Nikolaus Krämer/Matthias Dinter/Peter Gersina: Neandertaler. 4‑teilige Serie (RTL 2)

Der Klon, der aus der Kälte kam

31.10.2016 • Der Rummel um die seriellen Erzählformen im Fernsehen und im Web treibt auf Seiten der Publizistik und der Programmanbieter weiterhin seltsame Blüten. So annoncierte der private Sender RTL 2 die Eigenproduktion „Neandertaler“ als „Crime-Drama-Serie“, die in Doppelfolgen ausgestrahlt werde. Die (Mini-)„Serie“ umfasste vier Teile mit jeweils etwas mehr als 60 Minuten, inklusive Werbung. Macht folglich zwei Teile pro Abend. Real und in der Wahrnehmung des Publikums handelte es sich also um einen zweiteiligen Fernsehfilm, den man vor einigen Monaten vermutlich noch als „Event-Mehrteiler“ beworben hätte.

Der Plot von „Neandertaler“ fällt weniger unter das Subgenre „Crime Drama“ als vielmehr ins Fach Science Fiction im Wortsinn – der Stand der Wissenschaft wird um ein Weniges in die Zukunft gedacht, so wie es beispielsweise der US-Bestsellerautor und Regisseur Michael Crichton mit Romanen wie „Andromeda“, „Congo“ und „Jurassic Park“ höchst erfolgreich praktizierte. Neben diesen wissenschaftlich fundierten Fiktionen gibt es eine Fülle an Ablegern und Trash-Varianten, wie sie insbesondere von der durch den Kultfilm „Sharknado“ hervorgetretenen US-Produktionsfirma The Asylum auf den Markt gebracht werden. Wobei The Asylum keine Trashfilme im ursprünglichen Sinne dreht. Der Begriff galt zunächst Filmen, bei denen Ambition und Umsetzung unfreiwillig, markant und meist belustigend auseinanderklafften.

Bei den Filmen von The Asylum aber ist der schräge Charakter bereits Bestandteil des Konzepts – die Hersteller wissen genau, was sie tun. Regelrecht zelebriert wird diese Spielart des Trash as Trash can beim deutschen Nischensender Tele 5. Der gehört sinnigerweise zur Tele-München-Gruppe – die neben den Produktionsfirmen Ninety-Minute Film und Atlantic Crossing Entertainment an der Realisation von „Neandertaler“ beteiligt war.

Die deutsche Antwort auf die wüsten Horrorgeschichten von The Asylum sah bei RTL 2 so aus: Auf einem einsamen Hof im deutsch-polnischen Grenzgebiet wird eine komplette Familie ermordet aufgefunden. Ein grausiger Tatort: Die Wände sind blutverschmiert, in der Scheune finden sich mit Blut geschriebene Zeichen in einer Art Keilschrift. Aus Berlin kommen die Rechtsmedizinerin Dr. Lena Taubner (Natalia Belitski) und ihr Team sowie Kommissar Gert Balthaus (Ulrich Gebauer), ein cholerischer Zeitgenosse, der die junge Wissenschaftlerin schon auf den ersten Blick nicht leiden kann – bekanntlich stets das beste Anzeichen für eine aufkeimende wunderbare Freundschaft.

Die am Tatort gefundenen DNA-Proben stürzen Lena Taubner und ihre Kollegen in größte Verwirrung: Auch nach der wiederholten Analyse weisen die Daten auf einen Neandertaler. Kommissar Balthaus lacht sich scheckig, doch das Ergebnis stimmt. Als Dr. Taubner erneut in das abgelegene Dorf fährt, um weitere DNA-Spuren zu sammeln, ertappt sie einen Eindringling: Adam Novak (Bernd-Christian Althoff) ist Paläontologe und war von den Schriftzeichen an den Tatort gelockt worden. Novaks Vater hatte vor Jahren im sibirischen Permafrost zwei Neandertaler-Skelette gefunden und war danach spurlos verschwunden. Wie sich zeigt, wurde er ermordet. Die Überreste der Neandertaler, deren DNA in der Kälte Sibiriens erhalten geblieben war, gerieten in die Hände skrupelloser Geschäftemacher, die in einem geheimen Labor Klone anfertigten und sie in einem polnischen Nationalpark aussetzen. Zweck des Ganzen: Die Neandertaler verfügen über Widerstandsstoffe gegen den menschlichen Krebs; die sollen genutzt werden, um ein Heilmittel zu entwickeln – im Fall des Gelingens ein Milliardengeschäft.

Im Hinblick darauf haben die Hintermänner beträchtlich investiert. Und sie scheuen vor keiner Gewalttat zurück, um unliebsame Zeugen ihres illegalen Tuns zu beseitigen. Taubner und Novak einerseits, Balthaus und seine Mitarbeiter andererseits ermitteln und kommen der Lösung langsam näher. Für eine gewisse Komik sorgt dabei, dass sich Lena Taubner mit dem Neandertaler Neo (Marc Ben Puch) anfreundet. Die Umstände wollen es, dass der nur ansatzweise sprachfähige Neo seine menschliche Freundin Lena aus der polnischen Wildnis ins quirlige Berlin begleitet, wo er, von seinen Begleitern sanft geführt, staunend die menschliche Moderne kennenlernt und den Fernsehturm anbetet. Umgekehrt erweist er sich den Menschen überlegen, als Lena und er stiekum ins Reservat zurückkehren.

Ein Neandertaler auf den Dächern über dem heutigen Berlin, eine ehemalige riesige Panzerfabrik als Klonlabor und eine steinzeitliche Siedlung, diverse Verfolgungsjagden – Regisseur Peter Gersina hielt die Zuschauer über die gesamte Distanz bei der Stange. Auf Genauigkeit im Detail kam es dabei weniger an. So verrichtete die Rechtsmedizinerin Dr. Taubner eigentlich die Arbeit einer Mitarbeiterin des polizeilichen Erkennungsdienstes, die Anpassung des Steinzeitmenschen Neo an die Moderne geschah denn doch etwas zu rasch und komplikationslos und im winterlichen Wald fanden sich frühlingsfrische Kräuter. Schauspieler in den Nebenrollen waren oft nachlässig inszeniert, der Hintermann des Ganzen, Lena Taubners Doktorvater, trat zu früh zu prominent in Erscheinung – keine Frage, dass er es war, der mit den Experimenten und den Morden in Verbindung stand.

Dennoch hatte die Produktion etwas für sich, denn die Autoren Nikolaus Krämer und Matthias Dinter beließen es nicht bei den Oberflächenreizen. Da wurden gleich am Anfang kritisch gängige Vorurteile aufgegriffen – nach Meinung der Einheimischen im deutsch-polnischen Grenzgebiet kamen nur „Zigeuner, Polen oder Schleuser“ für die grausamen Morde an der Bauernfamilie in Betracht. Vor allem aber war die Handlung durchzogen von einem zugänglich gestalteten Diskurs zum Thema wissenschaftliche Ethik.

Eine Nebenhandlung machte das Dilemma deutlich: Lena Taubners Schwester litt an einer unheilbaren ererbten Krebserkrankung, die möglicherweise durch die Gentechnik besser hätte behandelt oder gar geheilt werden können. Lena gab sich, schon aus familiären Gründen, als Befürworterin dieser Experimente, der Paläontologe Novak vertrat die Gegenposition: Man müsse Abweichungen und Eigenarten zulassen, weil sie zum Wesen der Natur gehörten. Ähnlich und mehrfach wurde, bisweilen ein wenig überbetont, der menschliche Frevel an der Umwelt angesprochen. Die rhetorische Frage: Wären die vermutlich unter Mitwirkung des Homo sapiens ausgerotteten Neandertaler vielleicht die besseren Bewahrer der Schöpfung gewesen?

Werden derart ernsthafte Fragen bei Einbettung in ein wüstes Abenteuer- und Gruselgarn rund um geklonte Urzeitmenschen im Stil von „Neandertaler“ ihrerseits vulgarisiert? Vielleicht. Einst hatte „vulgarisieren“ die Bedeutung von „bekanntmachen“. Bei einem Publikum, das sonst bei RTL 2 Sendungen wie „Traumfrau gesucht“, „Frauentausch“ oder „Die Kochprofis“ verfolgt, wäre damit immerhin schon etwas gewonnen. Zumal RTL 2 die Problematik am zweiten „Neandertaler“-Abend in einer unmittelbar an die filmische Fiktion anschließenden Dokumentation mit dem Titel „Der Neandertaler: Kehrt er zurück?“ noch vertiefte (22.35 bis 23.35 Uhr). Wie die fiktionale Geschichte war auch die Dokumentation eine RTL-2-Eigenproduktion. Auch diese Sendung folgte strikt publikumswirksamen Mustern, mit vielen Spielszenen, eindrucksvollen Bildern, flotter Machart. Aber die Autoren gingen in die Tiefe, sprachen viele Aspekte des Themas an, recherchierten unter anderem in Südkorea und den USA. In beiden Ländern wird bereits daran gearbeitet, die ausgestorbene Art der Mammuts aufleben zu lassen. Bis zur gentechnischen Rekonstruktion des Neandertalers ist es von da buchstäblich nur noch ein mikroskopisch kleiner Schritt.

31.10.2016 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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