Tim Klimeš: Die YouTube-Story. 2-teilige Dokumentation (ZDFinfo/ZDF)

Materialreich und sehenswert

22.08.2015 •

Ja, es ist wirklich erst zehn Jahre her, dass drei junge Männer im kalifornischen Silicon Valley die Videoplattform YouTube ins Leben riefen und als erstes ein 18 Sekunden dauerndes Filmchen aus dem Zoo hochluden. Wenn es einem vorkommt, als sei der Startschuss weit früher gefallen, ist das lediglich ein Indiz dafür, wie rasant und in welchem Maß YouTube zum Teil der digitalen Alltagskultur geworden ist.

Da das Fernsehen sich thematisch um das Internet eher selten kümmert, darf man diesen aufwendigen, insgesamt 90 Minuten langen Dokumentationszweiteiler (Produktion: AVE) schon per se löblich finden; ausgestrahlt wurden die beiden Folgen im Spartenkanal ZDFinfo direkt hintereinander. Und mancher nicht mehr ganz junge Zuschauer dürfte gestaunt haben, dass YouTube schon längst nicht mehr in erster Linie durch Amateurvideos mit drolligen Haustieren oder süßen Babys von sich reden macht. Und wer sich bisher fragte, was in aller Welt Jugendliche meinen, wenn sie in Umfragen als Berufswunsch „YouTuber“ angeben, wird nach diesen beiden Beiträgen klarer gesehen haben.

Im ersten Teil mit dem Titel „Eine Videorevolution zwischen Katzen und Kinderstars“ zeichnete Filmemacher Tim Klimeš (bei AVE ‘Leiter TV und Digitale Projekte’) die Anfänge des Unternehmens YouTube nach, das nur 18 Monate nach seiner Gründung für 1,6 Mrd Dollar vom Suchmaschinen-Konzern Google gekauft wurde. Dabei kommen im Film vor allem Kreative unterschiedlichster Art zu Wort, die ihre Werke plötzlich weltweit der Öffentlichkeit zugänglich machen konnten. Doch bald macht der Autor deutlich, dass es mit der anarchischen Unbekümmertheit der ersten Jahre schnell vorbei war. Unter dem Stichwort „Professionalisierung“ listet er – unterstützt von Medienexperten – eine ganze Reihe von Entwicklungen auf, die dazu führten, dass YouTube heute in erster Linie ein profitorientiertes Unternehmen ist, mit dem vor allem viel Geld verdient wird. Teil der Maschinerie sind die sogenannten Multichannel-Networks wie etwa die deutsche Firma Mediakraft, die erfolgreiche YouTuber vertraglich an sich bindet und deren Auftritte im Netz professionell betreut. Mediakraft-Geschäftsführer Spartacus J. Olsson (kein Künstlername!) kam in der Dokumentation ebenso zu Wort wie Kritiker, die in diesem Geschäftsmodell einen Verrat an den ursprünglich YouTube-Idealen sehen.

Als weiteres Beispiel für die Kommerzialisierung führt der Film Robert Hofmann an, der sich einst auf YouTube als Filmkritiker einen Namen machte, heute aber zugleich in Zusammenarbeit mit Verleihern große Events zum Start von Hollywood-Filmen organisiert. Merkwürdig war an dieser Stelle indes, dass Tim Klimeš ihm hier nicht die Frage nach einer mehr als naheliegenden Interessenskollision zwischen Filmkritiker und Promoter stellte. Wie überhaupt sich der Autor an manchen Stellen mit Ausflüchten seiner Gesprächspartner zufriedengab. Beispielsweise auch hinsichtlich der Frage, wie viel sich denn als YouTuber eigentlich verdienen lässt. Da antwortete ein Firmenmanager der Plattform dann ausweichend („Das hängt davon ab“) und die Mitglieder des deutschen Comedy-Trios „Y-Titty“ (3,1 Mio Abonnenten) wollten lieber auch keine konkreten Summen nennen.

Ähnlich unentschlossen blieben Einblicke in die riesige Fan-Gemeinde der YouTuber mit Hilfe von Bildern der „Video Days“, die alljährlich in Berlin und Köln stattfinden. Kreischende Teenager, die stundenlang anstehen, um ihre Idole einmal offline zu treffen, sich ein Autogramm geben zu lassen und ein Selfie mit ihnen zu schießen. Doch auf die Frage, was genau diese Jugendlichen dazu treibt, Gleichaltrige derart zu verehren, die nach landläufigen Maßstäben auf der Plattform eher unspektakuläre Dinge aufführen, wurde hier nicht thematisiert.

Im zweiten Teil seiner „YouTube-Story“ demonstrierte der Autor unter der Überschrift „Milliardengeschäft zwischen Pop und Politik“ überzeugend, in welchem Maß Politik und Werbung sich des Mediums zu bedienen versuchen. Hier die Gegenüberstellung eines clever inszenierten YouTube-Interviews von US-Präsident Barack Obama mit dem hölzernen Gespräch, das der deutsche YouTube-Star LeFloid (mit immerhin 2,6 Mio Abonnenten) unlängst mit Bundeskanzlerin Angela Merkel führte (vgl. MK 15/15). Fazit: Da haben beide deutsche Seiten noch reichlich Lernbedarf.

Und auf der anderen Seite die werbetreibende Industrie, die sich massiv der Plattform bedient. Nicht nur über konventionell geschaltete Spots, sondern auch über jene YouTube-Stars, die gegen Bares bereitwillig Produkte in die Kamera halten oder in ihrer Naivität vielleicht gar nicht mal wissen, wie das Spiel eigentlich läuft. Erhellend war in diesem Zusammenhang die Sequenz mit der Berliner YouTuberin Michelle Burke, die im Netz Beauty-Tipps gibt und gerade vor laufender Kamera ein Paket unbekannter Herkunft auspackt: „Echt Wahnsinnn“, sagt sie über das Gratispaket, „ich weiß nicht, wer da jetzt mit wem gesprochen hat, dass ich das bekommen hab.“

Unter dem Strich war „Die YouTube-Story“ eine durchaus sehenswerte, materialreiche Dokumentation mit allerdings einigen Leerstellen. So fehlten etwa konkrete Wirtschaftszahlen zu dem Unternehmen und manche Streitpunkte wie etwa die wichtigen Fragen zum Urheberrecht, die Musik- und Filmproduzenten zu schaffen machen, wurden hier komplett ausgeblendet. Warum allerdings das ZDF in seinem Hauptprogramm am 12. August um Mitternacht lediglich den ersten Teil der Dokumentation sendete und eine Ausstrahlung des zweiten Teils dort auch nicht geplant ist, bleibt ein Mysterium der ZDF-Programmplanung.

Im Hauptprogramm hatte der erste Teil 370.000 Zuschauer (5,4 Prozent), bei ZDFinfo sahen ihn 140.000 (0,6 Prozent). Den zweiten Teil, der nur bei ZDFinfo lief, sahen 70.000 Zuschauer (0,3 Prozent). Am 16. September zeigt ZDFinfo beide (!) Folgen der „YouTube-Story“ ab 19.30 Uhr noch einmal.

22.08.2015 – Reinhard Lüke

Print-Ausgabe 20-21/2019

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