Herbstblond – Gottschalks große Geburtstagsparty. Live-Show (RTL)

Frauenknie, Klamotten und Rock’n’Roll

20.05.2015 •

Wetten, dass dieser Fernsehabend selbst Thomas Gottschalk, der an Blödsinn aller Art ja gewohnt ist, in manchen Momenten peinlich berührte? Dass er sich zum Beispiel fragte, wieso er mit dem Model Lena Gercke Schmink-Roulette spielen muss und warum Bülent Ceylan flache Witze machen darf über Gottschalks Nase und seinen zweiten Vornamen Johannes? Doch ein Profi, und das ist Thomas Gottschalk zweifelsohne, schweigt darüber und genießt, was ihm RTL sonst noch Gutes (an)tut mit der „Großen Geburtstagsparty“ – 65 Jahre alt ist der Entertainer am 18. Mai geworden. Auf den Tag genau, als Gottschalk ins offizielle Rentenalter übertrat, hat ihm sein aktueller Arbeitgeber RTL eine fast dreistündige Live-Show spendiert, beinahe von „Wetten, dass..?“-Dimension, nur ohne Bagger-Wette.

Bombastisch ging es los. Die ‘Moderatorenbombe’ Barbara Schöneberger, bestens gelaunt, hatte sich in ihren rotesten Petticoat gepresst und kriegte sich vor Superlativen kaum ein, als sie „den Show-Titan, den Goldbären, die Supernase“ ankündigte. In der Manier eines Box-Champ schritt der Jubilar nebst Leibwächtern hoch hinauf in die obere Etage des Admiralspalasts in Berlin, nahm von einem Podest aus warmen Applaus entgegen, um dann über eine Feuerwehrstange hinunter auf die Bühne zu gleiten. Das naheliegende Bild „ein Star rutscht ab“ hatten die Show-Ausrichter wohl eher nicht im Sinn. Im Gegenteil. Die Einlage sollte Gottschalks Virilität und rüstiges Befinden bezeugen. Später in der Show kletterte der Altmeister sogar, wie einst Roberto Benigni bei der Oscar-Verleihung, über die Stuhlreihen, um einer Zuschauerin eine Ananas zu überreichen. Eine Ananas! So ein Quatsch. Aber gut.

Das ehrwürdige Admiralspalast-Theater ist zwar ein ehrwürdiger Ort für eine Feier, denn es bildet einen festlichen und einem solchen Ereignis angemessenen Rahmen, fürs Fernsehen indes ist es nur bedingt tauglich. Die Bühne: in der Breite schmal, dafür in der Tiefe umso länger und unübersichtlicher. Blickkontakt mit dem hinteren Bühnengeschehen? Für die vorderen Protagonisten nur unter größten Verrenkungen möglich. Show-Regisseur Frank Hof, „Wetten, dass..?“-erprobt, machte deshalb aus der Not eine Tugend und dirigierte seine Kameraleute immer wieder kreuz und quer und um die Sofagruppe links, die Bar rechts herum. So bekam man von Otto Waalkes im hinteren Bühnenteil wenigstens mal die Beine zu sehen.

Otto war quasi als James Last gebucht. Mit seiner Band „Friesenjungs“ coverte er von „No Milk Today“ über „Satisfaction“ bis „Born to be Wild“ alles an Rock, was sich vor seinem Stimmchen nicht retten konnte. Michelle Hunziker, Gottschalks Assistentin aus späten „Wetten, dass..?“-Tagen, hauchte zuerst „Happy Birthday“ und dann „It’s My Life“ von Bon Jovi, und Alfons Schuhbeck versuchte sich am John-Denver-Hit „Take Me Home, Country Roads“. Für Thomas Gottschalk mögen das alles bestimmt Höhepunkte gewesen sein, wurde doch hier der Soundtrack seines Lebens vorgetragen. Für alle anderen Ohren war es eine schmerzhafte Erfahrung. Zum Glück spielten dann noch echte Rock-Profis, Status Quo mit „Rockin’ All Over The World“ – und mit einem verkleideten Günther Jauch am Keyboard. Mehrmals wies RTL per Laufband darauf hin, dass Gottschalk von diesem Jux nichts wisse. Die Überraschung für den Zuschauer war damit passé. Nicht gut.

Wenn schon keine echten Überraschungen, dann gelang es RTL doch wenigstens fabelhaft, die stille Sehnsucht nach den guten alten „Wetten, dass..?“-Zeiten zu befriedigen. Und zwar gleich in der ersten Viertelstunde der Geburtstagsshow, als der Gefeierte das rote Wählscheibentelefon auf dem Tresen abhob und sich Cher live aus L.A. meldete: „Hello, meine Schatzi.“

Hollywood stand also für den „Thomas“ an diesem besonderen Abend in Berlin wieder Spalier – wenn auch, sehr kosteneffizient, nur per Video oder per Telefon. Aber immerhin. Welche deutsche Showgröße kann schon von sich behaupten, dass Arnold Schwarzenegger sich geehrt fühlt, mit einem befreundet zu sein? „My friend“, schmeichelte Arnie, der nach so vielen Jahren in Amerika der deutschen Sprache offenbar nicht mehr mächtig ist. Dafür überraschte Terence Hill, Sohn einer deutschen Mutter, mit akzentfreiem Deutsch. Céline Dion gurgelte „Happy Birthday“, Kevin James scherzte „Du bist zum Tanzen geboren“, Kylie Minogue schickte Luftküsse, Heidi Klum schickte noch mehr Luftküsse und Lionel Richie reichte die Helium-Flasche weiter, die ihn auf ewig mit „Wetten, dass..?“ verbindet.

Richie hatte einst im ZDF eine Wette verloren und musste seinen Hit „Hello“ vortragen, während er Helium inhalierte. Gottschalk sollte es Richie nun gleichtun. Zum Papageno zurechtgeschminkt (dank Lena Gercke) sang er mit Micky-Maus-Stimme vom Vogelhändler, David Garrett begleitete an der Geige. So ein Quatsch. Aber, okay, irgendwie auch gut.

Ungut war, dass von 40 Jahren Gottschalkscher Show-Karriere letztlich erstaunlich wenig in dieser RTL-Gala zu sehen war und dass sein Leben auf die drei Gähn-Themen Frauenknie, Klamotten und Rock’n’Roll zusammenschnurrte. Möglicherweise könnte das daran gelegen haben, dass das ZDF als „Wetten, dass..?“-Ausrichter knickerig mit dem Herausrücken von Archivmaterial war. Zum anderen schafften es Gratulanten auf die Bühne, die in erster Linie mit dem Sender RTL und erst in zweiter Linie mit dem Jubilar verbandelt sind. So wie der RTL-Schneider Guido Maria Kretschmer. Er war gebucht, um dem Jubilar in Sachen „Textil-Terrorismus“ eine mitzugeben. Das tat er auch so ausgiebig wie überflüssigerweise.

Mit 5,44 Mio Zuschauern (Gesamtpublikum) und einem Marktanteil von 19,4 Prozent hatte die Geburtstagsshow eine sehr ordentliche Quote und auch bei den 14- bis 49-Jährigen waren die Zahlen mit 1,88 Mio und 18,5 Prozent bestens. Das lag in beiden Fällen deutlich über dem derzeitigen RTL-Durchschnitt, der etwa im April nur 9,9 Prozent beim Gesamtpublikum betrug und bei den jüngeren bei 13,2 Prozent lag.

Noch zu erwähnen wäre, dass „Herbstblond – Gottschalks Große Geburtstagsparty“ (Produktion: Constantin Entertainment) mitten in den Werbetrubel um Gottschalks gerade erschienene Biografie „Herbstblond“ hineinplatziert war. Ganz nüchtern betrachtet handelte es sich bei dieser namensgleichen Show also um einen weiteren Promo-Auftritt, von dem nicht zuletzt auch RTL indirekt profitiert. Der „Herbstblond“-Verlag Heyne gehört wie RTL zum Bertelsmann-Imperium.

20.05.2015 – Senta Krasser/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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