Frankreich: Der neue öffentlich-rechtliche Nachrichtenkanal Franceinfo

19.09.2016 •

19.09.2016 • Am Abend des 1. September startete mit Franceinfo erstmals ein Fernsehnachrichtenkanal des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Frankreich. Dabei handelt es sich um das erste Gemeinschaftsprojekt des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Land seit der Aufspaltung des Einheitsrundfunks im Jahr 1974, der bis dahin unter dem Dach des Office de Radiodiffusion Télévision Française (ORTF) sendete.

Franceinfo wird gemeinsam von den öffentlich-rechtlichen Veranstaltern France Télévisions, Radio France, France Médias Monde (Auslandsrundfunk) und dem Institut National de l’Audiovisuel (INA) getragen, dem französischen Archiv für Rundfunk, das ebenfalls als öffentlich-rechtliche Einrichtung organisiert ist. Das Programm des Informationskanals wird rund um die Uhr über das digital-terrestrische Antennenfernsehen (DVB-T), über Kabel, Satellit und das Internet verbreitet. Franceinfo bietet unter anderem alle 30 Minuten eine Nachrichtensendung („Le Journal“) und alle zehn Minuten Nachrichtenschlagzeilen („L’Info“).

Unterstützung durch die Regierungspartei

Das Projekt Franceinfo gehörte 2015 zu den Vorschlägen von Delphine Ernotte bei ihrer erfolgreichen Kandidatur für das Amt der Intendantin von France Télévisions. Das ist die öffentlich-rechtliche Fernsehholding in Frankreich. Franceinfo aufzubauen, fand die Unterstützung der führenden Politiker der derzeitigen Regierungspartei Parti Socialiste (PS), das heißt, Staatspräsident François Hollande und Ministerpräsident Manuel Valls befürworteten die Initiative. Auch der nationale Rundfunkrat Conseil Supérieur de l’Audivisuel (CSA) billigte das Projekt.

Der Plan, einen öffentlich-rechtlichen TV-Nachrichtenkanal zu starten, war bereits Anfang 2002 vom damaligen France-Télévisions-Intendanten Marc Tessier angegangen worden. Tessier hatte den Auftrag dazu vom seinerzeitigen Premierminister Lionel Jospin (PS) erhalten. Doch dann scheiterte Jospin im April 2002, als er französischer Staatspräsident werden wollte, und zog sich anschließend aus der Politik zurück. Unter dem wiedergewählten konservativen Staatspräsidenten Jacques Chirac wurde das Projekt TV-Nachrichtenkanal dann zu den Akten gelegt.

Chirac setzte stattdessen 2005 auf ein neues französisches Informationsfernsehen für das Ausland, France 24, und beim Start des digitalen Antennenfernsehens DVB-T (französische Abkürzung: TNT) im gleichen Jahr auf bereits existierende kommerzielle Nachrichtenkanäle. Das waren die Sender LCI von der TF-1-Gruppe (Bouygues) und i-Télé, der zum Pay-TV-Unternehmen Canal plus (Vivendi) gehört. Dazu kam damals als neuer Anbieter noch der private Informationskanal BFM-TV des Unternehmers Alain Weill. Dieser Sender ist heute der meistgenutzte Informationskanal in Frankreich. Im Jahr 2015 erreichte BFM-TV einen Marktanteil von 2,2 Prozent.

Konkurrenz für die Privatsender

Bei Franceinfo arbeiten über 200 feste Mitarbeiter. Hinzu kommen noch rund 3000 Journalisten, die für Franceinfo bei France Télévisions, Radio France und dem von France Médias Monde veranstalteten Auslandssender France 24 tätig sind. Das Budget von Franceinfo beläuft sich Medienberichten zufolge im Jahr 2016 auf rund 50 Mio. Euro. Franceinfo mit seinem TV-Programm als Aushängeschild ist insgesamt ein trimediales Projekt, außer fürs Fernsehen auch fürs Radio und den Online-Bereich. So gehört jetzt auch der bereits 1987 gegründete Hörfunknachrichtensender France Info von Radio France zum neuen Franceinfo. Die Fusion der bisherigen Websites von France Info und France Télévisions erfolgte am 24. August. Der Internet-Start von Franceinfo fand am 31. August als Vorpremiere für den Start des Fernsehkanals statt.

Franceinfo soll nun den privaten Sendern BFM-TV, LCI und i-Télé Konkurrenz machen. Deren Berichterstattung wurde zuletzt bei den Terrorattentaten von Paris und Nizza von der Öffentlichkeit vielfach als zu sensationsorientiert kritisiert. Außerdem will der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit Franceinfo durch Angebote für Online- und Handy-Nutzer auch verstärkt jüngere Franzosen zurückgewinnen. Wie in Deutschland ist auch in Frankreich das Durchschnittsalter für die Angebote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks relativ hoch.

Staatspräsident François Hollande und die französische Regierung erhoffen sich zudem auch eine objektivere Berichterstattung von Franceinfo im Vergleich zu den kommerziellen Nachrichtenkanälen. Diese üben mitunter scharfe Kritik an der sozialistischen Regierung und stehen allgemein der konservativen Opposition wohlwollender gegenüber. 2017 ist ein entscheidendes Wahljahr in Frankreich. Am 23. April und 7. Mai nächsten Jahres wird in zwei Wahlgängen ein neuer Staatspräsident gewählt und im Juni 2017 finden Parlamentswahlen statt.

19.09.2016 – me/MK

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