Claus Kleber/Angela Andersen: Schöne neue Welt – Wie Silicon Valley unsere Zukunft bestimmt (ZDF)

Stirnrunzelnd durchs gelobte Land

24.06.2016 •

24.06.2016 • In der US-Fernsehserie „The 100“, die in Deutschland bei Sixx zu sehen ist, übersteht eine Künstliche Intelligenz den apokalyptischen Atomkrieg, der die gesamte Erde verwüstet hat. Nur auf Raumstationen im Orbit gibt es Überlebende. Als sie zur Erde zurückkehren, um sie wieder zu besiedeln, trachtet die Künstliche Intelligenz danach, diese Menschen zu kontrollieren. Das gelingt, sofern sie eine Art Tablette einnehmen. Kein pharmazeutisches Produkt, sondern Nanotechnologie, die das Nervensystem beeinflusst.

Klingt phantastisch, ist aber zum Greifen nahe. Diese unheimliche Form der Schluckimpfung gibt es schon. Parallel werden Rechnergehirne darauf gedrillt, Erfahrungen zu verarbeiten und selbständig Entscheidungen zu treffen. Einmal mehr bewahrheitet sich: Was sich der Mensch ausdenken kann, wird er auch irgendwann konstruieren. Selbst ein Journalist wie Claus Kleber, als Moderator des ZDF-„Heute-Journals“ eigentlich laufend mit dem Stand der Dinge konfrontiert, ist verblüfft: „Auf die Energie, mit der es hier vorwärts geht, war ich nicht vorbereitet“, sagt er sympathisch offen zu Beginn seines gemeinsam mit Angela Andersen realisierten Films über die Zukunftsschmiede Silicon Valley.

In der öffentlichen Wahrnehmung gleicht das Silicon Valley noch immer einem Mythos. Einst standen hier Obstplantagen, bis sich im Umfeld der Stanford-Universität die ersten Halbleiterproduzenten ansiedelten und eine neue Art von Unternehmenskultur etablierten: hemdsärmelig, mit flachen Hierarchien, dabei hartnäckig und leidenschaftlich zukunftsgewandt. Die Anfänge des digitalen Zeitalters.

Im Film (Produktion: Eco Media) zeigt eine Trickaufnahme, was daraus wurde. Im südlich von San Francisco gelegenen Silicon Valley ballen sich die Marktführer: Google, Facebook, Apple, Ebay und viele mehr. Und immer noch herrscht Aufbruchstimmung. Der neue Geschäftsbereich: Genforschung. Nebenan in Berkeley wurde ein vereinfachtes Verfahren zur Veränderung des Erbguts entwickelt. Mit der Möglichkeit, neue Pflanzen, sogar neue Wesen zu kreieren – Einhörner müssen nicht länger der Phantasie überlassen bleiben. Der Internet-Gigant Google engagiert sich bereits in diesem Bereich. Der Leiter der Entwicklungsabteilung Google X, er heißt Astro Teller, wünscht sich Genbiologen, die nicht mehr wie Mediziner, sondern wie Ingenieure denken.

Claus Kleber, der in dieser einstündigen Reportage auch vor der Kamera agiert, hört sich solche Ideen und Zukunftsvisionen sichtbar stirnrunzelnd an. Er spricht mit Firmengründern, Professoren, Geschäftsführern. Die berichten begeistert von neuen Techniken und vom förderlichen Klima des Silicon Valleys. Der Deutsche Sebastian Thrun, der bei Google am selbstfahrenden Auto mitarbeitete, räumt lächelnd ein, dass im Silicon Valley gerade deshalb so vieles möglich sei, weil die an demokratische Verfahren gebundene zentrale Regierung in Washington gesetzgeberisch hinter den technischen Entwicklungen zurückbleibe.

Die Schattenseiten der neuen Ökonomie zeigen Claus Kleber und Angela Andersen am Beispiel von Resty Mendoza. Der hat seinen Beruf aufgegeben, um in San Francisco mit Hilfe des Fahrtenvermittlers Uber Taxiunternehmer zu werden. Ein Reinfall. Uber hat mehrfach die Provisionen erhöht, Mendoza verdient so wenig, dass er sich keine Wohnung in der Stadt leisten kann und auf einem Parkplatz nahe der Golden Gate Bridge im Auto schlafen muss.

Ähnlich kritisch ließe sich über Airbnb berichten, den Vermittler privater Übernachtungsmöglichkeiten. Kleber lässt den Unternehmenssprecher Nathan Blecharczyk zu Wort kommen, der von den „schönen Erfahrungen“ der Nutzer schwadroniert. Doppeldeutig gerät sein Ausspruch „Neugier ist der Treibstoff für Kreativität“. Denn Airbnb steht in der Kritik, weil die Nutzung des weltweiten Angebots nur möglich ist unter Preisgabe persönlicher Daten inklusive Foto oder in manchen Ländern sogar eines Videos, in dem man sich vorstellt. Davon erfährt der Zuschauer jedoch nichts.

In seinem Kommentar und auch vor der Kamera lässt Claus Kleber zwar seine Skepsis anklingen, sie findet aber nur geringe inhaltliche Umsetzung. Wie passen die großspurigen Versprechungen und Visionen der Unternehmensvertreter und der Industrie nahestehender Hochschullehrer zu den Realitäten des Alltags? Zu Handys, die keine Verbindung finden, zu Navigationsgeräten, die den Fahrer in die Irre führen, zu Eingabemasken, die die Ent­scheidungsfreiheit der Nutzer einschränken? Astro Teller lobt vor Klebers Kamera die Google-Landkarten als „die besten der Welt“. Dem hätte Kleber widersprechen dürfen, denn die Erfahrungen sehen anders aus.

Claus Kleber wirkt beinahe überrumpelt angesichts der technischen und sozialen Utopien, die ihm im gelobten Land des Computerzeitalters vor Augen geführt werden. Staunend liefert er eine Bestandsaufnahme der grassierenden Euphorie; Kritik äußert er abstrakt im Fazit, nicht im Detail.

Sehr passend zum bestaunten Thema die zeitgemäße Bildgestaltung des Films: Schon zum Einstieg galoppiert mittels Computertechnik symbolträchtig ein Einhorn über die Golden Gate Bridge, später auch über die spiegelnden Fassaden von San Franciscos Wolkenkratzern. Ein Beispiel für die heutigen (film)technischen Möglichkeiten. Aber auch interpretierbar als Ausdruck einer Faszination, die mit einer gehörigen Portion Ratlosigkeit einhergeht.

Die Reportage „Schöne neue Welt – Wie Silicon Valley unsere Zukunft bestimmt“ lief am Sonntagabend des 19. Juni ab 23.35 Uhr zwar sehr spät, aber im Anschluss an die publikumsträchtige Live-Berichterstattung des ZDF zur Fußball-Europameisterschaft in Frankreich. Das führte offensichtlich dazu, dass viele Zuschauer ‘hängenblieben’ und der Film mit 1,91 Mio Zuschauern und einem Marktanteil von 17,1 Prozent eine für einen Informationsbeitrag überdurchschnittlich hohe Einschaltquote hatte.

24.06.2016 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 8-9/2019

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