik in Münster studiert, etwa um die ähnliche Zeit. Und es wurde ja immer gesagt: ‘Das sind Studiengänge, die sind für die Tonne, studier’ was Vernünftiges!‘ In Wirklichkeit stimmt das nicht. Fast jeder, der da studiert hat, ist irgendwas geworden. Weil das natürlich die Zeit war, in der die Medienindustrie sich ausdifferenzierte und der Print-Journalismus noch hoch im Kurs stand, auch ökonomisch.

„TV total“ – aus der Not geboren

Es war ja eine der wenigen Branchen, in denen ein Quereinstieg zumindest damals sehr leicht möglich war. Ich weiß nicht, wie es heute ist. Ich glaube, immer noch leichter als in anderen Branchen. Das ist natürlich auch ein bisschen Glück, dass man da in eine so absolut wachsende Industrie reingelaufen ist. Es entstand ja an jeder Ecke ein neuer Fernsehsender oder eine neue Zeitschrift. Heute ist es, glaube ich, schwieriger. Und die alten Medien sind auch nicht mehr so attraktiv.

Es gibt ein Buch von Claus Pias, einem Lüneburger Medienwissenschaftler, das heißt: „Was waren Medien?“. Das ist ein durchaus signifikanter Titel. Zwar stimmt es real nicht: Es ist nach wie vor ein Milliardengeschäft, und vieles ist auch eine Definitionsfrage. Daran ist ja auch die Medienwissenschaft im Grunde gescheitert. Aber man hat so ein Gefühl, man schaue auf etwas zurück.

Ja, es ist auch im positiven wie im negativen Sinne – für uns als Programmanbieter eher negativ – einfach eine sehr gereifte Industrie geworden. Es läuft halt so wie in der Autoindustrie. Es wird alles irgendwie vorbestimmt, jedes Teil ist quasi genormt. Und es gibt Tausende von Zulieferern, die im ständigen Wettbewerb stehen. Aber damals war es ja wirklich so: Bei einer Sendung wie der „RTL Nachtshow“, die wir produziert haben, wo Thomas Koschwitz dann Moderator wurde, da wurde auf dem Gang mitentschieden und da waren die Sekretärin und alle, die zufällig gerade noch vorbeikamen, involviert in die Entscheidung: Wer soll denn da moderieren? Dort liefen einfach die Castingbänder und dann haben alle ihre Meinung gesagt. Auch beim Thema Bühnenbild: Es standen drei Bühnenbilder auf dem Flur und dann wurde gesagt: ‘Ach, das ist ganz schön. Dann nehmen wir dies von dem und dies nehmen wir von dem.’ Und kam die Frage: ‘Kriegen wir dann kein Problem mit dem Urheber?’ – ‘Ach nee, dann kriegt der ’nen Job, dann macht der die Karnevalssitzung, dann ist wieder okay.’ Das war wirklich aus dem Bauch heraus. Aus dem Bauch heraus haben da Leute wie Marc Conrad und Helmut Thoma entschieden und offensichtlich ja vieles richtig gemacht, sonst wäre RTL ja nicht dorthin gelangt, wo sie sind. Da wurde eine Sendung wie „RTL Samstag Nacht“ einfach gemacht und am Samstag um Mitternacht ausgestrahlt. Das war ja nicht von Anfang an ein Erfolg, sondern das wurde ein Jahr lang durch gehalten. Und zu der Zeit haben wir eine Late Night gemacht, damals ja auch mit Harald Schmidt, die auch ehrlich gesagt die Zehn-Prozent-Marke nie wesentlich überschritten hat, und Fred Kogel hat einfach gesagt: „Solange ich hier bin, wird’s das geben!“ Und Punkt. Und dann hat Harald einfach Jahrzehnte gefühlt Late Night gemacht. Und ohne die Late Night von Harald gäbe es ja auch Brainpool sicher nicht in der Form. Wir haben keinen Piloten gemacht, gar nichts. Wir haben einfach einen Zweijahresjob plus ein Jahr Option gekriegt, weil ich mich – und das war auch Zufall – mit Kogel und Harald stundenlang darüber unterhalten habe. Eigentlich sollten wir das gar nicht machen. Und dann haben wir uns im Hotel „Wasserturm“ getroffen und haben stundenlang über Late Night geredet, womit ich mich natürlich gut auskannte, aus meiner Zeit bei Premiere. Da war ich ja verantwortlich für die Letterman-Importe, sozusagen. Ich kannte zu der Zeit wirklich jede Late Night, die es in den USA gab, und hatte sehr großes theoretisches Wissen. Und dann haben wir da drei Stunden gequatscht. Ich erinnere mich noch genau: Es war ein Samstag, der Geburtstag meiner Mutter. Und dann bin ich nachmittags nach Oer-Erkenschwick gefahren und schon im Auto klingelte das Telefon und Fred Kogel sagte: „Ja, okay, ich habe mit Harald gesprochen.“

Sie hatten immerhin schon ein Autotelefon.

Der Bekanntheitsgrad von Roger Willemsen

Ja, da hatten wir schon ein Autotelefon. Das war Anfang der 90er, 94 oder so, da hatte man schon Autotelefon. Jedenfalls, da klingelte das Telefon und er sagte: „Ja, ihr sollt das machen. Das muss aber jetzt schnell gehen. Ich brauch’ bis Montag ’nen Vertragsentwurf.“ Dann habe ich Andreas Scheuermann, unseren Anwalt, angerufen und gesagt: „Alter, Wochenende gestrichen. Wir müssen jetzt was anbieten!“ Und dann haben wir den Job tatsächlich gekriegt, mit einem Dreijahresvertrag und richtig viel Geld. Ohne Pilot. Einfach nur, weil Kogel gesagt hat: „Der Harald kann das“ – da hat er natürlich Recht gehabt – „und die scheinen die Richtigen zu sein, das funktioniert irgendwie.“ Und dann haben die einfach einen Job vergeben. Das wäre heute gar nicht mehr möglich. Bei einem „Luke!“ machst du acht Folgen, dann nochmal acht und dann wird nochmal wieder überlegt, ob man weitermacht. Du kannst ja froh sein, wenn du überhaupt noch was produzieren kannst. Das ist alles nicht mehr vergleichbar. Natürlich auch mit den negativen Seiten. Wir haben auch große Flops gelandet, mit genau dem gleichen System. Die „Ulla Kock am Brink Show“ – da hatten wir einen Zweijahresvertrag, nicht kündbar. Und es war nach einer Woche spätestens klar: Das wird nix. Dann musste man sich irgendwie einigen, woraus dann ja unter anderem „TV total“ entstanden ist. Denn es gab da noch sehr viel Geld, es gab kein Produkt, das funktionierte, und ich hatte anderthalb Jahre vorher mit Stefan den Piloten gemacht für „Das kann ja mal passieren“. Daraus wurde dann im Prinzip „TV total“. Und das haben wir dann Georg Kofler angeboten, der, wenn ich mich recht erinnere, gesagt hat: „Nee, nur über meine Leiche kommt der ins Programm, dieser Viva-Kasper.“ Dann war aber die Frage: „Nur über meine Leiche ins Programm“ oder aber sehr viel Geld für gar nichts ausgeben. Da hat er die Armageddon-Klausel erfunden und hat gesagt: „Vier Folgen, und dann zieh’ ich den Stecker, wenn’s nicht funktioniert. Und wehe, es funktioniert nicht..!“ Und dann natürlich, wie es sich gehört: Die erste Folge hatte schon 19 Prozent Marktanteil, die nächste 20. Aus der Not geboren ein Riesenerfolg. Manchmal hat man ja einfach Glück. Das Können des Moderators hat sich ja auch später erwiesen, es hat also nicht nur auf Glück beruht. Aber dass wir überhaupt die Chance gekriegt haben, war...

...Zufall?

Ja, vielleicht hätten wir sie auch irgendwie anders gekriegt, aber wir haben anderthalb Jahre lang den Piloten, den wir selbst vorfinanziert hatten, da rumliegen gehabt und keiner wollte ihn haben. Und dann sind wir so ins Gespräch gekommen. Und es hat ja dann, Gott sei Dank, auch sofort funktioniert, denn sonst wären wir nach vier Folgen wieder weggewesen. Und dann wäre noch nicht mal die Deko abbezahlt gewesen. Auf den Deal mussten wir uns einlassen: Jetzt alles auf Rot!

Lassen Sie uns auf Ihre Premiere-Zeit, die ja sehr spannend ist, zurückkommen. Das ist ja lange Zeit eine Unglücksgeschichte gewesen mit dem Pay-TV in Deutschland, weil es diese interne Konkurrenz Kirch versus Kirch gab, mit Bertelsmann, mit der Telekom. Aber das war schon so ein Brutkasten für Talente und Formate, diese kurze Zeit der Premiere-Eigenproduktionen, oder? Sowohl im journalistischen als auch im Entertainment-Sinne.

Ja, ich glaube sogar mehr noch fürs Journalistische. Aber „im Entertainment-Sinne“ stimmt natürlich auch, wenn man bedenkt, dass die Einführung der amerikanischen Late Night dann eben die Schmidts und in Folge die Raabs, Pochers und Kebekus als Genre mit möglich gemacht hat. Das war Premiere damals. Journalistisch definitiv. „0137“ hatte, ehrlich gesagt, auch so einen gewissen Böhmermann-Effekt: Wenn man mal hinguckt, wie viele Leute das tatsächlich gesehen haben, wird man feststellen, dass die Zuschauerzahl oft noch nicht mal sechsstellig war. Aber Roger Willemsen war ja so bekannt, als würde er jeden Abend die „Tagesschau“ und die „Tagesthemen“ moderieren. Er hat das natürlich sensationell gemacht. Da gab’s offensichtlich zumindest mal eine Lücke, die da gefüllt wurde, auch wenn sie, wie gesagt, nicht massenattraktiv war. Denn wer hatte überhaupt schon Premiere einprogrammiert? Wer wusste, dass es da ein Clear-Window gab? Aber wir haben große Außeneffekte gehabt. Das war ja auch beabsichtigt. Man wollte ja einfach Thema werden und nicht nur der Abspielkanal sein. Und da waren viele Talente: Roger Willemsen, Sandra Maischberger, die vorher schon „Live aus dem Schlachthof“ gemacht hatte, aber die sicher auch durch „0137“ noch mal dazugewonnen hat. Und vor allem auch hinter der Kamera: Die halbe Redaktion war dann anschließend bei „Spiegel TV“ und ist heute noch in zahlreichen journalistischen Formen aktiv. Unterhaltungstechnisch...

Es gab diesen „Quatsch Comedy Club“...

War das Premiere?

Das war ganz am Anfang auf Premiere, ja.

„Wir müssen auch mal in der Pfalz ein paar Dekoder kaufen“

Ja, stimmt, Guido Thomsen, der später „Beckmann“ produziert hat, war ja auch bei Premiere. Es gab noch die Sendung „Airplay“, bei der Wigald Boning Moderator war und wo schon ein bisschen angelegt war, was Wigald ausgemacht hat und was hinterher in „RTL Samstag Nacht“ berühmt wurde mit Wigald und Olli als „Die Doofen“. Aber ich glaube, der Einfluss von Premiere war stärker im journalistischen Feld. Und natürlich gab es einen riesigen Einfluss auch auf das Thema Sport, was ja auch Unterhaltung ist. Das waren immer die schönsten Geschichten: Ich war mal bei der Abo-Verwaltung zu Besuch und die saßen „Am Stadtrand“ – so hieß die Adresse in Hamburg. Damals gab’s ja nur ein Topspiel und die Leute wollten immer nur Bayern sehen. Und immer wenn was anderes gewählt wurde, wurden alle wüst beschimpft, auf allen Durchwahlnummern. Wenn man zum Telefon griff, hatte man irgendeinen dran, der einen beschimpfte, wie man denn auf die blöde Idee kommen könnte, Kaisers­lautern gegen Mönchengladbach zu zeigen – was deshalb gezeigt wurde, weil die Abo-Verwaltung gesagt hat: „Wir müssen auch mal in der Pfalz ein paar Dekoder verkaufen.“ Und man konnte natürlich Sachen machen, die jetzt nicht so zwingend massenerfolgreich waren, aber die unglaublich Spaß gemacht haben, weil das Geld damals keine so große Rolle gespielt hat. Dieser Irak-Dokumentarfilm von Werner Herzog damals, der wurde einfach so gemacht. Da kam er an und sagte: „Ich habe die Idee und würde das gerne machen.“ Und dann haben wir gesagt: „Ja, gut, machen wir.“ Und dann drehte er mit riesigem Aufwand. Bertrand Tavernier hat einen Film über den Jugoslawien-Krieg gedreht, ein Vier-Stunden-Epos, sehr arty. Hat auch sehr viel Geld gekostet. Finanziert, glaube ich, von Canal plus und Premiere. Da wurde nicht lange diskutiert. Da ging man mit Herrn Tavernier einmal essen und sagte dann: „Okay, machen wir.“

Und dann zog Leo Kirch ja irgendwann den Stecker für fast jede Eigenproduktion.

Ich weiß gar nicht, wer da wann den Stecker gezogen hat. Aber die Aufsichtsratssitzungen wurden, was man so mitbekam, dann unangenehmer. Ich war ja nicht im Aufsichtsrat, aber manchmal musste man für seinen Bereich dort Bericht erstatten – die Atmosphäre wurde deutlich frostiger. Lahnstein war ja der Bertelsmann-Vertreter damals. Und man merkte, wenn der Wagen von Herrn Theye, der Herrn Kirch vertrat, noch so mitten vor dem Eingang stand – das war dann auch so eine kleine Machtdemonstration, wer hier den Weg zum Sitzungssaal dominiert. Ich bin dann ja quasi von einem anderen Gesellschafter abgeworben worden – im Einverständnis mit den anderen, haben sie zumindest immer behauptet. RTL hat mich angesprochen, Marc Conrad wollte Late Night machen. Der wollte aber eigentlich, dass ich Gottschalk mache. Das wollte ich nicht. Ich hatte mir das auch angeguckt, ich war da mal bei „Gottschalk Late Night“ – das war nicht ganz das, was ich mir vorgestellt hatte. Da habe ich gesagt: „Das mach ich nicht.“ – „Was willst du dann machen?“ – „Na, so etwas wie Letterman.“ – „Geht das denn?“ – „Na klar geht das. Wir müssen das halt casten. Am besten wäre Harald.“ Der wollte aber nicht. Ich habe Harald damals angerufen und gesagt: „Hier Harald, super Job: Du kannst Late Night machen!“ Er sagt: „Late Night, Daily Show ... Das wird niemand in Deutschland jemals gucken. Aber wenn ihr glaubt, dann macht mal.“

Dann wurde es Thomas Koschwitz, den heute nur noch wenige kennen.

Koschwitz, der es zumindest mal anders machte als Harald, und weniger Letterman-artig. Und deshalb kam dann ja Harald irgendwann mit Kogel zusammen und sagte: „Komm, dann mach ich’s halt doch.“ Und dann habe ich eben, als Kogel wegen des Formats „Wochenshow“ anfragte und sagte: „Was ich dir damals beim ZDF vorgeschlagen habe und was damals keiner haben wollte – bei Sat 1 würd’ ich’s jetzt machen“, da habe ich gesagt: „Ach nee, eigentlich mach ich das nicht. Wir würden dann ja wenigstens schon gerne bei Harald gefragt werden.“ Und so hat sich das ergeben. Die „Wochenshow“ war dann, ehrlich gesagt, ein bisschen so ein Nebenprodukt. Das war im März – da war eben der Geburtstag meiner Mutter –, als wir den Zuschlag bekommen haben. Und angefangen haben wir im Dezember. Und um die Zeit zu überbrücken – denn wir waren ja jetzt eine kleine, eigenständige Produktionsfirma...

Der verpfändete Weinberg

...Produktionsfirma ist genau warum entstanden? Wozu brauchte man die Firma?

Brainpool ist entstanden, weil ich bei RTL rausgeflogen bin. Ich bin ja von Premiere zu RTL gewechselt. Ich war Chefredakteur bei Premiere und bin dann gewechselt in die ‘Medienfabrik’, eine RTL-Tochter, die unter anderem die „Ilona Christen Show“ produzierte – beziehungsweise bis dahin nur die „Ilona Christen Show“. Dorthin bin ich gewechselt, und da wurde die Möglichkeit einer unternehmerischen Beteiligung in Aussicht gestellt: „Ach, das ist doch interessant, da kannst du noch zehn Prozent kriegen.“ Das hat dann aber nicht so geklappt, weil ich dann mit dem damaligen Chef Brokamp sehr unterschiedlicher Meinung war. Der fühlte sich da als der Geschäftsführer – war er auch, nominell. Und ich war halt sowas wie der Producer. Dann habe ich irgendwann eingefordert, dass man das jetzt doch bitte regeln solle. Die Konsequenz war, dass mir fristlos gekündigt wurde. Mit Hausverbot und so. Dann kam aber Thoma und hat gesagt: „Das geht nicht. Wir wollen nicht, dass der woanders hingeht mit seinem Late-Night-Know-how, das wir mitbezahlt haben.“ Denn wir hatten ja schon an Koschwitz gearbeitet und gesendet. Und Thoma hat dann gesagt: „Nee, dann sollen die halt eine eigene Firma gründen.“ Und so haben wir Brainpool gegründet. Da gab’s dann aber auch wieder Diskussionen, weil RTL der Meinung war, wenn wir einen Auftrag über fünf Millionen haben, müssen sie 90 Prozent haben. Da habe ich gesagt: „Warum? Das ist ja jetzt unsere eigene Firma. Mit der anderen hat’s ja nicht geklappt, da habt ihr mich ja rausgeschmissen.“ Wir sind da nicht einig geworden. Und dann kam diese Sat-1-Geschichte. Das war genau da, als ich Kogel gesagt habe, die Verträge bei RTL seien ja auch welche, die beendet werden könnten, wenn es andere, interessantere Varianten gibt. So ist also eigentlich Brainpool entstanden: durch den Rauswurf aus der ‘Medienfabrik’. Und dann haben meine beiden Chefautoren Ralf Günther und Martin Keß gesagt: „Dann gehen wir mit.“ Und die halbe Redaktion ist mitgegangen. Wir haben alle für viele Wochen zuerst mal bei einem befreundeten Unternehmen im Konferenzraum gesessen. Ein Teil von Martins Familie hat Weinberge an der Mosel, das sind Winzer. Martin hat auch einen – den hat er dann verpfändet, damit wir die Leute bezahlen konnten. Ja, das war lustig...

Oder auch nicht...

Als Comedy-Firma groß geworden

Naja, geht so, denn eine Zeitlang wussten wir natürlich nicht, wie es weitergeht. Und dann kam Koschi. Den haben sie uns doch zurückgegeben, weil es nicht so super lief mit seiner neuen Produktionsfirma. Daraufhin habe ich gesagt: „Passt auf, wir müssen noch eine weitere Sendung machen. Lasst uns doch so eine Ricki-Lake-Show machen.“ Daraus wurde „Bärbel Schäfer“, die ja vorher noch in der ‘Medienfabrik’ war. Da haben wir gesagt: „Die müsste doch eigentlich bei uns sein.“ Das war dann die zweite Produktion. Und dann kam zeitgleich eben diese Kogel-Geschichte und dann hat sich das halt Richtung Sat 1 gewandt. Was uns RTL aber lange übelgenommen hat. Jeder inhaltliche Vorschlag versandete im Nichts. Erst dadurch, dass wir dann Köln Comedy, die auch den Deutschen Comedy-Preis hatten, übernommen haben, waren wir auf einmal zwangsweise wieder mit RTL im Geschäft. Das hat sich über die Jahre alles beruhigt. Aber damals – das ist dann die andere Seite neben diesen positiven, hemdsärmeligen Geschichten – war es natürlich auch immer sehr emotional. Also, wenn man einmal Krach hatte, wurde das lange durchgezogen. Also, RTL, das waren die handelnden Personen, die handelnden Personen waren aber auch RTL. Und wenn man da irgendwie Krach hatte, dann war es egal, was der Konzern wollte. Wenn der eine Zuständige nicht wollte, dann konnte man da gegen Wände laufen. Das ist ja heute nicht mehr ganz so. Das ist nüchterner und technokratischer geworden. Aber damals konnte man, wenn einer dran geglaubt hat, alles machen: Da wurde dann um Mitternacht „RTL Samstag Nacht“ gemacht, mit Bands und allem Drum und Dran – das muss ja unfassbar Geld gekostet haben.

Weil eben auch viel Geld reinkam.

Und weil sie es auch einfach wollten. Und es ist ja dann auch zu einem Kultformat geworden, woraus ja auch wieder viele Karrieren entstanden sind, ähnlich wie bei uns aus der „Wochenshow“, aus der eben Anke Engelke und Bastian Pastewka als die Bekanntesten hervorgegangen sind. Aber auch Annette Frier und viele andere haben alle danach eine große Karriere gemacht. So ist das ja bei „RTL Samstag Nacht“ auch: Olli und Wigald sind ja Big Stars geworden durch dieses Format. Bis zu dem Zeitpunkt hatte die Unterhaltungsszene unser Thema Comedy gar nicht so wahrgenommen. Wir sind ja eigentlich als Comedy-Firma großgeworden. Obwohl wir mittlerweile absoluten Mainstream bis hin zu Eurovision machen. Ich glaube, unser kleinster Teil ist noch Comedy. Aber damals war Comedy der Schlüssel. Und das war auch neu. Das kam eigentlich mit dem Privatfernsehen. Nicht nur über uns, sondern auch über Hugo Egon Balder und Jacky Dreksler, die eben „RTL Samstag Nacht“ gemacht haben. Das war die eine Seite. Und die andere Seite waren eben Schmidt und „Wochenshow“ und so – das waren halt wir. Und ganz viele der Leute von damals sind heute noch dabei, auch an vielen führenden Stellen, bis hin zu Regisseuren: Ladislaus Kiraly hat die erste Regie gemacht, glaube ich, bei unseren „Wochenshow“-Aufzeichnungen. Heute macht er alle großen Geschichten bis hin zu Eurovision. Tobi Baumann hat bei uns Regieassistenz in der „Wochenshow“ gemacht und ist heute erfolgreicher Filmemacher. Auch Autoren wie Chris Geletneky. Alle Autoren, die heute noch die „Heute-Show“ prägen. Lutz Birkner, der hat in der „Wochenshow“ angefangen. Ebenso Godehard Wolpers, Producer, der ist danach zu Sony gegangen und hat „Was guckst Du?!“ mit Kaya Yanar gemacht. Er ist wieder zurückgekommen zu uns und hat hier dann eben Sendungen von „Martin Rütter“ bis hin jetzt zu „Luke!“ gemacht. Die Leute sind immer noch da und hinterlassen Spuren. Aber es gibt jetzt auch die neue Generation, die BTFs dieser Welt. Da steht die nächste Generation nicht nur in den Startlöchern, sondern ist schon kräftig unterwegs.

In der Zeit war für Sie aber klar: Die Dynamik liegt beim privaten Fernsehen? Es gab auch nur wenige Versuche einer Anbindung an das Öffentlich-Rechtliche, wo Sie ja herkommen.

Es soll auch bei YouTube vermarktet werden

Ja, keine eigentlich, was ich aber sehr bedauere. Denn wir sind damals mit dem Piloten von „TV total“ auch beim WDR gewesen. Wir hatten „TV total“ eigentlich als Nachfolgeformat für den „WWF Club“ vorgeschlagen.

Der ja sehr erfolgreich war.

Genau. Das war unsere Idee: Lasst uns das doch freitags abends machen, einmal in der Woche, mit einem kleinen Rückblick auf das Fernsehgeschehen, dann noch ein bisschen lustiger. Und ich kann mich noch gut dran erinnern: Alle, die da saßen, haben gelacht, inklusive des Fernsehdirektors Jörn Klamroth und des damaligen Chefs vom Werbefernsehen. Dann kam aber nie was. Dann haben wir es halt an Pro Sieben verkauft, über den Umweg, den ich gerade schon erzählt habe. Und gefühlte anderthalb Jahre später – da hatten wir schon einen Fernsehpreis und waren gerade für den Grimme-Preis nominiert – treffe ich die dann: „Rolf, nicht, dass ihr noch anruft. Die Sendung läuft schon woanders.“ Dann hat er gesagt, die Sendung wäre ja eh viel zu teuer. Da habe ich gesagt: „Ey, Ihr habt noch nicht mal nach dem Preis gefragt. Ihr habt weder abgesagt noch nach dem Preis gefragt.“ Das hatten die einfach nicht auf dem Schirm. Für mich war es immer klar: Mit dem WDR hätte ich gerne mal was gemacht. Deshalb finde ich es auch gut, dass wir mit Caro und „Pussy Terror TV“ jetzt wieder beim WDR sind. Wobei die meisten Leute, mit denen man damals angefangen hat, jetzt nicht mehr da sind. Wir hatten es ein paar Mal versucht, aber es hat nie funktioniert. Diese ganze Kultur mit Produktionsfirmen und so weiter, die ist beim WDR nicht so ausgeprägt. Da gab es halt so klassische Dienstleister-Produktionsfirmen. Wenn man Glück hatte, durfte man bei externen Firmen wie Tag/Traum vorher arbeiten und musste nicht beim WDR schneiden, dann gab es mittags immer noch mal ’ne Pizza, weil die natürlich ihre Kunden besser bedienten als manche Cutter beim WDR, die gerne einkaufen gingen: „Du kannst ja schon mal das Material sichten. Ich geh noch mal einkaufen. So in die Richtung.

Das System denkt einfach sehr stark von seinem eigenen festangestellten Personal aus.

Ja, komplett. Es bricht aber jetzt ein bisschen auf. Die BFT hat, glaube ich, beim ZDF ziemliche Freiheiten. Und wir haben auch relativ große Freiheiten jetzt mit Carolin Kebekus beim WDR. Doch das hängt immer sehr vom Künstler ab. Aber generell verstehen sich viele Redakteure beim WDR eher nicht als Programmmanager, sondern als Programmerfinder. Und das nicht nur beim WDR, das ist einfach bei den Öffentlich-Rechtlichen so. Das geht bis zu den Rechten. Dass wir zumindest mal bei den erfolgreichen Produktionen wie denen von Stefan erreichen konnten, dass da viele Rechte bei uns geblieben sind – wie ich finde, auch zu Recht, dass der Creator seinen Share an den Rechten hat –, das ist bei den Öffentlich-Rechtlichen gar nicht möglich. Da gibst du ja alles ab. Das ist ja alles Total-Buy-out.

Das kommt jetzt sehr mühselig über sehr komplexe Regeln des Produzentenverbandes.

Aber das sind doch alles Minifortschritte, wenn überhaupt. Da kriegst du irgendwie Auslandsrechte, aber nicht die deutschsprachigen – und wohin soll ich denn mein TV-Movie verkaufen? Aber wie wir es insbesondere mit Stefan hatten, aber auch mit der „Wochenshow“ und „Ladykracher“ und „Pastewka“, dass du wirklich Rechteinhaber bist, dass Wiederholungen bezahlt werden, dass Product-Placement mit dir geshared wird, dass du deinen Share an verkauften Tickets kriegst – das hast du dort alles nicht. Da waren die Privaten – das zieht jetzt auch an, denn irgendwie muss man seine DAX-Position ja finanzieren – viel freier, weil die auch den Anspruch nicht hatten. Die arbeiten ja auch mit viel weniger Personal. Beim WDR müssen einfach sehr viele Leute auch beschäftigt werden. Was dann passiert mit den Rechten... Man fragt sich immer: Wozu wollt ihr die? Die liegen doch eh im Keller, ihr macht ja eh nichts damit. Für uns ist das wichtig: Wir wollen die verkaufen. Das ist für uns eine Einnahmequelle. Das ist bei uns auch fürs Ego. Man will ja, dass sein Zeug möglichst gut auf allen Kanälen läuft. Also bemühen wir uns darum, dass das auch bei YouTube vermarktet wird.

Das heißt aber, Ihr Prinzip, gemeinsame Firmen zu gründen mit Comedians und Stars, lief im Wesentlichen natürlich darüber, dass Brainpool mit bekannten Figuren arbeiten konnte...

Da wird noch ums kleinste Online-Recht gekämpft

...die zu dem Zeitpunkt aber alle noch nicht bekannt waren. Heute machen wir es ein bisschen anders, weil sich vor diesem Thema ‘Gemeinsame Firma’ viele der Künstler scheuen. Aber damals war es ja ein bisschen Familie, wir sind ja zusammen großgeworden in der „Wochenshow“. Wir haben mit den Künstlern – mit Anke, mit Bastian, mit Stefan, das waren so die bekanntesten, aber auch mit Axel Stein und anderen – gemeinsame Firmen gegründet. Damit wurden die Künstler Koproduzenten. Brainpool war der ausführende Produzent und hat dafür Geld gekriegt. Die Künstler haben ihre Gage bekommen. Und alles, was darüber hinaus reinkam, insbesondere Rechte, wurde geteilt. Und beim fiktionalen Programm ist das natürlich durchaus attraktiv, denn „Ladykracher“ läuft heute noch, und die Ausstrahlungen werden auch bezahlt. Das ist für uns und auch für Anke natürlich interessant. Das haben die Künstler ja sonst nicht. Der künstlerische Beitrag wird leider nicht besonders geschätzt vom System, finde ich. Es gibt Ausnahmen, das haben wir ja auch nicht erfunden. Es ist ein bisschen aus der Musikindustrie entlehnt, und Gottschalk hat’s, glaube ich, schon vor uns gemacht, indem er seine diversen Produktionsfirmen hatte, die sich dann auch um Verwertung und Vermarktung gekümmert haben. Aber beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen bist du eigentlich die berühmte verlängerte Werkbank. Auch Fred Kogel bei Sat 1 hat das zu uns damals explizit gesagt bei der „Wochenshow“: „Ihr seid auch nur verlängerte Werkbank.“ Waren wir aber, Gott sei Dank, nicht.

Liegt es daran, dass der Produzentenstand insgesamt zu schwach oder zu wenig selbstbewusst oder zu sehr gefüttert worden ist?

Nein, die meisten können sich eine selbstbewusste Haltung nicht zwingend leisten. Wir haben Situationen, da wird wirklich noch ums kleinste Online-Recht gekämpft bei öffentlich-rechtlichen Produktionen, und das führt dann dazu, dass der Vertrag bis heute nicht geschlossen ist.

Also gibt es erst einmal kein Geld.

Richtig. Wir sind uns über einen bestimmten Terminus im Online-Bereich noch nicht einig, deshalb gibt’s keinen Vertrag und auch kein Geld. Da produzierst du einfach ein halbes Jahr vor. Das könnten sich die meisten gar nicht leisten. Da haben wir natürlich auch unter anderem durch den Börsengang eine Sonderrolle. Das war ja auch das Ziel, einfach zu sagen: ‘Das machen wir einfach so.’ Wir haben auch „Stromberg – Der Film“ einfach so gemacht. Da haben wir keinen gefragt, ob wir den machen dürfen. Und da ist gerade das öffentlich-rechtliche Fernsehen manchmal schlimm. Die lassen dich teilweise ewig hängen. Das können sich viele nicht leisten. Und es geht halt niemand in den Konflikt. Selbst der Georg Hischberg, der ja ein erfolgreicher Produzent ist, würde niemals sagen: ‘Ich mach die „Heute-Show“ nicht, wenn ich da nicht ein paar Rechte dran haben kann.’ Das machen alle! Da gibt’s auch wenig Solidarität. Wir lehnen Sachen ab – wir gelten ja auch als schwierig in der Branche. Obwohl du nur sagst: ‘Ich will doch einfach nur ein Recht haben.’ Wenn du eine Serie kaufst, die du ausstrahlst, sagen wir „The Big Bang Theory“, ist es normal, dass du nicht alle Rechte bekommst – aber hier ist immer die Einstellung: Wenn es ein deutsches Produkt ist, muss alles mir gehören. Deshalb gibt es ja den beliebten Umweg für alle, die irgendwie einen internationalen Zugang haben: Halbwegs erfolgversprechende Entwicklungen kommen offiziell gerne mal aus England oder Frankreich, selbst wenn sie vom deutschen Schreibtisch stammen. Denn dann hast du eine Chance und kannst sagen: ‘Nee, das kann ich leider nicht machen, das hat Banijay France gemacht. Da kann ich nicht alle Rechte abgeben.’ Das wird dann akzeptiert! Bei deutschen nicht. Denn eigentlich bist du tatsächlich verlängerte Werkbank. Ein Produzent hat hier eine Produktion zu organisieren – das war’s aber auch.

Also im Grunde ist er ein Produktionsleiter, im Wortsinne.

Ja, er kreiert nichts. Da führst du Diskussionen, die sind absurd. Und dann besteht immer die Gefahr, dass die sagen, sie machen’s doch nicht. Bei Künstlern wie Stefan oder Caro kannst du natürlich weitergehen, da hast du ein bisschen was in der Hand. Aber wenn du nicht so eine Unique Position hast, dann ist das sehr schwer. Es gibt da auch keine Solidarität unter den Produzenten. Selbst große Firmen wie Constantin machen überwiegend alles als Total-Buy-out-Produktion.

Komisch eigentlich.

Was für die meisten Produzenten meist tödlich ist

Das würde nur gehen – das wird man aber nicht zusammenkriegen in Deutschland –, wenn alle sagen: ‘Nee, dann mach ich’s nicht.’ Aber das geht wahrscheinlich bei den Gesellschaften eh nicht. Die Ufa kann wahrscheinlich gar nicht sagen: ‘Nee, wir machen’s nicht.’ Und Pro Sieben hat ja auch Red Seven, und jetzt fangen die auch noch selber an zu produzieren wie wild. Also, die Position für unabhängige Produzenten ist nicht besser geworden. Aber deshalb muss man dann auch mal nach anderen Wegen Ausschau halten. Gut, da wird es durch Netflix und so, glaube ich, auch nicht besser. Es gibt mehr Anbieter, aber das heißt noch lange nicht, dass die eine andere Rechteposition haben. Die wollen auch alle Total-Buy-out. Deshalb machen wir – aber das geht natürlich nur in unserem Segment, das kannst du mit Dokumentarfilmen schlecht machen – auch Live-Geschäft. Für uns ist zum Beispiel Luke Mockridge auf Tour. Live ist der mindestens so attraktiv wie im Fernsehen. Jetzt, bei der zweiten Staffel, hatte der Sender etwas andere Vorstellungen als wir. Da haben wir gesagt: ‘Nee, das machen wir nicht.’ Dann sagen die: ‘Na, dann machen wir’s nicht.’ Da sag ich: ‘Macht nichts, kein Problem. Dann spielen wir einfach noch ein paar Konzerte in der Zeit.’ Das kannst du aber mit einem Dokumentarfilm schlecht machen. Das geht nur wie in der Musik, wo du auch sagst: ‘Man muss nicht einen Plattendeal haben, um erfolgreich zu sein.’ Annen May Kantereit, die sich lange Zeit verweigert haben, die sind jetzt die großen Stars, weil sie genau diese Gegenhaltung hatten und sagten: ‘Nee, ich war nicht bei ’ner Plattenfirma und ich will auch keinen Major Deal.’ Jetzt sind sie’s ja, aber die haben auch vorher schon gut ausverkaufte Konzerte gespielt. Aber das gilt natürlich nicht für die Tausende von Produzenten, die ein oder zwei TV-Movies machen im Jahr. Da hast du keine Chance. Da hängst du komplett an der Nadel. Und die meisten sind auch nicht so kapitalisiert, wie wir es damals mit dem Börsengang waren, oder jetzt auch mit einem großen Gesellschafter mit an Bord, wo du auch mal sagen kannst: ‘Machen wir nicht. Wir können unsere Miete im nächsten Halbjahr auch so zahlen.’ Aber die anderen werden einfach schlicht ausgeblutet. Ein halbes Jahr vom Sender kein Geld kriegen, ist wahrscheinlich für die meisten Produzenten tödlich.

Das Ergebnis ist natürlich, dass insgesamt dieses System dann nicht die Konkurrenzfähigkeit erreicht, die es haben könnte... Die Zeit mit Viva, wie würden Sie die im Nachhinein beschreiben?

„Das sind die MTV-Charts, das kauf’ ich“

Ach, Viva war interessant. Es war ja unser Wunsch. Die Initiative, mit Viva zusammenzugehen, ging von uns aus, einfach aus der simplen Überlegung, dass wir gesagt haben: ‘Das müsste eigentlich für beide Seiten interessant sein.’ Stefan Raab, der ja ein Viva-Kind ist, ist bei uns. Matthias Opdenhövel hat zu dem Zeitpunkt auch bei uns schon Piloten gemacht. Oliver Pocher hatte die ersten Schritte in unsere Richtung gemacht. Das heißt, immer dann, wenn es interessant wurde, kamen die Endemols oder die Brainpools und haben die Talente, die das Musikfernsehen ausgestellt hat, abgegriffen. Eigentlich interessant, wenn man dann eine Wirtschaftskonstruktion findet, in der Viva auch noch beteiligt ist an der weiteren Wertschöpfung. Denn eine Show mit Raab verdient erst bei Pro Sieben Geld und auch ein Pocher verdient erst bei Pro Sieben Geld. Oder eine Heike Makatsch. Dann ist aber Viva nicht mehr dabei, obwohl sie eigentlich die Plattform geboten haben. Und für die Produzenten ist es deshalb interessant, weil du ja immer ein Fenster brauchst, um die Leute irgendwie ausstellen zu können. Und insbesondere bei Pocher wäre die Alternative gewesen: Wir machen für 500.000 einen Piloten oder wir stecken die 500.000 in ein Jahr Viva-Produktion und dann macht der jede Woche eine Sendung. „Alles Pocher … oder was?“ ist eine kleine Sendung, aber sie ist echt. Die gucken nur 50.000 bis 100.000 Leute, aber er kriegt Feedback, man kann von Woche zu Woche die Geschichte drehen, ändern, feintunen und am Ende verkauft man die Show an Pro Sieben. So war der Plan. Der ist ja dann auch aufgegangen. Und so sind wir damals auf Viva zugegangen.

Damals noch in der Ägide von...

...Dieter Gorny. Und das fand der auch einleuchtend. Und da wir eigentlich viel zu klein waren für die Börse und kein eigenes Publikums-Outlet hatten, hat sich das angeboten. Insofern fand ich’s gut. Was ich weniger gut fand, war, wie es sich am Ende nach dem Verkauf an Viacom entwickelt hat. Denn eigentlich hätte Comedy Central nach Köln und zu Brainpool gehört – so hatte ich den Plan verstanden. Das war aber dann auf einmal nicht mehr so, sondern auf einmal ging alles nach Berlin. Wobei klar war: Okay, Musik geht nach Berlin, denn da sitzen die Plattenfirmen, da ist die Musikhauptstadt. Aber Comedy, mit einer Produktionsfirma, die so stark in Comedy ist wie Brainpool, kann man vielleicht eher hier ansiedeln. Und dann betreiben wir quasi Comedy Central und machen die Eigenproduktionen für die. Da hat man sich jedoch anders entschieden, zugunsten einer Schweizer Dame, die allerdings ein halbes Jahr später auch weg war. Und, ja, Viva hat einfach den Schuss nicht gehört. Wir haben damals letztlich Glück gehabt, dass MTV bereit war, noch so viel Geld für Viva zu zahlen – und damit auch Brainpool gekauft hat – zu einem Zeitpunkt, als man sich gefragt hat: Ist lineares Musikfernsehen wirklich die Zukunft? Wo ich sagen würde: Daran hätte man damals schon Zweifel haben können. Denn warum soll ich eine Stunde vorm Fernseher sitzen und hoffen, dass mein Clip kommt, wenn ich ihn im Internet hundert Mal nacheinander sehen kann? Darauf haben die aber nie gehört. Ich war ja eine Zeitlang Content-Chef von Viva und habe gesagt: „Leute, wir haben doch Werbe-Koops. Lasst uns doch bei Vodafone ein Viva-Phone machen.“ Mit einer Oberfläche, wo alles zum Thema Musik drauf ist. Vom Ticketing über Band-Infos, Newsletter – heute würde man Apps machen, das gab’s damals noch nicht. Und dann machen wir eine Special-Edition: das Jugendkultur-Angebot – „Nö.“ Nix gemacht. Und es kann auch nicht sein, dass eine Weltmarke wie MTV, die für Musik und Popkultur schlechthin stand, noch nicht einmal ein Angebot macht für einen Download-Shop. Da habe ich denen auch noch mal gesagt: „Ey Leute, wer, wenn nicht ihr? Die Leute wissen nicht, wer Universal ist. Die wissen nicht, wer Sony ist. Die wissen nicht, wer BMG ist. Das ist denen auch völlig egal. Aber MTV ist eine Marke. Die steht für Musik. Und da würde man auch hingehen und sagen: ‘Das sind die MTV-Charts, das kauf ich.’“ Das haben die nicht gemacht. Warum nicht? Und dann überholt sie ein Computerhersteller mit Rollkragenpullover und sagt: ‘Die Musik kaufen die Leute bei mir und die Musikkompetenz werde in zehn Jahren ich haben.’ Und die haben die Marke komplett weggegeben. Also insofern war es eine interessante Erfahrung über verpasste Chancen. Ich glaube, da hätte man mehr draus machen und transformieren können. Und mittlerweile, glaube ich, ist es tot. Ich muss zugeben: Ich schaue kein Viva und kein MTV mehr. Aber MTV war natürlich trotzdem ein kulturprägendes Thema. Und Viva auch.

Independent Player sind auf dem Markt fast nicht mehr vorhanden

Im Prinzip hätten MTV und Viva auch so etwas wie YouTube machen können. Das hätte man denen zugeordnet: junges Bewegtbild.

Ja! Also völlig verpasst. Es ist ja auch keiner mehr da von denen, die damals für Viva und MTV Germany zuständig waren.

Und jetzt gehört Brainpool zu 50 Prozent der französischen Rüstungs- und Energieindustrie?

Nein, keine Rüstungs- oder Energieindustrie. Also, die 50 Prozent gehören Banijay. Und die Banijay gehört der LOV Group. Und bei der LOV Group ist Stéphane Courbit Hauptgesellschafter, der ehemalige Endemol-France-Chef. Dann Arnault, LVMH, also Luxusgüterindustrie – wir kriegen trotzdem als Weihnachtsgeld weder Hennessy noch Moët und, sehr zum Bedauern meiner Tochter, auch keine Hermès-Taschen. Die De Agostinis, die waren ja auch bei Zodiak drin – Banijay und Zodiak sind jetzt eine Firma. Die Agnellis waren da drin, als private Gesellschafter. Das sind also eigentlich eher Autos, Verlage und Luxusgüter. Mit Rüstung haben sie, glaube ich, nichts zu tun. Wer eingestiegen ist, ist Vivendi Universal. Die haben jetzt 26,1 Prozent an der neuen Gruppe. Es geht nun also wieder in den großen Medienbereich. Die Independent Player einer bestimmten Größenordnung sind auf dem Markt fast nicht mehr vorhanden. Du hast halt die Endemol Shine Group, du hast die RTL-dominierte Fremantle Media, und das war’s. Wir sind jetzt, glaube ich, Nummer drei. Also Banijay-Zodiak ist Nummer drei und damit auch wir. Aber wir sind ja nur ein Joint-Venture, manchmal sehr zum Ärger von Banijay, denn wir haben real 50/50. Also nicht 50-plus-1-Vote oder so. Das heißt, wir können wirklich nicht ohne die, die können aber auch nicht ohne uns.

Hat die Gesellschafterkonstruktion Einfluss auf das operative Geschäft, aus Ihrer Sicht?

Ja, die würden, glaube ich, auch noch anderes Fernsehen machen, als wir es als Brainpool machen wollen. Die wollen einfach alles produzieren: Produzieren ist produzieren. Was wir nicht tun, weil ich auch finde, dass das nicht geht unter der Marke Brainpool. Wie die alte Diskussion: Kann man als Porsche Diesel machen? Kann man offensichtlich, aber es gab ja lange Diskussionen. Wir haben immer versucht, die Marke relativ sauber zu halten. Das ändert sich jetzt ein bisschen, weil durch den Zodiak-Katalog ein paar Sachen dazukommen, die ich eigentlich ganz gut finde. Da sind wir schon im Verkauf und es werden ein paar Sachen jetzt realisiert. Wahrscheinlich machen wir dafür aber eine neue Unit – also, ich sag mal, Arbeitstitel ‘Zodiak Germany’. Die haben ja kein eigenes Produktionshaus in Deutschland. Da werden wir dann den Katalog auswerten. Da geht es auch ein bisschen um Factual Entertainment. Die haben ja berühmte Formate: „Wife Swap“ ist zum Beispiel dabei, aber auch „Best Singer“ – also „Sing meinen Song“ –, die haben wirklich eine große Bandbreite. Also viel Factual Entertainment, Dating-Geschichten und so. Eigentlich nicht so richtig Brainpool-Style, aber ganz gut gemacht. Das könnte man eigentlich machen. Seit acht Jahren sind die jetzt Gesellschafter. Wir waren in der Zeit immer auf anderen Gebieten unerwartet erfolgreich. Die konnten die Frage „Wo kommt das Wachstum her?“ immer beantwortet haben, ohne dass man jetzt Factual Entertainment machen musste. Einfach durch diese ganzen Show-Themen, Event-Themen und solche Sachen wie Eurovision und auch International Eurovision – so ein Thema wie Baku, da erhöhst du deinen Umsatz mal locker um 30 Prozent, nur mit einer einzigen Show. Und das auch noch profitabel. Das hat natürlich alle Fragen – „Wo kommt welches Wachstum her und was ist die Contribution für die Gruppe?“ – beantwortet. Jetzt im Moment verdienen wir nicht so viel. Ist ja klar.

Durch den Weggang von Stefan Raab.

Ja, klar. Wenn wir dieses Jahr eine schwarze Null machen, bin ich zufrieden. Das wird nicht einfach. Und wir haben jahrelang sehr gutes Geld verdient, auch unsere Gesellschafter. Da wächst der Druck. Zum Businessplan kommen jetzt Fragen, die es vorher nie gab.

Sind noch welche dieser Arbeitsgerichtsprozesse offen?

Ja, es gibt auch noch ein paar Arbeitsgerichtsprozesse, die noch nicht erledigt sind. Aber die meisten sind beendet. Und es haben ja sowieso fast alle einen neuen Job. Also, da geht’s am Ende um nichts. Ich weiß gar nicht, warum man das noch zum Teil weiterführt, wenn man längst bei Endemol arbeitet.

Weil der Anwalt wahrscheinlich sagt: ‘Lass uns doch noch ein bisschen was versuchen.’

Okay, den Raab gibt‘s nicht mehr

Ja. Und was macht man dann, selbst wenn man gewinnt? Ein Redakteur von uns hat gewonnen. Wir überlegen, ob wir in die Berufung gehen. Der sitzt aber bei Endemol. Ich habe ihm auch angeboten: „Du kannst bei uns weiterarbeiten.“ Wollte er damals aber gar nicht. Und jetzt klagen die und ich frage dann: „Was ist, wenn du gewinnst? Kommst du dann zurück? Das habe ich dir doch freiwillig angeboten. Da hättest du ja nicht klagen müssen.“ Manchmal versteh ich’s nicht, warum da geklagt wird. Aber es ist nichts Wesentliches mehr, was nicht eingepreist wäre. Wir haben eh alles zurückgestellt, klar. Und es ist viel glimpflicher ausgegangen, als es hätte passieren können, weil auch die deutsche Arbeitsgerichtsbarkeit gesagt hat: Okay, den Raab gibt’s nicht mehr, das ist jetzt mal so. Die machen das nicht, weil sie in Malaysia durch Kinderarbeit für fünf Cent weniger produzieren können, um den Profit zu maximieren, sondern da ist tatsächlich ein großer Aufgabenbereich weggefallen. Das ist halt einfach so. Und Jobs, die es nicht mehr gibt, kann man auch nicht mehr anbieten. Dann muss man im Zweifel eine Sozialauswahl treffen, das ist ja immer ein Thema.

Aber es war für Sie doch nicht vollkommen überraschend, dass er das sagt.

Dass Stefan aufhört? Nein. Wir haben nochmal einen langfristigen Vertrag angeboten bekommen. Ob und in welchem Ausmaß er den annehmen würde – der Prozess ging ein halbes Jahr, wo er gesagt hat: „Ich weiß nicht, ob ich das noch will, so viel und so lange und exklusiv bindend.“ Und wenn man Stefan kennt, weiß man: Stefan geht nie zurück: It’s all or nothing. Stefan würde nicht wirklich realistisch sagen: ‘Komm, dann machen wir wieder einmal die Woche „TV total“ und statt sechsmal „Schlag den Raab“ nur zweimal und noch einmal „Bundesvision“, aber nur mit acht Bands statt mit 16.’ Das würde der nicht machen. Dann hört er halt eher auf. Und das hat er dann ja auch getan. Und die Konsequenzen sind dann so, wie sie sind. Aber das ist normal, finde ich. In dem Job ist es eigentlich eher ungewöhnlich, dass man 15 Jahre in derselben Produktion arbeiten kann. Das führt dann natürlich dazu, dass alle Befristungen fallen, weil es Kettenarbeitsverträge sind. Aber dass am Ende betriebsbedingt eine Kündigung dasteht, ist dann einfach so, selbst wenn es unbefristete Verträge waren. Denn er ist ja einfach nicht mehr da. Punkt. Und wenn du betriebsbedingt kündigst, musst du rechtzeitig kündigen. Das haben wir getan, mit sechs Monaten Vorlauf. Und wie gesagt: Es haben auch mindestens 90 Prozent aller Leute wieder einen Job, und zwar in ähnlichen Firmen, also Red Seven, Endemol oder so. Fernsehen ist zwar tot, aber es wird noch unglaublich viel produziert – man weiß gar nicht wofür.

Und das mit dem ESC, dem Eurovision Song Contest, das geht weiter?

ESC: „Lovely Lena“ mit der Norwegen-Mütze

Bei dem Song Contest machen wir ja seit 2010 die nationale Vorauswahl, für den NDR. Dieses Jahr waren wir ja in Deutschland sehr erfolgreich. Die Quote war sehr gut, fast fünf Millionen Zuschauer.

Waren Sie eigentlich beim Lena-Empfang von Christian Wulff, nach ihrem Eurovisions-Sieg?

Ja klar.

Denn das war ja eine irre Zeit: Zwei Tage nach dem Langenhagen-Empfang trat Horst Köhler zurück und Wulff wurde Bundespräsident. Da kam so viel zusammen.

Die ganze ESC-Geschichte, angefangen damit, wie es zu Lena gekommen ist, bis hin zu Düsseldorf und Baku, war beruflich für mich bislang der aufregendste Teil. Die ARD ist ja irgendwann mal auf uns zugekommen und hat gefragt: „Kann man irgendwas mit Stefan machen?“ – „Nee, unterhaltungsmäßig, glaube ich, nicht, da sind wir exklusiv. Da haben wir so ein Riesenpaket mit ‘‘TV total’. Über Einzel-Events kann man reden.“ Und dann war halt die Frage: Was für ein Einzel-Event könnte es denn sein? Eurovision haben wir ja schon mal gemacht, damals mit Max Mutzke, das war ja auch eine Koop mit Viva und der ARD. So etwas vielleicht. Und dann hat es ein Jahr gedauert, dann kam die Entscheidung: Wir machen eine Castingshow, Pro Sieben gemeinsam mit der ARD. Pressekonferenz im Reichstag, mit Andreas Bartl, Thomas Schreiber, Lutz Marmor.

Das war schon ein halber Staatsakt.

Ja, das war ein halber Staatsakt. Und es war eine ganz freche Behauptung, einfach typisch Stefan: „Nationale Aufgabe! Wir holen das Ding zurück!“ Wo du keine Ahnung hast, wer da kommt. Es ist ja eine Castingshow, wir wussten gar nicht, wer sich da meldet. Und dann kam Lena und hat von der ersten Minute an die Nation in Entzücken versetzt. Dann waren wir in Oslo. Schon in den Shows in Deutschland haben ihr alle immer gesagt: „Die Leute werden dich lieben. Du wirst ein Star werden!“ Es gab ja sehr viel positives Feedback – war auch eine super Sendung, hat riesigen Spaß gemacht, das zu produzieren. Da waren sehr viele gute Leute dabei, aber sie war die Beste. Und dann hört es eben nicht auf, wie sonst bei Castingshows, wo du sagst: „Dankeschön, und jetzt sehen wir dich nie wieder!“ Oder in zwei Jahren: „Welcome to the ‘Dschungelcamp!’“ Sondern: „Jetzt geht’s erst richtig los, jetzt kommt der ESC. Wir fahren dahin und gucken mal, wie weit wir kommen.“ Und dann sitzt du in Oslo. Das ist ja wirklich wie bei den Europameisterschaften oder Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen: Da sind 50 Länder, Pressekonferenzen und öffentliche Proben – es ist schon eine Woche vorher Bohei. Und dann gab es einen Segelausflug der sogenannten Big Four, also der größten Beitragszahler: England, Frankreich, Deutschland und Spanien. Die sind ja immer gesetzt und sind dann eben in den Proben nicht dabei. Deshalb wird für die immer ein Sonderevent gemacht, damit es da auch was zu berichten gibt. Und da machten wir eine Segeltour auf so einem alten Frachter. Oslo-Hafen, einmal kurz auslaufen und wieder reinfahren. Mit Fotografen und so. Da spielte Lena und die Norweger waren eben auch da, weil sie als Gastgeber dabei waren, Big Four plus Gastgeber. Und die gaben ihr so eine Mütze, da war diese norwegische Staatsflagge vorne drauf. Und sie sah wie immer – das war ein Geschenk für die Kamera – einfach sensationell aus. Da machten die natürlich viele Fotos. Und als am nächsten Tag die größte norwegische Tageszeitung mit diesem Titelfoto aufmachte, und zwar über die halbe Seite: „Lovely Lena“ mit der Norwegen-Mütze und diesem wunderschönen Gesicht – da haben wir gesagt: „Oh, das könnte was werden. Das funktioniert offensichtlich über Deutschland hinaus. Die hat eine Ausstrahlung.“ Ja, dann hat sie einfach gewonnen. Und dann gab es die Überlegung – das hatten wir auch schon vorher besprochen: Was machen wir eigentlich, wenn wir gewinnen sollten? Und da war der Plan: Dann müssen wir die „nationale Aufgabe“ auch zu Ende spielen. Möglichst mit Sondermaschine zurückfliegen. Und da war ja richtig Fieber. Als ich vom Flughafen in die Stadt gefahren bin – das habe ich nie für möglich gehalten – da standen die Leute wirklich gesäumt wie wenn die Europameister nach Hause kommen. Das war echt Wahnsinn! Klar, war ich dabei. Als sie dann auf diesen Rathausbalkon trat, da war eine Bühne aufgebaut – die ganze Stadt war schwarz voller Menschen.

Wie man es Hannover eigentlich nicht  zutraut.

Das Dach von Düsseldorf

Das war super. Das hat riesigen Spaß gemacht. Und dann kam als nächstes Düsseldorf.

Komisch eigentlich, dass es nicht Hannover wurde. Haben die nicht genug geboten? Ich meine, Lena war Hannoveranerin.

Hannover hat aber keine Location in dieser Größenordnung. Das war eine rein logistische Frage. Wir brauchten eigentlich ein Stadion. Man hätte sonst natürlich die TUI-Arena in Hannover nehmen können oder die Lanxess-Arena in Köln oder die Barclaycard-Arena in Hamburg. Aber der Plan war: Wir machen eine Stadionshow. Das muss das Größte werden, was es je gegeben hat! Und da gab es eigentlich nur eine Variante. Du brauchst ein Dach. Und du brauchst eigentlich auch ein Dach, das dunkel und schalldicht ist. Denn du kannst sonst tagsüber nicht proben. Du hast ja riesigen Probenaufwand, du probst drei Wochen. Und deshalb ging eigentlich logistisch nur Düsseldorf, weil die das Dach zufahren können und dann ist es einfach ein großes Studio. Darin ist es wirklich schwarz, total Blackout. Und – obwohl die Flugzeuge da rüberdonnern – absolut schalldicht. Es gibt ja eh nur drei Stadien, wo man das Dach zumachen kann: Frankfurt, Gelsenkirchen und Düsseldorf. Das war natürlich einfach geil. Mit so viel Spielzeug, wie man dort an der Hand hat – es wird ja unglaublich viel Geld investiert –, kannst du alles machen. Fast alles. Da kann man sich mal richtig austoben.

Da wird man wieder zum kleinen Jungen.

Jetzt zeigen wir mal, was geht! Das war sensationell.

Jetzt wohnt sie hier in Köln.

Lena wohnt jetzt in Köln, ja. Schon seitdem sie damals hier die Castingshow gewonnen hat. Sie hat ja nach dem ESC richtig Karriere gemacht. Wir haben eine Konzerttour veranstaltet, die super war. Da kommt man in Bereiche, wo man ja normalerweise gar nichts mit zu tun hat. Schön mit Nightliner eine Tour spielen, in den großen Hallen. Das macht halt Spaß, so ein bisschen Rock’n’Roll. Und dann kam Baku als Folge, weil die Aserbaidschaner 2011 in Düsseldorf gewonnen hatten und natürlich die Show gut fanden. Das ist immer ein kleiner Vorteil, wenn man die Show produziert hat, wo sie gewinnen: Das finden die natürlich immer super. Und die haben viel Geld und wenig Infrastruktur im Land. Und dann haben sie einen weltweiten Pitch gemacht und wir haben gewonnen.

Ist das nicht auch eine Diktatur?

Es sprudeln jeden Tag Millionen Dollar aus der Erde

Sagen wir mal so: Mit westlichem Demokratieverständnis ist das nicht eins zu eins vergleichbar. Es wird schon gewählt, aber die Präsidentenfamilie heißt Alijew – der Staatsgründer hat das Amt an seinen Sohn weitergegeben, das ist schon eine besondere Form von Demokratie. Aber da wird immer gewählt. Es gibt immer Gerüchte, dass das nicht ganz nach unseren Maßstäben zugeht. Wobei, die würden sowieso gewählt. Also, wenn sie tatsächlich die Wahlen manipulieren, ist das eigentlich überflüssig, denn sie haben natürlich einen Vorteil: Den Aserbaidschanern geht’s relativ gut, denn es sprudeln jeden Tag Millionen Dollar aus der Erde. Und das sieht man da auch. Ich weiß nicht, ob Sie mal in Baku waren, aber Baku ist eine wunderschöne Stadt. Weltkulturerbe. Ich wusste vorher nicht, wo Baku ist. Und ich dachte: ‘Oh Gott, jetzt fahren wir ins finsterste kaukasische Mittelalter.’ Das ist aber gar nicht so. Eine traumhafte Stadt direkt am Meer. Klein-Istanbul im Prinzip. Dreitausend Jahre alter Stadtkern. Und für die ist das das Größte, sich der Welt zu präsentieren. Und die haben wirklich den alten Militärhafen abgerissen. Als ich zum ersten Mal da war, das war im August – und im Mai ist die Show –, haben die gesagt: „Hier soll’s stattfinden.“ Da habe ich gesagt: „Hier? Aber da ist doch noch...“ – „Ja, das kommt alles weg.“ – „Aber wir brauchen doch eine Halle.“ – „Ja, ja, hier sind die Pläne. Macht übrigens auch eine deutsche Firma. Oder eine österreichische – ihr könnt euch mit denen schon mal kurzschließen.“ – „Aber wir haben August. Die Proben beginnen spätestens Mitte April.“ – „Ja, ja, klappt alles.“ Und es klappte natürlich auch alles. Denn die haben einfach, wenn es sein muss, so viel Geld und Arbeitskraft, dass sie da reinpumpen, was notwendig ist. Das machen die einfach. Und wenn ein Haus im Weg steht – dann kommt das halt weg.

Sie meinen: Wenn die einen Flughafen bauen wollen, dann wird der auch schnell fertig.

Ich glaube, die Chance, sich dagegen zu wehren, ist auch geringer. Also, Diktatur – da weiß ich nicht, ob das das richtige Wort ist. Aber ein autoritäres System ist es natürlich irgendwie schon. Ich bin da aber auch pragmatisch: Der ESC hat dem Land geholfen, nicht nur dem Staatschef. Für uns alle vor Ort war es eine unglaublich aufregende Zeit, keine Frage.

28.09.2016/MK