Elke Sasse: My Escape – Meine Flucht (WDR Fernsehen)

Bewegende Binnensichten

19.02.2016 •

19.02.2016 • Was Visionäre des Fernsehens vor Jahrzehnten einmal unter dem Etikett der Interaktivität als revolutionären Fortschritt ausgaben, hat sich dank der Digitalisierung im Zeitalter des technisch Machbaren eher zu einem Ärgernis entwickelt. Kaum ein Tag vergeht, dass vor allem in den Dritten Programmen der ARD nicht Zuschauer aufgefordert werden, ihre privaten Fotos oder Handy-Videos einzuschicken. Sei es vom eigenen Garten, ihren possierlichen Haustieren, dem geschmückten Weihnachtsbaum oder den schönsten Sonnenaufgängen vor ihrer Haustür. Und weil es für viele Menschen offenbar noch immer nichts Größeres gibt, als den eigenen Namen im Fernsehen zu hören, ist die Resonanz bei solchen Aufrufen weiterhin immens. Neudeutsch nennt sich das dann „User Generated Content“.

Doch mit derlei hanebüchenen Überflüssigkeiten hatte die im Dritten Programm des WDR ausgestrahlte Dokumentation „My Escape – Meine Flucht“ absolut nichts gemein. Obwohl auch sie zum überwiegenden Teil aus Handy-Videos bestand, die Amateure aufgenommen hatten. Was sie allerdings nicht auf einen Aufruf hin, sondern in erster Line für sich selbst getan hatten, um wahrlich dramatische Ereignisse in ihrem Leben zu dokumentieren. In den sozialen Netzwerken hatten Regisseurin Elke Sasse und WDR-Redakteurin Jutta Krug eine Vielzahl von Videos ausfindig gemacht, auf denen Flüchtlinge, die in jüngerer Zeit von verschiedenen Kontinenten Richtung Deutschland aufgebrochen waren, Stationen ihrer Flucht festgehalten hatten. Einige der Menschen, von denen die Videosequenzen dieser 90-minütigen Dokumentation stammten, hatte man ausfindig gemacht; zudem war in Flüchtlingseinrichtungen gezielt nach weiteren Menschen gesucht worden, die ihre Erlebnisse auf ähnliche Weise festgehalten hatten.

Das Ergebnis dieser Bemühungen war ein bewegender Film mit Binnenansichten von Schicksalen, wie man sie trotz der Vielzahl von Berichten zu diesem Thema in dieser Form noch nicht gesehen hatte. Rund ein Dutzend Menschen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und Eritrea erzählten hier in und zu den selbst aufgenommenen Bildern von ihren Reisen und Fluchtwegen. Dabei begannen mehrere Berichte in den jeweiligen Heimatländern zu einem Zeitpunkt, als dort die Welt noch halbwegs in Ordnung war. Etwa im Fall von zwei syrischen Rockmusikern, die sich in Damaskus nach einem Konzert feiern ließen, oder eines Fotografen aus Kabul, der sich für Mädchenschulen und Frauenrechte stark machte. Irgendwann war jedoch für alle Protagonisten der Zeitpunkt gekommen, die Flucht zu ergreifen. Die Dramaturgie der Dokumentation, die die einzelnen Filme in Parallelmontage zeigte, folgte im Prinzip der Chronologie bzw. den Routen der jeweiligen Fluchtwege, wobei markante Punkte wie etwa Grenzübertritte die Schnittpunkte markierten.

Alle Amateurfilmer haben bei der Flucht die Dienste von Schleusern in Anspruch genommen und dafür einen Großteil ihrer Ersparnisse aufgewendet oder sie haben sich das Geld bei Verwandten und Freunden geliehen. Und die Innenansichten des Systems der kommerziellen Fluchthelfer gehörten zu den frappierendsten Momenten des Films. Natürlich wusste man, dass es diese florierenden Netzwerke gibt. Doch wie sie im Detail arbeiten, hatte bis dahin noch kein Journalist dokumentiert. So etwa das Schleuserbüro in einer Seitenstraße in der türkischen Hafenstadt Izmir, wo man wie in einem Reisebüro eine illegale Überfahrt zu einer der griechischen Inseln buchen kann. „Vermutlich mehrere Millionen Dollar liegen hier auf dem Schreibtisch“, mutmaßte der Flüchtling, der die Szenen dort verdeckt mit seinem Handy aufgenommen und sich damit großer Gefahr ausgesetzt hatte. Denn natürlich lassen sich die Schlepper nicht gern filmen.

Und wer sich einmal auf die eingelassen hat, ist ihnen offenbar auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Beklemmend, geradezu unglaublich die Sequenzen, in denen sich Flüchtlinge an der nächtlichen türkischen Küste weigern wollten, altersschwache und total überfüllte Boote zu besteigen, aber dann mit vorgehaltener Waffe gezwungen wurden, an Bord zu gehen. „Wie kann ich bewaffneten Menschen vertrauen, die mit Menschen handeln?“, brachte ein Flüchtling das Dilemma auf den Punkt.

Ein weiteres Moment, das in diesen Amateurvideos geradezu sinnlich erfahrbar wurde, war die ständige Ungewissheit, wann und wie es weitergehen würde. Schon morgen oder womöglich erst in einer Woche? Zu Fuß, in einem geschlossenen Lkw oder vielleicht gar in einem komfortablen Bus? Und endlich in Europa angekommen, wussten die Flüchtenden nie, welcher osteuropäische Staat gerade seine Grenze vorübergehend oder ganz dicht gemacht hatte.

„My Escape – Meine Flucht“ war eine ungeheuer bewegende, ohne jeden Off-Kommentar klug arrangierte Dokumentation, produziert vom WDR, der Deutschen Welle (DW) und der Firma Berlin Producers. Man hätte diesen Beitrag statt weiterer Talkrunden zur Migration getrost auch im Ersten und dann zu besserer Sendezeit ausstrahlen können. Denn was hier aus erster Hand über die lebensbedrohliche Mühsal, die Flüchtlinge auf sich nehmen, zu erfahren war, sollten so viele Menschen wie möglich wissen. Wer nach diesem Film noch von Flüchtlingsobergrenzen oder Grenzschließungen redet, wüsste, dass er sich zu schämen hätte. (Der Film steht in der WDR-Mediathek weiterhin zum Anschauen bereit.)

19.02.2016 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 1-2/2019

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