Die Sache mit dem Fernsehen

Interview mit Jürgen Klopp, Trainer des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund

Von Freddie Röckenhaus
12.11.2010 •

12.11.2010 •Jürgen Klopp, 43, ist Trainer des BV Borussia Dortmund. Aktuell ist die Mannschaft Tabellenführer der Fußball-Bundesliga. Klopp hat 2006 und 2010 den Deutschen Fernsehpreis gewonnen, ihn beide Male aber nicht selbst entgegengenommen. Von 2005 bis 2008 bildete der Trainer zusammen mit Johannes B. Kerner und dem Schweizer Schiedsrichter Urs Meyer das Fußball-Moderatorenteam des ZDF, das speziell bei Live-Übertragungen von Länderspielen die Begegnungen analysierte. In diesem Jahr war Klopp Experte bei den RTL-Übertragungen von der Fußball-WM in Südafrika. Bevor er zur Bundesliga-Saison 2008/09 nach Dortmund wechselte, hatte der diplomierte Sportwissenschaftler acht Jahre lang den FSV Mainz 05 trainiert, den er zum Aufstieg von der Zweiten in die Erste Bundesliga führte und für den er als Spieler selbst 325 Zweitliga-Begegnungen absolvierte. Im FK-Interview spricht Jürgen Klopp über Fußball, Fernsehen, spritzende Schweißperlen und über die Vor- und Nachteile prominenter Bildschirmpräsenz. Das Gespräch führte Freddie Röckenhaus. • FK

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FK: Herr Klopp, als Sie vor zweieinhalb Jahren vom kleinen Mainz 05 zum großen Klub Borussia Dortmund gewechselt sind, kannten viele BVB-Anhänger Sie eher als den Mann, der im Fernsehen immer so schön Fußball erklärt. Vor allem die Nationalmannschaft bei der Fußball-WM 2006. Das hat Sie damals, wie man dann merken konnte, sichtlich gewurmt.

Klopp: Die Gewichtung war nicht angenehm, das stimmt. Es war ja so, dass ich in Mainz schon eine ganze Weile auf der Straße erkannt und angesprochen wurde, weil ich eben der Trainer von Mainz 05 war. Dann stellte sich heraus, dass über Mainz hinaus meine Bekanntheit sich mehr durch meine Auftritte als Fernsehexperte aufgebaut hatte. Man ist sich ja nicht so bewusst, auf welchen Wegen man eigentlich bekannt wird.

FK: Was war Ihnen so unangenehm an dieser Bekanntheit, die Sie aus der Nebentätigkeit für den Bildschirm gewonnen haben?

Schlagzeilen wie „Der TV‑Bundestrainer“

Klopp: Ich neige dazu, unangenehme Dinge zu vergessen. Wenn ich zu etwas kein Gefühl entwickeln kann, wenn etwas unangenehm war, dann verschwindet es irgendwie. Ich kann mich aber an eine Situation erinnern, als wir mit Mainz vor der Saison ein Testspiel in Würzburg machten. Die Bude war voll und der Stadionsprecher sagte so etwas wie: „Wir begrüßen Jürgen Klopp. Und der WM-Experte vom ZDF hat seine Mannschaft auch dabei.“ Da wusste ich, dass ich da intervenieren muss.

FK: Sie sind Anfang Oktober schon zum zweiten Mal mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet worden. 2006 erhielten Sie die Auszeichnung für Ihre Co-Kommentierung beim ZDF während der Fußball-WM in Deutschland und dieses Mal für denselben Job bei RTL. Sie haben den Preis allerdings beide Male nicht persönlich abgeholt. Stattdessen sind Sie in diesem Jahr zu einer privaten Geburtstagsfeier von Freunden gegangen. Sind Ihnen die Fernsehgeister unheimlich, die Sie da gerufen haben?

Klopp: Haha. Sagen wir es so: Ich möchte sicher nicht in die Annalen eingehen als der Fußballtrainer, der zweimal den Fernsehpreis gewonnen hat, aber mit seinen Mannschaften leider nichts Bedeutendes.

FK: Das Fernsehen erzeugt heutzutage über Nacht surreale Bekanntheit. Vielleicht weil es sich immer stärker auf die Menschen fokussiert, die vor Kameras stehen. Denken Sie nicht, dass Ihnen Ihr kolossaler Erfolg als WM-Experte beim ZDF auch den Weg in Ihrem eigentlichen Beruf als Trainer mitgeebnet hat? Weil eben auch Klubmanager fernsehen und Ihre Popularität und Volkstümlichkeit bewundern.

Klopp: Mir hat diese Fernsehsache zunächst einmal auch geschadet. Es gab dann solche Schlagzeilen wie: „Der Star in Mainz ist der Trainer“ oder „Klopp, der TV-Bundestrainer“ oder auch: „Klopp, der emotionale Zausel“...

FK: ...dafür, dass Sie unangenehme Dinge schnell verdrängen, können Sie sich aber gut erinnern.

Klopp: Zugegeben. Jedenfalls hatten wir alle zusammen in Mainz damals ja schon sehr viel Entwicklungsarbeit geleistet, viel probiert, mehrere Aufstiegskämpfe absolviert, sind dann aufgestiegen in die Erste Liga, drin geblieben. Meine Expertenrolle im Fernsehen stellte mir das alles viel zu sehr in den Schatten. Ich muss aber auch sagen: Ich hatte auch vor der WM 2006 schon mehrfach die Gelegenheit, als Trainer in die Erste Bundesliga zu wechseln. Aber die Zustimmung einer breiten Öffentlichkeit zu meinen Fernsehauftritten kann natürlich zu gewissen Vorschusslorbeeren geführt haben.

FK: Das Fernsehen neigt dazu, manche Leistungen krass überzubewerten und andere völlig auszublenden.

Gefühlte Wichtigkeit

Klopp: Das Fernsehen bietet jedenfalls Bedeutungsmuster an. Wir tendieren deshalb dazu, jemanden, der dort in weißem Kittel und mit Birkenstock-Schuhen herumsteht, ein medizinisches Fachwissen zuzutrauen. Das mag außerhalb des Fernsehens auch so sein, aber der Effekt verstärkt sich auf dem Bildschirm. Im Fernsehen nimmt die gefühlte Wichtigkeit von allen und allem enorm zu. Das ist wahrscheinlich nicht gesund, aber halt menschlich.

FK: Haben Sie selbst eigentlich eine Erklärung dafür, warum Sie diese kolossale Zustimmung bei den Zuschauern genießen für Ihre Art, das Spiel zu beurteilen und zu erklären?

Klopp: Nicht wirklich. Meine Fähigkeit, frei daherzureden vor anderen Leuten, war schon immer da. Wahrscheinlich habe ich die von meinem Vater mitbekommen. Diese Leichtigkeit des Formulierens habe ich nun mal. Ich nehme das eigentlich kaum wahr an mir. Wenn man laufen kann, freut man sich ja auch nicht jeden Tag, dass man laufen kann.

FK: Ein bisschen haben Sie aber schon mal drüber reflektiert. Das gehört ja wohl auch zu Ihren Eigenschaften...

Klopp: Wenn man sich selbst nicht so wichtig nimmt, dann meint man auch nicht, dass man dauernd bedeutungsschwer sein muss. Ich bin kein Dampfplauderer, ich muss mir aber auch nicht viel aufschreiben. Was ich sage, ist nicht so wichtig. Ich habe aber Verständnis für Leute, die sich nicht mehr normal ausdrücken können, sobald das Rotlicht angeht. Die Leute fangen an, sich selbst zu beobachten. Mir ist das völlig fremd. Mir sind meine Versprecher wurscht.

FK:  Das erklärt noch nicht den Unterhaltungsfaktor, den Sie offenbar haben. Bei RTL haben Sie in diesem Fußball-WM-Sommer locker Günther Jauch zum Statisten gemacht. RTL war als einziger WM-Sender überhaupt nicht in Südafrika präsent, hat aber wohl allein dank Ihrer Auftritte den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie 'Sportberichterstattung' bekommen, wobei die Entscheidung vielleicht auch etwas umstritten war...

Die Spieltagsanalyse von Thomas Strunz bei Sport 1

Klopp: Ich bin zu meiner eigenen Überraschung in der 8. Klasse zum Klassensprecher gewählt worden. Hätten mündliche Leistungen schon damals mehr gezählt – meine Abiturnoten wären sicher besser ausgefallen. Ich kann gut zuhören und deshalb in Gesprächen spontan reagieren. Ich merke mir auch gerne gute Sprüche von anderen Leuten. Ein Freund von mir hat sich so etwa alle witzigen Formulieren der letzten fünfzehn Jahre gemerkt. Das kann ich natürlich nicht, aber er ist eine gute Quelle. Kritiker sind unwichtig im Moment des Gesprächs. Man kann im freien Gespräch auch mal übers Ziel hinausschießen. Das ist alles nicht so wichtig.

FK:  Mit wem haben Ihnen die Gespräche vor der Kamera denn selbst am meisten Spaß gemacht?

Klopp:  Die Zusammenarbeit mit Johannes Kerner wie auch mit Günther Jauch war gut. Aber Kerner ist halt ein totaler Fußball-Maniac. Der wäre selbst Kicker geworden, wenn er das Talent für eine höhere Liga gehabt hätte. Johannes ist beim Fußball wie ein Schuljunge, der sich freut, wenn er nach der Sendung mehr weiß als vorher. Das hat viel Spaß und Leidenschaft im Team erzeugt. Günther Jauch ist da mehr der Profi, weniger der Fußballer. Außerdem gibt es bei RTL andere Zwänge, Werbezeiten, die lang sind und punktgenau laufen müssen. Man soll da in höchstens einer Minute und fünfzehn Sekunden alles auf den Punkt bringen. Das ist bei komplexen Spielen schon manchmal etwas...schwierig.

FK: Zur Zeit wird überall im Fernsehen nach einem Nachfolger für Sie gesucht. Mit mäßigem Erfolg. Wer gefällt Ihnen denn selbst am besten?

Klopp: Mehmet Scholl macht bei der ARD einen Klasse-Job. Doch wer mir im Moment am besten gefällt, ist Thomas Strunz bei der Spieltagsanalyse auf Sport 1. Auch Thomas Helmer ist dort nicht schlecht. Aber Strunz gefällt mir im Moment am besten. Das ist schon ganz lehrreich, wenn ich da mal jemand anderes sehe, der das auch gut kann. Der dritte Mann in der Sendung stört da manchmal nur. (Lacht.)

Was ich im Fernsehen im Ausland bewundere

FK: Lernen Sie da ernsthaft noch etwas, wenn Sie sich selbst solche Sendungen anschauen und die Experten hören?

Klopp:  Wenn man das Spiel nicht selbst gesehen hat, ist es lehrreich. Die verschiedenen Kameraauflösungen sind natürlich hilfreich. Normalerweise macht man als Trainer diese Analysearbeit ja viel öfter selbst, um der eigenen Mannschaft etwas mitgeben zu können. Was ich im Fernsehen im Ausland halt manchmal bewundere, in England, aber auch in Schweden zum Beispiel: Da sitzen einfach drei Leute, die sich nur über Fußball unterhalten. Was hat man in der oder der Situation richtig oder falsch gemacht? Es hilft natürlich, wenn wir alle, die wir uns für Fußball interessieren, mehr von Fußball verstehen.

FK: Wissen wir denn nicht genug über Fußball?

Klopp: In der öffentlichen Wahrnehmung ist der Wissensstand allgemein zu niedrig, finde ich. Der könnte höher sein, denn es scheinen sich ja viele Leute sehr dafür zu interessieren.

FK: Was wäre Ihnen denn zu wenig?

Klopp: Ich höre im Moment dauernd die aktuellen Mode-Statements: „Wir waren nicht nah genug dran“, „Unsere Einstellung war falsch“, „Wir standen zu tief“, „Wir konnten die Zweikämpfe nicht führen“. Ja, warum konnte man denn die Zweikämpfe nicht führen? Wenn man nicht festgebunden ist, warum kann man es dann nicht?

FK: Da sind Sie ja wieder mitten drin in der Expertenrolle...

Klopp: Im Ernst: Ich kriege kaum etwas von meinen eigenen Moderationen mit. Ich mache im Fernsehen einfach fast genau das, was ich mit meiner Mannschaft sowieso zweimal die Woche mache. Da ist kaum ein Unterschied! Da schauen wir natürlich Videomaterial zusammen an. Mir ist dabei wurscht, ob jetzt etwas neuerdings als „Abklappen“ bezeichnet wird. Man schaut sich Fehler an und ich bin demjenigen Spieler, der mal einen klaren Fehler gemacht hat, im Prinzip sogar dankbar, weil er mir die Gelegenheit gibt, etwas klar aufzuzeigen, was in abgeschwächter Form vielleicht dauernd falsch gemacht wird. So funktioniert ja Lernen.

Wichtige Dinge sieht man im Stadion besser

FK: Die Auswirkungen Ihrer Kritik sind aber im Sitzungsraum von Borussia Dortmund für den Spieler unangenehmer als für uns Couch-Kartoffeln?

Klopp: In einer Mannschaftssitzung kann ein Spielername durchaus häufiger fallen, weil er zum Beispiel im Spiel exemplarisch etwas falsch gemacht hat. Aber wir analysieren immer im Sinne von Verbesserung, nicht im Sinne von: Du Schwachmat, was hast Du da angestellt!? Wir zeigen der Mannschaft auch oft Bilder von guten Szenen. Wir schauen uns auch in jeder Halbzeitpause in der Kabine ein paar Schlüsselszenen an, die unser Scout Sven Mislintat während der ersten Spielhälfte sozusagen in Echtzeit zusammenstellt. Da zeigen wir übrigens niemals: Was war Scheiße? Sondern wir zeigen gute Szenen. So, davon bitte mehr, so geht‘s richtig.

FK: Bilder sind für uns Menschen sehr suggestiv und bleiben haften. Was machen die unendlichen Wiederholungen von Fernsehbildern mit Spielern, wenn sie sich ihr Versagen immer und immer wieder anschauen müssen?

Klopp: Ein Spieler muss sich nicht jede Sportsendung anschauen. Wenn wir unseren Jungs Bilder zeigen, dann dürfen das nie zu viele Bilder sein. Nach dem Spiel kann man sowieso nicht viel rückblickende Analyse betreiben, denn nach einem Spiel ist drei, vier Tage später schon das nächste Spiel. Die Jungs sollen die Bilder nicht mit sich herumschleppen. Undeutliche Szenen sollte man sowieso weglassen. Man kann diese ganzen Analysen nur mit ganz überdeutlichen, großen Bildern machen.

FK: Man sagte früher immer, dass man ein Fußballspiel nur dann wirklich verstehen kann, wenn man es im Stadion sieht, nicht im Fernsehen. Stimmt das eigentlich noch?

Klopp: Ja, natürlich. Wenn man wichtige Dinge sehen will, geht das im Stadion besser als im Fernsehen. Im Live-Fernsehen sind einige Dinge besser geworden: Man sieht Eins-gegen-eins-Situationen besser, man sieht ganz individuelle Fehler besser. Ideal wäre für mich allerdings, wenn ich die normale Führungskamera hätte, also ohne Trainerschnitte und so weiter, die nur stören. Und dann noch eine Kamera, die hinter dem Tor steht und das Spielfeld in der Länge hochschaut.

FK: Das wäre das Trainer-Fernsehen?

Klopp: Mir ist klar, dass so etwas kein Unterhaltungsbild ist, sondern eine Experten-Perspektive. Man sieht aber aus der erhöhten Hintertor-Kamera am besten das Schieben und Bewegen beider Mannschaften, also gruppentaktische Dinge, über das ganze Spielfeld in voller Länge. Ich glaube nicht, dass sich besonders viele Zuschauer dafür interessieren. Flugkameras und Bilder von jubelnden Zuschauern bringen dagegen mir wenig. Die Bildqualität schien mir 2006 bei der WM übrigens besser als 2010. Das nur mal nebenbei.

Eine vollkommene Szene

FK: Wie besorgen Sie sich dann Ihre Experten-Perspektiven?

Klopp: Mit eigenen Kameras. Uns nützt ja das Sky-Bild mit dem Zweikampf rechts an der Eckfahne nichts, nur weil da die Schweißperlen spritzen. Wir haben weitwinklige Einstellungen, um den Raum sehen zu können. Früher haben wir mit VHS-Videorekordern gearbeitet und ich habe mir mühsam die Timecodes von Szenen aufgeschrieben, jetzt gibt es DVD-Player. Früher hatten wir nur das DSF-Bild. Aber ganz generell: Es reicht, wenn man sich normale Situationen öfter angucken kann. Du willst ja sehen, ob der Verteidiger etwas verhindern kann, wenn er sich anders zum Gegner stellt.

FK: Ist Ihnen ein Fernsehbild aus den letzten Wochen in Erinnerung, das sie besonders gerne gesehen oder gezeigt haben?

Klopp: Ja. Das war unser Tor zum 2:1 beim FC St. Pauli. Die Strafraumbesetzung geht nicht besser als in dieser Szene. Wir wollen bei einem geordneten Angriff immer mindestens mit drei, besser vier Spielern im gegnerischen Strafraum sein, mindestens zwei weitere rund um den Strafraum. Götze geht mit dem Ball bis zur Torauslinie, passt von der rechten Seite zurück, Richtung Elfmeterpunkt, wo Großkreutz steht. Kevin könnte schießen, schießt aber nicht, sondern täuscht nur an, weiß aber, ohne zu gucken, dass Kagawa hinter ihm ganz frei stehen muss, weil das unser Spielzug so vorgibt. Kevin lässt also für Shinji durch, der den Ball flach in die Torecke schießt. Wäre der Ball an den Pfosten gegangen, dann steht dort verabredungsgemäß auch noch Bender, der den Abpraller dann hätte reinschieben können. Eine vollkommene Szene. Ich habe das Bild abgespielt und war glücklich.

• Interview aus Heft Nr. 45/2010 der Funkkorrespondenz (jetzt: Medienkorrespondenz)

12.11.2010/MK