Deutschlands schönste Frau. 6-teilige Reality-Show mit Guido Maria Kretschmer (RTL)

Lippen, Nase, Brüste

06.03.2015 •

Guido Maria Kretschmer, kurz: GMK, ist so etwas wie die Helene Fischer der Modebranche. Überpräsent mit Hits nicht nur auf dem Catwalk, sondern auch im Fernsehen („Shopping Queen“, Vox), in der Werbung (Actimel) und auf den Buchverkaufslisten („Eine Bluse macht noch keinen Sommer“, Verlag Edel). Jetzt hat ihm RTL – man muss ja die Tonne raushalten, solange es Aufmerksamkeit regnet – auch schnell noch eine neue Primetime-Show aufgedrückt. „Deutschlands schönste Frau“ heißt sie. Und sie läuft nicht ganz zufällig ausgerechnet in jenen Wochen, in denen Heidi Klum auf Pro Sieben zum zehnten Mal die schönsten „Meeedchen“ sucht. Ein Vergleich drängt sich auf.

Auch „Deutschlands schönste Frau“ ist wie „Germany’s Next Topmodel“ ein Schönheits-Contest nach Art einer Castingshow, nur kommt RTL ohne Jury aus, ohne „Ich-habe-leider-kein-Foto-für-dich“-Rauswürfe –die Kandidatinnen wählen sich hier selbst raus. Was zur Folge hat, dass die RTL-Schönheiten den Pro-Sieben-Schönheiten in Sachen Streitlust und Lästerkunst trotzdem in nichts nachstehen. In der sogenannten „Lady’s Night“, die in der Inszenierung dem RTL-„Bachelor“ nachempfunden ist, hält die Kamera genüsslich auf die boshaft spottenden Kandidatinnen, die sich über die Konkurrenz auslassen. Hier wie auf Pro Sieben zeigt sich: Schönheit kann auch ganz schön hässlich machen.

Aber was ist eigentlich schön? Da gehen die Ansätze von Pro Sieben und RTL auseinander. Während man bei „Germany’s Next Topmodel“ wieder vorgeführt bekommt, dass in der Model-Welt nur ein Argument zählt: 90-60-90 oder besser noch weniger, verbreitet GMK jeden Mittwoch im Anschluss an den „Bachelor“ eine erfreulich frauenfreundlichere Botschaft: Jede Frau ist schön! Immer wieder spricht Guido Maria Kretschmer von seiner „Vision“, dass alle Frauen, ob dick oder dünn, groß oder klein, mit Dellen und Falten oder straff wie ein Pfirsich per se schön sind.

Damit das auch jeder von Heidi Klums Schönheitspropaganda verblendete Zuschauer kapiert, hat RTL als Kandidatinnen für seinen eigenen Schönheits-Contest besonders plakative Fälle herausgesucht: eine siebenfache Mutter mit überwundener Krebserkrankung zum Beispiel, eine übergewichtige Meerjungfrau, ein Haarwunder mit schiefem Rücken, ein volltätowiertes Küken, eine misshandelte Frühgebärende, eine rüstige 65-Jährige mit gebräunter Büste, eine krankheitsbedingte Glatzenträgerin, eine Mittzwanzigerin mit gemachten Lippen und Brüsten, eine Bodybuilderin, die mit einem Koffer voller Proteinbottiche anreist.

Kretschmer hält es also, wie schon der gute alte Platon zuvor, mit der „Schönheit in den Seelen“ und lässt das Maßband weg. Ihre Geschichte, ihre Stärke, ihre Schwächen, ihr innerstes Wesen machten Frauen hübsch, versichert der Frauenversteher und Alltagsphilosoph. Und weil er beobachtet hat, dass es Frauen schwerfalle, ihre eigene Schönheit zu erkennen, wolle er das nun mit Verwöhnwochen auf seiner Lieblingsinsel Mallorca ändern, wo die Damen dann also in einer prächtigen Villa (Klums Model-Villa lässt grüßen!) untergebracht sind.

So schön, so ungut, so reklametechnisch fragwürdig. Denn Kretschmers Mission deckt sich frappierend mit der Kampagne eines Schönheitsprodukte-Herstellers, der seit Jahren mit meist molligeren Models wirbt, die nicht dem klassischen Schönheitsideal entsprechen. So ist der Vorspann von „Deutschlands schönste Frau“(Produktion: Ufa Show & Factual) bis hin zur blauen Schrift auf weißem Hintergrund an den Look von Dove angepasst. In der Auftaktfolge, fast doppelt so lang wie die regulären Ausgaben, kreischen die Frauen vor Freude, weil sie in der Villa mit Dove-Präsentepäckchen überrascht werden. Und auch die in der Show gezeigte „Mal-Therapie“ ist wohl eher nicht die Erfindung eines Fernsehredakteurs, sondern die Adaption der „Real Beauty Sketches“ von Dove auf YouTube: Ein Phantom-Zeichner zeichnet hinter einer Wand die Frauen so, wie sie sich beschreiben. Anschließend malt der Profi sie so, wie Freunde sie sehen bzw. im RTL-Fall wie GMK sie sieht. Also mit ganz viel Ausstrahlung. Die Frauen sind ausnahmslos gerührt. Nicht nur da.

In „Deutschlands schönste Frau“ fließen praktisch andauernd die Tränen. Mal vor Rührung, mal vor Freude, aber auch mal aus Angst, weil Frau sich zum Beispiel in Sendung Nummer 3 am Seil von einer mallorquinischen Klippe stürzen soll. Solche „Challenges“, wie sie sonst Heidi Klum ihren Kandidatinnen aufnötigt, dienen hier allerdings nicht dazu, ein schönes Foto für die Model-Mappe zu bekommen. „Schönheit ist auch Mut und Freiheit“, schwadroniert Kretschmer. Was so viel heißen soll wie: Mutproben machen schön und frei. Im Ernst?

Spätestens da macht man Kretschmers Dehnung der Definition von Schönheit nicht mehr mit. Zumal er selbst lieber auf der Erde bleibt und sich das Geschehen aus einem Backsteinloft in einer traumsequenzhaft verschleierten Bearbeitung anschaut, um dann in gewohnter „Shopping-Queen“-Manier seinen mal süßen, mal extra scharfen Senf dazuzugeben, bei Roaya zum Beispiel so: „Da springt ein Lippenimplantat, eine korrigierte Nase und gemachte Brüste.“

Schön ist solche Häme nicht. Und man merkt: Auch bei „Deutschlands schönste Frau“ geht es letztlich doch nur um Äußerlichkeiten. Und das ist dann für so ein Format, das doch eigentlich die inneren Werte von Frauen feiern will, einfach zu wenig.

06.03.2015 – Senta Krasser/MK

Print-Ausgabe 6-7/2020

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