Thomas Stiller: Gottlos – Warum Menschen töten. 3‑teilige Krimireihe (RTL 2)

Wäre ausbaufähig

08.03.2016 • Es soll Menschen geben, die regelmäßig ihre Fenster und Türen kontrollieren, bevor sie sich eine neue Folge der ZDF-Fahndungssendung „Aktenzeichen XY“ anschauen. Was sie bei einem „Tatort“-Krimi (ARD) vermutlich nie tun würden. Aber der Umstand, dass bei dem ZDF-Klassiker authentische Kriminalfälle zu (bescheidenen) Filmehren kommen, sorgt offenbar für einen besonderen Nervenkitzel. Zumal die Täter bei diesem Format noch frei herumlaufen. Ähnlich wie die legendäre ARD-Krimireihe „Stahlnetz“ oder in jüngerer Zeit etwa die ZDF-Serie „Verbrechen“ nach den Kurzgeschichten Ferdinand von Schirachs (vgl. FK-Heft Nr. 17-18/13) versucht auch das dreiteilige Format „Gottlos – Warum Menschen töten“ vom Kitzel des Authentischen zu profitieren, obwohl es von abgeschlossenen Fällen handelt, die Täter also längst überführt sind.

Das Verblüffende an dem Dreiteiler ist vor allem der Umstand, dass es sich um eine Auftragsproduktion von RTL 2 handelt. Die letzte fiktionale Produktion des Senders, „Der Sandmann“ (vgl. FK-Heft Nr. 41/95), mit der man damals ARD und ZDF beweisen wollte, dass auch ein kleiner kommerzieller Kanal anspruchsvolle Filme kann, liegt 21 Jahre zurück (und bekam unter anderem einen Grimme-Preis). Seither hat sich RTL 2 mit Formaten wie „Frauentausch“ oder „Die Geissens“ eher als Trash-Kanal fürs Jungpublikum etabliert. Vor diesem Hintergrund erscheint die „Gottlos“-Reihe mit ihren drei zirka 50-minütigen Folgen (hinzu kommen fürs Stundenformat zehn Minuten Werbung) fast wie der Versuch einer Image-Korrektur. Zumal hinter dem Projekt durchaus renommierte Filmschaffende stecken. Autor und Regisseur Thomas Stiller („Zwölf Winter“, „Unter dem Eis“, „Tatort“-Folgen) ist für seine Filme mehrfach ausgezeichnet worden, die vielen Darsteller der einzelnen „Gottlos“-Episoden gehören zu den versierteren des Landes und Produzent Marc Conrad („Im Angesicht des Verbrechens“) hat immer wieder mit mutigen Arbeiten für Aufsehen gesorgt.

Dennoch erschien die erste Folge („Sex, Drugs & Rock’n’Roll“) wie zugeschnitten auf die Stammzuseher von RTL 2. Lisa (Sylta Fee Wegmann) und ihr Freund Frank (Antonio Wannek) leben von Stütze, sprechen schon am frühen Morgen dem Alkohol und anderen Drogen zu und haben ein exzessives Sexualleben. Frank verlangt strikten Gehorsam und wenn seine Freundin nicht spurt, setzt es Prügel. Manchmal hat Lisa die Faxen dicke, doch sie kann nicht mit ihm und nicht ohne ihn leben. Bis sie sich nach einem neuerlichen heftigen Gewaltausbruch von Frank einen in Greifnähe liegenden Schraubenzieher nimmt und ihren Peiniger damit ersticht. Vielmehr an Entwicklung der gänzlich stereotyp gezeichneten Figuren war da nicht. Der Mord hätte ebenso bereits in der fünften statt in der 42. Minute des Films passieren können. Es war eine ziemlich stumpfsinnige, mit dröhnender Musik unterlegte Aneinanderreihung rüder Gewalt- und Sexszenen mit entsprechenden Dialogen: „Lass’ ma’ ficken!“

Die zweite Folge („Der Polizist“) nahm sich da schon vielversprechender aus. Der Polizist Joachim (Matthias Koeberlin) lebt mit Frau Olivia (Jule Ronstedt) und kleinem Sohn in einem schmucken Eigenheim. Doch in der Beziehung stimmt’s schon lange nicht mehr. Managerin Olivia lässt ihren Mann bei jeder Gelegenheit spüren, dass sie ihn mit seinem unterbezahlten Job für einen Loser hält und für den gemeinsamen Sohn hat sie auch kaum Zeit. Als der frustrierte Joachim eine Affäre mit einer Kollegin beginnt, seine Frau jedoch bald dahinterkommt und droht, ihm den geliebten Sohn zu entziehen, kommt es schließlich zur Eskalation. Immerhin wurde hier nachvollziehbar ein Prozess geschildert, der schließlich in die Katastrophe mündete.

Die mit Abstand beste Episode der Minireihe hatte RTL 2 merkwürdigerweise bis zum Schluss aufgespart. Direkt im Anschluss an die zweite Folge wurde dieser dritte Film ausgestrahlt, Titel: „Die Auslöschung“. Darin begegnete man dem Sportlehrer Holger (Ralph Herforth), der mit Frau Anna (Sabine Vitua) und den Söhnen Torben (Johannes Franke) und Rainer (François Goeske) scheinbar das Modell einer Bilderbuchfamilie alten Stils lebt. Das gemeinsame Abendessen ist dem Vater so wichtig wie der sonntägliche Kirchgang und die körperliche Ertüchtigung der gesamten Familie. Dass die erwachsenen Söhne noch im Elternhaus leben, scheint für alle Beteiligten eine Selbstverständlichkeit zu sein. Doch da das fürsorgliche Familienoberhaupt gleichzeitig ein cholerischer Despot ist, traut sich immerhin der 18-jährige Torben zunehmend, seinem Vater die Stirn zu bieten. Als Holger der Familie eröffnet, er habe für sie einen hohen Geldbetrag in der Schweiz angelegt, fasst Torben einen grausamen Plan. Was mit dem kaltblütigen Mord an Eltern und Bruder endete, war eine gut erzählte, vergleichsweise komplexe Geschichte mit durchweg überzeugenden Darstellern, die sicherlich auch einen 90-minütigen Film getragen hätte.

Im Prinzip ist die bei diesem im Original aus den Niederlanden stammenden Format zugrunde liegende Idee, Kriminalfilme da enden zu lassen, wo herkömmliche Krimis beginnen, auch nicht schlecht. Dass die deutsche Version mit dem sich aufklärerisch gebenden Untertitel „Warum Menschen töten“ daherkam, war dagegen so albern wie die Dokumentation, die RTL 2 am 22. Februar im Anschluss an die Doppelfolge der Reihe ausstrahlte, wodurch dann eine Art „Themenabend Mord“ entstand. Die Dokumentation (22.15 bis 23.15 Uhr) bestand in großen Teilen aus Begegnungen eines Profilers mit einem siebenfachen Mörder und hatte als Erklärung lediglich zu bieten, dass traumatische Kindheitserlebnisse den Mann zu seinen Taten getrieben hatten. Die entscheidende Frage, warum die meisten Menschen mit ähnlichen Erfahrungen einigermaßen durchs Leben kommen, während wenige andere zu Verbrechern werden, kam darin gar nicht vor.

Doch im Prinzip hatte die Reihe „Gottlos“ – deren eher unsinniger Titel schlicht vom holländischen Original übernommen wurde – durchaus Ansätze, die ausbaufähig erscheinen. Zu einer Fortsetzung wird es aber vermutlich nicht kommen. War der Publikumszuspruch in der für RTL 2 wichtigen jüngeren Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen schon bei den ersten beiden Folgen überschaubar, reichte es bei der dritten nur noch zu einem Marktanteil von 3,3 Prozent (370.000 Zuschauer). Inzwischen gibt’s montags um Viertel nach acht bei RTL 2 wieder „Die Geissens“. Da ist man vor Überraschungen, die die Quoten nach unten drücken, einigermaßen sicher.

08.03.2016 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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