Popstars. 8-teilige Castingshow mit Stefanie Heinzmann, Miss Platnum und Bella Garcia (RTL 2)

Was ist mit Charisma?

07.09.2015 •

07.09.2015 • Man hätte es ja nicht für möglich gehalten, dass man einmal einen Kerl wie Dieter Bohlen als wortwuchtigen Juror im Casting-Fernsehen vermissen würde. Oder dass man sich einen Kraftmenschen wie den „Popstars“-Veteran Detlef D! Soost zurückwünschte, samt seinem mit Testosteron aufgepumpten Temperament und seiner „Pam, pam, pam“-Präsenz, die Generationen von hüftsteifen Tanzschülern das Fürchten lehrte. Allesamt reizbare Fernsehfiguren, ja, aber zugleich nicht minder reizvoll. Das neue „Popstars“ ist dagegen, so viel vorneweg, völlig reizarm. Welch ein Schaden!

Die von RTL 2 sogenannte „Mutter aller Castingshows“ ist seit drei Ausgaben zurück auf jenem Sender, wo der TV-Castingwahn einmal Anlauf nahm. Im Jahr 2000 war das. Nach 15 Sendungen waren die „No Angels“ zusammengestellt, die erste und bis jetzt einzig wirklich populäre Retortenband, die diese Show-Reihe hervorgebracht hat. Erst zwei Jahre später kam RTL mit „Deutschland sucht den Superstar“ auf den Castingshow-Markt. Auf allen Kanälen wurde fortan im deutschen Fernsehen gecastet, über die Sättigungsgrenze hinaus. 2012 – Pro Sieben hatte nach der zweiten Staffel das Format „Popstars“ zu sich herübergeholt – war mit Staffel 10 endgültig Schluss. Beziehungsweise nur Pause, wie sich jetzt zeigt.

Es ist ein Rätsel, was den kleineren Nachbarsender aus München dazu getrieben hat, eine bereits abgelegte Marke und ein Show-Konzept, das sich eigentlich überlebt hat, wiederzubeleben. Denn andere Sender haben das Genre Musik im Fernsehen inzwischen weiterentwickelt, vom Casting-Gedanken weg hin zur musikalisch puren Präsentation. So feiert Vox Erfolge mit seinen vor südafrikanischer Sonnenkulisse produzierten Tauschkonzerten („Sing meinen Song“), in denen gemachte Sängerinnen und Sänger allein um der Freude am Singen willen (und natürlich in der Hoffnung auf eine Karriereauffrischung) die Songs der anderen neu interpretieren. „Popstars“ hingegen bleibt seinem Grundprinzip treu: Eine Jury castet sich eine Popband zusammen. Darwinistisch angehauchtes Vokabular inklusive (von „Vor uns liegt ein harter, langer Weg“ bis „Ihr müsst alles geben und über Grenzen gehen“).

Gecastet wurden in der Vergangenheit: reine Girlgroups (No Angels, Monrose, Queensberry, LaVive), eine reine Boygroup (Overground) im Duell mit einer reinen Girlgroup (Preluders) oder gemischte Groups (wie Bro’Sis). Jetzt in der aktuellen 11. Staffel ist wieder die Variante „nur Girlgroup“ dran, wobei sich die Frauenpower bis in die Jury-Spitze fortsetzt.

Als Jury-Vorsitzende fungiert die Schweizerin Stefanie Heinzmann, selbst ein Casting-Geschöpf, vor acht Jahren erschaffen von Stefan Raab (Pro Sieben). Zur Rechten sitzt ihr Miss Platnum, eine Sängerin, und zur Linken die Tänzerin und Choreographin Bella Garcia. Letztere soll hier wohl die Rolle des Drillmeisters Detlef Soost übernehmen. Doch bis auf einen Zuruf, der da lautete: „Ladys, Konzentration, nicht so viel quatschen!“, blieb ihr Drill-Konzept bisher human. Überhaupt sind die Frauen bemüht um den guten Ton, um höfliches Benehmen, das sich in freundlichen, aber bestimmten Jury-Statements äußert wie: „Du bist nicht das, was wir suchen.“

Unklar ist bisher, wonach Heinzmann & Co. unter den 27 Kandidatinnen, manche kaum älter als 16, tatsächlich suchen. Miss Platnum deutete es in der Premierenfolge zumindest einmal an: „Was eine gute Sängerin von einem Popstar unterscheidet, ist Charisma.“ Völlig korrekt. Gleiches sollte im Übrigen auch für Fernsehjurorinnen gelten. Tut es aber bei „Popstars“ nicht. Blaue Haare (Miss Platnum), lila Rastazöpfe (Bella Garcia) oder Ganzkörpertätowierungen und Piercings (Heinzmann) machen nicht automatisch charismatisch. Stefanie Heinzmann, laut RTL 2 die „junge Wilde“, gibt im Gespräch mit einer Kandidatin, die sich für zu langweilig hält, sogar offen zu: „Ich bin der langweiligste Mensch überhaupt. Ich trinke nicht, feier’ nicht und habe keinen Freund.“ Alles schlechte Voraussetzungen eigentlich, um im Privatfernsehen einen Erfolg zu landen.

Aber wenigstens das: Was sich in den vergangenen drei Jahren, seit der 10. „Popstars“-Staffel auf Pro Sieben, im Musikfernsehen getan hat, ist an dem Format nicht spurlos vorübergegangen. Von „The Voice of Germany“ (Pro Sieben und Sat 1) hat man sich zum Beispiel das Konzept abgeschaut, dass nur die Stimme zählt und nicht etwa das persönliche Schicksal. Und so ist in „Popstars“ fast durchweg fantastischer Gesang zu hören. Der Begriff „Qualitätsoffensive“ ist hier gar nicht verkehrt.

Und noch eine Neuerung: Eine sogenannte Bibi, die sonst auf ihrem YouTube-Kanal „Bibis Beauty Palace“ vor Make-up-Pannen warnt, turnt hier als eine Art Backstage-Reporterin durch die „Popstars“-Kulisse. Leider tut sie das so unbedarft („Ich sehe gerade eine große Ecke mit Instrumenten – ich weiß nicht, warum“), dass man daran zweifelt, ob sie wirklich mitbekommen hat, worum es bei dieser Sendereihe geht. Der crossmediale Spagat ist trotzdem nicht dumm. Bibi folgen auf YouTube rund 2,3 Millionen vermutlich überwiegend junge Abonnentinnen. Das sind gut anderthalb Millionen mehr Zuschauer, als die ersten beiden „Popstars“-Folgen bei den 14- bis 49-Jährigen erreichen konnten. Auch der mit „exklusivem Backstage“-Material gefüllte YouTube-Kanal „Popstars 2015“ hat im Vergleich noch Luft nach oben: Gerade einmal 5300 „Popstars“-Fans haben ihn abonniert.

Aber mit der Neuauflage von „Popstars“, das wird wohl nichts mehr werden. Die Einschaltquoten liegen deutlich hinter den Erwartungen und darauf reagierte RTL 2 bereits. Wie der Privatsender am 2. September auf eine entsprechende dpa-Anfrage bestätigte, erhält die Castingshow ab dem 14. September einen neuen Sendeplatz, das heißt, sie wird um einen Stunde nach hinten verlegt. Die letzten vier Ausgaben der insgesamt achtteiligen Staffel beginnen dann jeweils erst um 21.15 Uhr. Am 17. August hatte „Popstars“ 1,05 Mio Zuschauer, die beiden folgenden Ausgaben brachten es nur noch auf jeweils 690.000 Zuschauer. Vor „Popstars“ läuft ab dem 14. September um 20.15 Uhr jeweils eine neue Folge der Trash-Doku-Soap "Die Geissens".

07.09.2015 – Senta Krasser/MK

Print-Ausgabe 23/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren