„Deutschland 83“: Eine sehr gute Serie im Auftrag von RTL

02.10.2015 •

02.10.2015 • Nach zwei Episoden holt einen die Wirklichkeit wieder ein: „Im Auftrag von RTL“, erscheint auf der Leinwand. Man hatte nach eineinhalb Stunden „Deutschland 83“ schon vergessen, dass diese Produktion tatsächlich beim „Bauer-sucht-Frau“-Sender läuft. Das Grimme-Institut hatte im Rahmen seiner Reihe „Grimme trifft die Branche“ in die Deutsche Kinemathek nach Berlin geladen, unter dem Titel: „‘Deutschland 83’ oder die Renaissance der Serie“. Dass hier RTL-Vertreter auf dem Podium saßen, war ja fast schon ein Politikum für sich. Sieben Branchentreffen hatte es zuvor gegeben, es wurde unter anderem über „Zeit der Helden“ (Arte/SWR Fernsehen) und Dominik Grafs Epos „Im Angesicht des Verbrechens“ (ARD/Arte) diskutiert – und nun zum ersten Mal über eine Privatfernsehproduktion. Zumindest über die ersten beiden Folgen.

Und die bestätigten viele der Lobeshymnen, die auf „Deutschland 83“ seit dessen Premiere auf der Berlinale 2015 schon gesungen worden waren. Die Geschichte um den DDR-Grenzer Martin Rauch (Jonas Nay), der in Westdeutschland als Ordonnanzoffizier und mit dem neuen Namen Moritz Stamm im nahen Umfeld des Generals Wolfgang Edel (Ulrich Noethen) platziert wird, ist erst einmal stark in Szene gesetzt (Regie: Edward Berger, Samira Radsi). Sie fängt spannend an (Buch: Anna Winger). Und sie weiß es trotz eingespielter Originalszenen mit Ronald Reagan, Erich Honecker oder Helmut Kohl zu vermeiden, dem Zuschauer das Gefühl vom Geschichtsunterricht in der 10. Klasse zu geben.

Hoffmann und Hofmann

Zugegeben, es wirkt ein wenig klischeebeladen, wenn bei der Gartenparty Nenas „99 Luftballons“, im Supermarkt Peter Schillings „Major Tom“ und auf der Kasernenstube Joachim Witts „Goldener Reiter“ laufen, doch ist diese etwas plumpe Rückversetzung mittels der Musik in alte (west)deutsche Zeiten Teil der Vermarktungsstrategie. Das Jahr 1983 – Aufrüstung, SS 20, Pershing, Friedensbewegung – war ein einschneidendes, ein politisierendes Jahr der späten Babyboom-Generation: ein Jahr der Freiheit im Privaten und ein Jahr der Bedrohung im Politischen. „Aus strategischen Überlegungen“ seien die 80er Jahre prädestiniert für eine solche Serie, sagt RTL-Programmgeschäftsführer Frank Hoffmann: „Die Zeit ist noch sehr präsent.“ Und außerdem lebten die meisten von damals noch – und die bekämen in der Serie gleich noch den Soundtrack ihrer Jugend vorgesetzt. Schon 2013, kurz nach Hoffmanns Amtsantritt als RTL-Chef, hatten er und Ufa-Produzent Nico Hofmann sich getroffen und über eine deutsche Serie sinniert. „Ein bisschen hat es uns genervt, dass alle immer von den amerikanischen Serien reden“, gibt Frank Hoffmann zu verstehen. Und für Nico Hofmann war die wichtigste Frage, „wie radikal“ man Fiktionales bei RTL umsetzen könne.

Beim US-amerikanischen Pay-TV-Sender Sundance TV kam dieses Radikalität schon ganz gut beim Publikum an. Alle acht Folgen von „Deutschland 83“ seien dort über dem Quotenschnitt des entsprechenden Programmplatzes gelaufen, weiß Nico Hofmann zu berichten, die Zuschauerzahlen schwankten zwischen 60.000 und 140.000. Einen „Nischenprogrammerfolg“, nennt Hofmann das, nun sei es interessant zu sehen, wie groß der Erfolg bei RTL sein wird. Dessen Chef stellt gleich mal klar: „Wir möchten mit unserem Programm nicht in der Nische landen.“

Himmel und Hölle

RTL setzt halt noch auf ein sehr klassisches Erlösmodell: Viele Zuschauer ins Programm ziehen, Werbeplätze verkaufen, Geld verdienen. Anders als in den USA sei das, erklärt Frank Hoffmann: Dort gehe es darum, mit den Programmen Aufmerksamkeit zu generieren – nicht unbedingt für die Reichweite einer Serie, sondern für Abos. Und auch wenn RTL bei „Deutschland 83“ mit der Ausstrahlung von Doppelfolgen und dem längeren Vorhalten der Serie im Online-Angebot den neuen Sehgewohnheiten entgegenkommen will, muss der Privatsender doch Quote machen. Deswegen die 80er Jahre, deswegen die Babyboomer, deswegen die Musik. Umso erstaunlicher, dass trotz dieser Reichweitenmaximierungsstrategie eine überdurchschnittlich gute Serie entstanden ist. Autorin Anna Winger begründet das damit, dass sie US-Amerikanerin sei: „Ich bin weder West- noch Ostdeutsche, ich musste beide Seiten recherchieren.“ Das habe sie beim Schreiben freier gemacht.

Sehr frei interpretiert RTL im Anschluss an die Serie auch den Bereich „Information“, wenn der Sender Nachrichtenanchor Peter Kloeppel und Moderatorin Inka Bause auf die Reise schickt, der Politik und dem Lebensgefühl des Jahres 1983 nachzuforschen. Ein Teil der Doku, die am 26. November im Anschluss an die ersten beiden Folgen laufen wird, wurde beim Branchentreff gezeigt: Da sitzt dann Bause mit Neonstirnband, Neonohrringen und Neonketten bei Nena und schnackt mit ihr über „99 Luftballons“. Anschließend läuft Bause durch die Botanik, in der Hand ein paar Luftballons und lässt sie entschweben. Es ist, als hätte man mit „Deutschland 83“ den Privatfernsehhimmel durchschritten, nur um dann ans Tor zur Privatfernsehhölle zu gelangen.

02.10.2015 – jük/MK