Florian Oeller/Özgür Yildirim: Tatort – Zorn Gottes (ARD/NDR)

Drastisch und verstörend

20.03.2016 •

Ein toter Araber fällt vom Himmel. Platsch, mitten hinein in den Swimmingpool einer Villa. Das verliebte Paar, das dort planscht, ist geschockt. Es ist jedoch nicht diese fulminante Szene, mit der die „Tatort“-Folge „Zorn Gottes“ eröffnet wird. In der ersten Viertelstunde wird zunächst geschildert, woher der später Getötete kommt und wie der Mann ermordet wird. Der Überraschungseffekt wird nicht nur dadurch abgemildert, sondern auch deshalb, weil die ARD die Szene im vielfach ausgestrahlten Ankündigungstrailer für diesen Krimi zeigte.

Diese „Tatort“-Folge des Norddeutschen Rundfunks (NDR) um den von Wotan Wilke Möhring gespielten Bundespolizisten Thorsten Falke erzählt zwei Geschichten und führt noch die Figur einer neuen Ermittlerin ein. Das funktioniert über weite Strecken gut dank Florian Oellers Drehbuch, das auf einer interessanten Grundidee aufbaut. Lücken im Sicherheitssystem des Flughafens Hannover begünstigen die Planung eines islamistischen Anschlags auf deutschem Boden. Mitverantwortlich dafür sind Rocky Kovac (Christoph Letkowski) und sein Habbruder Mike (Alexander Wüst). Beide gehören zum Wachpersonal, das an den Sicherheitsschleusen des Flughafens tätig ist. Sie nutzen ihre Vertrauenspositionen aus, um nebenbei Geld als Schleuser zu verdienen. Bislang haben sie nur Kriminellen bei der illegalen Einreise geholfen. Doch nun geleiten die korrupten Wachleute erstmals einen Dschihadisten aus Syrien unbemerkt durch den Sicherheitscheck.

Dabei unterläuft den zwei Schleusern prompt ein folgenschwerer Fehler. Aufgrund einer Namensverwechslung passt Rocky den falschen Passagier ab. Der Mann muss durch eine Rumpelkammer und glaubt deshalb, er würde als Araber wie ein Passagier zweiter Klasse behandelt. In einem Handgemenge erschlägt Rocky den Mann und verstaut die Leiche im Fahrwerk eines kurz darauf startenden Flugzeugs – von wo aus sie auf makabere Weise in den Pool stürzt.

So weit ist dieser Krimi schlüssig und mitreißend inszeniert. Regisseur Özgür Yildirim hat einen Blick für die Gegebenheiten eines Flughafens. Mit seiner ausgeprägten visuellen Handschrift kann er das System der Überwachungskameras mit ihren toten Winkeln filmisch gut vermitteln. Man ist gepackt von der originellen Geschichte, fragt sich dann aber, warum der Schleuser Rocky nach seiner verhängnisvollen Panne, die ihn immerhin zum Mörder machte, gleich in die nächste Schwierigkeit hineinschlittert. Nachdem er mit knapper Not seinen eigentlichen Klienten, den Gotteskrieger Enis Günday (Cem-Ali Gültekin), am Sicherheitscheck vorbeischleusen konnte, betäubt er ihn mit dem Elektroschocker, um ihn zu kidnappen. Das ist schwer nachvollziehbar, zumal er durch diese chaotische Aktion auch seine hochschwangere Freundin (Claudia Eisinger) in Gefahr bringt.

Für den Film ist diese nicht ganz plausible Situation indes wichtig, weil sie einen Schlüsselmoment birgt. Rocky findet nämlich heraus, dass sein Gefangener ein alter Bekannter ist. Aufgrund dieser Vertrautheit geraten die beiden in eine politische Grundsatzdiskussion, die dem Zuschauer die Motivation eines sogenannten Gotteskriegers vermitteln soll. Bei der Bombardierung eines syrischen Krankenhauses, an der Deutschland die Schuld trage, habe er miterlebt, berichtet Enis, wie das Baby einer jungen Mutter getötet wurde. Aus Vergeltung plane er nun einen Anschlag auf ein deutsches Krankenhaus. Cem-Ali Gültekin und Christoph Letkowski agieren in dieser Szene zwar durchaus glaubhaft; dennoch wirkt der Versuch, hier das Innenleben eines in Deutschland aufgewachsenen Dschihadisten nachvollziehbar zu machen, aufgesetzt. In dem telegrammstilartigen Drehbuchdialog dazu bleiben irrationale und religiöse Komponenten der Fanatisierung außen vor.

Berührend ist hingegen der Moment, in dem Enis sich vor seinem Selbstmordanschlag telefonisch von seinem weinenden Vater verabschiedet. Die Beziehung zwischen dem integrierten Türken, der eine kleine Autowerkstatt hat, und seinem verblendeten Sohn hat eine tragische Dimension. Es folgt die stärkste Szene des Films, in der Enis mit seinem Komplizen in einem Klinikum in Braunschweig ein Blutbad anzurichten versucht, das jedoch in letzter Minute verhindert werden kann. Nach den Pariser Anschlägen vom vergangenen Jahr geht diese drastische Thematisierung eines islamistischen Attentats unter die Haut und erzeugt eine verstörende Wirkung.

Weniger überzeugend sind dagegen die forcierten Sprüche von Wotan Wilke Möhring, der hier als redseliger Hauptkommissar seinen siebten Fall löst. Gelungen ist immerhin die Einführung seiner neuen Partnerin Julia Grosz. Ohne viele Worte spielt sie glänzend agierend die Kommissarin Franziska Weisz, eine traumatisierte Elitepolizistin, deren Biografie Rätsel aufgibt. Dass dieses Geheimnis am Ende dieser „Tatort“-Folge dann doch schon gelüftet wird, erscheint aber wieder als zu viel des Guten. Dennoch ist „Zorn Gottes” ein überdurchschnittlicher „Tatort“, der trotz gewisser Ungereimtheiten über weite Strecken wirklich spannend ist.

20.03.2016 – Manfred Riepe/MK