Elena Kuch: Eine Quelle, 400 Journalisten – Panama Papers. Spezial von „Zapp – Das Medienmagazin“ (ARD/NDR)

Die Medienbranche feiert sich selbst

15.04.2016 • Die kurzfristig ins ARD-Programm gesetzte einstündige Reportage über die „Panama Papers“ ist Teil einer weltweiten Medienkampagne. Es geht um die ebenso weltweit agierende panamaische Anwaltskanzlei Mossack-Fonseca, deren spezielle Dienstleistung darin besteht, für ihre Kunden Briefkastenfirmen in Offshore-Ländern zu gründen, die es ihnen ermöglichen, ihr Geld anonym anzulegen. Dieser Vorgang an sich ist nicht strafbar, wie auch in dem Film mehrmals betont wurde; die Methode ist jedoch als mögliche Plattform für kriminelle Geldwäsche, Steuerhinterziehung und weitere skrupellose Geldgeschäfte in Verruf geraten.

An den Recherchen zu den „Panama Papers“ waren nicht nur mehr als 400 Journalisten aus über 70 Ländern beteiligt, sondern es gab auch eine Absprache über einen gemeinsamen Termin, den 3. April (Sonntag), an dem man – gleichzeitig und international – an die Öffentlichkeit gehen wollte. Dass dieses gemeinsame Vorhaben realisiert werden konnte, ist mindestens ebenso bemerkenswert, wie es die Resultate der Recherchen selbst sind. In Deutschland geschah die Erstveröffentlichung am 3. April über die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ), die sich dazu mit der ARD zusammengetan hatte, die an diesem Tag in der 20.00-Uhr-Hauptausgabe der „Tagesschau“ umfassend berichtete und das Thema in der Talkshow „Anne Will“ behandelte.

Am 4. April beschäftigte sich auch ein unmittelbar im Anschluss an die einstündige Reportage gesendetes 30-minütiges „Zapp-Spezial“ noch einmal ausdrücklich mit dem Rechercheprozess zu den „Panama Papers“. Das Medienmagazin des Norddeutschen Rundfunks, das normalerweise nur zur späten Stunde im Dritten Fernsehprogramm des NDR zu sehen ist, feierte die Recherche als Glanzleistung des investigativen Journalismus, indem es vor allem dem Internationalen Konsortium investigativer Journalisten (ICIJ) ein Denkmal setzte. Dieser weltweit vernetzte Journalistenverbund hatte die gemeinsame, über ein Jahr andauernde Recherche organisiert und durchgeführt, ohne dass vorab etwas davon an die Öffentlichkeit durchgedrungen war. Das ICIJ war 1997 vom Center für Public Integrity (CPI), einer von dem amerikanischen Journalisten Charles Lewis im Jahr 1989 in Washington gegründeten gemeinnützigen Institution, ins Leben gerufen worden.

Initiiert worden ist dieses Rechercheprojekt von der „Süddeutschen Zeitung“, der als erste die Daten von einem bis heute unbekannten Whistleblower mit dem Decknamen John Doe angeboten und dann zugespielt wurde. Weil das von ihm gelieferte rund 11 Millionen Dokumente umfassende Datenkonvolut für die Tageszeitung zu umfangreich gewesen sei, um es allein auszuwerten, hatte das Blatt eine größere Plattform für die notwendige Recherche gesucht und sie beim ICIJ gefunden. So veranstaltete die SZ in Verbindung mit dem ICIJ im September 2015 in München eine internationale Recherche-Konferenz, über die jetzt sowohl in der Reportage, die die ARD im Rahmen ihrer Reihe „Die Story im Ersten“ ausstrahlte, wie auch bei „Zapp“ berichtet wurde.

Auf was aber weder die eine noch die andere Sendung einging, war die eigentlich naheliegende Frage, unter welchen Bedingungen der Informant sein Material geliefert haben könnte. War es wirklich nur das angegebene hehre Motiv, nämlich mutmaßliche kriminelle Machenschaften aufdecken zu wollen, das ihn angetrieben hatte? Oder hat er sich für den Verkauf dieser – vermutlich unrechtmäßig – erworbenen Datenmenge auch bezahlen lassen und wie hoch ist der Betrag dann gegebenenfalls gewesen?

Dass dieser Aspekt überhaupt keine Berücksichtigung fand, nährt den Verdacht, dass da sehr wohl Geld geflossen sein dürfte, denn alles andere wäre als eine weitere Sensation sicherlich nicht unerwähnt geblieben. Gerade von einem Medienmagazin wie „Zapp“ hätte man erwarten können, dass eine solche Sendung diese journalistische Mammutrecherche auch einmal (selbst)kritisch hinterfragt. Stattdessen beließ es auch das „Zapp-Spezial“ in seiner Schilderung weitgehend bei der Wiederholung der Vorgänge, die zuvor schon die Reportage aufgelistet hatte, so dass man an diesem Abend vieles zum zweiten Mal sah. Überhaupt bleibt bei dieser konzertierten Medienaktion ein Unbehagen, weil sich die Branche hier auch derart überschwänglich selbst feiert. In Deutschland ist es der schon seit längerem bestehende, vom ehemaligen „Spiegel“-Chefredakteur Georg Mascolo geleitete Rechercheverbund von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“, der die Offshore-Geschäfte publik gemacht hat.

Dabei werden bei einer weltweiten abgesprochenen Medienkampagne wie dieser auch diejenigen, deren Machenschaften angeprangert werden, ebenso global vorgeführt. Am schlimmsten scheint es da den Ministerpräsidenten von Island erwischt zu haben, dessen über eine Briefkastenfirma seiner Ehefrau getätigten Geldgeschäfte – zumindest in den deutschsprachigen Medien – in den ersten Tagen mit am häufigsten von allen anderen Fällen erwähnt werden. Sein Fall stehe für „zwölf amtierende oder ehemalige Staatschefs“, hieß es, zu denen die Journalisten Bezüge zu solchen Briekastenfirmen herstellen konnten. So kam der isländische Ministerpräsident in der ARD-Reportage denn auch an sehr prominenter Stelle vor.

Ansonsten bemühte sich die Reportage deutlich darum, auch einen deutschen Bezug herzustellen. Der erfolgte durch Christoph Lütgert (NDR), der als der agierende Reporter durch diesen Beitrag führte. Lütgert startet vor einer Lidl-Filiale in Hannover, wo er Passanten um eine Meinungsäußerung zu der Tatsache bittet, dass dieses Geschäft einer Briefkastenfirma in der Karibik gehört. Auch der Umstand, dass der Gründer der angeprangerten Kanzlei, Jürgen Mossack, der als „Dienstleister ohne Gewissen“ apostrophiert wird, gebürtiger Deutscher ist, ist dem Film merklich wichtig. Der heute 68-jährige Mossack war Anfang der 1960er Jahre mit seinen Eltern nach Panama ausgewandert.

Dann fährt Lütgert nach Wilhelmshaven, dem ehemaligen Standort des einst führenden Schreibmaschinenherstellers Olympia. Eigentümerin des längst nicht mehr existierenden Unternehmens ist heute eine Briefkastenfirma auf den britischen Virgin Islands. Trotz einer anderslautenden Gerichtsentscheidung zahlt sie keine Betriebsrenten an ehemalige Olympia-Mitarbeiter, weil dieses Urteil in dem Inselstaat nicht vollstreckt werden kann. Nun sind die Virgin Islands nicht Panama, also das Land, um das es ja eigentlich in dieser Reportage gehen sollte, aber auch sie zählen zu den Offshore-Ländern. Ebenso wenig wird klar, ob in diesem Fall überhaupt die Kanzlei Mossack involviert gewesen ist.

Dass es auch noch andere Kanzleien gibt, die diese Dienstleistungen anbieten, macht Lütgert allerdings deutlich, indem er aus journalistischer Neugier selbst Kontakt zu einer solchen, ebenfalls in Panama-Stadt beheimateten Kanzlei aufnimmt und mit deren Hilfe eine eigene Briefkastenfirma gründet. Der NDR-Reporter leistet sich das Schauspiel, mit gespielter Naivität diese von ihm erworbene Firma vor Ort aufzusuchen. Es handelt sich bei der angegebenen Adresse – erwartungsgemäß – in Wirklichkeit um eine weitgehend leerstehende Büroetage in einem Hochhaus in Panama-Stadt. Dieser Aktion zuzusehen, ist zwar recht unterhaltsam, bringt aber für die Sache an sich nichts an Information. Lütgert ist aber nicht nur dafür nach Panama gereist, sondern er versucht auch – vergeblich – mit Jürgen Mossack selbst Kontakt vor Ort aufzunehmen. Mit diesem Vorgehen ist er auch Teil einer weltweit geplanten, ziemlich spektakulären Aktion, zu der sich viele Journalisten gleichzeitig vor den Toren der Kanzlei Mossack-Fonseca versammelt haben. Ihr Auftreten abzufilmen, gleicht wiederum eher einer medialen Show, als dass etwas inhaltlich Neues übermittelt würde.

Wichtiger sind da schon die in der Reportage berichteten Recherche-Ergebnisse etwa über die Geschäfte des israelischen Diamantenhändlers Ben Steinmetz, der in seinem Heimatland als Wohltäter auftritt, sein Geld aber mit dubiosen Geschäften um Abbaurechte für Bodenschätze in Guinea verdient, bei denen das arme afrikanische Land weitgehend leerausging. Einen weiteren Schwerpunkt der Reportage bildete die Verwicklung von Personen rund um den russischen Präsidenten Wladimir Putin in die Affäre um die „Panama Papers“. Sein Name fällt immer wieder und sein Konterfei ist immer wieder zu sehen, obwohl ihm eine persönliche Verwicklung in Offshore-Geschäfte nicht nachgewiesen werden kann.

Inzwischen ist im Zusammenhang mit den „Panama Papers“ auch der britische Premierminister David Cameron in den Fokus geraten. Und es dürfte feststehen, dass weitere Enthüllungen noch folgen werden. Die Rechercheure scheinen ihr Pulver nicht auf einmal verschießen zu wollen, sie wollen vielmehr ihre konzertierte Medienaktion, die sie einem John Doe zu verdanken haben und die ihnen nun großes Aufsehen verschafft, ganz im Sinne einer Inszenierungs- und Marketing-Strategie so lange wie möglich am Laufen halten. (Die ARD-Reportage zu den „Panama Papers“ hatte 1,56 Mio Zuschauer und einen Marktanteil von 12,4 Prozent; das „Zapp-Spezial“ sahen 990.000 Zuschauer bei einem Marktanteil von 11,7 Prozent.)

15.04.2016 – Brigitte Knott-Wolf/MK
Gerade von einem Medienmagazin wie „Zapp“ hätte man erwarten können, dass es diese journalistische Mammutrecherche auch einmal (selbst)kritisch hinterfragt – doch hier blieb eine Leerstelle
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