Der Menschendompteur Donald Trump

Das zweite TV-Duell zeigte, warum er US-Präsidentschaftskandidat werden konnte

Von Dietrich Leder
12.10.2016 •

Wer in der Nacht von Sonntag auf Montag (9./10. Oktober) live oder danach über die Mediathek das zweite hierzulande vom ZDF übertragene TV-Duell zwischen den beiden US-amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Hillary Clinton und Donald Trump mindestens bis zur Hälfte gesehen hat, dürfte endlich eines verstanden haben: Donald Trump schaffte es zum Kandidaten der Republikaner nur deshalb, weil er im US-Fernsehen eine erfolgreiche Show moderiert hat.

In dieser Show mit dem Titel „The Apprentice“ (NBC) bewarben sich Männer und Frauen um einen gut dotierten Ein-Jahres-Vertrag in einem Trump-Unternehmen. Das ganze war eine Art Rat Race um einen Arbeitsplatz, der das Survival of the Fittest als gleichsam einziges Prinzip der US-Gesellschaft feierte. Hier war Donald Trump, der als Bauunternehmer nicht nur Erfolge erzielte, auf die er nun permanent hinweist, sondern der auch so manche Riesenpleite verantwortete, in seinem Element. Und hier fand er zu der Rolle eines Menschendompteurs, der in seinen schwadronierenden Reden immer wieder Anfeuerungsvokabeln, Superlative und Befehle zu einem unentwirrbaren Mix zusammenfügte.

Anfeuerungsvokabeln, Superlative und Befehle verbindet strukturell ihre Appellfunktion. Wer sie ausgibt, suggeriert, das Heft des Handelns in der Hand zu halten. Wer auf die hört und ihnen zustimmt, unterwirft sich dem, der sie ausspricht. Damit wird das Prinzip von Befehl und Gehorsam, wie es das Militär bis zur Besinnungslosigkeit der Untergebenen kennt, auf das Berufsleben übertragen. Nun will Trump dies auf die amerikanische Politik transferieren. Und zwar konsequent an der Verfassung vorbei, wenn er beispielsweise droht, dass er, wäre er Präsident, einen Sonderstaatsanwalt auf seine derzeitige Konkurrentin um das Amt ansetzen werde, der dafür sorgen solle, dass sie ins Gefängnis komme. Die Gewaltenteilung existiert für ihn nicht, denn seinen Befehlen, so wirr sie oft auch sein mögen, hat man zu gehorchen. Höhepunkt von „The Apprentice“ war stets, wenn Trump einen Kandidaten mit den Worten „You’re fired“ aus der Show warf. Genau das versucht er nun auf Hillary Clinton anzuwenden.

Eine Geste der Dominanz
und der Einschüchterung

Noch ein zweites Prinzip aus seiner Reality-Show hat Donald Trump für das TV-Duell übernommen: Es kommt nicht darauf an, was der Moderator sagt, es muss nur beim Publikum ankommen. In diesem zweiten Duell häufte Trump so permanent Widersprüche übereinander: „Niemand hat größeren Respekt vor Frauen wie ich“ behauptete er als Entgegnung auf jenes Video aus dem Jahr 2005, das kurz vor dem Duell veröffentlicht worden war und in dem er Frauen als jederzeit zu traktierende Sexobjekte dargestellt hatte. Mit den Worten „Ich hasse es, das zu sagen“ leitete er eine weitere – natürlich lustgesteuerte – Attacke auf seine Konkurrentin ein. Er, der permanent daherschwätzt und so mühelos und ohne Anschluss vom Gespräch über das Video, mit dem er sich selbst diskreditierte, zur Gewalt der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) wechseln kann, behauptete gegenüber Clinton stets, dass all das, was sie sage, „doch nur Worte“ seien.

Schließlich übernahm Trump aus den Reality-Shows noch die Masche, den Raum vor den Kameras zu beherrschen. Anders als beim (hierzulande im Ersten Programm der ARD live zu sehenden) ersten TV-Duell, bei dem ein Journalist die Fragen stellte, kamen diese bei der zweiten Veranstaltung, die die Form eines „Townhall Meetings“ hatte, von Zuschauern im Studio, die im Kreis um die Kandidaten saßen. Vor ihnen lief Trump nun auf und ab, vor allem, wenn seine Konkurrentin sprach. Es war eine Dominanz- und Einschüchterungsgeste, so wie er mit seiner Mimik stets Missfallen bei den Worten von Clinton ausdrückte. In Audience-Participation-Shows agierten einst die Moderatoren so, die auf diese Weise dem Publikum einheizten, bis das Gespräch in einem mittleren Krawall endete. Dass es hier nicht soweit kam, lag an den Regeln und den beiden Moderatoren, die auf deren Einhaltung achteten. Das verdross Trump so sehr, dass er sich mit den Moderatoren fast ebenso oft anlegte wie mit Clinton.

Als einst der Schauspieler Ronald Reagan vom Filmbusiness in die Politik wechselte und dann 1981 US-Präsident wurde (er blieb es bis 1989), hatte das Filmbusiness längst seine Dominanz verloren. Dass es mit Donald Trump nun der Moderator einer Fernsehshow Reagan nachmachen will, deutet an, dass nun das Fernsehen seine Bedeutung als Leitmedium verloren hat.

12.10.2016/MK

Print-Ausgabe 20-21/2019

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