#FasseDichKurz

Zehn Jahre Twitter: Digitale Beschleunigung und die Zuverlässigkeit von Informationen

Von Manfred Riepe
06.04.2016 •

06.04.2016 • „Wenn ich ein Vöglein wär’ und auch zwei Flügel hätt’, flög’ ich zu dir.“ Dieses Liebesgeflüster aus der Feder von Johann Gottfried Herder ist digitale Wirklichkeit geworden. Nachrichten sind kleine blaue Vögelchen, die allerdings ohne Flügel „zu dir“ fliegen. Denn auf der Benutzeroberfläche von Twitter wird der Teilnehmer, wie der Kunde bei Ikea, formlos mit „Du“ angesprochen. Vor zehn Jahren, am 21. März 2006, nahm der Kurznachrichtendienst seinen Betrieb auf. Angesichts dieses Jubiläums zeigte der Spartenkanal ZDFinfo nun am 21. März, also auf den Tag genau zehn Jahre nach dem Start des Dienstes, um 10.05 Uhr die Dokumentation „Twitter – Revolution in 140 Zeichen?“. In dem 45-minütigen Film rekapitulierte Autor Tim Klimeš die rasante Geschichte des neuen Mediums. Er schaute in seiner Dokumentation hinter die virtuellen Kulissen des 140-Zeichen-Dienstes und warf dabei Fragen auf, die weit über das Spezialthema Twitter hinausreichen.

Der Beitrag „Twitter – Revolution in 140 Zeichen?“ veranschaulicht die informationstechnischen Möglichkeiten sozialer Netzwerke, zeigt aber auch die durch sie bewirkte Erosion journalistischer Qualität auf. Neu ist diese Problematik keineswegs. Doch im Gegensatz zu meist nur pauschal angestimmten Klagen über eine Verrohung der Kommunikationskultur macht der Film von Tim Klimeš nachvollziehbar, inwiefern die Logik der Berichterstattung von technischen Faktoren und Netzstrukturen möglicherweise immer mehr korrumpiert wird.

Sehenswerte Dokumentation auf ZDFinfo

Der mit dem Grimme Online Award ausgezeichnete Autor hat schon mit seiner zweiteiligen Dokumentation „Die YouTube-Story“ überzeugt, die ebenfalls eine Produktion für ZDFinfo war (vgl. MK-Kritik). Tim Klimeš ist ‘Leiter TV und Digitale Projekte’ bei der Berliner Produktionsfirma AVE (Holtzbrinck), die unter anderem mit Christian Schiffers Film „Killerspiele! Der Streit beginnt“ eine sehenswerte Dokumentation über die sogenannten Ego-Shooter und die Gewaltdebatte produzierte (ausgestrahlt am 6. Februar um 21.00 Uhr ebenfalls bei ZDFinfo; vorgesehen ist, dass die Dokumentation noch mit zwei Teilen fortgesetzt wird).

In dem ebenfalls sehenswerten Film über Twitter zeichnet Klimeš die Entstehungsgeschichte des US-amerikanischen Kurznachrichtendienstes aus der Perspektive seines Mitbegründers Dom Sagolla nach, der vom späteren Twitter-Chef Jack Dorsey gefeuert wurde, noch bevor es richtig losging. Dorsey und das Kollektiv von Odeo, einer kleinen Start-up-Firma in San Francisco, wollten eigentlich einen Audio-Podcast entwickeln, mussten dieses Konzept jedoch rasch beerdigen – Apple kam ihnen hier mit der Realisierung einer solchen Idee zuvor. Das Odeo-Team ließ sich aber nicht entmutigen. Weil Audio-Nachrichten etwa dann, wenn man in einer lärmenden Disco ist, ohnehin ungeeignet zur Verständigung sind und Dorsey zuvor in einer Notrufzentrale gearbeitet hatte, entstand die vage Idee, so erzählt es Sagolla, über einen Dienst für kurze Textnachrichten Hilferufe zu kommunizieren. Der mediale Rückschritt auf das bewährte System der Schrift brachte den überraschenden Durchbruch. Twitter war geboren, fast.

Vor der Kamera erinnert sich Robert Scoble, ein bekannter IT-Blogger, wie er 2007 in Austin (Texas) auf einer Veranstaltung für Techno-Nerds in einer langen Schlange anstehen musste und aus Langeweile einen Tweet absetzte, in dem er fragte, wo man in der Nähe wohl einen trinken könne. Spontan fanden sich daraufhin zweihundert Leute in einer Kneipe zusammen, woraufhin Computerspezialisten rasch die Möglichkeiten des 140-Zeichen-Dienstes bewusst wurde. Fasse dich kurz – dann nehmen dich viele Menschen wahr. Twitter ist eine SMS, aber eine, die an einem virtuellen schwarzen Brett für alle sichtbar ist. Das Problem ist nur: Wer sind „alle“?

In seinem Film, der sich eng an Twitter an dessen Entwicklung abarbeitet, kann Tim Klimeš diese Frage nicht in ihrer ganzen Breite auffächern. Beim Zusehen erweckt Robert Scobles Erzählung von der Twitter-Initiation aber sofort die Assoziation an das einstmalige Phänomen der unfreiwilligen Facebook-Party. Ein junges Mädchen mit einem reizvollen Fotoprofil will mit Freunden Geburtstag feiern, klickt aber beim Verschicken der Einladungen arglos auf den Button „an alle“. Kurze Zeit später randalieren gleich tausend alkoholisierte Teenager im Vorgarten des Hauses Wohnung. Der Rest ist bekannt.

„Das ist ein Flugzeug im Hudson River“

Im Gegensatz zu solchen Flashmobs, bei denen das soziale Netzwerk konkret asozialen Effekten Vorschob leistete, bildeten sich durch Twitter eher virtuelle Zusammenkünfte, es werden im Idealfall sinnvolle Diskurse angeschoben. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde dieses Medienphänomen erstmals, so schildert es der Film, als im Oktober 2007 in Kalifornien 250.000 Menschen vor einem gigantischen Waldbrand flohen und ihre Positionen über Kurznachrichten aktualisierten, was sehr zur Rettung half. Twitters Sternsunde folgte dann im Januar 2009, als ein Nobody namens Janis Krums nach typischen Sinnlos-Tweets („Fahre nach New York hinein, während Schnee fällt und alles verlangsamt“) plötzlich zusammen mit einem Bild die Notwasserung eines Airbus meldete, dessen Triebwerke nach doppeltem Vogelschlag beide ausgefallen waren: „Da ist ein Flugzeug im Hudson River. Bin auf der Fähre, die versucht, die Leute aufzusammeln. Verrückt.“ Dieser Tweets machte Krums – frei nach Andy Warhol – für kurze Zeit weltberühmt. Der Tweet von Janis Krums (im Original natürlich in englischer Sprache) gilt seither als Geburtsstunde des Bürgerjournalismus.

Tim Klimeš ist gewiss nicht der erste, der diese nachrichtentechnische Mobilisierung des Bürgers nachzeichnet. Sehenswert ist sein Filmbeitrag jedoch, weil er auch problematische Aspekte dieser Entwicklung transparent macht. Im informativen Gespräch mit Michael Slaby, verantwortlich für die digitale Ausrichtung von Barack Obamas Präsidentschaftskampagne 2008, wird deutlich, dass der berühmte Slogan „Yes we can!“, in dem die Vision des ersten schwarzen US-Präsidenten poetisch verdichtet wird, zu einem nicht unwesentlichen Teil auf die mediale Verwertungslogik des Kurznachrichtendienstes Twitter zurückgeht. Yes we tweet, wenn man so will.

Von der Obama-Kampagne, dem „ersten Social-Media-Wahlkampf“ überhaupt, wie es heißt, schlägt der Film zwei interessante Bögen. Zum einen trug Twitter im Frühjahr 2009 maßgeblich dazu bei, dass während der „grünen Revolution“ im Iran ungefilterte Informationen an die Öffentlichkeit gelangen konnten. Während die getwitterten Kurznachrichten hier tatsächlich Politik mitgestalten, ist hingegen das Beispiel der deutschen Piratenpartei ernüchternd. Dank ihrer Fixierung auf das Netz wurde die kurzfristig erfolgreiche Partei zum Sinnbild des totalen Gezwitschers. Laut den Worten des Ex-Piraten Christopher Lauer sind Tweets „die Kalorien für eine mediale Fressmaschine“. Es gebe „nicht einmal einen Kontext, aus dem sie gerissen werden könnten, denn sie hatten nie einen“. Obwohl er das Thema des Aufstiegs und schnellen Abstiegs der Piraten nur anreißt, macht Tim Klimeš in seinem Film indirekt deutlich, dass Lauers Absage an Twitter wohl eher als Kommentar zum fehlenden politischen Konzept dieser Partei zu verstehen ist. Mit dem sang- und klanglosen Untergang der Piraten wurde nämlich auch die Idee entzaubert, das Internet als solches könne die Politik revolutionieren.

Die Polemik, Tweets hätten „nie einen Kontext“, verfehlt zudem das Potenzial der Kurznachrichten. So wurde beispielsweise vor wenigen Wochen, nachdem ein Bundestagsabgeordneter der Grünen überraschend wegen Drogenbesitzes erwischt worden war, bei Twitter unter dem Hashtag #BreakingBeck die ironische Querverbindung zwischen Volker Beck und der US-Fernsehserie „Breaking Bad“ gezogen, die von einem Crystal-Meth-Kocher handelt. In der Kürze liegt die Würze: Tweets können ausgesprochen poetisch sein. Sie können aber auch, wie etwa bei der letzten Oscar-Verleihung, eine lawinenartige Debatte lostreten. Mit dem Tweet #OscarsSoWhite brachte die afroamerikanische Aktivistin April Reign ihren Unmut über die Bevorzugung weißer Künstler bei der Vergabe der Auszeichnungen zum Ausdruck und löste dadurch eine überfällige Diskussion aus. Die Entlarvung des Rassismus in der Hollywood-Filmindustrie führte gewissermaßen zu einem verhaltenen Boykott der diesjährigen Oscar-Fernsehübertragung in den USA: Mit 34,4 Millionen schalteten deutlich weniger Zuschauer ein als in den Jahren zuvor, in denen über 40 Millionen zugesehen hatten.

Im Fokus des Boulevardjournalismus

Twitter kann aber auch, wie etwa bei den Anschlägen im Jahr 2013 auf den Boston-Marathon, gleichsam als Brandbeschleuniger dienen. Dank getwitterter Steckbriefe verschwamm hier die Grenze zwischen Polizeiarbeit und digitalen Amateurermittlungen. Zahlreiche Unschuldige wurden verdächtigt, die nur zur falschen Zeit am falschen Ort waren und den falschen Rucksack trugen. „Boston“, so die Schlussfolgerung im Film, „wird zum Präzedenzfall. Von nun an kommt keine Tragödie ohne die mal mehr, mal weniger authentischen Social-Media-Quellen aus.“

Die Stärken des Kurznachrichtendienstes, seine Spontaneität und seine Unkontrollierbarkeit, rücken Twitter mehr und mehr in den Fokus insbesondere des Boulevardjournalismus. Dieses Thema schneidet Klimeš in einem aufschlussreichen Interview mit Kai Diekmann an. Bei den Anschlägen im vorigen Jahr in Paris, so der Herausgeber der „Bild“-Gruppe, hätten Bilddokumente schneller über Social Media zur Verfügung gestanden als über professionelle Nachrichtenagenturen. Deshalb stellt Diekmann die ernst gemeinte Frage, ob Twitter „in Echtzeit – mit dem richtig eingestellten News-Feed – inzwischen nicht möglicherweise besser ist als dpa“.

Die Frage, was Diekmann unter „besser als dpa“ versteht, hat Klimeš seinem Interviewpartner zwar nicht direkt gestellt. Aus dem Kontext seines Films ist jedoch zu erschließen, dass der Boulevardjournalismus die Verifizierung von Nachrichten aus Social-Media-Quellen als nachrangiges Problem einschätzt. Dem Boulevard kommt es auf jene unvorhersehbaren emotionalen Effekte an, die durch die Echtzeitvermittlung angetriggert werden. Um solche Effekte zu fördern, kam Diekmann, damals noch „Bild“-Chefredakteur, „schon Anfang 2008 auf die Idee“, wie er selbst über sich sagt, „weite Teile der Bevölkerung mit Kameras auszustatten, um von deren Videoschnipseln zu profitieren“. Das ist inzwischen gar nicht mehr nötig, diese Vision ist längst von der Wirklichkeit überholt worden: „Mit unseren Smartphones“, so Klimeš, „haben wir alle kleine Fernsehsender in der Tasche. Die stete Präsenz von Kameras verändert unsere Gesellschaft, macht uns zu ständig Beobachteten.“

Strukturwandel der digitalen Öffentlichkeit

Denkt man Diekmanns Phantasie zu Ende, dann sind die Beobachteten gleichzeitig auch die Beobachter. Der durch Twitter und andere Social-Media-Plattformen offenbar noch mehr zu sich selbst kommende Boulevardjournalismus spiegelt den Menschen ein Vexierbild aus Tragödien, Sensationen, Triebreizen und skurrilen Banalitäten wider. In einer Rückkopplung aus getwitterten Sensationen und dem dadurch immer mehr angestachelten medialen Voyeurismus fungieren Boulevardmedien als Teilchenbeschleuniger. Als Nebeneffekt dieser völligen digitalen Entfesselung stellen sich möglicherweise jene psychischen Gesundheitsschäden ein, über die in der vergangenen Dekade mehr und mehr diskutiert wurde. So zieht beispielsweise Byung-Chul Han, ein in Deutschland lebender koreanischer Philosoph, eine Parallele zwischen der Zunahme von Depression, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS), Borderline und Burnout und der Zunahme des medialen Traffics. Die totale Kommunikation leistet seiner Ansicht nach dem Symptom einer „Müdigkeitsgesellschaft“ Vorschub.

Den gefühlten Untergang des Abendlandes werden wir wohl nicht in Echtzeit beobachten können. Denn die beschleunigte Halbwertzeit, die bei allen neuen Medien zu beobachten ist, zeigt sich auch bei dem 140-Zeichen-Dienst. Seine Mitgliederzahlen stagnieren, Facebook und Instagram haben dem einstigen Liebling der Social-Media-Szene den Rang abgelaufen, derzeit ist Snapchat besonders in. Seit dem Börsengang im November 2013 hat die Twitter-Aktie dramatisch an Wert eingebüßt, in den Wirtschaftsteilen der Medien wird schon spekuliert wird, wie lange es den Kurznachrichtendienst noch gibt, wenn er weiterhin rote Zahlen schreibt.

Zu den Rettungsmaßnahmen zählt das neue Feature „Moments“, das seit Anfang 2015 Tweets zu Nachrichtenthemen bündelt und bald auch in Deutschland angeboten werden soll. In einem Webmagazin war hierzu der interessante Satz zu lesen: „Das Besondere an ‘Moments’ ist, dass die Kuration der News durch Menschen passiert.“ Da Twitter seinen Umsatz mit Werbung erzielt, werden Nachrichten von diesen Menschen womöglich nicht nur nach Relevanz ausgewählt. Unternehmen zahlen dafür, dass Twitter-Nutzer mit „gesponserten Tweets“ („promoted tweets“) auf ihre Produkte hingewiesen werden. Zu Recht weist Klimeš also darauf hin, dass bei diesem Projekt „die Grenzen zwischen Werbung und redaktionellen Inhalten verschwimmen“ – Verkaufswerte entscheiden über Inhalte.

Das Dilemma der stilistischen Angleichung

Diese kritische Anmerkung rundet den glänzend recherchierten Film ab. Dank interessanter Interviewpartner und immer wieder eingeblendeter Hashtags wird das Thema auf Augenhöhe mit dem Twitter-Phänomen abgehandelt. Die Dokumentation macht die Vor- und Nachteile des Kurznachrichtendienstes anschaulich und stößt Reflexionen über den Strukturwandel der digitalen Öffentlichkeit an. Die Film „Twitter – Revolution in 140 Zeichen?“ wirft allerdings auch Fragen auf. Etwa, warum ein solch interessanter Beitrag nicht im ZDF-Hauptprogramm und das zu einer guten Sendezeit zu sehen ist. Im Randkanal ZDFinfo wird diese hintergründige Dokumentation jedenfalls nur eine vergleichsweise geringe Zuschauerzahl erreicht haben, auch wenn der Film dort noch zweimal wiederholt wurde.

Nicht unproblematisch erscheint zudem die auch auf ZDFinfo übliche Formatierung der Dokumentationen. So ist der Film von Tim Klimeš mit einem monotonen Musikbrei unterlegt. Und wenn es – wie bei der Thematisierung des Waldbrandes in Kalifornien – ernst wird, dann schwellen Geigenklänge an. Bei einem ambitionierten Beitrag, der die Erosion von Inhalten durch vorgegebene Raster medialer Formen glaubhaft hinterfragt, wirkt diese stilistische Angleichung an den durchschnittlichen Doku-Brei (nicht nur) auf ZDFinfo wie ein performativer Widerspruch. Ist der Film „Twitter – Revolution in 140 Zeichen?“ letztlich ein gefühlter Tweet? Nein, das ist er nicht. Eine solche Polemik wäre auch ungerecht, sie bringt aber das Dilemma zum Ausdruck.

06.04.2016/MK