Güner Yasemin Balci: Der Jungfrauenwahn (ZDF)

Der Islam und die fehlende sexuelle Revolution

03.03.2016 •

03.03.2016 • Das künstliche Jungfernhäutchen, bezogen von einem Internetversand, kostet 50 Euro. Laut Hersteller soll das mit synthetischem Blut gefüllte Zellulosepäckchen eine halbe Stunde vor dem Geschlechtsakt vaginal eingeführt werden. Bei sachgemäßem Gebrauch kann eine Frau in der Hochzeitsnacht damit vortäuschen, dass das Blut auf dem Bettlaken von ihrer Entjungferung stammt: „Wer braucht so etwas? Und wie groß muss die Not einer Frau sein, die sich so ein Ding bestellt?“ Diese einfachen, in dieser Radikalität aber selten aufgeworfenen, Fragen stellt Güner Yasemin Balci in ihrem Film „Der Jungfrauenwahn“. Der Film wurde am 29. Februar in seiner 90-minütigen Fassung ausgestrahlt, nachdem am 4. Dezember vorigen Jahres bei Arte (ab 22.40 Uhr) eine auf 60 Minuten gekürzte Version zu sehen war.

Die deutsch-türkische Journalistin Güner Yasemin Balci, deren Eltern in der 1960er Jahren aus Anatolien in die Bundesrepublik kamen, ihre Tochter aber nicht nach dem verbreiteten Ehrbegriff der islamischen Community erzogen, wurde durch ihre Fernsehreportagen über muslimische Migranten und ihren Roman „Arabboy“ bekannt. In Erinnerung ist ihr Auftritt in der ARD-Talkshow „Maischberger“, wo sie im Oktober 2010 den Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele zusammenfaltete, weil der muslimische Ehrenmorde als eine zu vernachlässigende Seltenheit bagatellisierte.

Umso überraschter ist man, dass Balcis Film, dem kämpferischen Titel zum Trotz, das Aufregerthema ziemlich entspannt angeht. Schicht für Schicht rekonstruiert ihre 90-minütige Dokumentation tief verwurzelte Vorstellungen über Weiblichkeit und Sexualität in jenem konservativen Islam, der auch zu Deutschland gehört. Um dies vor Augen zu führen, kehrt die Filmemacherin an ihre Schule in Berlin-Wedding zurück, wo sie vor zwanzig Jahren Abitur machte. Adrette türkische Jungs, die man nicht mit islamistischen Bartträgern assoziieren würde, plaudern entspannt über ihre Auffassungen von Geschlechterrollen. Auf die Frage, was moralisch verwerflicher sei, ein Junge, der mit Drogen dealt, oder ein Mädchen, das vor der Ehe seine Unschuld verloren hat, ist die Antwort klar: Der Junge könne sich bessern, doch der Verlust des Hymens sei eine nicht wiedergutzumachende Katastrophe.

Diese Gespräche werden durch die unterschiedlichen Erfahrungen von vier Protagonisten ergänzt. Den Psychologen Ahmad Mansour, der in seiner Jugend von einem Imam radikalisierte wurde, sich aber vom Islamismus lösen konnte, begleitet Balci mit der Kamera in seine palästinensische Heimat. Seine bevorstehende Heirat mit einer Deutschen, die obendrein keine Jungfrau mehr ist, gilt in den Augen seiner Verwandten als Ärgernis. Bei der Hochzeitszeremonie muss das Drehteam dann außen vor bleiben.

Vergleichsweise grell ist hingegen der Auftritt der muslimischen Mazedonierin Zana Ramadani. Die Mitbegründerin von ‘Femen Deutschland’ – der Organisation gehört sie inzwischen nicht mehr an – sprengt gemeinsam mit Mitstreiterinnen eine Podiumsdiskussion, auf der ein Islamist von Honoratioren der Stadt Berlin hofiert wird. Die entblößten Frauen werden von der Polizei aus dem Saal getragen. Eine traurige Facette des Widerstands gegen rigide Bevormundung verkörpert die junge Studentin Arife Yalniz. Selbstbestimmt kann sie nur um den Preis der völligen Isolation von ihrer türkischen Familie leben.

Vierte und wichtigste Protagonistin des Films ist Seyran Ateş. Über die Anwältin und Frauenrechtlerin, die 1984 einen versuchten Ehrenmord schwer verletzt überlebte, wird inzwischen mehr berichtet als noch in den achtziger Jahren. Damals war diese muslimische Selbstjustiz weitgehend ignoriert worden. Sie widersprach dem ideologischen Programm einer vermeintlich friedlichen Multikulti-Gesellschaft. Die Schilderungen der Frauenrechtlerin, wie ein türkischer Auftragskiller in ihre damalige Beratungsstelle kam und um sich schoss, sind gespenstisch. Jagdszenen aus Deutschland.

Auf der Suche nach den historischen Wurzeln jener Tradition, die Frauen zu Leibeigenen des Mannes machen, zitiert Güner Balci aus jenem „Buch der Ehe“ des mittelalterlichen islamischen Rechtsgelehrten Muhammad al-Ghazali, dessen über 900 Jahre alter Kodex offenbar bis heute bestimmt, wie gläubige Muslime über das Geschlechterverhältnis denken. „Die Sexualisierung der Frau im Islam“, so das Fazit des Films, „geht über deren Tod hinaus.“ Dezent nachinszenierte Szenen führen ein islamisches Bestattungsritual vor Augen. Trauernde, die nicht zu den Blutsverwandten zählen, dürfen sich nicht von der Toten verabschieden. Es könnte ja ein Sexualpartner darunter sein.

Selten sah man die islamische Parallelgesellschaft so differenziert wie in Güner Balcis Film. Das Motto ihrer vielschichtigen Ausführungen stammt von Seyran Ateş: „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution.“ In diesem Sinne lässt Balci mit Dalil Boubakeur einen gemäßigten muslimischen Würdenträger zu Wort kommen. Der Rektor der Grande Mosquée de Paris argumentiert sogar psychoanalytisch. Die übermäßige Sexualisierung der Frau im Islam, so seine Diagnose, sei darauf zurückzuführen, dass viele seiner Glaubensgenossen „im vorödipalen Stadium“ steckengeblieben seien. Sie kennen Frauen nur als Mütter. Und die seien entweder Heilige oder Huren. Solche Töne hört man nicht jeden Tag.

Güner Yasemin Balcis Film schürt keinen diffusen Fremdenhass vom Stammtisch. Ihre Arbeit versteht die Autorin und Regisseurin als „Gratwanderung zwischen falscher Vereinnahmung und Gefährdung“. Ihr Film „Der Jungfrauenwahn“ leistet keiner Islamophobie Vorschub. Es geht Balci nicht um die Ablehnung einer bestimmten Gruppe von Menschen, sondern um die Kritik an einer sexistischen Ideologie. Deshalb ist der Zweck ihres Beitrags auch nicht eine pauschale Zurückweisung des Islams, sondern die Hinterfragung einer patriarchalen Deutungshoheit. Der Film geht dorthin, wo es wehtut, ist dabei aber nie polemisch. In einer der schönsten Szenen lernt Seyran Ateş von ihrer Mutter das Beten. Der Film formuliert damit das tiefe Bedürfnis nach einer repressionsfreien Religion.

03.03.2016 – Manfred Riepe/MK