Raymond Ley/Hannah Ley: Letzte Ausfahrt Gera – Acht Stunden mit Beate Zschäpe (ZDF)

Laufendes Verfahren

05.02.2016 •

05.02.2016 • Noch ist der im Mai 2013 gestartete Prozess vor dem Oberlandeslandgericht in München, bei dem sich Beate Zschäpe als Überlebende des NSU-Trios verantworten muss, zugange, schon gibt es das erste Doku-Drama über die Angeklagte und die ihr zur Last gelegten Verbrechen. Und es wird vermutlich nicht der letzte Film zu diesem Thema sein (bei der ARD kommt eine Spielfilm-Trilogie dazu ins Programm; am 30. März, 4. und 6. April, jeweils 20.15 Uhr). Es gab auch bereits mehrere Fernsehdokumentationen über den Münchner Prozess, das NSU-Trio, die von ihnen verübten Taten, die Versäumnisse von Polizei und Verfassungsschutz bei deren Aufklärung sowie über die Attentatsopfer und ihre Angehörigen.

Jetzt also steht die Verarbeitung dieser Ereignisse als Filmstoff an und es kann den Programmverantwortlichen dabei offensichtlich nicht schnell genug gehen. Die zu diesem Zweck gewählte Form des Doku-Dramas, bei dem fiktive Spielfilmszenen sich mit dokumentarischem Material abwechseln, hat sich längst zu einem populären TV-Genre entwickelt und was dann angeht, gehört Raymond Ley heute zu den angesehensten Filmemachern. Er ist Regisseur und Autor von „Letzte Ausfahrt Gera – Acht Stunden mit Beate Zschäpe“. Beim Drehbuch wirkte seine Ehefrau Hannah Ley als Koautorin mit.

In diesem ZDF-Doku-Drama ist der Anteil an fiktionalen Spielfilmszenen sehr hoch. Deren Inhalte gehen jedoch zumeist auf authentische Quellen zurück, die nachgespielt werden; der rein dokumentarische Teil ist entsprechend knapp geraten. Ganz besonders fällt die Kürze der eingefügten Ausschnitte aus Zeitzeugen-Interviews auf. Nur bei den Gesprächen mit den Angehörigen der Opfer lässt sich das Doku-Drama etwas mehr Zeit. Texte von NSU-Mitglied Uwe Mundlos, die seine rechtsextremistische Gesinnung zeigen, werden aus dem Off zitiert. Zudem werden immer wieder Fotostrecken mit Bildern der Opfer der NSU-Mordserie eingefügt. Sie bestimmen die emotionale Grundstimmung des Films wesentlich mit. Denn das in diesem Doku-Drama erzeugte Mitgefühl gilt, obgleich eine Täterin im Vordergrund der Filmhandlung steht, zweifellos den Opfern.

Im Zentrum des 90-minütigen Doku-Dramas steht eine insgesamt acht Stunden dauernde Autofahrt von der JVA Köln in die JVA Gera und zurück, die von den Justizbehörden gestattet wurde, um Beate Zschäpe einen Besuch bei der kranken Großmutter zu ermöglichen. Das zwölf Seiten umfassende Protokoll dieser Autofahrt lieferte die Grundlage für das Drehbuch. Hier geht es um Smalltalk und den mehr oder weniger erfolglosen Versuch der Beate Zschäpe begleitenden BKA-Beamten, sie auf dieser Fahrt zum Reden zu bringen. So ist dieser für den Film ausgewählte Zeitrahmen denkbar eng, der Raum, in dem sich das Geschehen ereignet, ebenso. Im Sommer 2012, als diese Autofahrt stattfindet, ist Zschäpe bereits in Haft, doch der Prozess gegen sie hat noch nicht begonnen. Dennoch spielt auch der Münchner Prozess eine Rolle in diesem Doku-Drama: Es gibt nachinszenierte Gerichtsszenen, die vor allem dazu dienen, der Perspektive der Opfer Raum zu geben; als Vorsitzender Richter Manfred Götzl fungiert dabei Axel Milberg.

Die Hauptrolle im Film spielt die Person Beate Zschäpe, sehr glaubwürdig dargestellt von Lisa Wagner. Es ist eine schwierige Rolle, weil Zschäpe wenig zu sagen hat, obgleich sie viel spricht. Während der Autofahrt sagt sie vor allem, dass sie nichts sagt, und zeigt, dass sie sich auch nicht von den beiden sie begleitenden Beamten einwickeln lässt. Für die Rolle des sympathischen älteren Herrn, hinter dem sich ein erfahrener Ermittler verbirgt, hat man den dem Fernsehpublikum auch und gerade in der Kommissarsrolle wohlbekannten Joachim Król ausgewählt (neben ihm spielt Christina Große die zweite BKA-Begleitung). Der Original-Kommissar war, wie man aus der aktuellen Berichterstattung weiß, ein jovialer Rheinländer; diesen zu imitieren, hat man hier nicht versucht. Bei den emotional starken fiktiven Szenen vor Gericht bleibt der hier schweigenden Zschäpe alias Lisa Wagner nichts anderes, als möglichst dämonisch und bedeutungsvoll in die Kamera zu gucken.

Gemessen an der langen Zeit, in der das NSU-Trio seine Verbrechen verübte, und dem großen geografischen Radius, den es dabei nutzte, ist eine solche Autofahrt, wie erwähnt, eine auf Raum und Zeit sehr eingeschränkte Begebenheit: ein Kammerspiel eben für ein großes Geschehen. Es gibt den Rahmen ab für eine erste Erzählung über die Taten der NSU. Man will der Persönlichkeit der Angeklagte Beate Zschäpe näher kommen und hat dabei offenbar das Bild einer ‘Femme fatale’ im Kopf – so gibt es Bemerkungen, die sie in die Nähe einer narzisstischen Persönlichkeit rücken, mit dem Salomé-Mythos in Berührung bringen und sie als „schwarze Sonne“ bezeichnen.

Jedoch verpflichtet die rechtliche Situation zum Zeitpunkt der Ausstrahlung dieses Doku-Dramas die Filmemacher auch dazu, der juristisch gebotenen Unschuldsvermutung stattzugeben (mindestens dreimal wird sie sogar explizit in der Filmhandlung erwähnt). Die Verarbeitung der ungeheuerlichen NSU-Geschehnisse zu einem guten Filmstoff ist – wie der Zschäpe-Prozess – also noch im Stadium eines laufenden Verfahrens. Das Doku-Drama von Raymond und Hannah Ley kann zwar einen großen Themenbonus und das Vorrecht des ersten Versuchs für sich beanspruchen, es kommt jedoch im Grunde genommen viel zu früh, um wirklich Qualität liefern zu können. Es kann hinsichtlich des Dokumentarischen nicht mit den bereits gesendeten Dokumentationen zur Thematik mithalten und im fiktiven Bereich muss es zwangläufig noch unvollkommen bleiben. Produziert wurde „Letzte Ausfahrt Gera (2,46 Mio Zuschauer, Marktanteil: 7,5 Prozent) von Walid Nakschbandi (AVE) und Nico Hofmann (Ufa Fiction) für die ZDF-Redaktion ‘Zeitgeschichte’, auf deren angestammtem Sendeplatz am Dienstag um 20.15 Uhr es dann auch ausgestrahlt wurde.

05.02.2016 – Brigitte Knott-Wolf/MK