Pop Giganten: Die wahre Geschichte von Boney M. (RTL 2)

Wie eine Produktpräsentation

22.04.2015 •

In den Jahren 1975 bis 1988 hatte die Musikgruppe Boney M. weltweit 38 Top-Ten-Hits, davon 15 Nummer-1-Platzierungen in Deutschland. Bis heute hat diese Formation über 150 Mio Tonträger verkauft. Allein unter den Top 5 der ewigen Bestsellerliste in England befinden sich drei Titel von Boney M. Aufgenommen wurden die Disco-Ohrwürmer aber weder in Großbritannien, dem Mutterland der Pop-Musik, noch in den USA, sondern in Bieber, einem Stadtteil der hessischen Provinzmetropole Offenbach.

Den regionalen Wurzeln der Erfolgsband spürten Eddy Jacobs und Christian Lang schon 2012 in ihrem Dokumentarfilm „Boney M. aus Lämmerspiel“ nach (Lämmerspiel ist ein Ort im Kreis Offenbach.). Anlässlich des 40-jährigen Bandjubiläums setzte RTL 2 nun mit der Dokumentation „Pop Giganten: Die wahre Geschichte von Boney M.“ andere Akzente. Mit dem Thema „Wahrheit“ hat es in diesem Fall eine besondere Bewandtnis. Dank ihrer Playback-Musik – nur zwei der vier Musiker durften die Songs singen – ging Boney M. als eine der ersten gecasteten Bands in die Pop-Geschichte ein. Und dieses Thema spiegelt sich in der Machart der RTL-2-Dokumentation (Produktion: Maxi Media), denn der Film ist nicht mit dem Namen eines Regisseurs oder Autors gezeichnet. Soll den Fernsehzuschauern auf die gleiche Art etwas vorgetäuscht werden wie seinerzeit den Fans von Boney M.?

Die Musik des karibisch anmutenden Quartetts stammt bekanntlich von dem früheren Schlagersänger Frank Farian, inzwischen 73, der hier vor der Kamera aus dem Nähkästchen plaudert und dabei einen sympathisch uneitlen, bodenständigen Eindruck macht. Anhand von Farians Sicht arbeitet sich die Dokumentation an der Geschichte der Gruppe ab, die als erste westliche Band in die damalige Sowjetunion eingeladen und später von der britischen Königin Elisabeth II. empfangen wurde. Die beiden Bandmitglieder Marcia Barrett und die von den Les Humphries Singers gekommene Liz Mitchell erinnern sich, dass sie nicht begeistert waren, als sie sich vor der Kamera des „Bravo“-Fotografen Didi Zill ausziehen und für das Coverfoto des Albums „Love für Sale“ mit Ketten posieren mussten.

Was seinerzeit gewagt und provokativ wirkte, erscheint heute auf eine nostalgische Weise improvisiert. Schlitzohrig und bauernschlau traf Frank Farian mit seinem vollsynthetischen Projekt und mit Nonsens-Texten wie „Daddy Cool“ den Nerv der Zeit. Dank einer Fülle interessanter Archivbilder unternimmt die Dokumentation eine Zeitreise in jene Epoche der Pop-Geschichte, die man eigentlich als Zeit des Aufbruchs, des Protests und der Unangepasstheit zu kennen glaubt. Wenn aber, wie der Film festhält, während des Besuch von Papst Johannes Paul II. 1979 in Irland Abertausende „By the Rivers of Babylon“ singen, dann erweist Boney M. sich als Inbegriff eines ganz anderen Zeitgeistes, den man so vielleicht noch nicht zur Kenntnis genommen hat.

Musikgeschichtlich nicht uninteressant ist der kommerzielle Niedergang der Band, die den Sprung ins Zeitalter der Videoclips verpasste. Als mit dem Aufkommen des Musiksenders MTV die Verpackung – eigentlich ja die Stärke von Boney M. – immer wichtiger wird, verschwinden die vier Exoten in der Versenkung. In begrenztem Maß gewährt die Dokumentation auch Einblicke in die Schattenseiten der Band-Geschichte. Als glitzernder Frontmann der geklonten Formation ging es Bobby Farrell so wie dem Barden Troubadix aus den Asterix-Comics: Er durfte nie singen. Das nagte so sehr an ihm, dass er seine stimmliche Partizipation einzuklagen versuchte – und dabei skurrilerweise vom RAF-Mitbegründer und späterem NPD-Rechtsanwalt Horst Mahler vertreten wurde.

Dass Boney M., dieses am Reißbrett entworfene Produkt, in dem scheinbar so wenig Inspiration steckte wie in einer Zigarettenschachtel, tatsächlich stilbildend wirkte, vermag man sich kaum vorzustellen. Mit verblüffenden Bildbelegen wird jedoch aufgezeigt, wie etwa Michael Jackson oder Lady Gaga Tanzstil, Kostüme und ganze Teile von Boney-M.-Songs dreist nachahmten. Um die Wirkung der Band hervorzuheben, arbeitet der Film mit imaginären Zuschauern, die die stilistischen Einflüsse des Quartetts kommentieren. Dass es sich dabei um die Sängerin Sarah Engels und ihren Ehemann Pietro Lombardi handelt, ein Paar, das durch die RTL-Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ bekannt wurde, macht in gewisser Weise Sinn, denn Boney M. war ja auch eine Castingband.

Wenn Engels und Lombardi mit ihrer jugendlichen Art der Ansprache ihr Staunen über Farians Projekt zum Ausdruck bringen, dann schlägt die Dokumentation damit zugleich die Brücke zur RTL-2-Zielgruppe. Kommt dann noch Carmen Geiss aus der vorangegangenen Sendung „Die Geissens – PokerStars.de Spezial“ zu Wort, dann ist der Übergang zu dem, was Harald Schmidt einmal das „Unterschichtenfernsehen“ nannte, fließend. So ergeht es einem mit diesem Filmbeitrag wie mit einem Song von Boney M.: Er geht schnell ins Ohr, doch letztendlich überwiegt der oberflächliche und vergleichsweise unkritische Charakter einer Produktpräsentation. So viel dazu, wenn ein Sender wie RTL 2 „die wahre Geschichte“ einer Erfolgsband erzählen will.

22.04.2015 – Manfred Riepe/MK

Die Sache mit der Wahrheit: Eine Band, die am Reißbrett entworfen wurde

Foto: Screenshot


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