„Vom Internet
lebendig gefressen“

Serien, Networks, Videostreaming:
Veränderte TV-Rezeption in USA

Von Franz Everschor
11.12.2015 •

11.12.2015 • „Es ist eine gewagte These, zu behaupten, das amerikanische Fernsehpublikum sei einst glücklicher gewesen, als es im Land nur vier Broadcast-Networks gab, die den Zuschauern Nachrichten und Serien, Filme und Sportereignisse ins Haus lieferten. Schon damals sprach man von der „Qual der Wahl“. Im Vergleich dazu müsste man heute von einer „Tyrannei“ der Wahl“ sprechen, denn die Uferlosigkeit des TV-Angebots und die Geschäftstüchtigkeit der Kabel- und Satellitenindustrie haben die anfängliche Euphorie der Konsumenten in ein Abhängigkeitsverhältnis verwandelt, in dem sich die meisten mehr gefesselt als beschenkt fühlen. Professionelle Beobachter der Szene haben seit langem vorausgesagt, dass die Blase der gebündelten Paketverträge, unter deren ausgetüftelten Konditionen fast alle Amerikaner nun schon jahrzehntelang ihr Fernsehprogramm beziehen, einmal platzen müsste. Im Jahr 2015 war es so weit. Das Internet hat dem Fernsehkunden seine Mündigkeit zurückgegeben. Und die Konsumenten machen reichlichen Gebrauch davon.

Die alte Welt liegt in Trümmern: Buchverkäufer wie Borders, einst die zweitgrößte Buchhandelskette in den USA, haben ihre Türen geschlossen, Videotheken wie Tower und Blockbuster sind vom Markt verschwunden, zahllose Filmkunsttheater haben ihren Betrieb eingestellt und anspruchsvolle Fernsehsender wie Bravo und American Movie Classics existieren nur noch dem Namen nach. Sogar Leonard Maltins „Movie Guide“, seit Jahrzehnten die Bibel amerikanischer Film- und Fernsehfans, hat das Erscheinen eingestellt.

Die Nabelschnur durchtrennen

Aber aus den Trümmern wächst eine neue Freiheit hervor, eine Freiheit, die sich erst noch bewähren, eine Freiheit mit neuen Möglichkeiten, nach denen die Multis der alten Unterhaltungsindustrie schon wieder begehrlich ihre Finger ausstrecken. Als Jon Stewart, der beliebte Gastgeber der „Daily Show“ des Senders Comedy Central, vor kurzem bekannt gab, er werde künftig beim Streaming-Dienst HBO Now auftreten, und das Broadcast-Network CBS verlauten ließ, dass seine mit Spannung erwartete neue „Star-Trek“-Serie nicht in seinem normalen Programm, sondern online bei CBS All Access zu sehen sein werde (vgl. MK 23/15), da reagierte sogar die New Yorker Börse: Viele Investoren trennten sich von ihren Medienaktien. Sie befürchten, dass die überalterten Institutionen zwar noch das Heft in der Hand halten, in ihrer jetzigen Form aber vom Drang der jungen Zuschauergeneration ins überall gegenwärtige Internet bedroht sind.

Was da im Gang ist, sind die Anfänge einer großen Bewegung, nämlich die Abwanderung des Publikums vom traditionellen Fernsehen zum Internet. Die Amerikaner beschreiben den Vorgang mit dem sehr passenden Wort „Cord Cutting“: die Nabelschnur durchtrennen. Besonders junge Leute haben keine Lust mehr, für ein Paket mit 200 Fernsehsendern, von denen sie die meisten dann doch niemals einschalten, im Durchschnitt 74 Dollar pro Monat zu zahlen. Sie laufen inzwischen scharenweise zum Videostreaming über. Während der ersten neun Monate dieses Jahres konnte zum Beispiel der Streaming-Anbieter Hulu, der zu gleichen Teilen 21st Century Fox, Walt Disney und Comcast gehört, seine Nutzungsquote um 85 Prozent verbessern und die Zahl seiner Abonnenten um 60 Prozent erhöhen. Comcast, der größte Broadcast-, Kabel-TV und Internet-Provider, hat inzwischen mehr Kunden im Bereich Internet als auf dem Sektor der klassischen Fernsehdistribution.

371 Originalserien in einer TV-Saison

Im Mai hatten die Broadcast-Networks noch ihre üblichen Screenings für die Werbetreibenden veranstaltet; in den ersten zwei Wochen der neuen TV-Saison 2015/16, die im September begann, mussten die Kunden dann feststellen, dass nichts mehr so war wie zuvor. Die Quoten der Primetime-Serien waren in der Altersgruppe der 18- bis 49-Jährigen, die für die Werbeindustrie allein interessant ist, um acht Prozent gefallen. Für sich genommen sahen die 18- bis 34-Jährigen sogar noch weniger fern, nämlich 17 Prozent weniger als in denselben Wochen des Vorjahres. Inzwischen weiß man, dass viele der Abtrünnigen den Networks nicht ganz verlorengehen, sondern dass diese Zuschauer die Serien zeitversetzt mittels Digitalvideorekorder (DVR) oder Video-on-Demand (VoD) ansehen. Auf diese Weise konnte zum Beispiel die neue CBS-Serie „Blindspot“ 4,6 Millionen Zuschauer hinzu­gewinnen und die ABC-Thrillerserie „Quantico“ 4,1 Millionen. Ob das die Broadcast-Networks auf Dauer am Leben erhalten kann, wird von vielen Analysten angezweifelt. Sie sagen voraus, dass dem linearen Fernsehen in spätestens 20 Jahren der Garaus bevorsteht.

Die Broadcast-Networks werden sich daran gewöhnen müssen, dass die Premieren ihrer neuen Serien vom Publikum nicht mehr wie ein lange erwartetes Ereignis wahrgenommen werden. Das amerikanische Fernsehvolk ist auch nicht mehr ausgehungert nach frischer TV-Ware, denn die Sommermonate sind keine Halde voller Wiederholungen mehr, und auch das Kabel- und Streaming-Angebot lässt in den heißen Monaten nicht nach. Würden die Broadcast-Networks für ihre Herbstserien nicht so viel Werbung machen, kaum jemand würde überhaupt wahrnehmen, dass sich im September und Oktober etwas grundsätzlich ändert. Als Resultat der geschilderten Entwicklung lagen die „Großen Vier“ (ABC, CBS, NBC und Fox) zum sogenannten Saisonbeginn in allen wichtigen Quoten-Kategorien um zehn Prozent niedriger. So war es auch mit der Gesamtzahl ihrer Zuschauer, die nun von 34,3 Millionen auf rund 31 Millionen gefallen ist.

Großer Abonnentenschwund bei den Pay-TV-Sendern

Dabei sehen die Menschen in den USA keineswegs weniger fern. Sie haben allerdings ihre Gewohnheiten geändert, wann und wo sie fernsehen. Marktforschungsexperten des Networks FX haben ermittelt, dass während der im Mai zu Ende gegangenen Fernsehsaison 2014/15 nicht weniger als 371 Originalserien um die Aufmerksamkeit des amerikanischen Publikums buhlten. Das Wochenmagazin „Time“ hat daraufhin kalkuliert, das seien mindestens 3520 Stunden Programm, für die man 146 Tage ununterbrochen vor dem Bildschirm sitzen müsste, wobei Nachrichten, Reality-Shows, Talkshows, aus dem Kino übernommene Spielfilme, Sport und Werbespots nicht einmal mitgezählt seien. Die Wirklichkeit des Konsumenten sieht kaum anders aus: Amerikaner verbringen durchschnittlich 39 Stunden pro Woche vor dem Bildschirm und fast doppelt so viel, wenn man die Nutzung von Computern, Tablets und Smartphones mit berücksichtigt. Dabei sehen sie fünf Serien kontinuierlich, die aktivsten von ihnen bis zu 18.

Schlimmer noch als den Broadcast-Networks ergeht es den Kabelsendern, so schlimm, dass ein Kolumnist des Wirtschaftsblattes „Wall Street Journal“ vor kurzem den Satz schreiben konnte: „Für jeden vorbehaltlosen Betrachter sieht es so aus, als ob die Dominanz des Kabelfernsehens vom Internet lebendig gefressen würde.“ Ausgerechnet dem Kabelfernsehen soll es schlechtgehen, das doch jahrelang dafür gesorgt hat, dass die Hollywood-Studios Millionen kassieren konnten? Das dafür bekannt ist, die qualitativ besten Fernsehserien Amerikas zu produzieren?

Auch für die Probleme der Kabelsender ist das „Cord Cutting“ ver­antwortlich. Seitdem es Netflix gibt, Amazon Prime, Hulu, Sling TV, HBO Now, CBS All Access und wie die Streaming-Anbieter alle heißen, haben die über Paketverträge und steigende Abonnementpreise erbosten Amerikaner jede Menge Alternativen, sich von den ungeliebten Kabel- und Satellitenanbietern zu trennen, ohne anschließend etwas zu verpassen. Das Internet hat es möglich gemacht, sich von den „Ausbeutern“ zu lösen. Dass viele von denen dann aber durch die Hintertür wieder hereinkommen, nehmen die Kunden oft nicht wahr. Die Unzufriedenheit darüber, 100 oder 200 Sender im Paket abonnieren zu müssen, von denen der durchschnittliche Konsument nicht mehr als 17 regelmäßig einschaltet, ist größer.

Könnten die Networks von der Bildfläche verschwinden?

Die Folgen zeichnen sich in den bisher für das Jahr 2015 vorliegenden Daten ab: Die Anzahl der Kündigungen steigt rapide. Im zweiten Quartal dieses Jahres, der letzten bisher endgültig errechneten Zahl, verloren die Pay-TV-Sender 625.000 Abonnenten, rund drei Millionen waren es in den vergangenen fünf Jahren, wobei besonders ins Gewicht fällt, dass sich die Abbestellungen in diesem Jahr mehr als verdoppelt haben. 83 Prozent der amerikanischen Haushalte empfangen ihr Fernsehprogramm zwar nach wie vor auf traditionelle Art, doch das erste Halbjahr 2015 signalisiert – so beschrieb es der führende TV-Analyst SNL Kagan – einen beständig wachsenden Exodus.

Die Verantwortlichen der Broadcast-Networks und der Pay-TV-Unternehmen sehen inzwischen sehr klar die Gefahren, die ihnen von einem weiter um sich greifenden „Cord Cutting“ drohen. Die Gründung eigener Streaming-Dienste wie CBS All Access und HBO Now sind gewiss nur die ersten Anzeichen einer neuen Philosophie, die darauf abzielt, dass die Anbieter ihre Produkte künftig direkt an die Konsumenten verkaufen, ohne den Umweg über das Paket eines Distributors zu gehen. Die Sender werden sich eine größere Flexibilität im Umgang mit ihren Produkten und größere industrielle Konzentration angewöhnen müssen, wollen sie nicht in absehbarer Zeit zu bloß marginaler Bedeutung absinken. Gerade erst wurde in der US-Presse wieder einmal einer der großen alten Männer des amerikanischen Fernsehgeschäfts, der 74-jährige John Malone, der erfolgreiche Milliardär hinter Liberty Global und Lions Gate, mit der Ansicht zitiert, dass heutzutage nichts wichtiger sei als „Content Consolidation“. Damit spricht Malone die Unausweichlichkeit des Zusammenschlusses vom Internet bedrohter traditioneller Medienbetriebe mit dem „Feind“ an. Die Branche wird in naher Zukunft noch viele Fusionen und Strukturänderungen erleben.

Ständig steigende Bedeutung kommt in dieser Situation auch der Qualität des Angebots und der Bereitschaft zu, inhaltlich neue Wege zu gehen. In dieser Hinsicht sieht der Status quo besonders für die Broadcast-Networks nicht gut aus. Sie haben zwar vorläufig noch die meisten Zuschauer, aber ihr Programm kann auf dem Serien-Sektor längst nicht mehr mit dem Ideen­reichtum und der Qualität der Kabel- und Streaming-Unternehmen konkurrieren. Wann immer im In- und Ausland über neue amerikanische Serien diskutiert wird, stehen inzwischen Kabel- und Streaming-Produktionen im Vordergrund. Dann geht es um Formate wie „Game of Thrones“, „True Detective“ und „Boardwalk Empire“ (alle HBO), „Breaking Bad“ (AMC), „Sons of Anarchy“ und „Justified“ (beide FX), „Homeland“ (Showtime) und „Orange Is the New Black“ (Netflix).

Bei den Broadcast-Networks muss man lange suchen, um Vergleichbares zu finden. „American Crime“ bei ABC und „Person of Interest“ bei CBS erscheinen schon als Ausnahmen von der bei den Networks verinnerlichten Regel, zu erhoffende Massenattraktivität sei inhaltlicher Originalität und Innovation vorzuziehen. Einmal erfolgreiche Serien, die gleichbleibend hohe Einschaltquoten garantieren, werden von den Networks endlos fortgesetzt, Serien also wie „Law & Order“, bei NBC nun schon seit 17 Jahren im Programm, und „Grey’s Anatomy“, bei ABC seit 12 Jahren zu sehen. Oder es werden immer wieder neue Ableger geschaffen, sogenannte Spin-offs, wie von der schon 13 Jahre alten Serie „NCIS“ (CBS). Nachdem die Feuerwehrserie „Chicago Fire“ (NBC) vor vier Jahren zum Erfolg wurde, gibt es nun auch noch „Chicago P.D.“ und neuerdings „Chicago Med“ zum Teil mit demselben Darstellerpersonal – alles keine schlecht gemachten Produktionen, doch die anfangs originellen Themen werden hier langsam, aber sicher zu Tode geritten. Dies und die gesamte Entwicklung vertreiben den Odem des Utopischen aus der Vermutung, die Networks könnten eines Tages von der Bildfläche verschwinden. Falls das wirklich passieren sollte, dann wären sie selbst daran Schuld.

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Im Folgenden ein Überblick über die wichtigsten neuen dramatischen Serien der US-amerikanischen Broadcast-Networks, deren Premieren zu Beginn der TV-Saison 2015/16 zwischen September und November stattfanden:

Quantico (ABC)

„Quantico“ gehört zu den größten Hoffnungsträgern unter den Neuankömmlingen der noch jungen TV-Saison. Ähnlichkeiten mit ABC-Serien wie „Scandal“ und „How to Get Away With Murder“ sind beabsichtigt und eine ehemalige Miss World in der Hauptrolle – die besetzt ist mit der Inderin Priyanka Chopra – erweist sich als durchaus hilfreich. Als Zentrum der Handlung dient die Trainingsakademie des FBI in Quantico im US-Bundesstaat Virginia. Einer der dort ausgebildeten Rekruten steht unter dem Verdacht, in New York einen Terroranschlag begangen zu haben, mit dessen an 9/11 erinnernden Bildern der Zerstörung der Pilotfilm von „Quantico“ beginnt. In Rückblenden gewinnen die einzelnen Rekruten Profil, und so, wie es deren Aufgabe ist, den Schuldigen zu ermitteln, soll sich nach Vorstellung des Produzenten auch das Publikum an der Suche beteiligen. Die Serien-Folgen sind hektisch geschnitten und mit spektakulären Zutaten aller Art versehen. Nach den ersten Episoden ist dabei nur eines klar: Die meisten Zuschauer wird „Quantico“ beim jungen Publikum finden. ABC vertraut offenbar auf einen anhaltenden Erfolg, denn das Network hat inzwischen schon 19 Folgen in Auftrag gegeben.

Blood and Oil (ABC)

Die Serie „Blood and Oil“ hält, was der Titel verspricht: Sie ist eine Neuauflage des „Dallas“-Schemas, nur schlechter besetzt und weniger elegant gemacht. Don Johnson als in die Jahre gekommener Ölbaron ist der Einzige, der den wenig überraschenden Ereignissen etwas Würze zu verleihen vermag. Dabei hätten der tatsächlich vor ein paar Jahren in North Dakota ausgebrochene Ölboom und die heißumstrittene Fördermethode des Frackings der Geschichte den aktuellen Hintergrund verleihen können. Doch der ist genauso abwesend wie die charakteristische Landschaft des an Kanada grenzenden US-Bundesstaates North Dakota, die aus Kostengründen durch die Berge von Utah ersetzt wurde. Spätestens in der zweiten Folge wird klar, dass Vater-Sohn-Konflikte der Story wichtiger sind als geografische Genauigkeit und soziale Umstände. Sogar das auftraggebende Network scheint schon nicht mehr an die Wiederholung des „Dallas“-Erfolgs zu glauben: ABC hat die Anzahl der bestellten Episoden bereits heruntergefahren.

Wicked City (ABC)

„Wicked City“ ist ein weiteres Beispiel für verpasste Chancen. Nicht ganz zu Unrecht gingen die Produzenten davon aus, dass es erfolgversprechend sein könnte, die ‘guten alten Zeiten’ des Serien-Geschäfts in Erinnerung zu rufen, als Hollywoods Sunset-Boulevard noch der Sammelpunkt des Nachtlebens war, als es weder Sicherheitskameras noch Smartphones gab und allein die Rivalität zweier Polizeidetektive als spannend empfunden wurde. „Wicked City“ lässt die frühen 1980er Jahre wieder auferstehen, weiß aber verblüffend wenig mit dieser Zeitphase anzufangen. Wie übrigens auch mit der abgenutzten Geschichte eines Serienkillers, der dem „Hillside Strangler“ nacheifert, einem legendären Frauenmörder, der aber eher eine Schwäche für kleine Kinder hat. Schon im Pilotfilm wird man die über Gebühr strapazierten Lokalitäten leid und die Lust, den psychotischen „Helden“ wiederzusehen, hält sich danach sehr in Grenzen. Das empfand wohl auch das amerikanische Publikum, denn die Serie wurde inzwischen allein schon wegen ihrer katastrophalen Zuschauerquoten vorzeitig aus dem Programm genommen.

Supergirl (CBS)

Während Legionen von Superman-Fans bereits auf den nächsten Kinoauftritt ihres Idols warten („Batman vs. Superman: Dawn of Justice“) bietet das Network CBS in der Zwischenzeit eine hübsche, das Genre erweiternde Abwechslung: mit dem Auftritt von Kara, Supermans Cousine, die als Kind gerade noch rechtzeitig vor der Explosion ihres Heimatplaneten auf die Erde befördert wurde. Groß geworden bei einer normalen Erdenfamilie, entdeckt die herangewachsene Kara – zunächst noch zögernd – die ihr angeborenen Superkräfte und setzt sie unter anderem zur Rettung eines abstürzenden Passagierflugzeugs ein. Kara alias Supergirl hat einen Alltagsjob bei einer Zeitung, der sich aber bald bei ihren Versuchen, dem berühmten Verwandten nachzueifern, als eher hinderlich erweist. Klar, die Special Effects der Serie erreichen nicht das Niveau vergleichbarer Kinofilme, doch dafür legt Hauptdarstellerin Melissa Benoist eine Menge Talent und Charme an den Tag. Was sonst noch für „Supergirl“ einnimmt, sind die unaufdringlichen Anspielungen in der Serie auf aktuelle soziale Themen vom Coming-out bis zum Femi­nismus. Wenn es so weitergeht wie in den ersten drei Folgen, dann spricht vieles für diesen Comic-Ableger, nicht nur der legendenumwobene Cousin.

Limitless (CBS)

Diesmal ist es eine Droge mit dem Namen NZT, mit deren Hilfe der Serien-Held seine mentalen Fähigkeiten ins Übermenschliche steigern kann. „Jetzt habe ich Zugang zu jeder einzelnen Gehirnzelle“, sagt er. Leider scheint genau das bei den Autoren dieser neuen CBS-Produktion weniger der Fall zu sein, denn die in „Limitless“ beschriebenen Ereignisse unterscheiden sich nur unwesentlich von anderen Serien gleichen Konzepts. Es gibt einen Kino­film desselben Titels aus dem Jahr 2011, der die Vorlage abgegeben hat. Und dessen Hauptdarsteller, der inzwischen in anderen Genres zu Ruhm avancierte Bradley Cooper, spielt in der von ihm koproduzierten Serie sogar eine kleine Nebenrolle. Doch der Rückgriff auf den Spielfilm hilft nicht viel. „Limitless“ ist eine jener Serien, bei denen es ganz darauf ankommt, wie fesselnd die Ereignisse sein werden, mit denen sich der Held in Zukunft konfrontiert sieht. Man muss also abwarten, was da aufs erhoffte Publikum zukommt. CBS scheint mit dem bisherigen Erfolg zufrieden zu sein, denn das Network hat bereits eine volle Saison (22 Episoden) in Auftrag gegeben.

Code Black (CBS)

Jede TV-Saison hat ihre eigene Krankenhausserie. Doch besser als „E.R.“ und „Chicago Hope“ vor 20 Jahren sind sie nicht geworden. Nur noch hektischer, noch chaotischer. „Code Black“ bedeutet mehr Patienten als Betten und Ärzte. Für die neue CBS-Serie bedeutet es aber auch mehr Durcheinander und weniger Zeit für die Entwicklung von Charakteren. Da spielt es kaum noch eine Rolle, ob es um das Opfer eines Schusswechsels oder um eine komplizierte Geburt geht. Überall Blut, überall Erschöpfung, überall der Kampf um die Entscheidung, wer zuerst drankommt. Nur die männliche ‘Oberschwester’ von Luis Guzmán ist ein ruhender Pol und Marcia Gay Harden bemüht sich als Direktorin der Notaufnahme erfolgreich um Haltung. „Zögere nur eine Sekunde und Menschen sterben“, heißt es an einer Stelle. Dieses Motto definiert Machart und Perspektive der Serie.

The Player (NBC)

Die 2011 gestartete CBS-Serie „Person of Interest“ hat längst ein Beispiel dafür geliefert, dass auch absurde Konzepte amüsantes und spannendes Futter für ein phantasiebegabtes TV-Projekt abgeben können. „The Player“ möchte ebenfalls von der Erfindung einer „Maschine“ profitieren, die künftige Verbrechen voraussagen kann. Aber was für ein fulminanter Unterschied in der Ausführung! Wo in „Person of Interest“ Intellekt und Witz die Haupt­rollen spielen, bemühen die Erfinder von „The Player“ nichts als genreübliche Stunts und Verfolgungsjagden, die ihrem Schauplatz Las Vegas nicht einmal optisch gerecht werden. Superreiche Spieler, die der Geldwetten überdrüssig geworden sind, setzen ihr Vermögen auf den gelungenen oder misslungenen Ausgang verbrecherischer Operationen und auf den Erfolg eines ehemaligen Kämpfers in einer Anti-Terror-Einheit. Dessen beharrlich vorgezeigter Zorn wurde durch die Ermordung seiner Ex-Frau angestachelt. Wie Wesley Snipes in der Eröffnungsszene des Pilotfilms mit vollem Recht sagt: „Enttäuschend“. Zu derselben Erkenntnis kam wohl auch der Produzent: Obwohl bereits rund um die Welt verkauft, wurde die Serie auf magere neun Folgen gekürzt.

Blindspot (NBC)

Eine junge Frau wird mitten in New York City bewusstlos in einer großen Reise­tasche gefunden. Ihr ganzer Körper ist mit Tätowierungen bedeckt, die sich später bei der Polizei als verschlüsselte Hinweise auf die Vergangenheit der an Amnesie leidenden Frau herausstellen. „Blindspot“ ist eine Art Puzzle-Serie, die genreübliche Krimihandlungen durch die hinausgezögerte Dechiffrierung der Tätowierungen und die nur allmähliche Auflösung des Gedächtnisschwundes interessanter zu machen versucht. Das Konstrukt erweist sich zu Anfang als spannungssteigernd, verliert jedoch im Lauf der Zeit seine Faszinationskraft.

Heroes Reborn (NBC)

Als „Heroes“ vor fast zehn Jahren im NBC-Programm auf dem Bildschirm erschien, war eine andere Zeit. Comic-Serien hatten noch Seltenheitswert und Marvel- und DC-Filme hatten noch nicht die Kinos erobert. Heute muss Tim Kring, der Erfinder von „Heroes“, mit dieser Konkurrenz wetteifern. „Heroes Reborn“ ist als 13-teilige Event-Serie konzipiert und schließt an die Ereignisse der Vorgänger-Produktion an. Abermals werden sogenannte Evos, Menschen mit übernatürlichen Kräften, nach einer Katastrophe, die eine ganze Stadt ausgelöscht hat, von den ‘normalen’ Menschen verfolgt. Die episodische Struktur der Serie gibt Gelegenheit zur Kombination und Kontrastierung diverser Kulturkreise und führt auch neue Figuren ein. So ehrgeizig das Ganze gefilmt und geschnitten ist – es besitzt wenig Überraschungswert und fällt hinter heutige Kinoadaptionen von gedruckten Comic-Abenteuern deutlich zurück. Entsprechend war die Reaktion des amerikanischen Publikums: Die Einschaltquoten für „Heroes Reborn“ sind von Folge zu Folge gesunken.

Chicago Med (NBC)

Seit den späten 1970er Jahren gehört Dick Wolf in den USA zu den meistbeschäftigten Fernsehproduzenten. Mit „Miami Vice“, „Hillstreet Blues“ und „Law & Order“ erschuf er den damals ganz ungewohnten Typ der realitätsorientierten Fernsehserie. Auch sein erfolgreiches Serien-Duo „Chicago Fire“ und „Chicago P.D.“ weist noch Bestandteile dieses Konzepts auf. Nun kommt „Chicago Med“ hinzu und Wolf bespielt damit also zusätzlich auch das Gebiet der Krankenhausserie. Und da sieht das alles schon reichlich verwässert aus. Die Story von der überbelasteten Notaufnahme und dem überarbeiteten Personal gibt auch hier kaum noch Neues her und erfüllt eher das Bedürfnis des Publikums nach Effekten der Rührung als nach halbdokumentarischer Originalität. Immerhin ist „Chicago Med“ professioneller gemacht und hält das Interesse länger fest als die gleichzeitig gestartete CBS-Serie „Code Black“. Wer zwischen den beiden Angeboten die Wahl hat, scheint mit Dick Wolfs Ausflug in die zu oft strapazierte Ärztewelt besser bedient zu sein.

Minority Report (Fox)

Denselben Titel trägt ein Spielfilm von Steven Spielberg aus dem Jahr 2002, basierend auf einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick. Nahm sich schon der Kinofilm viele Freiheiten im Umgang mit Dicks Idee von drei „Precogs“, die zukünftige Verbrechen voraussehen können, so setzt die Fox-Serie das Konzept nun in einen lautstarken Zwitter aus Computerspiel und modischer TV-Ästhetik um, der sich recht bald als repetitive Variation herkömmlicher Cop-Serien entpuppt. Was im Pilotfilm vollgeknallt ist mit hektischen Special Effects wird schon in den allernächsten Folgen – wohl nicht zuletzt aus Kostengründen – auf serienübliche Interaktionen reduziert, die von Folge zu Folge immer weniger Spaß machen. Ähnliches hat „Person of Interest“ längst origineller und intelligenter zu verpacken gewusst.

Rosewood (Fox)

Die Popularität forensischer Medizin ist offenbar immer noch ungebrochen, wie auch die Popularität von selbstbewussten Pathologen à la Dr. House. Man addiere dazu die attraktive Physiognomie von Morris Chestnut (bekannt aus „Nurse Jackie“) und die unwiderstehliche Kulisse von Floridas Hauptstadt Miami – und fertig ist die neue Serie „Rosewood“, die beim Network Fox zu sehen ist. Als Dr. Beaumont Rosewood Jr., ebenso oft ohne Hemd wie mit dem Skalpell zu sehen, berät Chestnut die Polizei als privater Pathologe mit dem untrüglichen Blick eines Quasi-Hellsehers. Dabei gerät er ausgerechnet an Annalise Villa, gespielt von Jaina Lee Ortiz, eine frisch aus New York transferierte Detektivin, die von da an mehr damit zu tun hat, Rosewoods männlichem Charme zu widerstehen, als die Ursachen rätselhafter Mordfälle aufzudecken. Auch die amerikanischen Zuschauer sind dem „Beethoven der Privatpathologen“ (wie es im Dialog einer Folge heißt) zusehends verfallen, obwohl diese Serie eigentlich nur eine aufgewärmte Version von „Miami Vice“, „CSI: Miami“ und „House“ ist: „Rosewood“ hat sich als die meistgesehene Fox-Serie der Saison profiliert.

Crazy Ex-Girlfriend (CW)

Während die großen Broadcast-Networks mit ihren neuen Serien wenig Mut zur Innovation beweisen, lässt das auf junges Publikum spezialisierte CW-Network alle Vorsicht fahren. Schon im vergangenen Jahr wagte es sich mit „Jane the Virgin“ in Grenzbereiche zwischen Komik und Parodie vor, die es nun mit „Crazy Ex-Girlfriend“ weiter auslotet. Allein schon die Idee, überspitzte Komödienklischees mit der Wiederbelebung einer eigentlich total antiquierten Musical-Tradition zu verbinden, lässt erahnen, was für ein riskantes Spiel die Produzenten dieser Parodie auf romantische Liebesgeschichten hier treiben. Eine mit sich und der Welt unzufriedene Anwältin schmeißt ihren Job in New York hin, um dem angehimmelten Boyfriend in eine kalifornische Kleinstadt zu folgen. Wie einst bei Howard Keel und Betty Hutton („Annie Get Your Gun“, 1950) brechen die Beteiligten unvermutet in Gesangsnummern aus, bei denen man sich nur fragt, wie lange Autoren und Komponisten dabei ähnlich Ausgelassenes einfallen kann wie in den ersten beiden Folgen.

11.12.2015/MK