Hartwichs 100! Daniel testet die Deutschen. 4-teilige Gameshow-Reihe mit Daniel Hartwich (RTL)

Billig, billiger, am billigsten

10.07.2015 •

„Verstehen-Sie-Spaß?“-Schabernack bei RTL geht so: Moderator Daniel Hartwich versteckt sich im Nebenraum eines Elektronik-Marktes und beobachtet von dort aus das Geschehen, während er selbst vor einer Kamera steht. Sein Bild wird live auf einen Flachbildschirm im Verkaufsraum überspielt. Eine Kundin wird von Hartwich ganz nah an das Gerät herangelockt, mit der Frage: „Hallo Sie, was gibt es denn heute bei Ihnen zu Mittag?“ „Gebratene Blutwurst mit Himmel und Äd“, antwortet die verdutzte ältere Dame und muss dann mit ansehen, wie sich ihr sprechendes Gegenüber in die rechte untere Bildschirmecke beugt und so tut, als ob er sich übergibt.

„Interaktiv-TV“ nennt sich diese Scherz-Rubrik in Daniel Hartwichs neuer RTL-Show „Hartwichs 100!“. Und nach bisher zwei durchgestandenen Ausgaben kommt kurz der politisch inkorrekte Gedanke auf: Wäre es doch möglich, dem Moderator auf dem Schirm, total interaktiv versteht sich, links und rechts eine zu klatschen für diese Zumutung an Show. Allein, dieser moderierende „Supertalent-Let’s-Dance“-Fleißarbeiter aus Köln kann wohl nichts dafür. Es ist Sommerloch. Die Leute schauen weniger fern. Auch bei RTL. Bis die Sommerversion der Dschungelshow startet, die ebenfalls Hartwich moderiert, muss die Lücke gefüllt werden. Irgendwie, aber nicht koste es, was wolle. Also lässt ihn der Kölner Kanal an vier Freitagabenden testen, „wie die Deutschen wirklich ticken“. Als hätten das zuvor nicht schon Kai Pflaume („Der klügste Deutsche“, ARD), Sonja Zietlow („Der große deutsche Führerscheintest“, RTL 2) oder Jörg Pilawa („Der neue deutsche Bildungstest“, ZDF) getan.

„Hartwichs 100!“ ist allerdings keine Quiz-, sondern eine Spielshow. Grips ist nicht gefragt. Die 100 Kandidaten im Studio müssen bloß richtig einschätzen, wie viele von 100 anderen Menschen sich in bestimmten Situationen verhalten: Wer telefoniert auf dem Klo? Wer liest vor dem Einschlafen? Wer schimpft beim Autofahren? Wer duscht seltener als täglich? Oder auch: Wer umarmt einen anderen Fahrgast im Lift? Die jeweilige Auflösung geben Einspielfilme. Reporter sind samt mobiler Wand im Ziegelstein-Look in Fußgängerzonen irgendwo in Deutschland ausgerückt, vor der sie Passanten ausfragen. Wo genau? – unklar. Das Recht am eigenen Bild scheint RTL immerhin sehr ernst zu nehmen. Bei den Versteckte-Kamera-Filmchen sind manche unfreiwilligen Akteure verpixelt.

Weitere 100 ausgewählte Akteure lassen sich dagegen in ihrer Privatwohnung freiwillig und permanent filmen, zum Beispiel beim Fernsehen. Natürlich nur RTL-Programm, was sonst? Hartwichs 100 im Studio müssen dann erraten, wie viele von den 100 Fernsehguckern zum Beispiel Chips knabbern, während sie die Ekelprüfungen in der Dschungelshow schauen. Oder wie viele bei „Let’s Dance“ etwas zu Motsi Mabuses Busen kommentieren. Wer im Studio richtig und am schnellsten tippt, kommt weiter ins Finale der jeweiligen Sendung. Und RTL macht so nebenbei Werbung fürs eigene Programm.

Daniel Hartwich reklamiert für die unter deutschen Dächern verrichtete Testerei, an deren Sinnhaftigkeit sich durchaus zweifeln lässt, „rein wissenschaftlichen“ Anspruch. Natürlich ein Scherz. „Wir sind doch RTL“, zwinkert er einmal. Genau! Aber was ist mit RTL los? RTL steht für Unterhaltung – wenn nicht mit Anspruch, so doch mit Augenlust und Shiny Floor und so. Davon aber ist bei „Hartwichs 100!“ nichts zu sehen. Reduktion aufs Minimum war hier wohl die Sendervorgabe. Deren Umsetzung ist den Showmachern von Günther Jauchs Produktionsfirma i&u leider formidabel gelungen. Sie zeigen mit „Hartwichs 100!“, wie billig, billiger, am billigsten Primetime-Unterhaltung geht.

„Geiz-ist-geil“-Mentalität überall. Aufwendige Deko-Bauten und ausgefeiltes Licht-Konzept? Sparen wir uns! Die 100 Kandidaten, die in Personalunion auch Claqueure sind, sitzen in Stuhlreihen, deren beleuchtete Rückenlehnen die Zahl 100 formen, was, zugegeben, schlicht und hübsch anzusehen ist. Vorn auf der blanken Bühne fünf Barhocker für die fünf Finalisten, ein großer Flachbildschirm im Rücken. Mehr Requisite ist nicht. Star-Gäste, Live-Experimente, spektakuläre Außenspiele? Auch gespart! All die „lustigen Einspielfilme“ (RTL-PR), die drei Viertel der Sendezeit füllen, sind vorproduziert. Ausgefallene Moderatoren-Couture im Thomas-Gottschalk-Stil, um von der Tristesse abzulenken? Lieber graue Jeans von der Stange, die Modemuffel Hartwich für die Aufzeichnung der ersten beiden Shows noch nicht einmal wechselt. Sorgfältige Maske? Da scheißt der Hund drauf auf die paar Schweißperlen auf Hartwichs Stirn und die speckig glänzenden Gesichter der Finalisten.

Einzig der Goldlametta-Regen, der sich am Ende von „Hartwichs 100!“ über die Gewinnerinnen Nadja (Ausgabe 1) und Uschi (Ausgabe 2) ergießt, gibt eine Ahnung davon, wie glamourös eine Fernsehshow sein kann. Ach ja, auch die Gewinnsumme von 10.000 Euro nimmt sich außerordentlich bescheiden aus für eine Primetime-Produktion. Bei all den Knickerigkeiten und der konzeptionellen Ideenarmut ist es schon erstaunlich (oder sogar erschreckend), dass die Einschaltquoten für „Hartwichs 100!“ nicht unterdurchschnittlich sind, denn RTL erreichte mit den ersten beiden Shows 12,8 bzw. 14,7 Prozent Marktanteil beim jüngeren Publikum (14- bis 49-Jährige), was dem derzeitigen Quotenlevel des Privatsenders in diesem Zuschauersegment entspricht (Januar bis Juni 2015: 13,3 Prozent).

10.07.2015 – Senta Krasser/MK

Reduktion aufs Minimum: RTL-Show mit Sparkonzept

Foto: Screenshot


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