Studio Amani. 8-teilige Comedy-Reihe mit Enissa Amani (Pro Sieben)

Hat Potenzial

20.03.2016 •

Montags gehört die Stunde vor Mitternacht bei Pro Sieben der Sparte Witz, Schabernack und Klamauk. Mit der aus dem Iran stammenden Enissa Amani und ihrer Sendereihe „Studio Amani“ (Produktion: Endemol Shine) ist seit Anfang März ein Neuzugang zu verzeichnen. Amani, 32, kommt von der Stand-up-Bühne, ist also Kabarettistin und praktiziert damit eine Form der Kleinkunst, die oft irrtümlich mit politischer Satire gleichgesetzt wird.

Für die Bühne hat sich Amani eine Kunstfigur geschaffen. Sie adaptiert den Habitus einer Teleshopping-Propagandistin – da bringt sie eigene Erfahrungen mit – und das Gebaren jener jungen Frauen, die bei YouTube mit Modetipps oder anderen Beratungsangeboten ein großes Publikum finden. Auffallend übrigens, wie sich das Moderatorenverhalten in Shopping-Kanälen und in den YouTube-Tutorials bisweilen ähnelt.

Diesen YouTube-Stars eigen ist ein Gestus der Gewissheit, die im Leben nötigen Dinge zu beherrschen. In ihrem Weltbild sind das: Mode, Stil, Kosmetik. Das junge Publikum findet in ihnen den Typus des älteren Geschwisterteils, das Halt und Orientierung bietet, gerade in einer Lebensphase, die reich an Verwirrung und Fragestellungen ist. Diese Rolle spielt auch Enissa Amani, durchsetzt aber ihre wortreichen Vorträge mit mehr oder minder gesellschaftskritischen Anmerkungen. Die Unterschiede und Konflikte zwischen „Kanaken“ (Amani) und „Deutschen ohne Migrationshintergrund“ (Amani) gehören zu den wiederkehrenden Themen des Pro-Sieben-Neuzugangs.

Schon die Inszenierung ihres Auftritts in ihrer ersten eigenen Fernsehshow suggeriert jene Nähe zum Publikum, die eben auch die genannten YouTube-Stars vorgaukeln: Amani betritt das Studio durch den Zuschauereingang, hüpft zwischen den Rängen die Treppe hinab zur Bühne, grüßt, herzt, knuddelt zu beiden Seiten.

Der Show-Verlauf gleicht dem Muster einer klassischen Late-Night-Show, wobei ein DJ die Band ersetzt. Nach dem Eröffnungssolo wechselt sie die Position, nimmt aber anders als in Late-Night-Shows üblich nicht hinter einer Schreibtisch-Barriere Platz, sondern auf einem Sofa, was optisch eine größere Offenheit gegenüber dem Saalpublikum vermittelt. Dort erläuterte sie in der Premierensendung den US-amerikanischen „Super Tuesday“ und griff den populistischen Präsidentschaftskandidaturbewerber Donald Trump an, dessen fragwürdige politische Aussagen und mehr noch seine Glatzentarnfrisur, die in doppelt unvorteilhaften Fotos gezeigt und mit ähnlichen Phänomenen wie etwa dem flauschigen Fell eines Meerschweinchens verglichen wurde. Dann wurde „Trumpy, das rassistische Meerschweinchen“ ins Studio getragen, ein wenig gehätschelt und in einem Terrarium ausgesetzt. Dort bekam der Nager Gesellschaft von einem Artgenossen mit gleich mehrfachem Migra­tionshintergrund, der Trumpy fortan Toleranz lehren soll.

Dieser mittlere Part der Show wurde ergänzt um einige Einspieler. Einer zeigte Elissa Amani in jüngeren Jahren als Kosmetikberaterin beim Teleshopping-Sender QVC, während sie sich im Studio vor Scham auf dem Sofa wälzte. Ein ergänzender Film nahm die Inszenierungsweisen solcher Verkaufskanäle auf, um in satirischer Manier „Menschlichkeit“ zum Sonderpreis zu offerieren. So garstig allerdings wurde „Studio Amani“ in den ersten beiden Ausgaben ansonsten selten.

Im letzten Segment, auch eine Late-Night-Konvention, begrüßt Amani jeweils einen Gast. In der ersten Ausgabe war es der Schauspieler, Produzent und Autor Antoine Monot jr., dessen Auftritte als „Tech-Nick“ in den Werbefilmen eines großen Elektronikkaufhauses ihm vermutlich mehr Popularität verschafft haben als seine Hauptrolle in der ZDF-Serie „Ein Fall für zwei“. Mit dem Gast wird hauptsächlich herumgealbert. Ansonsten durfte Monot Fragen beantworten, die vorweg von den Zuschauern eingereicht worden waren. Auswählen durfte er die Fragen anhand von Porträts der Einreicher.

Abschließend gab es noch ein Segment, das aus der britischen „Graham Norton Show“ (BBC) stammt: Zuschauer aus dem Saal dürfen in einem Nachbarstudio eine selbsterlebte Geschichte zum Besten geben. Missfällt diese, betätigen Amani oder ihr Gast einen großen Hebel und dem mutigen Erzähler fliegt eine Torte ins Gesicht. Ein gehörig überstrapazierter Slapstick, der schließlich so absehbar war, dass der letzte Erzähler rechtzeitig ausweichen konnte.

Es wäre verfehlt, „Studio Amani“ mit Politkabarett-Sendungen wie „Die Anstalt“ (ZDF) oder „Satire Gipfel“ (ARD) vergleichen zu wollen – auch wenn Amani etwa im „Satire Gipfel“ schon auftrat. „Studio Amani“ wendet sich nach Form und Inhalt an ein Pro-Sieben-adäquates sehr junges Publikum – sie gibt eine Art Kinderstunde zu später Sendezeit, bunt gemischt aus purem Klamauk und simpler Gesellschaftskritik mit vereinfachten Erklärungen, dabei stark an Äußerlichkeiten orientiert. Doch selbst unter dieser Einschränkung litt das relativ aktuell produzierte Format deutlich unter Startproblemen. Kritiker und das Publikum der sozialen Medien urteilten entsprechend harsch.

Amani und ihr Team nahmen diese Kritik in der zweiten Ausgabe souverän auf und münzten sie humoristisch um. So suchte Amani in einem Einspieler in der Agentur für Arbeit nach einem neuen Stab und fand dort frühere Mitarbeiter von Stefan Raabs Ende vorigen Jahres eingestellter Pro-Sieben-Show „TV total“. Sehr bissig, durchaus gelungen. Die Tortenwürfe wurden abgeschafft und durch ein neues Segment ersetzt, für das Amani in eine ihr vorher unbekannte Umgebung verbracht wird und dort spontan eine Stand-up-Nummer entwickeln und aufführen muss. Zum Auftakt musste sie in eine Justizvollzugsanstalt – ein Besuch, der sie sichtlich mitnahm und für Momente ihre Bühnenpersona vergessen ließ.

Solche Passagen zeigen: Die neue Sendereihe hat Potenzial. Enissa Amani könnte ihren Weg finden, sofern Pro Sieben die nötige Geduld beweist und das nötige kreative Personal bereitstellt.

20.03.2016 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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