30 Jahre „Lindenstraße“ oder Der Tag, als Erich Schiller starb

Erich Schiller [im Treppenhaus, er stöhnt]: Ach, Andi, willst den Schrank jetzt schon aufbauen? Ich komm gleich. Was sagst du dazu? Die Bayern haben endlich mal verloren, 3:1!

Andi Zenker: Interessiert mich heute überhaupt nicht. Oh, Scheiße!

Erich Schiller: Soll ich dir helfen?

Andi Zenker: Nein, lass! Es geht schon.

Erich Schiller: Sag mal, Andi, hast du was?

Andi Zenker: Lass mich in Ruhe, Erich, ja. Ich hab kein’ Bock auf dein Jesus-Christus-Getue und deinen Fußball!

Erich Schiller: Wie, auf..? Bitte...bitte auf was?

Andi Zenker: Ja, deine „Ich-rette-die-Lindenstraße-­Aktion“ letzte Woche. Du allein weißt, was richtig ist. Alle anderen sind bescheuert, oder was?

Erich Schiller: Aber du und Gabi, ihr wollt doch genauso hierbleiben!

Andi Zenker: Trotzdem! Merkst du nicht, wie arrogant das ist?

[Schiller stöhnt, atmet schwer und fasst sich ans Herz.]

Dies ist ein Dialog aus der am 6. Dezember ausgestrahlten Folge 1559 der vom WDR produzierten ARD-Dauerserie „Lindenstraße“. Es war eine ganz besondere Folge, es war die Jubiläumsfolge zum 30-jährigen Bestehen der „Lindenstraße“ und sie wurde diesmal live gesendet. Es war ein gelungenes Experiment mit guten Ideen wie zum Schluss die Live-Überleitung zum „Weltspiegel“ in Dr. Dresslers Wohnung. Und im Rahmen der Live-Situation wurden insbesondere auch die Qualitäten des Schauspieler-Ensembles hier so richtig deutlich, das wie die ganze Sendereihe von vielen durchaus unterschätzt wird. Und was allein in der „Lindenstraße“ (Start war am 8. Dezember 1985) in einem fiktionalen Format so konsequent wie kontinuierlich an aktuellen gesellschaftlich relevanten Themen behandelt wird, davon könnte sich der Krimisender ZDF mal eine Scheibe abschneiden.

Am Ende von Folge 1559 stirbt Erich Schiller an einem Herzinfarkt. Überhaupt spielte das Sterben, dass Aufhören, das Ende in der Jubiläumsfolge eine Hauptrolle. Fast konnte man diese Folge als eine Allegorie auf die Diskussionen über Sein oder möglicherweise Nichtmehrsein der „Lindenstraße“ lesen, denn immer wieder waren zuletzt Gerüchte zu vernehmen, bei der ARD gebe es nach drei Jahrzehnten Gedanken, die Serie aus Quoten- und Kostengründen nun eventuell bald einzustellen. Muss die „Lindenstraße“ gerettet werden? Das Leben ist ein einziger Kampf. Helga Beimer sagte in einer Szene der Jubiläumsfolge zu ihrem Mann Erich Schiller kurz vor dessen Tod: „Manchmal denke ich, vielleicht sollten wir unsere Nerven nicht länger strapazieren und einfach aufgeben.“ Und sie sagte, als er in den Keller ging: „Aber zieh dir was an. Sonst holst du dir noch den Tod in der Kälte.“ Hoffen wir, dass die ARD weiß, was sie an der „Lindenstraße“ hat, dass die ARD nicht so geldquotenkaltherzig ist, die „Lindenstraße“ sterben zu lassen, und dass Hans W. Geißendörfer, dessen Tochter Hana inzwischen mit im Produktionsteam ist, die Nerven hat für weitere 30 Jahre „Lindenstraße“.

08.12.2015 – da/MK
„Hinter der Tür“ lautete der Titel der Jubiläumsfolge der „Lindenstraße“ und...
...hinter der Tür fand Helga Beimer ihren Ehemann Erich Schiller – tot Fotos: Screenshots

Print-Ausgabe 24/2018

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