Richard Denton: Privatbriefe eines Heiligen – Die Geheimnisse von Johannes Paul II. (Arte)

Keusche Leidenschaft

20.02.2016 •

Die ursprünglich auf diesem Sendeplatz vorgesehene Dokumentation „Schüsse auf dem Petersplatz – Wer wollte den Papst ermorden?“ entfiel. Es wäre wohl erneut die Aneinanderreihung von Vermutungen und Verdächtigungen gewesen, ohne eine eindeutige Antwort auf die Titelfrage geben zu können. Stattdessen hob Arte eine BBC-Produktion in sein Programm, die bereits im Vorfeld quer durch deutsche und internationale Medien für Furore sorgte, ging es doch ebenfalls um Verdächtigungen und Vermutungen. Hier aber mit der immer für einen vermeintlichen Skandal tauglichen Kombination von „Priester/Kardinal/Papst und verheirateter Frau“. Abteilung Klatsch und Tratsch?

Die Fakten: Die polnischstämmige Philosophin Anna-Teresa Tymienecka nimmt 1973 mit dem Krakauer Kardinal Karol Wojtyla per Brief Kontakt auf, weil dessen Buch „Person und Tat“ sie fasziniert. Sie fragt nach dessen Einverständnis, das Buch ins Englische übersetzen zu dürfen, und will darüber hinaus mit dem Autor in einen wissenschaftlichen Dialog treten. Die beiden sind zu diesem Zeitpunkt 53 (er) bzw. 50 Jahre (sie) alt. Offenbar mag Wojtyla die Art und Weise der Diskussion und beginnt eine Brieffreundschaft, die bis fast zu seinem Tod als Papst Johannes Paul II. anhält – unterschiedlich intensiv, aber dauerhaft, trotz der Kontrolle durch den Geheimdienst in Polen und trotz der Belastungen des Amtes später an der Spitze der katholischen Kirche.

Die „Sensation“, die Richard Denton ausbreitet, unterstützt von Wissenschaftlern und Freunden von Anna-Teresa Tymienecka, besteht darin, dass zumindest von Seiten des Papstes dieser intensive geistige Austausch nicht öffentlich gemacht, sondern einfach gelebt wurde. Anfangs besuchte man sich im Urlaub und wenn die Professorin in Rom weilte, wurde sie zum Abendessen eingeladen. Sie durfte nach dem Attentat auf den Papst an sein Krankenbett in der Gemelli-Klinik in Rom und war noch am Tag vor seinem Tod am 2. April 2005 an seiner Seite.

„Ja und?“, mag man fragen. Gibt es solche Beziehungen zwischen Mann und Frau nicht tausendfach, ohne dass es zu sexuellen Kontakten kommt, wie von Außenstehenden schnell unterstellt wird? Ausdrücklich wird in der 60-minütigen Dokumentation einer Spekulation in diese Richtung Einhalt geboten, weil die zur Verfügung stehenden Briefe einen solchen Verdacht nicht zulassen. Belegt ist lediglich, dass Anna-Teresa sich in den Priester Wojtyla verliebte, obwohl sie verheiratet und Mutter dreier Kinder war. Diese Gefühle wurden aber offenbar nicht erwidert, Karol Wojtyła fühlte sich an sein Zölibatsgelübde gebunden.

Der Film legt nahe, dass es eine platonische, der gemeinsamen Arbeit an der Weiterentwicklung von Wojtyłas Gedanken gewidmete Beziehung war. Ohne Zweifel: Beide standen sich 30 Jahre lang sehr nahe. Und doch blieb Anna-Teresas Rolle im Leben des Papstes für die Außenwelt weitgehend im Verborgenen. Bezeichnenderweise haben selbst Mitarbeiter des Papstes aus dessen unmittelbarer Umgebung in ihren späteren Erinnerungen die Briefpartnerin mit keinem Wort erwähnt. Der Filmautor vermutet darin eine Absicht: Der Heiligsprechungsprozess, der bei diesem Papst ungewöhnlich kurz war, wäre anderenfalls ins Stocken geraten. Im Film ist wohl zutreffend von „keuscher Leidenschaft“ die Rede, als es um die Qualifizierung dieser besonderen Beziehung geht.

Neben den Briefen spielt ein Geschenk des späteren Papstes eine Rolle: Dieser hatte von seinem Vater zur Erstkommunion ein sogenanntes Skapulier geschenkt bekommen – ein „Sakramentale“ aus der Welt der Orden, dem segensreiche Kräfte zugesprochen werden. In diesem Fall ist es ein ungefähr streichholzschachtelgroßes Marienbild, das Wojtyla lange selbst am Hals getragen hat. Im Film wird es als „intimes Geschenk“ bezeichnet, weil der Mann es auf der Haut getragen habe. Aber ist das eine Grenzüberschreitung? Oder Ausdruck der geistigen Übereinstimmung in vielen Fragen, ein Freundschaftsbeweis der besonderen Art?

Der Zuschauer muss am Ende selbst entscheiden, ob er die vielen Briefzitate als Zeichen philosophischer Auseinandersetzung im Ringen um die richtige Sicht der Dinge sieht. Oder mehr in die Zitate hineininterpretiert, als sie herzugeben scheinen. Zu wünschen wäre, dass die polnische Nationalbibliothek, der Tymienecka an die 400 Briefe zur Absicherung ihrer Familie und des Instituts verkauft hat, ehe sie 2004 starb, diese Schreiben komplett der Wissenschaft zur Verfügung stellt. Die Wissenschaft könnte die Inhalte einordnen und Spekulationen Einhalt gebieten.

20.02.2016 – Martin Thull/MK