Prankenstein. Show mit Lena Gercke, Antoine Monot Jr. und Daniel Wiemer (Pro Sieben)

Dolus interruptus

24.08.2015 •

Der deutsche Wortschatz ist spätestens seit dem vergangenen Wochenende dank Pro Sieben um eine Vokabel reicher. Jemanden „pranken“ [englisch gesprochen: præŋkn], so hat man es in der neuen Show „Prankenstein“ [entsprechend: præŋknstaın] gelernt, bedeutet so viel wie: ihm oder ihr einen Streich spielen. Weil „Streich“ irgendwie der Mief von Max und Moritz anhängt, reden in „Prankenstein“ alle konsequent nur von „Pranks“. All das Bemühen um eine neue Nomenklatur kann indes nicht verdecken, dass es sich bei „Prankenstein“ im Grunde um nichts anderes handelt als die hippere Version des ARD-Klassikers „Verstehen Sie Spaß?“.

Auch bei Pro Sieben geht es um Streiche respektive Pranks vor versteckter Kamera, also um eine weitere Variation des Formats „Candid Camera“, das im US-amerikanischen Fernsehen vor Urzeiten erfunden wurde. Hip wird „Prankenstein“ einerseits durch die zielgruppenaffine Sprache („Komm mal her, du Arsch“), andererseits durch seine teils prominenten Protagonisten, die jedem Fan von Pro-Sieben-Formaten vertraut sein dürften. Da schürt die Jana (Soap-Star) in der sauerländischen Pampa in ihrem Freund Thore (Moderator von „The Voice of Germany“) die Angst vor einem Stalker. Der Giovanni (Zarella) prankt im Pasta-Lokal seine Frau Jana Ina (beide bekannt aus diversen Reality-Shows), indem der präparierte Bauch eines Spaghetti-Liebhabers buchstäblich platzt. Lena Meyer-Landrut, deren Karriere einst bei Pro Sieben begann, macht auf einem Tretboot ihre individuelle Loch-Ness-Erfahrung. Und sie alle (es machen auch noch ‘normale’ Kandidaten mit) werden von der anderen berühmten Lena, von Lena Gercke, geprankt. Das einstige Topmodel von Heidi Klums Gnaden fungiert formal als Gastgeberin von „Prankenstein“ und erklärt zur Begrüßung das Konzept der Show so: „Wir waren unterwegs, um – sagen wir, wie’s ist – Leute zu verarschen.“

Ja, sagen wir, wie es ist: Mit Lena Gercke ist Pro Sieben eine richtige Verarsche gelungen. Keine Programmankündigungs-PR im Vorlauf, ohne dass darauf hingewiesen worden wäre, dass die Langzeitfreundin von Fußball-Nationalspieler Sami Khedira und „Supertalent“-Kollegin von Dieter Bohlen (RTL) mit „Prankenstein“ ihr Debüt als Abendunterhalterin gibt: Die erste eigene Show! Exklusiv bei Pro Sieben! Die neue Hoffnung! Zeile um Zeile (auch von „Bild“ und Konsorten) wurde Gercke in die Rolle des samstagabendshowrettenden Engels bugsiert, was ihr sehr wahrscheinlich nicht passiert wäre, wenn nicht Stefan Raab angekündigt hätte, sich bei Pro Sieben und beim Fernsehen überhaupt aus dem Staub zu machen. Tatsächlich indes nimmt sich Lena Gerckes Rolle in „Prankenstein“ enttäuschend klein aus.

Die Moderatorin hostet und prankt nicht allein, sondern hat mit Antoine Monot Jr. (Schauspieler und Werbestar), Daniel Wiemer („Ladykracher“, Sat 1) und Jan Stremmel (Moderator und Journalist) mindestens gleichwichtige Protagonisten zur Seite. Gemeinsam sitzen sie auf einem ledernen Clubsofa in einem publikumslosen Studio, Lena Gercke dabei sportiv arrangiert in der rechten Ecke, und albern zwischen den Einspielfilmen rum. Bei der Entstehung dieser Spaß-Clips war Gercke oft nicht dabei; sie überließ das Pranken und die formattypische Auflösung des Pranks ihren männlichen Prankmastern, zu denen noch der kleinwüchsige Schauspieler Manni Laudenbach gehört und außerdem ein gewisser „Erik“. Letzterer übernimmt James-Bond-ähnlich den Part des Tüftlers „Q“ und präpariert zum Beispiel mobile Toiletten derart, dass sie „Prank“-tauglich sind – sprich: Alles steht unter Wasser. Lena Gerckes Job on top ist es dann, in den Filmpausen im Off und unter weiträumig gestikulierendem Armeinsatz vom Teleprompter formidabel vorgefertigte Kommentare abzulesen wie diesen: „Fremde Männer auf der Toilette pranken? Mega! Mein Job wurde einfach immer geiler.“

Die Prank-Filme selbst werden nach Art eines Top-Ten-Countdowns abgespult, wobei nicht ersichtlich ist, wer diese Reihenfolge nach welchen Kriterien bestimmt hat. Platz 1 – nach drei Stunden ermittelt und eigentlich als megageiler Höhepunkt erwartet – entpuppt sich als Rohrkrepierer: Der Couchtisch vor dem Studiosofa öffnet sich, es spritzt Schaum in die gespielt entsetzten Gesichter von Lena Gerckes Prank-Partnern. Sie lacht, wo der Zuschauer schon längst nicht mehr mitlachen mag. Denn sein Sehvergnügen an den angeblich so fiesen, frankensteinartigen Pranks nimmt proportional ab zu jener Freude, die Gercke und ihre komischen Lockvögel empfinden, wenn sie technische Hilfsmittel wie etwa Elektroschocker erst mal am eigenen Leib ausgiebig testen und kommentieren. Bis zum Ernstfall ist dann der Gag-Drops schon längst gelutscht.

Überhaupt mangelt es hier an Timing. Lena & Co. verpassen wiederholt den richtigen Zeitpunkt, um die Geprankten aus ihrem Albtraum zu befreien. Sie kommen meist zu früh. Sie schaffen kein Crescendo der Quälereien. Sie bringen die Sache einfach nicht zum Höhepunkt. Quasi ein Dolus interruptus. Pro Sieben hat zunächst nur diese eine Pilotfolge „Prankenstein“ angesetzt. Nach der Premiere kann man festhalten: Mehr davon braucht es auch nicht. („Prankenstein“ hatte beim Gesamtpublikum 1,24 Mio Zuschauer und einen Marktanteil von 5,6 Prozent; in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen waren es 860.000 Zuschauer und ein Marktanteil von 12,3 Prozent.)

24.08.2015 – Senta Krasser/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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